Als Asphalt Steinpech hieß

Beim Stöbern in meinen Regalen stieß ich auf ein kleines Büchlein aus dem Jahr 1918, das ich lange schon aus den Augen verloren hatte. Der Titel „Verdeutschungsbuch“ machte mich neugierig. Es handelt sich um die zweite Auflage von Friedrich Heintzenberg, herausgegeben im Berliner Verlag Georg Siemens.

Abartig genug, war die Benutzung von Fremdwörtern während des Ersten Weltkrieges derart verpönt, dass sogar das weltberühmte „Café Piccadilly“ am Potsdamer Platz in „Kaffee Vaterland“ umgetauft wurde und der Komponist Jean Gilbert („Die keusche Susanne“) aus purem Nationalismus sein Pseudonym ablegte und sich für geraume Zeit wieder Max Winterfeld nannte. Sogar das britische Königshaus mit dem deutschen Namen Sachsen-Coburg und Gotha zog seine Konsequenzen und benannte sich 1917 in Haus Windsor um.

Der Autor des „Verdeutschungsbuches“ erklärt im Vorwort, den Titel „Fremdwörterbuch“ abgelehnt zu haben, weil es ihm darum gehe, „entbehrliche Fremdworte zu vermeiden“. Er wollte Fremdwörter nicht deuten, sondern ausmerzen. Nach fast hundert Jahren staunt man, welche Fremdwörter unsere Vorfahren nicht mehr benutzen sollten. Zum Beispiel Adresse, das nenne man lieber Bestimmungsort oder Wohnungsangabe. Für Aktie wären Begriffe wie Anteil, Anteilschein oder Geschäftsanteil angebracht. Eine Anode nenne man lieber Eintrittspol. Asbest heiße auf gut Deutsch Steinflachs und Asphalt einfach nur Erd- oder Steinpech. Statt Architekt sage man von nun an Baukünstler oder Kunstbaumeister. Ein Chronometer sei ein Feinzeitmesser, ein Direktor ein Leiter oder Vorsteher, eine Fabrik eine Anlage, Anstalt, Unternehmung oder nur eine Werkstatt. Ein Redakteur heiße fortan Bearbeiter oder Schriftleiter, ein Receiver Aufnehmer, und eine Reform sei eine Verbesserung, was mich bis heute nicht überzeugt.

Mir wurde klar, wie reich unsere Sprache durch die Fremdwörter geworden ist. Manches lässt sich mit urdeutschen Wörtern einfach nicht beschreiben. Der abwegigste Vorschlag in diesem Büchlein ist die Ablehnung eines der schönsten Fremdwörter im deutschen Sprachgebrauch, nämlich Idee. Dafür werden Möglichkeiten geboten, die von Absicht über Erfindung bis Vorschlag reichen, nie aber die wahre Größe der Idee erfassen.

Angesichts des Büchleins fiel mir ein, dass ich kürzlich las, man könne für „Laptop“ oder „Notebook“ auch den deutschen Begriff Klapprechner verwenden. Zum Test bat ich meine kleine Enkelin, sie möge mir doch mal meinen Klapprechner bringen. Darauf schaute sie mich an, als hätte ich chinesisch gesprochen. Zum „Notebook“ rannte sie geschwind.

Nahezu zweitausend Wörter, von denen heute die meisten wie altes deutsches Sprachgut klingen, sollten gegen urdeutsche Bgriffe ausgetauscht werden. Ein Glück, dass uns dieser Blödsinn erspart geblieben ist, wenngleich es genügend Wörter gibt, die ich nie und nimmer durch solche aus fremden Sprachen tauschen würde, zum Beispiel „Kinder“, „Liebe“, „Hubschrauber“, „Rollmops“ oder „Gassi gehen“.

Ein paar mit Bleistift an den Rand geschriebene Bemerkungen eines Vorbesitzers dieses Büchleins habe ich mit einem Radiergummi, pardon, mit einem Schab- bzw. Wischgummi entfernt.

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Eingeordnet unter Satire

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