Das letzte Mahl

Mit einem glanzvollen Fest nahm die DDR Abschied von sich selbst

Als die Polit-Prominenz der DDR am Abend des 7. Oktober 1989 im Palast der Republik mit den Weltführern des Kommunismus das 40-jährige Bestehen der DDR feierte, saß ich als Journalist am Tisch 406. Im Grunde war das aufwändig zelebrierte Festmahl für mich ein Routinejob, doch noch vor dem Toast des Gastgebers kamen die Überraschungen. Und niemand war darauf vorbereitet.

Hitchcock hätte den Abend nicht besser inszeniert. Im Palast hatte sich die Funktionärsriege eines schwer angeschlagenen Staates mit hohen Gästen aus aller Welt versammelt. Eingeladen waren auch Arbeiter, Künstler und Sportler, die mindestens Helden der Arbeit, Nationalpreisträger oder Meister des Sports waren. In den Garderoben bereiteten sich namhafte Ensembles und Solisten darauf vor, ihr Bestes für die Jubiläumsgala zu geben.

Bevor es losging, huschten im Lichtschein tausender Lampen in den Foyers und Wandelgängen die Gäste – von außen gesehen – wie Schattenbilder von einer Glasscheibe zur anderen, um den Anmarsch der Ungeladenen zu erleben, die sich am Spreeufer auf der Rückseite des Palastes in friedlicher Absicht versammelten, um ungefragt und ungebeten ihre Meinung über den Zustand des Landes zu äußern. So etwas hatte es noch nicht gegeben, nicht nach dem 17. Juni 1953.

Polizeiketten versuchten die vom Alexanderplatz nachrückende Menge zu stoppen. Ein Polizist schrie auf sächsisch: „Gähen Sie zurück!“ Die Menge antwortete: „Gähen Sie zurück!“ und lachte, hatte es nicht darauf abgesehen, den Palast zu stürmen. Man wollte gehört werden, solange Hoffnungsträger Michail Gorbatschow unter den Gästen weilte. „Gorbi, hilf uns“ und „Wir sind das Volk“ lauteten Rufe, die gegen die bräunlich eingedunkelten gläsernen Scheiben des Palastes der Republik prallten. Ich blickte aus dem zweiten Geschoss hinunter und fragte mich: Wie wird das enden? Ich befürchtete, man werde nicht zimperlich sein.

Die Frauen, Männer und Jugendlichen auf der Straße beschäftigten die ganze Festgesellschaft. Die Stimmung wirkte gedrückt wie vor einem nahenden Gewitter. Auf den Tag genau fünf Monaten war es her, dass mit einer lange schon praktizierten, unverhohlenen Selbstverständlichkeit die Wahlen gefälscht worden waren. Alle Einsprüche und Beschwerden dazu wurden auf Weisung von Stasi-Minister Mielke ignoriert. Seitdem gab es an jedem siebten eines Monats Protestaktionen, die von der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz ausgingen.

Ich blickte mich im Saal um. Ein paar Tische weiter sah ich kirchliche Würdenträger mit ernsten Gesichtern in ernste Gespräche vertieft. Gerade die Kirche hatte sich so vertrauensvoll mit dem Staat arrangiert und nun waren möglicherweise viele Christen unter den Demonstrierenden! Die Generalität an anderen Tischen schwieg sich an, war ohne Befehl von „ganz oben“ ohne jede Befugnis. Diplomaten wahren Contenance, auch viele andere waren rat- und sprachlos. Mir schien, als beobachte man sich gegenseitig. Vor mir auf dem Tisch lag die Menükarte für den Abend. „Extra starke Putensuppe“, „Forellenröllchen mit Dillsauce und Lachskaviar“ und „Schaumbrot von Räucherzunge“. Dennoch wollte kein rechter Appetit aufkommen. Das Dessert „Surprise“ hielt ich für einen makabren Scherz des Chefkochs.

Ich sah Männer, die etwas zu sagen hatten, mit ernster Mine aufgeregt hin und her laufen. Der Berliner SED-Chef Günter Schabowski diskutierte mit Stasi-Chef Erich Mielke, als wolle man sich gegenseitig die Schuld über das zuschieben, was nicht zu übersehen, geschweige zu vertuschen war.

Goldprägung

Empfang2 (1)

Um 18 Uhr ist in der Mitte des Saales, an einer sechseckig gebauten Tafel für 24 Personen, die Creme de la Creme der so genannten revolutionären Welt versammelt. Vom Palästinenserführer Arafat bis zum Chinesen Yilin, vom Mongolen Batmunch bis zum Jemeniten Ali Salem al-Beidh erweist man dem Kämpfer Honecker die Ehre, voran Michail Gorbatschow und die anderen Oberhäupter der Warschauer Vertragsstaaten. Später erst weiß ich, dass Michail Gorbatschow schon wenige Stunden später tief enttäuscht in Moskau gelandet war. Für ihn waren nach späteren Aussagen die Tage Honeckers gezählt. „Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren“, hatte ich ihn am Vortag Unter den Linden sagen hören.

Honeckers Rede für diesen Abend habe ich vor mir auf dem Tisch liegen. Es ist die Kopie der A5-Fassung, die in seiner Jackentasche steckt. Wenige Minuten später werde ich die Ansprache mit allen Veränderungen präzisieren, notfalls mit ihm persönlich abstimmen und zur Veröffentlichung freigeben. Nachrichtensendungen würden daraus zitieren, Tageszeitungen den Wortlaut drucken, das Ausland sich möglicherweise über den einen und anderen Satz wundern. Doch es kam ganz anders.

Alle erheben sich von ihren Plätzen, begrüßen Erich Honecker und Michail Gorbatschow mit starkem Applaus, als die vermeintlichen Kampfgefährten zu ihren Plätzen in der Saalmitte schreiten. Beide tragen dunkle Anzüge, Gorbatschow dazu einen dunkelroten Schlips, Honeckers Krawatte ist quergestreift, überwiegend grau. Der Russe erscheint schmucklos ohne jeden Orden, an Honeckers linker Brustseite hängt neben dem Parteiabzeichen die goldglänzende Medaille mit den Jahreszahlen „1949-1989“, dem Staatsemblem und dem Text „Für Verdienste um die Deutsche Demokratische Republik“. Der zweifache „Held der DDR“ trägt keinen der dazugehörigen Sterne, keinen seiner mindestens fünf Karl-Marx-Orden.

Honecker und Gorbatschow sitzen nebeneinander, Margot Honecker und Raissa Gorbatschowa, die sich gegenseitig nicht über den Weg trauen, jeweils rechts bzw. links daneben. Die Abneigung geht von der ostdeutschen Volksbildungsministerin aus, die alle Möglichkeiten meidet, mit der promovierten und zumal schönen Philosophin zusammenzutreffen. „Beim Besuch ihres Mannes zum SED-Parteitag 1986 hatte die nichts Eiligeres zu tun, als in West-Berlin einzukaufen, hat Margot sich ereifert“. So erzählte es mir ihr persönlicher Kraftfahrer Schorsch, der ärgerlich hinzu gefügt hatte: „Ich dachte in dem Moment an den Laden in ihrer Wohnsiedlung bei Wandlitz, der überwiegend mit Westwaren bestückt und für mich als Kraftfahrer tabu war.“

Die Hymne der DDR erklingt konzertant. Wegen „Deutschland einig Vaterland“ wird sie seit 1974 nicht mehr gesungen. Dann folgt der Toast Erich Honeckers. Ich nehme den Stift zur Hand und stelle schon im ersten Satz eine Veränderung fest. Es ist ihm nicht nur eine „Freude“, sondern eine „große Freude“, die Gäste begrüßen zu können, sagt er mit ungewöhnlich brüchiger Stimme. Er ringt sich die Sätze förmlich ab. Plötzlich merke ich, dass er nicht mehr dem Manuskript folgte. Doch der Text kommt mir bekannt vor. Ich blättere rasch und finde den Anschluss wieder. Honecker hat fünf Seiten übersprungen. Die Entscheidung muss im letzten Moment gefallen sein. Er liest noch zwei Sätze über die DDR als zuverlässigen Friedensfaktor in Europa und über den Sozialismus, der auf unerschütterlichen Grundlagen stehe. Dann der Trinkspruch, Beifall, Gläserklingen – das ist es.

Angesichts der erheblichen Veränderungen pirschte ich mich zwischen den Tischen vor zur großen Tafel, lasse mir von Erich Honecker bestätigen, dass ich seine Rede in der vorgetragenen Kurzfassung von vier Sätzen an die Medien gebe. „Ja“, sagt er, „mach das mal so.“ Ich hatte den Eindruck, dass ihn das nicht sonderlich interessiert, dass ihn ganz andere Probleme umtreiben. Wer verstünde das nicht? In seinen „Moabiter Notizen“ schreibt Honecker später: „Es war und bleibt ein Irrtum zu glauben, dass die ‚Wende‘ im Jahr 1989 von der Straße eingeleitet worden wäre.“

Hatte eine der vermeintlichen Ursachen an jenem Abend diekt neben ihm gesessen?Sitzordnung

War es Resignation, dass Honecker seine Rede ad hoc eingekürzt hatte? Ich hatte in den nicht gesprochenen Sätzen einen Funken Hoffnung entdeckt. Honecker wollte sagen: „Die DDR ist der Zukunft zugewandt. Ihre Politik der Kontinuität und der Erneuerung schließt auch weiterhin Veränderungen ein. Ohne das gäbe es keinen Fortschritt. Wir lassen in dieser Hinsicht keine Unklarheit zu.“

Aber dann wieder sein unverrückbarer Standpunkt: „Der Marxismus-Leninismus und die in unserer Verfassung und im Leben verankerte führende Rolle der Partei der Arbeiterklasse sind unverzichtbar. Jene im Westen, die den Sozialismus für gescheitert erklären, befinden sich auf dem Holzweg.“ Er deutete Reformbereitschaft an. Man sei „zu qualitativ neuen Schritten auf allen gesellschaftlichen Gebieten imstande, um die Herausforderungen der neunziger Jahre zu bewältigen.“

Hatte Erich Honecker seit dem Fall der ungarisch-österreichischen Grenze, den Botschaftsereignissen in Prag und Warschau und angesichts der zunehmenden Demonstrationen auf den Straßen der DDR den Glauben an die Erneuerung des Sozialismus verloren? Hatte ihn sein Gesundheitszustand vor den Herausforderungen der Zeit kapitulieren lassen? Oder hatte er gar heimlich einen Blick auf die Straße geworfen?

Zehn Tage später ist er am Ende. Die Träume seines revolutionären Lebens werden zu Albträumen, weil sie unerfüllbar sind. Möglich, dass die spontan gekürzte Rede an diesem Abend ein  Zeichen dieser Erkenntnis ist.

Aber auch seine Nachfolger haben keine besseren Konzepte. (siehe auch „Die Sache mit dem Holzweg“)

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Tietelbild Geschichten

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