Der 17. Juni 1953

Eine Dokumentation zum Arbeiteraufstand 1953 in der DDR

Klaus Taubert

9.-12. Juli 1952  Die SED verkündet auf ihrer 2. Parteikonferenz, „planmäßig und systematisch die Grundlagen des Sozialismus zu errichten“. Stalin hat diesen Weg angeordnet, um die DDR zum sicheren Satelliten seines Machtbereichs zu machen. Er duldet keinen „eigenständigen deutschen Weg“, von dem in der DDR die Rede war. Politbüromitglied Anton Ackermann fällt daraufhin als „Bauernopfer“ in Ungnade. Walter Ulbricht genießt Stalins Vertrauen und garantiert ihm den für die DDR untauglichen russischen Weg zum Sozialismus. Der heißt: Klare Absage an jede Form von Markt- und Privatwirtschaft, Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, Ausbau der Zentralgewalt, also der Diktatur einer Funktionärsriege, in deren Händen sich alle Macht konzentriert

23. Juli 1952 Zur Sicherung ihrer zentralen Macht löst die SED-Führung per Volkskammerbeschluss die Länder Mecklenburg, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen als politische Körperschaften auf. Sie werden in 14 Bezirke zerstückelt, die keine eigenen Verfassungen mehr besitzen und von SED-Bezirkssekretären beherrscht werden. Zur größeren Einflussnahme werden die bis dahin existierenden 132 Kreise verkleinert. Es entstehen 217 neue mit jeweils eigenen Staatsapparaten, SED-Kreisleitungen, Geschäftsstellen der anderen Parteien und gesellschaftlichen Organisationen, Polizei- und Sicherheitsorganen. Die Macht der SED ist allgegenwärtig. Die früher in einigen Landesparlamenten dominierenden so genannten Blockparteien, allen voran die CDU, werden  bedeutungslos

31. Dezember 1952 Seit der 2. SED-Parteikonferenz im Juli haben nahezu 100.000 Menschen die DDR verlassen. Die Aufnahmelager in der Bundesrepublik und in Westberlin reichen kaum aus

4. Januar 1953 In den Blockparteien CDU, LDPD, NDPD und DBD werden keine Abweichungen vom SED-Kurs geduldet. Um diese Parteien zu disziplinieren,  lässt die SED den stellvertretenden CDU-Chef und DDR-Außenminister Georg Dertinger wegen „feindlicher Tätigkeit“ gegen die DDR einsperren. Er wird zu 15 Jahren Haft verurteilt, von denen er zehn Jahre in Bautzen absitzen muss

5. März 1953 Stalin stirbt. Tagelang Staatstrauer in der DDR. Im Kreml beginnen die Diadochenkämpfe um die Macht

9. April 1953 Die Versorgung nimmt katastrophale Ausmaße an. Zu Gunsten der Schwerindustrie werden Leicht- und Lebensmittelindustrie vernachlässigt. Wegen der zunehmenden Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft verlassen aus Angst vor Verhaftungen Tausende Bauern ihre Höfe und fliehen in den Westen. 750.000 Hektar Boden liegen brach.  Die Regierung ordnet an, dass  Bürger aus dem Osten, die in West-Berlin arbeiten, sowie Tausende von kleinen und mittelständischen Unternehmern und Selbständigen ab 1. Mai keine Lebensmittelkarten mehr erhalten. Sie sollen überteuerte HO-Preise bezahlen. (1 kg Speck 17,50 DM, 1 l Vollmilch 2 DM, 1 kg Hering in Tunke 10 DM,  1 kg Margarine 8 DM, 1 kg Rundfleisch 12 DM, 1 kg Schnitzel 18 DM, 1 kg Schinken mit Knochen 22,50 DM)

20. April 1953 Der Ministerrat beschließt gravierende Preiserhöhungen für Fleisch und Wurstwaren sowie für zuckerhaltige Produkte und andere rationierte Lebensmittel

28. April 1953 Vom Innenministerium wird die „Junge Gemeinde“ der evangelischen Kirche zur illegalen Organisation erklärt. Viele junge Kirchenmitglieder fliegen von Oberschulen und Universitäten. Prozesse werden inszeniert

5. Mai 1953 Chemnitz wird in Karl-Marx-Stadt umbenannt. In einer Rede dazu spricht Ulbricht erstmals von einer Ordnung der „Diktatur des Proletariats“ in der DDR. Ein harter Kurs ist angekündigt

13.-14. Mai 1953 Um aus der Krise zu gelangen, beschließt die 13. Tagung des SED-Zentralkomitees eine Erhöhung der Arbeitsnormen für alle um mindestens zehn Prozent. Die verschleierte Einkommensminderung zur Senkung der Kaufkraft aus Warenmangel soll am 30. Juni, an dem Ulbrichts 60. Geburtstag eigentlich ganz groß gefeiert werden sollte, in Kraft treten

13. Mai 1953 Streik in einem Eislebener Betrieb für Schlackensteine. Die Wortführer werden verhaftet, nach fünf Stunden Sympathiestreik freigelassen. Ein Zeichen wirksamer Solidarität ist gesetzt

23. Mai 1953 Im SED-Blatt „Leipziger Volkszeitung“ wird der „Sozialdemokratismus als Hemmschuh gegen die Realisierung der Beschlüsse“ der SED an den Pranger gestellt. Der Einfluss aufrechter ehemaliger Sozialdemokraten, die mit der Zwangsvereinigung in die SED geraten sind,  soll restlos beseitigt werden

27. Mai 1953 Über tausend Beschäftigte des VEB FIMAG und Arbeiter des VEB Gaselan in Finsterwalde streiken gegen die angedrohte Normenerhöhung

28. Mai 1953 Der sowjetische Ministerrat löst die Sowjetische Kontrollkommission für Deutschland auf und entbindet den Oberkommandierenden ihrer Streitkräfte in Deutschland von der Kontrollfunktion in der DDR. Hoher Kommissar der UdSSR und Ulbrichts Vormund in Ost-Berlin wird Wladimir S. Semjonow

28. Mai 1953 Der Ministerrat beschließt die von der SED diktierte Erhöhung der Arbeitsnormen um mindestens zehn Prozent. Am selben Tag treten im VEB Elektromaschinen Kjellberg in Finsterwalde 3.000 Arbeiter in den Ausstand

29. Mai 1953 Warnstreik im Reichsbahnausbesserungswerk Berlin-Treptow

30. Mai 1953 Die Zahl der Flüchtlinge aus der DDR hat dramatisch zugenommen. Allein in den ersten fünf Monaten 1953 registrieren die Aufnahmelager in der Bundesrepublik und Westberlin 184.793 Männer, Frauen und Kinder. Von Januar 1951 bis  April 1953 verließen 447.000 DDR-Bürger das Land

1.  Juni 1953 Sitzstreik im VEB Nagema Chemnitz. In der Schraubenfabrik Finsterwalde legen tausend Beschäftigte die Arbeit nieder

2.-4. Juni 1953 Ulbricht, Grotewohl und Oelßner aus der Führung der SED (Pieck war zur Kur) holen sich in Moskau eine schallende Ohrfeige zur Politik der SED in der DDR ab. In einer streng geheimen Analyse kommt die Spitze der KPdSU zur Auffassung, „die Propaganda über die Notwendigkeit des Übergangs der DDR zum Sozialismus ist als unrichtig zu betrachten“. Die Einschränkung der Privatinitiative, u.a. durch Entzug der Lebensmittelkarten für Privatunternehmer und Freischaffende, ist falsch. Die übereilte Schaffung von LPG hat zu ernsthaften Schwierigkeiten bei der Versorgung der Bevölkerung geführt, allein 500.000 Hektar Land lägen u.a. durch die Flucht der Bauern in die BRD  brach. Die KPdSU fordert von der SED den Fünfjahrplan zu revidieren und vorrangig die Versorgung der Bevölkerung zu sichern, zwangsweise geschaffene LPG aufzulösen, alle anderen zu überprüfen. Gesetzlichkeit und Gewährung der Bürgerrechte seien zu gewährleisten und die Repressalien gegen Bürger zu überprüfen. Die Einmischung der Behörden in kirchliche Anglegenheiten sind einzustellen wie ebenso die Verfolgung der „Jungen Gemeinde“. Die Privatinitiative in Landwirtschaft und Gewerbe sind durch Rohstoffe und Kredite zu unterstützen.

Alle von Moskau geforderten Maßnahmen werden durch die SED nicht publik gemacht und nur halbherzig verwirklicht

strenggeheim

Aus einem Geheimdokument, das Anfang Juni 1953 im Moskauer Kreml über die Situation in der DDR ausgearbeitet wurde und eine schallende Ohrfeige für die SED ist

4. Juni 1953 In einer Schachtanlage in Eisleben wird die Arbeit eingestellt. Die Normerhöhung in diesem Betrieb wird zurückgenommen

9. Juni 1953 Protest im Stahl- und Walzwerk Hennigsdorf gegen die höheren Normen. Fünf Arbeiter werden verhaftet, doch mit Sitzstreik freigekämpft. Auch hier wird die Normenerhöhung  zurückgenommen

9. Juni 1953 Aufgrund der wachsenden Unruhe in der Bevölkerung geht das SED-Politbüro auf „Neuen Kurs“. Er  soll angeblich der „entschiedenen Verbesserung der Lebenshaltung der Bevölkerung“ dienen. Die Normenerhöhung bleibt

11. Juni 1953 Der Ministerrat beschließt den „Neuen Kurs“, durch den – wie das Presseamt mitteilte – „die auf den verschiedenen Gebieten begangenen Fehler der Regierung und der staatlichen Verwaltungen korrigiert werden“. Tatsache ist, dass Ulbricht stellvertretender Regierungschef ist und damit als SED-Generalsekretär auch die absolute Macht in der Regierung ausübt. Doch der „schwarze Peter“ soll an der SED vorbeigehen. Die beschränkte Ausgabe von Lebensmittelkarten, Enteignung von kollektivierungsunwilligen Bauern, Zwangsmaßnahmen gegen Handwerker und Gewerbetreibende, Erhöhung der Fahrpreise, Verbot der „Jungen Gemeinde“ und andere Restriktionen werden aufgehoben. Kein Wort zu den Normen

12. Juni 1953 In der Stadt Brandenburg fordern Hunderte die Entlassung aller politischen Gefangenen. Nach handfesten Auseinandersetzungen mit der Polizei wird am späten Abend die Forderung erfüllt, Häftlinge kommen frei  

13. Juni 1953 In der Gothaer Schwermaschinenfabrik ABUS sollen Arbeiter verhaftet werden, die zuvor in Versammlungen zu ihren Kollegen gesprochen haben. Als daraufhin alle die Arbeit niederlegen, wird von Zwangsmaßnahmen abgesehen

15. Juni 1953: Auf der Baustelle des Krankenhauses in Berlin-Friedrichshain verweigern etwa einhundert Bauleute die Arbeit. Auf einer Versammlung wird eine Resolution gegen die Normenerhöhung verfasst. Drei Arbeiter werden damit zum Ministerrat geschickt. Auf dem Weg dorthin werden sie verhaftet. Am Block 40 in der Berliner Stalinallee, der heutigen Karl-Marx-Allee, legen Bauarbeiter die Arbeit nieder und verhindern den Einsatz der von FDJ-Chef Erich Honecker geschickten jungen Streikbrecher. Ein Einsatzkommando der Polizei zwingt die Bauleute wieder an die Arbeit

16. Juni 1953 Die Vorgesetzten der Bauarbeiter in der Stalinallee hatten – ohne  mit den Arbeitern darüber gesprochen zu haben – lauthals verkündet, dass sie schon ab 1. Juni nach 15 Prozent höheren Normen arbeiten wollen. Damit will die SED auf der „Baustelle des Sozialismus“ ein nachahmenswertes Beispiel schaffen. Das geht gehörig schief, denn der wöchentliche Lohn der Arbeiter würde damit im Durchschnitt von 168 auf 72 Mark sinken

Auslöser für die folgenden spontanen Aktionen war die  Gewerkschaftszeitung „Tribüne“, in der die Bauarbeiter am Morgen lasen, dass die Normerhöhung notwendig ist und nicht zurückgenommen wird. Die Bauleute von Block 40 legen gegen 9 Uhr die Kellen nieder, steigen von den Gerüsten und setzen sich in Richtung Regierungssitz in der Leipziger Straße in Bewegung. Andere Bauleute schließen sich an. Auf dem Weg über den Alexanderplatz und Unter den Linden wächst der Zug um viele Tausend Demonstranten

Vor dem Regierungssitz erklingen Rufe: „Nieder mit den Normen“ und „Rücktritt der Regierung“. Doch von der Regierung lässt sich niemand blicken. Ministerpräsident Otto Grotewohl und SED-Generalsekretär Walter Ulbricht verweigern sich, schickten Minister Fritz Selbmann vor, dem jedoch niemand zuhört. Selbst Leute wie  Robert Havemann und andere  Kommunisten, die durch die Hölle des Faschismus gegangen sind, versuchen beruhigend auf die aufgebrachte Menge einzuwirken, doch umsonst

Während die Arbeiter enttäuscht zur Stalinallee zurück marschieren, tauchen Lautsprecherwagen auf und verkünden die Rücknahme der Normenerhöhung durch die Regierung. Die Arbeiter – eben noch abgewiesen – halten dies für einen Trick und reagieren empört. Mit bissigem Spott bedenken sie die Regierenden: „Spitzbart, Bauch und Brille sind nicht des Volkes Wille!“ – gemeint sind Ulbricht, Pieck und Grotewohl. Immer häufiger ist von Generalstreik die Rede

Westliche Rundfunkstationen, insbesondere der RIAS in West-Berlin, berichten detailliert über die Ereignisse. So gelangt auch die Streik-Kunde in alle DDR-Bezirke

17. Juni 1953

– 7.00 Uhr – 40.000 Menschen, darunter viele Bauarbeiter, haben sich auf dem Strausberger Platz an der Stalinallee versammelt. Sperrketten der Polizei werden mühelos gesprengt, ein gewaltiger Menschen-Zug wälzt sich zum Alexanderplatz. Ihr Ruf: „Berliner, reiht euch ein, wir wollen freie Menschen sein!“ In den Außenbezirken Ost-Berlins formieren sich weitere Demonstrationen. Kaum ein Betrieb, der nicht beteiligt ist. Aus dem Stahl- und Walzwerk Hennigsdorf haben 12.000 Werktätige den Marsch durch West-Berlin in Richtung Zentrum angetreten

– 9.00 Uhr – Sowjetische Panzerspähwagen fahren auf den Alexanderplatz. Die Arbeiter sind unbeeindruckt. Zehntausende füllen allmählich die Hauptstraßen der Stadt, immer mehr streikende Arbeiter, Studenten, Schüler, Geschäftsleute, Handwerker, Hausfrauen, Rentner. Marschzüge aus Köpenick, Schöneweide, Treptow nähern sich

– 10.00 Uhr – Von allen Seiten gelangen die Demonstranten, die in dichten Reihen zum Teil Arm in Arm laufen, zum Potsdamer Platz. Sympathisanten aus West-Berlin reihen sich ein. Immer wieder kommt es zu tätlichen Auseinandersetzungen mit absperrenden Polizisten. Aus dem Columbushaus wird eine Polizeiwache verjagt. Unter den Linden gibt es den ersten Toten – ein junger Mann wird von einem russischen Panzerwagen überfahren. Als vom Brandenburger Tor die Fahne heruntergeholt wird, erklingen sich Rufe nach der deutschen Einheit

– 11.00 Uhr – Aufgebracht holen Arbeiter die rote Fahne vom Brandenburger Tor und zerfetzen sie. Propagandalokale der Nationalen Front werden zerstört, Parteibüros und Polizeistellen gestürmt, Zeitungskioske gehen in Flammen auf, HO-Läden werden ausgeräumt. Immer öfter peitschen Schüsse aus russischen Maschinengewehren durch die Straßen. Menschen fallen getroffen zu Boden. Russische Soldaten, die sich weigern auf deutsche Arbeiter zu schießen, werden im Hof der Staatsbibliothek Unter den Linden standrechtlich erschossen. In 272 Städten und Dörfern der DDR kommt es zu nennenswerten Aktionen wie Streiks, Demonstrationen und Aufruhr. Besonders im mitteldeutschen Raum in und um Halle und in Leipzig schafft sich angestauter Frust in gleicher Weise Luft

Juni53

Eines der eindrucksvollsten Fotos vom 17. Juni 1953 schoss der Fotograf Edgar Dahlberg in Berlin

– 12.00 Uhr – Der sowjetische Hohe Kommissar Wladimir Semjonow beordert die wichtigsten Männer der SED-Spitze, die sich vor der Öffentlichkeit versteckt halten, zu sich nach Karlshorst. Aus dem Kreml in Moskau wird der Ausnahmezustand für Ost-Berlin angeordnet. Semjonow: „Jetzt ist der Spuk schnell vorbei.“ Sowjetische Panzer vom Typ T 34 rollen zu den Brennpunkten in Berlin. Viele Menschen fliehen vor den Ungetümen in die Westsektoren

– 13.00 Uhr – Der sowjetische Militärkommandant in Berlin, Generalmajor Pawel T. Dibrowa, verhängt den Ausnahmezustand. Demonstrationen, Kundgebungen, Menschenansammlungen werden verboten. Zwischen 21 und 5 Uhr ist Ausgangssperre für alle. Der Ausnahmezustand wird auch über 167 Stadt- und Landkreise, den größten Teil der DDR, verhängt. Schwerbewaffnete Sowjetsoldaten überwachen die Einhaltung

– 17.00 Uhr – Potsdamer Platz und Leipziger Straße werden von der „Schutzmacht“ gewaltsam geräumt. Nicht immer nur werden Warnschüsse abgegeben. Nach offiziellen Angabe, die mehr verschleierten als eingestehen, soll es 25 Tote und ungezählte Verletzte gegeben haben. Experten vermuten das Doppelte. In den Kellern des Hauses der Ministerien (heute Bundesministerium der Finanzen) werden Aufständische mit großer Brutalität von Sicherheitskräften verprügelt

– 18.00 Uhr – An der Berliner Oberbaumbrücke wird der ostdeutsche CDU-Chef Otto Nuschke aus seiner Tatra-Staatslimousine gezerrt. Die Demonstranten wollen von ihm wissen, wo sich Ulbricht und Grotewohl aufhalten. Der Parteivorsitzende weiß es offensichtlich nicht. Er flüchtet in den Westsektor, wird dort unter Schutz gestellt

– 21.00 Uhr – Der Ausnahmezustand hat sein Ziel erreicht. Auf den Straßen herrscht Friedhofsruhe

18. Juni 1953 Wladimir Semjonow zitiert in Berlin-Karlshorst die SED-Führungsspitze mit Ulbricht an der Spitze zum Rapport. Gehorsam notiert der SED-Chef auf einem DIN A 4-Blatt peinliche Fragen und Anweisungen. Als Überschrift schreibt Ulbricht: „Fragen S.“: „1. Wie kam es, dass wir nicht früher informiert waren?“ und „9. Initiatoren der Streiks in den Betrieben feststellen.“ Ulbricht gibt die Anweisungen weiter, sowjetische Standgerichte erteilen SED, Stasi und Justiz Lektionen in Machtausübung: Der aus Westberlin stammende Arbeiter Willy Gättlin, aus Leipzig Peter Heider, Walter Schädlich, Heinz Sonntag, aus Magdeburg Alfred Dartsch und Herbert Strau werden wegen Beteiligung am Juni-Aufstand zum Tode verurteil und hingerichtet. Schnell-Gerichte wüten tagelang, fällen Todesurteile in Apolda, Görlitz, Jena, Stralsund

Ulbricht

Ulbrichts Mitschrift bei Semjonow in Karlshorst

21. Juni 1953 Auf der 14. Tagung des SED-Zentralkomitees wird der Juni-Aufstand als „faschistische Provokation“ ausgegeben, für die „westliche Agentenzentralen“ verantwortlich gemacht werden. Eine Sprachregelung, von der die offizielle DDR-Politik bis zu ihrem Scheitern 1989 nie abweicht. Bücher, wie Stefan Heyms „5 Tage im Juni“, dürfen in der DDR nie erscheinen

22. Juni 1953 Nach dem Vorbild sowjetischer Standgerichte verurteilt das Bezirksgericht Potsdam einen Arbeiter namens Prahst wegen Beteiligung am Aufstand zum Tode. Er wird hingerichtet. Weitere drakonische Strafen werden in allen Bezirken fast im Minutentakt ohne Rechtsbeistand für die Angeklagten verhängt. Bis Ende Juni verhaftete die Staatssicherheit 10.000 Menschen als „Rädelsführer“, „faschistische Provokateure“, „Plünderer“ und „Verräter“

23.-24. Juni 1953 Die SED-Politiker, trauen sich, bewacht wie nie zuvor, erstmals wieder in Betriebe, um ihre verhängnisvolle Politik zu rechtfertigen

30. Juni 1953 Im Juni haben 40.381 Menschen die DDR in Richtung Bundesrepublik verlassen

15. Juli 1953 Justizminister Max Fechner, ein früherer SPD-Funktionär, wird wegen eines Beitrages in der SED-Zeitung „Neues Deutschland“ vom 30.6.1953 verhaftet. Darin hatte er das später aus der Verfassung getilgte Streikrecht der Arbeiter verteidigt. Wörtlich: „Selbst Rädelsführer dürfen nicht auf bloßen Verdacht oder schweren Verdacht hin bestraft werde.“ Der Ex-Justizminister wird auf Weisung der SED-Spitze als „Feind der Partei und des Staates“ aus der SED ausgeschlossen und in einem Geheimprozess am 24. Mai 1955 vom Obersten Gericht zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Damit war auch das Streikrecht kein Thema mehr in der DDR. Noch im selben Jahr werden „zum Schutz der DDR“ die „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“ in Betrieben, Verwaltungen und Institutionen gegründet, die  bis zum Ende der DDR als paramilitärische Einheiten  straff organisiert waren

15. Juli 1953 An diesem Tag beginnt die Schreckens-Ära der als Nachfolgerin Fechners neu ernannten Justizministerin Hilde Benjamin als gnadenlose Vollstreckerin aller SED-Beschlüsse im Unrechtsstaat DDR

5. August 1953 Die SED-Führung dankt der Kommunistischen Partei der Sowjetunion für die „uneigennützige Hilfe“

 

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