Generation Fußnote – Bekenntnisse eines Opportunisten (Leseprobe)

Vorwort

Als mein vorletztes Vaterland entstand, war ich neuneinhalb Jahre alt und besuchte die vierte Klasse unserer Dorfschule. Die Schiefertafel hatte ich bereits zertrümmert, jetzt lernte ich mit Federhalter Deutsche Demokratische Republik, Pieck, Grotewohl und Ulbricht zu schreiben – Namen, die mich ein mehr oder weniger gutes Stück durchs Lebens begleiten sollten. An der Rückwand unseres Klassenzimmers, im Blickfeld der Lehrer, hing ein Porträt Josef Stalins, dem wir den verlorenen Krieg und die Zukunft der Menschheit zu verdanken hatten.

Zur DDR-Gründung zog ich mein weißes Hemd an, knotete das blaue Pioniertuch um den Hals und stellte mich mit anderen in Reih und Glied vor die alte Schule, wo vorher schon andere in ganz anderen Hemden gestanden hatten. An einem Holzmast wurde eine schwarz-rot-gelbe Fahne in den Wind gehängt. „Seid bereit!“ sagte unsere Pionierleiterin statt „Guten Morgen“. Wir antworteten: „Immer bereit!“  – wozu, das würden wir schon noch erfahren.

So begann meine Zeit mit einem Staat, der mich mit nützlichem und überflüssigem Wissen anreicherte, mit Verantwortung betraute, überzeugte und indoktrinierte, auszeichnete und demütigte, faszinierte und enttäuschte. Er drückte mir das Brandzeichen „Ossi“ auf die Stirn, mit dem ich bis heute auf noch so manchen Euro verzichten müsste, wenn Verfassungsrichter nicht mit der Gleichheitsfloskel im Grundgesetz drohten.

Ohne Wehmut schaue ich zurück, staune über die vielen Experten, die alles haben kommen sehen, wie es gekommen ist. Mit tausend Fragen blättere ich in hundert Notizheften aus meinem Journalistenleben, bevor sie auf dem Umweg über die Altpapiertonne einer nützlichen Verwendung zugeführt werden. Vielleicht entdecke ich, wo die Gründe für mein loyales Verhalten einem Staat gegenüber lagen, dem nach der allein gültigen Lehre jener Zeit die Zukunft gehörte und der doch so kläglich an seinen schwülstigen Dogmen und an der machtbesessenen Unfehlbarkeit seiner proletarischen Diktatoren zugrunde ging.
Es wäre im Nachhinein leicht, sich mit ein paar alten Männern aus der Verantwortung zu stehlen. Lange genug sonnten wir uns in ihrer Nähe und waren ihnen mit vorauseilendem Gehorsam zu Diensten. Ihre Illusionen bestimmten unsere Träume, ihre Wünsche waren unsere Ziele. Ihr Erziehungssystem gipfelte in der Maxime des Opportunisten: Jedes Ding hat drei Seiten – eine für den Parteisekretär, eine für den Klassenfeind und eine für das eigene Wohlbefinden.
Geradezu töricht wäre es, sich nicht rasch der verschrobenen Weltsichten jener Allgewaltigen zu entledigen, von denen nach dem Abfall der Macht der morbide Rest einer heruntergewirtschafteten Gesellschaftsalternative geblieben ist, deren Weltrevolutionslegende, geschrumpft und geölt, im Lenin-Mausoleum künstlich am Tod gehalten wird…

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