Der Tod Robert Havemanns

Dem Arzt waren „die Hände gebunden“

Am 9. April 1982 starb der wohl bekannteste Regimekritiker der DDR, der Physikers und Philosoph Prof. Dr. Robert Havemann. Es ist nicht auszuschließen, dass ihm die notwendige medizinische Hilfe versagt blieb. Der Autor war nach dem Ende von DDR und Stasi dem Verdacht und den medizinischen Hintergründen nachgegangen. 

Der 1910 geborene Robert Havemann wurde 1943 vom so genannten Volksgerichtshof als Mitglied einer Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus zum Tode verurteilt und in Brandenburg inhaftiert, wo er – stets die Hinrichtung vor Augen – in einem Labor wissenschaftlich zu arbeiten hatte. Dabei zog er sich eine Lungen-Tuberkulose zu, die er nach dem Krieg auskurierte und überwand. Zurück blieb eine angegriffene vernarbte Lunge.

Mitte der Sechzigerjahre wegen seiner massiven Kritik am praktizierten Sozialismus in der DDR aus der SED ausgeschlossene sowie von der Humboldt-Universität und der Akademie der Wissenschaften mit Hausverboten belegt, war Havemann stets  „ein sehr disziplinierter Patient“, bestätigte sein Arzt Dr. Herbert Landmann, damals stellvertretender Direktor des Forschungsinstituts für Lungenkrankheiten und Tuberkulose im Klinikum Berlin-Buch. Zwölf Jahre lang, während Havemann unter Hausarrest stand und rund um die Uhr bewacht wurde, hat Landmann ihn bis zum Tod medizinisch betreut. Doch er war weit mehr als nur medizinischer Betreuer. Der ehemalige Volkskammerabgeordnete der CDU, Nationalpreisträger, Fachberater u.a. in Vietnam, Laos, Kambodscha und Syrien, war bei der für den „politischen Untergrund“ zuständigen Hauptabteilung XX des Ministeriums für Staatssicherheit unter dem IM-Namen „Chef“ registriert. Sein Auftrag im Rahmen der „weiteren politisch-operativen Bearbeitung des Operativ-Vorgangs ‚Leitz‘, Reg.-Nr.: XV/150/64 gegen Havemann, Robert“,  so der Titel einer Stasi-Konzeption vom 5. März 1981,  bestand in der

„- Herausarbeitung der von Havemann geplanten und entwickelten Aktivitäten, deren gezielte Einschätzung und Zurückdrängung entsprechend den spezifischen Möglichkeiten des IM;

– weiteren Aufklärung und Einschätzung der persönlichen und familiären Situation des H., insbesondere der Sichtbarmachung vorhandener oder sich entwickelnder Differenzen und Spannungen mit seiner  Ehefrau;

– laufenden Beurteilung des Gesundheitszustandes, der physischen und psychischen Verfassung von Havemann mit dem Ziel, ihn von aktiven Handlungen bzw. im Zusammenwirken mit westlichen Korrespondenten, Publikationsorganen und Massenmedien abzuhalten“.

Dr. Landmann war allgegenwärtig. Auch als Havemann im Mai 1979 wegen „Verstoßes gegen das Devisengesetz“ aufgrund seiner Veröffentlichungen im Westen vom Kreisgericht Fürstenwalde zu 10.000 Mark Strafe verurteilt wurde, war der Arzt zugegen. Jeder medizinische Befund landete auf dem Schreibtisch seines Führungsoffiziers.

Als sich 1982 der Gesundheitszustand des weit über die DDR hinaus bekannten  Regimegegners verschlechterte, brachte sein „ärztlicher Freund und Lebensretter“, wie Havemann den Arzt in einem Geburtstagsbrief einmal nannte, am 3. März 1982 einen Husten-Auswurf (Sputum) zur bakteriellen Untersuchung in das Klinikum Buch. Der Fachbiologe und Leiter der Mykologischen Abteilung des Bezirks-Hygiene-Instituts Berlin, Dr. rer. nat. Horst Gemeinhardt, Autor des in Jena und Stuttgart erschienenen  Lehrbuchs „Endomykosen“, nahm die Analyse vor.

In seinen Aufzeichnungen ist das „mäßige Vorkommen“ eines „Aspergillus fumigatus“, also eines tödlich wuchernden Lungenpilzes, in „zahlreichen Kolonien“ festgehalten. Tuberkulose-Bakterien wurden nicht gefunden. „Zur Klärung sind 3 Einsendungen erforderlich“ stempelte der Biologe in sein Buch. Das nächste Sputum erhielt er fünf Tage später. Gemeinhardts Bewertung ist ähnlich der ersten. Zusätzlich schreibt er auf: „Mikr. + sept. Pilzfaden mit Verzweigung + verdächtige Fadenstücke“. Nach zahlreichen Versuchen der Pilzbekämpfung unter dem Mikroskop unterbreitete Gemeinhardt einen konkreten Behandlungsvorschlag, der in der Kombination zweier Medikamente bestand. Dabei hätte Havemann mit Methoden der Inhalation bzw. über den Dauer-Tropf behandelt werden müssen. Alle Vorschläge leitete er an das Forschungsinstitut und dessen Vize-Chef Dr. Landmann weiter. Jedoch außer einer Sauerstofftherapie, die für die zunehmend von Pilzen überwuchernde Lunge nicht mehr als eine Atemhilfe war, fand nichts weiter statt. Dr. Gemeinhardt sagte zum Autor dieses Beitrages: „Ich kann mich erinnern, wie Dr. Landmann damals auf meine Frage nach der Therapie sagte, dass ihm da die Hände gebunden seien, er nichts machen könne.“

Der Autor befragte Dr. Herbert Landmann 1992 nach der Einflussnahme der Stasi. Die Antwort: „Es fand keine Beeinflussung durch die Stasi statt.“ Und außerdem: „Bei dieser zerstörten Lunge wäre kaum eine Besserung möglich gewesen. Eine einfache Lungenentzündung konnte das Ende sein.“ Die Fragen, warum nicht unverzüglich eine stationäre Behandlung mit Röntgendiagnose und der von Dr. Gemeinhardt empfohlenen Therapie stattfand, beantwortet Dr. Landmann mit dem Verweis darauf, dass es wenig Zweck gehabt hätte. Nach seiner Ansicht wäre bei der Anwendung pilzabtötender Mittel die toxische Nebenwirkung zu groß. Einerseits bekräftigt Dr. Landmann die eiserne Disziplin Havemanns, sich an die ärztlichen Anordnungen zu halten, sie zu verstehen und möglichst noch mit eigenen Ideen zu ergänzen. Andererseits sagte er auch: „Havemann wurde von seinem Freund Wolf Biermann davor gewarnt, sich in stationäre Behandlung zu begeben. Er wollte das auch nicht, da er fürchtete, von dort durch irgendwelche Einflüsse nicht mehr zurückzukehren.“

Am 5. April gelangte die dritte Sputum-Probe in das Labor. Inzwischen war der Befall der Lunge  mit dem Todespilz so weit fortgeschritten, dass sich Dr. Gemeinhardt erinnerte: „Die Aspergillose hatte sich ungehindert so entwickeln können, wie ich es in dreißig Jahren in Mitteleuropa noch nicht gesehen habe. Havemann hatte eine Chance, den Pilz in seinem Anfangsstadium zurückzudrängen. Die Klinik war für eine sofortige Behandlung eingerichtet, doch nichts geschah. Selbst ein Absaugen des Pilzes, wie es in anderen Fällen geschehen ist, wurde nicht vorgenommen.“

Robert Havemann starb am 9. April 1982, am Karfreitag, in seinem Haus in Grünheide. Er ist erstickt. Sein „Freund“ Dr. Landmann, der das Ergebnis der letzten Sputum-Untersuchung kannte, war auf einer Auslandsreise in Algier. Den Tod bestätigte ein anderer Arzt.

Dr. Gemeinhardt wunderte sich damals über vieles. Er wusste, dass es gefährlich war, laut zu denken, zumal er eigene Probleme hatte: Gegen ihn lief ein Disziplinarverfahren, weil er als anerkannter Wissenschaftler auf dem Gebiet der Mykologie „illegal“ Kontakt zu einem Kollegen in Amsterdam pflegte. Das reichte, um dem politisch unbescholtenen Experten das Fürchten um seinen Beruf zu lehren – und zu schweigen.

Wie populär Robert Havemann bei der SED-Führung war, das bestätigte das Ministerium für Staatssicherheit mit seinen Akten, indem insgesamt 200 Inoffizielle Mitarbeiter auf den Regimegegner und seine Familie angesetzt waren, unter ihnen auch ein gewisser IM Notar bzw. IM Gregor.

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