9. Die Scheinheiligen

Am 21. August 1968 – Truppen des Warschauer Paktes marschieren in die CSSR, um den „Prager Frühling“, der die Hoffnungen von Millionen Menschen in Europa und darüberhinaus verkörperte, brutal niederzuschlagen. Für Jüngere: Damit war der kommunistische Parteichef Alexander Dubcek in der Tschechoslowakei von seinen engsten Verbündeten mit der Sowjetunion an der Spitze daran gehindert worden, seine Vorstellungen von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz in die Tat umzusetzen. Die DDR als Befürworter der militärischen Aktion gehörte, möglicherweise weil er letzte deutsche Einmarsch gerade erst dreißig Jahre zurück lag, nicht zu den einmarschierenden Staaten.

Man muss sich einmal vorstellen, das Experiment Dubceks von 1968 wäre gelungen, der Sozialismus stalinscher Prägung als Diktatur einer Funktionärsriege in allen Ländern des Ostens wäre erneuert, Altstalinisten wie Breshnew, Gomulka, Novotny, Ulbricht, Ceaucescu und dergleichen wären zum Teufel gejagt worden. Ein wirklich demokratischer Sozialismus hätte an Einfluss gewonnen, die Menschen wären begeistert gewesen und leichten Herzens zu Sozialisten, mindestens aber zu deren Anhängern geworden.

Im Westen wäre ein Heulen und Zähneklappern ausgebrochen, weil sich der Menschheit eine Perspektive geboten hätte, zu der ein sozial verbrämter Marktkapitalismus nicht mehr als eine abgewrackte Alternative ist. Eigentlich hätte man in regierenden Kreisen des Westens mit der Niederschlagung erster Ansätze eines demokratischen Sozialismus durch die eigenen „Brüder“ zufrieden sein müssen. Oder wollten die so genannten christlichen Parteien tatsächlich eine solche Entwicklung, wie sie sich in Prag hoffnungsvoll andeutete? Warum, zum Kuckuck, malen sie dann bis heute bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit den demokratischen Sozialismus als Schreckgespenst an die Wand? Die meisten Linken wollen doch auch nur das, was Dubcek wollte.

Hätten es die maßgeblichen Wirtschaftsverbände im Westen wirklich so gut gefunden, dass ein auf das Wohl der Menschen ausgerichteter Sozialismus allein durch sein Beispiel der kapitalistischen Ausbeutung Grenzen setzt? Es war zwei Jahrzehnte später schließlich der Untergang des sozialistischen Weltsystems mit allen seinen Entartungen und Fehlentwicklungen, der es ermöglichte, dass  in den Industrieländern des Westens ein Kapitalismus übelster Prägung die sozialen Bedürfnisse der Menschen auf dem Altar der Profitmaximierung opfert und von einer Krise in die nächste stolpert. Ungehindert hat die Politik in Deutschland einem entwickelten Nationalkapitalismus Tür und Tor geöffnet mit dem Ziel ganz Europa zu dominieren.

Trauer und Enttäuschung über die Niederschlagung des Prager Frühlings seien jenen zugestanden, die lange darunter zu leiden hatten, deren Hoffnungen auf einen reformierten Sozialismus wie Seifenblasen zerplatzten, die mitten drin waren im Hexenkessel untauglicher Machtstrukturen und irriger Klassenkampfstrategien. Denen, die Krokodilstränen über das gewaltsame Ende des Prager Frühlings vergießen, bleibt immer noch die Möglichkeit, es einmal mit einem „Kapitalismus mit menschlichem Antlitz“ zu probieren.

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