Der stille Tod am Döllnsee

Walter Ulbricht starb einsam in der Schorfheide

Am 1. August 1973 herrschte am frühen Nachmittag bei strahlendem Sonnenschein in Ostberlin eine Stimmung, die das berühmte Hippie-Festival von Woodstock vier Jahre zuvor möglichst noch übertreffen sollte. Jugendliche bevölkerten Straßen, Plätze und Grünanlagen, um zu diskutieren, zu tanzen und zu singen oder sich auszuruhen vom Trubel der Nacht. Niemand griff ein, alles war – ganz gegen die übliche Ordnung im sozialistischen Vaterland – so gewollt. Die „X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten“ hatten an diesem Mittwoch Halbzeit. Noch ein paar Tage musste die Staatsgewalt gute Miene zum schönen Spiel von einer halben Million FDJ-Mitgliedern und rund 25.000 ausländischen Gästen machen. Vorsichtshalber waren mehrere Tausende Beobachter von Staatssicherheit und Polizei, getarnt als buntgekleidete Festivalteilnehmer, unter ihnen.

Plötzlich traf die Nachricht vom Tod Walter Ulbricht ein, gestorben um 12.55 Uhr auf seinem Sommersitz am Döllnsee in der Schorfheide nördlich von Berlin. Seit gut zwei Jahren von seinem Nachfolger Erich Honecker auf üble Weise kaltgestellt, erdreistete sich das Staatsoberhaupt der DDR, die Inszenierung eines weltoffenen Arbeiter-und-Bauern-Staates mit seinem Ableben zu stören. Um die Trauer in schmalen Grenzen zu halten, ließ Honecker rasch reagieren. Am Nachmittag hieß es offiziell, es sei Ulbrichts „Wunsch, dass das Festival, das so großartig und eindrucksvoll begonnen hat, erfolgreich zu Ende geführt werden möge, falls das Schlimmste für ihn eintrete, damit sich die antiimperialistische Solidarität und Freundschaft weiter festige und der Frieden sicherer werde“.

Als Reporter begab ich mich am frühen Nachmittag in den Trubel der Straße und fragte am Fernsehturm ein paar Jugendliche, ob sie wüssten, dass Walter Ulbricht tot sei. Sie reagierten, als hätte ich ein unsittliches Angebot unterbreitet. Einer lief rasch zu einem älteren Blauhemdträger und flüsterte ihm etwas ins Ohr. In gerader Richtung kam dieser auf mich zu: „Was erzählen Sie unseren Freunden?“ Ich antwortete, dass der Staatsratsvorsitzende der DDR gestorben sei. Als er mich wie einen üblen Gerüchtemacher anschaute, wies ich auf den Amtssitz des Staatsrates, auf dem die Fahne auf Halbmast gesetzt war. Daraufhin stiefelt er zu einem anderen Mann im Blauhemd, der noch älter war als er, um zu fragen, ob Ulbricht auch für die Jugend gestorben sei.

Nachdem die Weltfestspiele ohne weitere Beeinträchtigung der Stimmung verklungen, alle Gäste wieder nach Hause gereist waren und die alte „Ordnung“ wieder hergestellt war, begann die verordnete Trauer. Wir hatten schon vermutet, er werde „auf eigenen Wunsch“ in aller Stille beigesetzt. Doch nein, am 7. August gab  es einen Staatsakt „aus Anlass des Ablebens des Genossen Walter Ulbricht, Mitglied des Politbüros des ZK der SED, Vorsitzender des Staatsrates der DDR“.  Eigenartigerweise wurde sein Ehrenamt „Vorsitzender der SED“ – nicht etwa Ehrenvorsitzender! – , das man nach seinem Sturz als Trostpflaster für ihn erfunden hatte, nicht erwähnt.

Die Trauerfeier fand im Amtssitz des Staatsrates statt. Die Gedenkansprache hielt – damit auch ja kein Wort der Würdigung zu viel gesagt wurde – SED-Chef und Ulbricht-Nachfolger Erich Honecker. Noch einmal strafte er ungerührt den Mann ab, der ihn wenige Jahre zuvor noch aller Funktionen entbinden und in die „Wüste“ schicken wollte, was allein das Veto aus Moskau verhinderte und Honeckers Arsch rettete. Die Zeit der totalen Moskau-Hörigkeit Ulbrichts, die mit der Zwangsvereinigung von SPD und KPD, der Niederschlagung des 17. Juni und dem Mauerbau einhergeht, hatte mächtige Risse bekommen. Der „Spitzbart“, wie er im Land genannt wurde, begann sich in den Sechzigerjahren vom starren sowjetischen System zentralistischer Wirtschaftsführung zu lösen und die Wirtschaft zu reformieren.

Mit großem Interesse verfolgte er die Tätigkeit westlicher Konzerne sowie die begonnenen Reformen in der CSSR unter Alexander Dubcek, die mit dem Einmarsch von Warschauer Paktstaaten ihr jähes Ende fanden. Ulricht hatte Dubcek sogar noch vorgeschlagen, sich von einigen moskauhörigen Hardlinern in seiner Führung zu trennen. Doch es half nichts mehr. Für einen militärischen Einmarsch ist er, im Gegensatz zu Honecker, mit solcher Schärfe nicht gewesen.

Bis 1970 unternahm Ulbricht noch wesentliche Schritte in Richtung Marktöffnung und Eigenverantwortung der Unternehmen, um den Gesetzen der Ökonomie mehr Spielraum zu geben. Westdeutsche Ökonomen sprachen schon von einem „Wirtschaftswunder DDR“. Das hätte bedeutet, dass die in der ökonomischen Ausbildung weitgehend unbedarften Apparatschicks in der SED-Führung Macht und Einfluss an die Manager der Wirtschaft verlieren würden. „Kronprinz“ Honecker und Co. bliesen zum Halali gegen Ulbricht.

WuDu68Walter Ulbricht und Alexander Dubcek vor der Niederschlagung des“Prager Frühlings“

Ich hatte in den zurückliegenden zwei Jahren nach Ulbrichts Sturz mehrfach erlebt, wie der alte Mann vorgeführt wurde von seinem einstigen Ziehsohn. Seine letzte Rede, die er in der Sowjetbotschaft halten durfte, musste ich völlig neu schreiben, weil Ulbricht keinen zusammenhängenden Satz mehr zu formulieren imstande war, während er wenige Jahre zuvor stundenlang über schwierigste Themen frei zu sprechen vermochte. Kein einziges Wort in Honeckers 133 Zeilen langer trauriger Trauerrede bezog sich auf Ulbrichts Neuorientierung der Wirtschaft durch die Kombinatsbildungen und die eingeleiteten Reformen, die zu einem rasanten Aufschwung wichtiger Industriezweige vom Schiffbau bis zum Textil- und polygraphischen Maschinenbau, von der Chemie bis zum Kalibergbau reichten. Alle diese hoffnungsvollen Ansätze für einen wirtschaftlichen Aufschwung der DDR wurden unter Honecker aufgegeben und verspielt, das Land versank in Schulden. Man werde, so beendete Honecker seine Gedenkrede, „auf den Bahnen des VIII. Parteitages die Sache des Sozialismus“ weiter voranführen. Also nicht auf Ulbrichts eingeleiteten neuen Bahnen, sondern auf jenen Honeckers, die zum wirtschaftlichen Abgrund führten. Daran können auch späte Biographien nichts ändern, die in vielen Dingen an der Wahrheit vorbeigehen.

K640_Botschaft

Walter Ulbricht mit Botschafter Pjotr Abrassimow bei einem seiner letzten Auftritte in der sowjetischen Vertretung Unter den Linden  1972, bei der Honecker seinen Ziehvater als alt und gebrechlich „vorführte“. (Im Hintergrund rechts der Autor, der die letzte missglückte Rede Ulbrichts praktisch neu schreiben musste.)

Am späten Nachmittag jenes trüben Augusttages wurde der Sarg des langjährigen Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates vor dem Staatsratsgebäude von acht Generalen auf eine Lafette gehievt und durch ein Ehrenspalier der Nationalen Volksarmee in das Krematorium Berlin-Baumschulenweg übergeführt. Kränze, Samtkissen mit sämtlichen Orden Ulbrichts sowie die Partei- und Staatsführung folgten im langen Konvoi dem Sarg. Man ließ es an nichts fehlen, um Ulbricht endgültig los zu werden. Ein letztes Mal ehrte man halbherzig den Mann, der wie kein anderer die DDR geprägt hatte und möglicherweise wie kein anderer aus seiner Umgebung den Weg in die Sackgasse des sozialistischen Zentralismus, nicht nur in der Wirtschaftspolitik, erkannte. Seine anfangs hoffnungsvolle Jugendpolitik Mitte der Sechszigerjahre war bereits von Honecker und den Hardlinern seiner Gefolgschaft verhindert worden.

Die Zeitungen druckten, was die SED-Führung aufgeschrieben und ließen weg, was die auch weggelassen hatte. Von nun an fiel Walter Ulbricht der offiziellen Vergessenheit anheim. Betriebe und Akademien mit seinem Namen wurden umbenannt, Briefmarken mit seinem Porträt – eine Trauermarke wurde zwar noch aufgelegt – bald aus dem Verkehr gezogen und er selber aus Geschichts- und Schulbüchern getilgt, als hätte es ihn nie gegeben. Gipfel der Schäbigkeit war, dass noch zu seinen Lebzeiten das Walter-Ulbricht-Stadion, in dem die Abordnungen aus aller Welt einmarschiert waren, in Stadion der Weltjugend umbenannt wurde. Immerhin  bekam er einen Platz im Rondell der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde zugewiesen, was seinem Nachfolger bis heute versagt ist.

Inzwischen gelten die späten Jahre der Herrschaft Ulbrichts als die hoffnungsvollsten in der Geschichte der DDR. Von da an ging´s bergab.

Siehe auch:
Das Ende einer Ära – Wie der Versuch vielversprechender Wirtschaftsreformen  in der DDR
Ein Denkmal wird entstaubt – Wie ein Nachfolger Ulbrichts seinen
    Vorvorgänger aus der “Versenkung” holt
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2 Kommentare

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