8. Reichssportfeld zu vermarkten

Es gibt wenig, das man nicht kaufen kann. Neben Beamten gibt es Anwälte, Künstler, Journalisten, Staatsanwälte, Polizisten, Lehrer, Gutachter, Weinverkoster und Politiker. Die einen kauft der Staat für Gehälter und Pensionen, für die anderen gibt es Honorarordnungen, und noch andere umgehen alle bürokratischen und fiskalischen Hürden und reden nicht darüber.

Kaufpreise orientieren sich gemeinhin an der Nachfrage – mit Ausnahme der Pharmaindustrie, da ist es Ausnutzung menschlicher Not. Dennoch gibt es gewisse Unterschiede, die von der Qualifikation des Verkäufers, auch Subjekt genannt, und dem Wert des umworbenen Gegenstandes, dem Objekt, abhängt. Ein örtlicher Bauamtsleiter, der ertragsarmen Rübenacker zu fruchtarem Bauland erklärt, ist möglicherweise mit einem Kleinwagen ausreichend belohnt. Ein Politiker, der ein Gesetz lanciert, das einem Pillenfabrikanten erlaubt, Krankenkassen und Bürgern tiefer als vordem in die Taschen zu greifen, kann sich möglicherweise Hoffnung auf eine lebenslange Rente machen.

Mitunter winken auch Traumjobs. „Das werden wir schon tacken“, heißt ein Slogan in Anlehnung an den Namen eines ehemaligen Staatssekretärs, der nach erteilter Fusionsgenehmigung im Energiebereich mit einem Vorstandsposten in der Stromwirtschaft belohnt wurde. Inzwischen sind die Namen derer kaum noch zu überblicken, die nach ihrem Einfluss auf Entscheidungen in der Politik zu Gunsten der Wirtschaft in selbiger mit hochdotierten Pöstchen belohnt werden.

Was in der Industrie so außerordentlich gut funktioniert, sollte auch in armen Kommunen neuen Mut wecken. Warum nicht eine Straße verkaufen, die für einen ansehnlichen Jahresbeitrag den Namen des örtlichen Transportunternehmers trägt? Warum soll der Platz vor dem Rathaus nicht nach dem Inhaber der größten Baufirma der Region benannt werden? Eine sechsstellige Summe wäre für alle Seiten hilfreich, und die Stadt könnte weitere lukrative Bauaufträge an eine Firma ihres Vertrauens vergeben.

Fußballklubs machen es vor. Ihre Stadien werden von Unternehmen gesponsert, die vom Geld aus Volkes Tasche groß und reich geworden sind. Allianz, Signal Iduna, AOL, Rhein-Energie, Commerzbank… Berlin könnte auf diese Weise sein in dieser Hinsicht jungfräuliches Olympiastadion für einen ansehnlichen Obolus  vermarkten. Der Name des Bauherrn scheidet in diesem Fall aus, nicht weil der Österreicher war, sondern weil die gesellschaftlichen Verhältnisse der Dreißigerjahre in unguter Erinnerung sind. Weil Stadion damals ein Fremdwort war, hieß es Reichssportfeld. Also, frisch gewagt, das Angebot steht. Bewerben Sie sich, meine Herren aus den Vorstandsetagen. Zum Beispiel von der Deutschen Bank. Da wäre der Bruch zur Vergangenheit nicht allzu krass. „Ob Kaiser, Führer, Bundeskanzler – mit der Deutschen Bank auf jeden Dampfer!“ Oder: „Ohne Arbeit, alt und krank, treib Sport im Stadion deiner Bank!“. Auch Mercedes könnte ein dankbarer Namensgeber sein, zumal die erste Reichsgarde samt Führer in den Autos dieser Marke einst zur Einweihung vorgefahren war. „Reichssportfeld Mercedes – mit uns ist jeder Staat zu machen!“

Empfehlenswert wären auch Sponsoren aus der Sportartikel- oder Dopingbranche, die das Stadion für ein erkleckliches Sümmchen nach dem ehemaligen Nestor der deutschen Sportwissenschaft Carl Diem benennen. Immerhin hat der Cheforganisator der Olympischen Sommerspiele von 1936 an dieser Stelle im März 1945 dem Führer aus dem Herzen gesprochen und an die Jugend appelliert, “den Opfertod nicht zu scheuen und wie Helden zu sterben, denn es ist schön für das Vaterland zu sterben”. Diem hingegen starb viel später, wurde vordem noch Staatssekretär in Bonn und Träger des Bundesverdienstkreuzes.  Warum also nicht „Kampfbahn Diem“?

Muss das Kanzleramt eigentlich Kanzleramt heißen? Könnte da nicht VW zum Sponsor werden und das Ding zum Beispiel „Hartzhöhe“ nennen. Oder – gesponsert von der Hotelbranche – „Liberalitätsklause“. Und immer schön die Rechnungen begleichen, sonst passiert es wie in Karl-Marx-Stadt, pardon Chemnitz, das seinen Namen nach knapp vierzig Jahren wieder abgeben musste, weil die Erben von Karl Marx abgewirtschaftet hatten.

Advertisements

2 Kommentare

Eingeordnet unter Meinung

2 Antworten zu “8. Reichssportfeld zu vermarkten

  1. Pingback: Inhalt | Klaus Taubert

  2. Pingback: Inhalt | Klaus Taubert

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s