Kopf hoch, Angie! und andere Satiren

Leseprobe:

Kopf hoch, Angie!

 

Haben Sie schon gemerkt, dass an jedem Tag immer genau so viel passiert, wie in die Zeitung passt? Achten Sie mal darauf: An dem Tag, an dem beispielsweise eine fünfzigprozentige Steuersenkung für alle verkündet wird, die weniger als fünfzigtausend Euro im Jahr verdienen, gibt es ganz gewiss kein Erdbeben, dass die Titelseiten beherrschen könnte. Das Beispiel mag hinken, denn im Gegensatz zu derartigen Regierungsbeschlüssen sind Erdbeben in unseren Breiten ein Dauerzustand.

Nun stellen Sie sich vor, Sie wollen mit einer eigenen Geschichte in das Tagesgeschehen eingreifen. In Ihrem Hausgarten haben Sie eine sechs Pfund schwere Erdbeere geerntet. Es kann leicht sein, dass Ihnen der Redakteur die Erdbeere aus den Händen reißt, zumal der Bundestag pausiert, die Hinterbänkler noch keine Einfälle haben, die für eine Kampagne dumm genug sind, und die Parteien unter Ausschluss der Öffentlichkeit ihre Diätenerhöhungen festlegen. In solchen und nur in solchen Fällen kann es vorkommen, dass die Redakteure zu zweifeln beginnen, ob bis Redaktionsschluss noch etwas Bewegendes geschieht. Da kann so eine Erdbeere eine Offenbarung sein.

Doch die Erfahrung lehrt, dass immer etwas passiert. Wie neulich. Kein Schwein hat damit gerechnet, schlägt plötzlich eine kleine Meldung ein wie eine Bombe: Angela Merkel hat ihren Friseur gewechselt! Der Chefredakteur schreit messerscharfe Befehle in die aufgescheuchte Runde: „Ich will alle Köpfe der Merkel auf den Tisch, möglichst seit ihrer Geburt!“

Wie haben sich die Frisuren dieser Frau in Schule, Studium, FDJ und Wendezeit, als Ministerin, Parteivorsitzende und Kanzlerin gewandelt?

„Das Ergebnis ist mager“, wirft der Ressortchef ein. „Macht nichts“, brüllt der Chefredakteur, „das beweist ihre angeborene Schlichtheit. Merkeln Sie sich das für die Schlagzeile! Etwa so: Kopf hoch, Angie! Oder so ähnlich. Denken Sie sich was aus!“

Die Telefone glühen, Interviews mit Psychologen (Was sagt uns die Frisur?), mit Starfrisören (Wie trägt man derzeit das Haar?), Museumsdirektoren (Die Frisuren der Firstladys seit Napoleon) und Historikern (Welche Frisuren trugen die abgeschlagenen Köpfe von Maria Stuart und Marie Antoinette?) werden im Eiltempo fabriziert.

Als die Seite fast fertig ist, meldet eine Nachrichtenagentur, das Schmelzen der Eisberge an den Erdpolen sei soweit fortgeschritten, dass die Weltmeere in wenigen Jahren große Teile des Landes überfluten. Städte und Dörfer müssten umgesiedelt, Hamburg und Bremen auf die Höhenzüge Mecklenburg umgesiedelt werden.

Der Volontär hatte sich erdreistet, dem Chefredakteur diese Meldung vorzulegen. „Das interessiert keine Sau“, brüllt dieser den Redaktionseleven an. Doch mit Blick auf die schlotternden Knie des jungen Mannes fügt er widerwillig hinzu: „Heben Sie die Meldung auf, und wenn es soweit ist, dann legen Sie sie mir wieder vor. Im Moment gibt es Wichtigeres.“

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