Schau-Plätze der Geschichte

Bedeutende Plätze im Geschichtsbewusstsein der Menschheit

Besonders wichtige Ereignisse der Menschheitsgeschichte sind stets mit berühmten Örtlichkeiten verbunden. Seit der Französischen Revolution erinnern in der neueren Geschichte Plätze an gesellschaftliche Umwälzungen. Jüngst weltweit bekannt geworden ist der Maidan-Platz in Kiew. Ein Blick zurück auf mehr als 200 Jahre.

Unter den Schau-Plätzen der Geschichte ragt in der gut dokumentierten Neuzeit der Place de la Bastille in Paris als ein Denkmal für den Kampf um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit heraus. Die Gründe waren nicht weit weg von jenen heute in verschiedenen Regionen der Welt, als am 14. Juli 1789 die Bürger von Paris die gewaltigen Mauern des Staatsgefängnisses stürmten. Beim letzten Aufbäumen gegen die Kraft der Straße richtete die bewaffnete Wache der Bastille noch ein Blutbad an. Doch die Erhebung von Paris erfasste das ganze Land und führte die erste bürgerliche Revolution zum Sieg. Sie leitete, überschattet von den napoleonischen Eroberungskriegen, die Epoche bedeutender Reformen auf dem europäischen Kontinent ein.

Bastille1789

14. Juli 1789 – Der Sturm auf die Bastille

Jahrzehnte später, als infolge der Februar-Revolution 1848 die Zweite Französische Republik ausgerufen wurde, kam es in vielen europäischen Ländern zu Aufständen. Der bis dahin beschauliche Schlossplatz vor dem Sitz der Hohenzollern im Zentrum von Berlin geriet in das Hassfeld des Bürgertums, das gegen die Macht absolutistischer Herrscher aufbegehrte. Ihre Forderungen nach bürgerlichen Freiheiten führten zu Straßen- und Barrikadenkämpfen, bei denen das Militär am 18. März in die Menge schoss. Unter dem Druck des Volkes wurde Preußens König Friedrich Wilhelm IV.  gezwungen, sich vor den mehr als 300 am Vortag Gefallenen, die auf dem Schlossplatz aufbahrt wurden, zu verneigen und Zugeständnisse an das Bürgertum zu machen.

Noch hieß der heutige Platz der Republik in Berlin Königsplatz, als Philipp Scheidemann am frühen Nachmittag des 9. November 1918 aus einem Fenster des Reichstagsgebäudes das Ende der Monarchie verkündete und die freie deutsche Republik ausrief. Zehntausende Berliner und Bewohner der Vororte ringsum – Groß-Berlin entstand erst 1920 – , vorwiegend Proletarier aus den großen Rüstungsbetrieben, strebten in gewaltigen Marschzügen in das Zentrum der Stadt, um das Ende von Krieg, Hunger, Not und Kaiserreich zu fordern. Zwei Tage später floh der deutsche Kaiser außer Landes.

Während des Volksaufstandes in der DDR am 17. Juni 953 erlangte der Potsdamer Platz in Berlin traurige Berühmtheit. Mehrere Zehntausend Frauen, Männer und Jugendliche forderten Lohnerhöhungen, Senkung der Arbeitsnormen, niedrige Preise und freie, geheime Wahlen. Die Demonstranten stürmten das Columbushaus, zerstörten das darin befindliche HO-Kaufhaus, vertrieben die Polizeiwache und zündeten das Gebäude an. Während sich die Regierung in Karlshorst verkrochen hatte, fuhren russische Panzer auf, Sowjetsoldaten feuerten in die Menge, so dass es zahlreiche Tote und Verletzte gab. In fast dreihundert Orten der DDR kam es zu weiteren Protestaktionen. Mit mehr als zehntausend Verhaftungen, mehreren Todesstrafen und langjährige Gefängnisstrafen rächte sich die angeschlagene Staatsmacht.

In der ungarischen Hauptstadt Budapest erinnert der Heldenplatz an den Volksaufstand von 1956. Hier wurde am 23. Oktober ein gewaltiges Stalindenkmal vom Sockel gekippt und vernichtet. Nach tagelangen Kämpfen mit Hunderten Toten und einem Sieg der Aufständischen erklärte Ungarn seine Neutralität und trat aus dem Warschauer Ostblock-Pakt aus. Nur wenige Tage später wurde der Aufstand durch sowjetische Besatzungstruppen mit mehreren Tausend Toten auf beiden Seiten blutig niedergeschlagen. Anschließend erfasste eine Säuberungswelle das ganze Land. Mehrere Hundert Aufständische wurden hingerichtet.

Zu einem nachhaltigen Fanal für den ganzen Ostblock wurden die Ereignisse 1968 auf dem Prager Wenzelsplatz. Voll ohnmächtiger Wut mussten die Prager am 23. August miterleben, wie russische Panzer im Verein mit anderen „Bruderarmeen“ über den Platz rollten und die zarten Pflanzen des „Prager Frühlings“, der einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ anstrebte, niederwalzten. Auf diesem Platz protestierte der 21-jährige Student Jan Palach mit seiner Selbstverbrennung gegen Fremdherrschaft und Tyrannei. Aus Angst vor dem Volk wurden fortan politische Manifestationen auf diesem Boulevard verboten.

Die Initialzündung für den Zusammenbruch des sozialistischen Staatenbundes ging von der Danziger Leninwerft aus. Die Denkmäler für einen jahrzehntelangen Kampf befinden sich auf dem Solidarnocs-Platz in Danzig. 1970 fielen auf diesem  Platz drei von fast einhundert getöteten aufständischen Arbeiter, die sich trotz der militärischen Bedrohung mit Streiks und Demonstrationen gegen gewaltige Preiserhöhungen wehrten. Zehn Jahre später gründen Arbeiter hier die erste freie und unabhängige Gewerkschaft des Ostblocks mit zehn Millionen Mitgliedern, deren Wirken 1989 den Beginn der friedlichen Revolutionen in Osteuropa einleitete.

Unvergessen ist auch die Niederschlagung der Studentenproteste in China im Jahr 1989. Von April bis Juni hatte Zehntausende junge Menschen den Tiananmen-Platz in Peking besetzt und weltbekannt gemacht. Ihre Forderungen nach Demokratie, Pressefreiheit und gegen Parteiprivilegien gingen um die Welt. Am 4. Juni wurde der „Platz des himmlischen Friedens“ unter massiver Gewaltandrohung geräumt. Bei der Niederschlagung der folgenden Proteste in den Straßen der Hauptstadt gab es nach Schätzung des Roten Kreuzes mehr als 2.000 Tote. Die Bürgerrechtsbewegung in China erhielt einen großen Auftrieb.

Mit der Kundgebung von gut einer halben Million Menschen am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz schien das Schicksal der Deutschen Demokratischen Republik nach dem Sturz Honeckers bereits besiegelt zu sein. Die vom Volk in beispiellosen Aktionen friedlich eingeleitete politische Wende ging mit der Beseitigung der Diktatur einer einzigen Partei, dem Ende von Scheinwahlen und der Auflösung einer fast bankrotten so genannten volkseigenen Wirtschaft einher. Sie führte ein knappes Jahr später zum Ende der DDR und mit ihrem Beitritt zur Bundesrepublik zur nationalen Wiedervereinigung Deutschlands, die in der Nacht vom 2. zum 3. Oktober 1990 auf dem Platz der Republik von Hunderttausenden feierlich begangen wurde.

Nicht weniger eindrucksvoll haben sich im neuen Jahrhundert die Bilder eingeprägt, die Millionen Menschen weltweit an den Fernsehgeräten beim Sturz der Hussein-Statue auf dem Paradies-Platz in Bagdad miterlebten. Irakische Studenten hatten am 9. April 2003 den symbolischen Sturz des Diktators eingeleitet, benötigten dann aber die Hilfe amerikanischer Militärs, um das tonnenschwere Bronze-Monument ganz vom Marmorsocken zu holen.

Mit dem Tahriri-Platz in Kairo war für eine kurze Zeit eine erhoffte neue Epoche in der Geschichte des Landes in das Blickfeld der Menschheit gerückt. Unabhängig davon, was die Zukunft dem tapferen ägyptischen Volk bringen wird, geht das Zentrum des Protestes von Hunderttausenden Menschen inmitten ihrer Hauptstadt Anfang des Jahres 2011 in die Geschichtsbücher ein. Gelegen zwischen Nil und Cheopspyramide, so waren die Hoffnungen, werde der „Platz der Befreiung“ fortan das Ende der längsten Herrschaftszeit eines ägyptischen Potentaten symbolisieren, der vom Volk entthront wurde. 2013 übernahm das Militär die Macht, stürzte das gewählte Staatsoberhaupt und fand zu alten Zuständen zurück. Wie es weiter geht – open end!

Der Taksim-Platz in Istanbul war im Mai 2013 in das Interesse der Weltöffentlichkeit gerückt, als Zehntausende Demonstranten auf den Platz zogen, um ein Bauvorhaben zu verhindern, das den Gezi-Park einem Einkaufszentrum opfern soll. Die zunächst friedlichen Proteste eskalierten, als die Polizei ein Protestcamp räumte. Kurze Zeit später richtete sich der Volkszorn auch in der Hauptstadt Ankara und anderen Städten gegen die autoritäre Politik der islamisch-konservative Regierung unter dem damaligen Regiereungschef und späteren Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. In Istanbul verschärfte sich die Situation, als die Polizei Tränengas, Pfefferspray und Wasserwerfer gegen die Demonstranten einsetzte. Danach wurde es wieder ruhiger in Istanbul, doch der Funke ist noch nicht erloschen. Ein riesiger Korruptionsskandal, in den große Teile der Regierung einbezogen sind, rief Ende 2013, Anfang 2014 erneut das Volk auf den Plan und sorgte dafür, dass sich weltweit die Blicke der Menschen bis heute auf das zunehmend autoritär beherrschte System in der Türkei richten. Ein so genannter Putsch ermächtigte 2015 das herrschende Ein-Personen-Sytem, Tausende seiner Gegner, darunter viele Intelektuelle, Richter, Staatsanwälte und Journalisten mit fadenscheinigen Begründungen zu inhaftieren.

Seit November 2013 rückte der Maidan (Unabhängigkeitsplatz) in Kiew mehr und mehr in das Blickfeld der Öffentlichkeit. Eine von Tag zu Tag wachsende Opposition mit dem Boxweltmeister und Chef der oppositionellen UDAR-Partei Vitali Klitschko an der Spitze führte Anfang Dezember bereits 300.000 Ukrainer auf dem Platz sowie in angrenzenden Straßen  zusammen, um den Rücktritt des diktatorischen Präsidenten Viktor Janukowitsch und seiner Regierung zu fordern. „Wir müssen das ganze Land mobilisieren und dürfen nicht die Initiative verlieren“, sagte Klitschko. Im Februar 2014 hatte Janukowitsch hat nach einem Massaker auf dem Maidan heimlich die Hauptstadt verlassen. Er wurde vom Parlament abgesetzt, für Mai wurden Wahlen anberaumt. Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko wurde aus dem Gefängnis entlassen, in dem sie seit 2011 unter fadenscheinigen Gründen saß. Seit Mai 2014 ist Vitali Klitschko Bürgermeister von Kiew.

Das 21. Jahrhundert wird noch viele Plätze in das aufmerksame Interesse der Menschheit rücken.

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