Generation Fußnote – Bekenntnisse eines Opportunisten

Erschienen bei Schwarzkopf & Schwarzkopf, vorgestelltauf der Leipziger Buchmesse 2008 BerlZi2Der Autor (l.) nach Erscheinen des Buches bei seiner Lesung im „Berliner Zimmer“  mit dem Verleger Oliver Schwarzkopf

Leseprobe:

Was bleibt hängen im Gestrüpp unserer Erinnerungen? Ich versuche meiner eigenen Rück-Sicht auf die Sprünge zu helfen, durchwühlte Stapel von Kalendern und Notizheften, die festhalten, was mir einmal wichtig erschien. Vielleicht war es auch nicht wichtig, aber das weiß man immer erst später.

Überhaupt ist das mit dem Erinnern so eine Sache. Eine geheimnisvolle Kraft entscheidet, was für unser Gedächtnis merkenswert ist. Begeisterung allein kann es nicht sein. Den Führer aus Braunau hatten Millionen frenetisch gefeiert und seinen totalen Krieg geradezu herbeigejubelt. Wo er angekündigt war, warteten die Massen stundenlang wie auf den Messias und sangen: „Nach Hause, nach Hause, nach Hause gehen wir nicht, bis dass der Führer spricht…“

Meine Mutter hat es mir anvertraut, wer sonst wusste schon noch davon. Kaum einer von den vierzehn Millionen, die in der NSDAP oder ihren Gefolgsorganisationen gewesen waren, erinnerte sich. Kollektive Amnesie. Zuerst war das Kurzzeitgedächtnis hinüber, mit den Jahren wurde das Langzeitgedächtnis infiziert. Die Symptome sind bis heute erkennbar.

Dabei ist es nachzuschlagen, wie die Welt einst von diesem Österreicher fasziniert war. Selbst das Nobelpreiskomitee tat sich beim Friedensnobelpreis 1938 schwer, zu entscheiden zwischen dem Autobahnbauer Adolf Hitler und dem militanten Hungerleider Mahatma Gandhi, der sogar Gewaltlosigkeit zur Waffe machte. Man wurde sich nicht einig und wich auf die Nansen-Stiftung zur humanitären Hilfe für die Flüchtlinge des Weltkrieges aus. Sogar das amerikanische Time Magazin hatte Hitler zum „Mann des Jahres“ gekürt. Aber das will nicht viel heißen, die kürten auch Josef Stalin, Nicolae Ceausescu und Osama Bin Laden.

Da sitze ich nun über den blauen Oktavheftchen. Meine eigene Schnellschrift für das Kurzzeitgedächtnis mutet an wie ein archäologischer Fund aus der jüngeren Schreibzeit. Die Sprache derer, über die ich schrieb, war die Sprache der DDR, die nicht mehr die des Dritten Reichs war. So wie der Stechschritt bei der Wachablösung mittwochs Unter den Linden nicht mehr der Stechschritt aus braunen Zeiten war. Er sah zwar so aus, doch in den Stiefeln steckte der revolutionäre Fußschweiß bewaffneter Arbeiter und Bauern.

Aufmärsche hießen inzwischen „Manifestationen“, die immer „machtvoll“ waren. Eine „sozialistische Menschengemeinschaft“ stapfte im Gleichklang der Losungen in die „lichte Zukunft des Kommunismus“ – links, zwo, drei, vier. Die Augen schön geradeaus!

„Volksgemeinschaft“ und „Gefolgschaft“ waren anrüchige Vokabeln der untergegangenen Diktatur des Kapitals, in der des Proletariats pries man in der Sprache Stalins das „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“, das sich laut „Brigadetagebuch“ verpflichtete, „sozialistisch arbeiten, lernen und leben“ zu wollen. Nach Feierabend engagierte man sich in der „sozialistischen Wohngemeinschaft“, beteiligte sich an den „Subbotniks“, fegte Straßen und harkte Grünanlagen, steckte an Feiertagen die Staatsflagge an die Neubauplatte und kämpfte so um die „Goldene Hausnummer“.

Dem Blockwart unrühmlichen Gedenkens folgte der „Vorsitzende der Hausgemeinschaftsleitung“, der übergeordnete „Wohnbezirksausschuss der Nationalen Front“ wachte über die „sinnvolle Freizeitgestaltung“ der Bürger, die an Wahltagen möglichst geschlossen in das Abstimmungslokal schritten, optimistisch ihre Zettel falteten und unter Missachtung der Wahlkabine in die Urne schoben. Da war sie weg, die Stimme.

Wer sich in der weit entfernt angedeuteten Kabine am Wahlschein zu schaffen machte, war gekennzeichnet. Es nützte aber nichts, das Wahlergebnis widerspiegelte immer das „enge Vertrauensverhältnis zwischen Partei und Volk“. So war alles geregelt, jeder wusste wo er dran war, nicht immer wann.

Natürlich gab es auch Missbildungen, nehmen wir allein die sprachlichen. Begriffe wie „Textilverbundelement“ (Knopf), „Flexibler transportabler Schüttgutbehälter“ (Sack), „Raufutter verzehrende Großvieheinheit“ (Rind), „Jahresendflügelfigur“ (Weihnachtsengelchen), „Kinderkombination“ (Kindergarten und –krippe unter einem Dach) und die „Komplexannahmestelle“, mit der nicht die Praxis eines Psychiaters gemeint war, sondern eine Sammelstelle für Reparaturaufträge, setzten sich kaum durch. Ebenso wenig der „Wohnblockzusteller“, der nicht etwa Wohnblöcke zustellte, sondern Briefe und Zeitungen, wie einst Postbote und Zeitungsfrau.

Es ging schon rein praktisch nicht, einem Kumpel auf die Schulter zu klopfen und ihn mit den Worten zu begrüßen: „Na, du alter flexibler transportabler Schüttgutbehälter!“

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