Urlaubsgrüße aus dem nahen Osten

Liebe Liesbeth und Hans,

ich will euch von unserer Busfahrt schnell ein paar Zeilen aus Halle an der Saale schreiben, wo wir übernachten, bevor wir weiter durch den Osten fahren, der mal DDR hieß. Wie Ihr sicher schon ahnt, handelt es sich bei Halle und auch bei der Saale um den Osten, denn beides haben wir natürlich auch im Westen, nur nicht an einer Stelle, weil der Westen ja viel größer ist. Für Hilde und mich ist der Besuch in der Zone wie Urlaub im Ausland, oder sagen wir mal in der Dritten Welt, denn die sind hier doch noch ganz schön hinter uns her.

Der Hotelportier sagte bei unserer Ankunft, die Betten müssten wir selber bauen, Bretter und Nägel lägen im Keller. Das stellte sich später als Witz heraus, aber sicher waren wir anfangs nicht. Immerhin war der Kaffee heute Morgen ganz gut, doch ich glaube, der kommt sowieso aus dem Westen. Im Osten haben die früher nur Zichorie und Gerste oder so was getrunken. Die Wurst war allerdings von hier. Wir bringen ein großes Paket davon mit, damit Ihr die mal kosten könnt.

Vorgestern waren wir in Berlin. Im ehemaligen russischen Sektor sahen wir zufällig eine lange Demo für eine gewisse Rosa Luxemburg und einen Karl Liebknecht. Ihr werdet die nicht kennen, die wurden schon lange umgebracht und sind quasi die Alice Schwarzer und der Gregor Gysi des Ostens. Über die ist damals unser Kaiser gestolpert. Darüber las ich in der Zeitung „Neues Deutschland“, die Ihr mit dem „Bayernkurier“ vergleichen könnt.

Wir haben in Berlin eine ganze Menge über die kommunistischen Machthaber erfahren, zu denen einst alle unsere Nasen alle Nasen lang unsere Politiker reisten, um dem Diktator Honecker, was das kleinere Gegenstück zu Helmut Kohl war, die Meinung zu sagen. Wir waren auch im Gefängnis, das einmal der Stasi gehört hat. Aber nur zu Besuch, ha, ha, ha! Stasi, das müsst Ihr Euch vorstellen wie BND, Verfassungsschutz, BKA und Staatsschutz zusammen, nur besser organisiert. Denen ist kaum etwas entgangen, sagen die Leute. Deswegen wurden sie auch verboten. Offiziell gibt es die Stasi nun nicht mehr, sie wird in einer so genannten Gaukler- oder Bettlerbehörde (oder so ähnlich) gesammelt und aufgehoben, damit auch wir aus dem Westen einmal sehen können, was uns entgangen ist.

Bei einer Stadtrundfahrt sahen wir auch, wo die Ruine vom Palast der Republik gestanden hat, nämlich da, wo ganz früher das Schloss vom Kaiser war, das da auch wieder hin soll, weil es Zeitzeuge für das Deutsche Reich ist. Doch noch ist man nicht reich genug. Der Palast ist kein Zeitzeuge für nichts. Deshalb kam er weg. Stellt euch vor, der Palast wurde zur selben Zeit gebaut wie das ICC in Westberlin, wo wir mal zur Funkausstellung waren. Mit demselben Asbest! Das ICC wird aber nicht abgerissen, weil das Zeug nur im Osten giftig ist. Im Palast saß bis zur Wende auch die Volkskammer, die vergleichbar ist mit dem Wasserwerk in Bonn, wo bei uns lange Zeit die Gesetze heraus kamen.

Abends waren wir im Schauspielhaus am Polizistenplatz Gendarmenmarkt, das ein Herr Schinkel gebaut hat, der im Osten so etwas ist wie bei uns dieser Herr Förster mit dem halben Ei auf dem Reichstag, den die Kommunisten im Auftrag des Führers – na, Hans, du weißt schon, wen ich meine – angebrannt hatten. Im Schauspielhaus gab es ein Konzert. Da haben wir richtige Oststars sehen können, zum Beispiel Peter Schreier, der hier so berühmt ist wie bei uns dieser Kübelbock, und Theo Adam, den Ihr vergleichen könnt mit Roberto Blanco, bloß dass er nicht so schwarz und lustig ist.

Stellt euch vor, die haben uns sogar gezeigt, wo sich die wichtigen Leute der DDR bis 1989 versteckt hatten. Hinter hohen Zäunen nordöstlich von Berlin mitten im Wald bei Wandlitz stehen noch die kleinen grauen Häuschen von Honecker, Stof oder wie die alle hießen. Ich hätte nie gedacht, dass die sich so wenig Luxus leisten konnten. Die hätten mal sehen sollen, wie bei uns ein richtiger Manager oder ein Handwerksmeister wohnt. Und nicht nur wegen Schwarzarbeit, Korruption und…   Na, Ihr wisst schon, was ich meine. (Denkt nur an Paul Esser, der eine Telefongesellschaft für sechzig Millionen Mark  privat an die Deutsche Bank verkauft hat, die das für Pinats hält.)

Auf der Fahrt nach Halle haben wir in Wittenberg eine Kirche besichtigt, die auch zu DDR-Zeiten schon dort stand. Hier hat ein gewisser Luther, eine Art Jürgen Fliege des Mittelalters, einen Steckbrief gegen den Papst an die Tür genagelt, worauf es zum Dreißigjährigen Krieg kam, den wir ja noch aus der Schule kennen. Ein gewisser Herr Schorlemmer hat hier vor kurzem erst aus Schwertern Pflugschare hergestellt, weil die offenbar in den technisch unterentwickelten Kolchosen benötigt wurden. Heute ist er, glaube ich, Pfarrer, weil sich so eine Schmiede in der Marktwirtschaft nicht mehr lohnt. Oder er ist pleite.

Rings um Halle gab es große Chemiefabriken wie IG Farben und so, davon habt Ihr sicher schon gehört. Stellt euch vor, die haben das Giftgas für die schlimmen Dinge im Weltkrieg hergestellt. Das hätte ich vom Osten nicht gedacht. Aber wer weiß das schon alles so genau? Inzwischen wurden viele dieser Betriebe geschlossen, was mich nun überhaupt nicht mehr wundert.

Morgen fahren wir weiter nach Thüringen. Erst besuchen wir Weimar und das Haus von Goethe, der für unseren Gründgens den „Faust“ geschrieben hat. Falls euch das nicht viel sagt, der ist der Günter Grass des Ostens, nur ohne Nobelpreis. In jungen Jahren war dieser Goethe vom Westen in den Osten umgesiedelt und wurde später sogar Minister für Bergbau, was einiges über die marode DDR-Wirtschaft aussagt. Ein Dichter als Minister! Und dafür zahlen wir Soli!

Unsere Reise beenden wir in Eisenach, wo man uns zeigen will, wo Bach geboren wurde, der später in Leipzig Kantor war. Ich habe mich mal erkundigt, der soll, ähnlich wie dieser Bohlen bei uns im Westen, für seine Zeit ganz flotte Hits geschrieben haben, allerdings noch ohne Computer. Hoffentlich reicht die Zeit aus, dass wir noch die Wartburg besuchen können, auf die früher immer die Esel hinauf gelaufen sind, darunter auch viele Politiker aus dem Westen.

Ihr seht, man kann eine Menge lernen, wenn man sich endlich breitschlagen lässt, einmal in den Osten zu reisen, der ganz früher schon einmal zu Deutschland gehört hat. Einmal im Leben sollte man dort gewesen sein, sagt Hilde.

Wir werden nach unserer Rückkehr eine Menge zu erzählen haben, doch erst müssen wir schnell noch einen Erholungsurlaub anhängen, vielleicht in Spanien, das nicht so eine sozialistische Vergangenheit hat und wo man es den Menschen auch nicht ansieht. Irgendwie ist Geschichte doch ziemlich anstrengend, man braucht allerdings ein bisschen Vorbildung.

Seid also herzlich gegrüßt von eurer alten Urlaubsbekanntschaft aus Mallorca, von Max und Hilde, die euch auch schön grüßen lässt.

P.S.:

Übrigens, wenn Ihr auch mal in den Osten fahren solltet, braucht Ihr kein Visum, weil die Mauer Gott sei Dank nur noch in den Köpfen ist. Und umtauschen braucht Ihr auch nichts, seit die unser Geld haben.

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Eingeordnet unter Satire

Eine Antwort zu “Urlaubsgrüße aus dem nahen Osten

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