Kuscheln mit einem Diktator – Die Stalinallee

Der Generalissimus blieb als Wolf im Schafspelz  im Lande

Seit einem halben Jahrhundert heißt die ehemalige Berliner Stalinallee Karl-Marx-Allee. Als sich die Verbrechen des Sowjet-Diktators nicht länger vertuschen ließen, wurde auch der „Generalissimus“ klammheimlich vom Denkmalsockel gehoben. Doch in den Führungsetagen der SED behielt Stalin seine Gefolgschaft.

Mit dieser Allee fand die Verehrung Stalins in der DDR ihren sichtbarsten Ausdruck, seit sie zu dessen vermeintlich 70. Geburtstag 1949 mit großem Getöse nach ihm benannt wurde. Hier nahm aber auch der größte Volksaufstand in der DDR-Geschichte seinen Ausgang. Die Straße ist 2,7 Kilometer lang, sechsspurig ausgebaut, mit viel Grün beiderseits und übertrieben breiten Bürgersteigen – die Ostberliner Prachtallee zwischen Alexanderplatz und Frankfurter Tor. Seit dem 12. November 1961 trägt sie den Namen von Karl Marx. Mehr als Jahre hatte es gedauert, bis die SED-Führung nach den Enthüllungen der Verbrechen Stalins auf dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 durch Chruschtschow beschloss, den Namen des Massenmörders aus dem Straßenverzeichnis zu tilgen.

Bauhaus war nicht gefragt

Zunächst hatten die Architekten, inspiriert durch die Bauhaus-Architektur, Laubenganghäuser entwickelt, zwei Blöcke davon stadtauswärts auf der rechten Seite gebaut und als Muster für die Zukunft empfohlen. Der Laubengang ist eine althergebrachte Möglichkeit, effektiv Wohnungen zu erschließen, indem die Eingangstüren mehrerer kleiner Einheiten in jeder Etage an einem gemeinsamen, offenen Gang liegen, der zu einer Treppe führt. Laubenganghäusern sind bis zurück in das Mittelalter zu finden und erfuhren im sozialen Wohnungsbau der Zwanzigerjahre eine Renaissance. Allerdings nicht die Zustimmung der SED, so dass auf Geheiß Ulbrichts rasch schnell wachsende Pappeln davor gepflanzt wurden, die bis heute die Häuser verdecken.

Gelobt, geschmäht und ertragen wurde lange Zeit der berühmte „Zuckerbäckerstil“ der Allee, der nach dem Studium sowjetischer Erfahrungen im Städtebau und unter dem Einfluss des Moskauer Chefarchitekten 1951 als das non plus Ultra der Architektur zur Anwendung kam. Berühmteste Baustelle war 1951 das oft besungene „Hochhaus an der Weberwiese“, das den Auftakt für das landesweite „Nationale Aufbauwerk“ (NAW) gab. Tausende Bürger meldeten sich freiwillig zur Beseitigung von Trümmern und zur Gewinnung von Baumaterialien. Zu rund 70 Prozent entstanden die Häuser der Stalinallee aus Kriegstrümmern des Zweiten Weltkrieges. Daraus wurde mit dicken Säulen, venezianischen Kolonnaden, klassizistischen Fenstereinfassungen, grotesken Simsen und angeklebt wirkenden Balkonen ein sozialistischer Klassizismus, auch „Stalin-Gotik“ genannt. .

Mit „Palästen“ erheblich übernommern

Paläste für die Arbeiterklasse waren angesagt, mit Komfort wie Aufzug und Müllschlucker in den Etagen, Parkettfußboden, Diele mit Wandschränken usw. Die Außenfassaden wurden mit Meissner Keramik verkleidet, Dachterrassen großzügig zum Verweilen ausgestattet. Lange war es nicht möglich, so zu bauen, zumal die Mieten von 0,90 Mark pro Quadratmeter nur zu einem geringen Teil die Kosten deckten. Später hatte sich die realitätsferne Praxis notgedrungen auf dünnwandige Plattenbauten in Stadtrandsiedlungen reduziert.

Stalinallee 1960Bis 1961 vertriebene letzte DDR-Postkarte mit dem rückseitigen Aufdruck „Stalinallee“

Im zwei Kilometer langen ersten Bauabschnitt vom Strausberger Platz stadtauswärts entstanden 3.220 Wohnungen in Blöcken von 100 bis 300 Meter Länge, mit sieben bis neun Geschossen, zwei Turmhochhäusern am Frankfurter Tor sowie Läden und Gaststätten. Zusätzlich entstand 1951 zwischen Lebuser- und Koppenstraße in nur 148 Tagen für die 3. Weltfestspiele der Jugend eine gigantische Sporthalle, die allerdings 1969 wegen Bauschäden gesperrt, 1971 abgerissen und schnell durch Plattenbauten ersetzt wurde. Gegenüber weihte Walter Ulbricht 1951 ein 4,80 Meter hohes bronzenes Stalindenkmal ein, ein Geschenk des Leninschen Komsomol, der sowjetischen Jugendorganisation.

Sporthalle

Die viel zu hastig hingeklotzte Sporthalle in der Stalinallee. Um ihr eine einigermaßen erhabene Ausstrahlung zu geben, wurden Skulkpturen vom abgerissenen Hohenzollern-Schloss vor das Eingangsportal gesetzt. Doch der Baupfusch kostete auch diese den Standort.

Der westliche Abschnitt der Allee bis zum Alexanderplatz mit einer Breite von 125 Metern, auf dem Ende der Fünfzigerjahre nicht mehr im Zuckerbäckerstil gebaut wurde, diente bis 1989 dem Aufmarsch von Massendemonstrationen. Hier empfingen die Mächtigen des Arbeiter-und-Bauern-Staates die Huldigungen des Volkes. Gegen den Protest der westlichen Stadtkommandanten wurden große Militärparaden und Kampfgruppenaufmärsche veranstaltet.

Pfusch blieb bei dem Tempo nicht aus

Die überhastet gebaute Sporthalle war jahrelang auch Mittelpunkt des Ostberliner Weihnachtsmarktes. Das Stalindenkmal gegenüber wurde allerdings schon im Spätherbst 1961 bei Nacht und Nebel vom Sockel gehoben, zur selben Zeit übrigens, als das russische Stalingrad in Wolgograd umbenannt wurde und Stalinstadt an der Oder plötzlich auf den Ortseingangsschildern Eisenhüttenstadt hieß. In aller Stille entstanden aus der eingeschmolzen Bronze des Berliner Denkmals Tierplastiken für den Tierpark.

Zu den interessanten Zweckbauten der späteren Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre, inzwischen im Stil der Moderne errichtet, gehören das Haus des Lehrers mit der 125 Meter langen „Bauchbinde“ des Malers Walter Womacka am Beginn der Allee. Das zur selben Zeit erbaute Filmtheater International mit 600 Plätzen ein Stück weiter wurde DDR-Premierenkino, in der selbst Fernsehproduktionen wie 1986 der Propagandastreifen über Ernst Thälmann vor Honecker und Co. uraufgeführt wurden. Weiter östlich des Strausberger Platzes war das „Kosmos“ mit tausend Plätzen das größte und modernste Kino der DDR.

Legendär ist auch die Mocca-Milch-Eisbar. Als „Mokke“ war sie ein beliebter Ostberliner Jugendtreff, in der laut Stasi-Akten 1971 erstmals die Verbreitung von Rauschmitteln nachgewiesen wurde. Außerdem stellten die Spitzel fest, „…dass unter den negativen Jugendlichen, die in der Milch-Mokka-Eisbar verkehren, oft über Pläne zum illegalen Verlassen der DDR gesprochen wurde…“.

Jahrelang sind wir als Familie mit unseren Kindern in der Allee spazieren gegangen, doch von der angeblichen Pracht war außer den Fassaden nicht viel zu spüren. Es herrschte Einöde zwischen den Blöcken, Mangel an Erlebnismöglichkeiten, Freizeitvergnügungen und vielfältigen Einkaufsmöglichkeiten, obwohl die großzügig gestalteten Erdgeschosspassagen bestens dafür geeignet waren. Nach der inzwischen erfolgten aufwändigen Sanierung der Wohnhäuser, von denen bis in die Neunzigerjahre die Kacheln bröckelten, reiht sich auf der Allee immer noch Baustelle an Baustelle. In nicht ferner Zukunft aber wird die Karl-Marx-Allee mit ihrer imponierenden Architekturkulisse tatsächlich einer der prachtvollsten Boulevards der Hauptstadt sein.

Der Aufstand hatte in der Stalinallee begonnen

Mit der Namensänderung vor fünfzig Jahren hoffte die SED-Führung auch einen Makel aus der Erinnerung zu tilgen, der mit der Stalinallee zusammenhängt. Es waren die Bauarbeiter dieser Straße, die am 17. Juni 1953 – ausgerechnet im Karl-Marx-Jahr der DDR – ihre Kellen zur Seite legten, von den Gerüsten kletterten und in einem immer länger werdenden Protestmarsch durch die Allee zur Stadtmitte zogen und Normensenkungen und höhere Löhne forderten. Bald schon offenbarten Hunderttausende im ganzen Land ihren Drang nach Freiheit und Gerechtigkeit und lehrten die SED das Fürchten. Erst sowjetische Panzer beendeten den Aufstand, der mit dem „Tag der Einheit“ in der Bundesrepublik bis zum Ende der DDR in wacher Erinnerung blieb. Erst 1989 wurde dieser „Geist der Stalinallee“ wieder wach und fegte in einer friedlichen Revolution mit dem SED-Regime auch die gut gehüteten Reste des Stalinismus hinweg.

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Links: Laubenganghäuser im Bauhausstil, wie sie ursprünglich für die Allee vorgesehen waren. Rechts: Das berühmte, oft besungene Hochhaus an der Weberwiese

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Links: Blick über den Strausberger Platz / Rechts: Das Vorbild ist u.a. (Zeichnung aus der Sowjet-Enzyklopädie) die Gorki-Straße in Moskau

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Links: Die berühmte Sporthalle in der Stalinallee überdauert die Jahrzehnte nur als Briefmarke / Rechts: Blick auf die bröckelnde Stalin- alias Karl-Marx-Allee 1998

SAMSUNG DIGITAL CAMERANach umfangreicher Sanierung, Karl-Marx-Allee 2012

 FuchsKuscheln mit Stalin. Tochter des Autors in den Siebzigerjahren im Tierpark. Die Verwendung des eingeschmolzenen Stalin-Denkmals für Tierplastiken wurde geheim gehalten.

Siehe auch: https://klaustaubert.wordpress.com/2016/08/01/wie-stalin-heimlich-in-der-ddr-blieb/

Mehr über die Jahre der DDR in
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Tietelbild Geschichten

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