Ich fuhr die First Lady

Georg Melzer erinnerte sich an Margot Honecker

Nach dreijährigem Dienst beim Grenzregiment 31 in Berlin war der Thüringer Georg Melzer, Jahrgang 1948, ab 1971 Kraftfahrer im Volksbildungs- ministerium in Berlin und ab Sommer 1974 bis Ende 1989 persönlicher Chauffeur der Ministerin Margot Honecker. In langen Gesprächen mit dem Autor schilderte Melzer, der in den Neunzigerjahren verstorben ist, seine Zeit mit der First Lady der DDR.

Der Beginn: „Ich bin die Margot“, sagte sie, als ich mich vorstellte. „Und du bist also der Schorsch. Wir wollen es dabei belassen. Das heißt, bei offiziellen Anlässen…“ Ich wusste, dann hieß es „Genossin Minister“. Zum ersten Mal fuhr ich die Chefin am 27. August 1974. Sie kam aus Polen, war Dr. h.c. geworden, worauf sie als einstige Telefonistin großen Wert legte. Ich holte sie am Ostbahnhof ab, verstaute das Gepäck und fuhr los, aufgeregt und nervös. Margot legte ihre linke Hand auf meinen Arm und sagte: „Schorsch, ganz ruhig, fahr einfach wie immer.“

Der Alltag: In Wandlitz hatte ich mir alles genau eingeprägt. Ich kannte die Tore des Außen- und des Innenringes, den Weg durch die Wohnsiedlung der Politbüromitglieder zum grauen, zweigeschossigen Haus mit der Nummer 11 der Honeckers. Mein Freifahrtschein öffnete alle Tore. Die Posten salutierten.

Montags, mittwochs und freitags holte ich Margot um 7.30 Uhr in der Waldsiedlung ab. Dienstags und donnerstags um 8 Uhr. An den Tagen, an denen ich um 7.30 kam, war Erich Honecker noch im Haus. Dann stand das Fahrrad der Masseurin Erika vor der Tür. Sie war stets mit einer weißen Hose und einem rosafarbenen Kittel bekleidet. Wenn Margot weg war, massierte sie den Generalsekretär und frühstückte danach mit ihm.

Gegen alle Empfehlungen setzte sich Margot im Auto neben mich, erklärte mir, was tagsüber anliegt oder wann ich bei ihrer Tochter Sonja zu sein hatte, um etwas zu erledigen. Im Wagen hörte sie den Berliner Rundfunk, überschlug gelangweilt die Politikseiten im „Neuen Deutschland“ und vertiefte sich in den Kulturteil. Da kam es schon mal vor, dass sie aufgebracht sagte: „Was schreibt der wieder für eine Scheiße zusammen. Der muss doch blöd sein.“

Nach etwa 20 Minuten hatten wir die 33 Kilometer bis zum Ministerium passiert. Sie mochte nicht, dass ich mehr als 110 Stundenkilometer fuhr, obwohl ich mit dem so genannten A-Schein des Innenministers, den viele Partei- und Staatsfunktionäre besaßen, fahren konnte, so schnell wie ich wollte.

Ihre Handtasche: Meistens hatte Margot, wenn sie dienstlich unterwegs war, eine schwarze Ledermappe mit ihren Unterlagen bei sich, die ich oft an mich zu nehmen hatte. Wenn sie mir einmal ihre Handtasche anvertraute, ein stets zum Kostüm passendes Modell, hatte ich besonders gut aufzupassen. In der war nämlich ein kleiner verchromter Browning. Ob sie damit umzugehen verstand, habe ich nie erfahren.

Melzer2Georg Melzer   vor dem Honecker-Haus

Das Outfit: Margots Kleidungsstil war sehr konservativ. Sie bevorzugte Kostüme von hell- bis dunkelgrau oder zuweilen auch blau, der Lieblingsfarbe ihres Mannes. Dazu elegante Blusen. An heißen Tagen genügten ihr Rock und Bluse, was mich veranlasste, sportlich im offenen Hemd zu fahren. Kaum dass ich sie mal in einem bunten Kleid gesehen hätte. Die Röcke gingen immer bis kurz unter die Knie. Wenn sie im Auto ein klein wenig mehr frei gaben, bewunderte ich ihre Beine. Sie waren etwas stramm, gefielen mir aber. Als ich einmal bei Rot an der Kreuzung einem Minirock nachschaute, sagte sie spitz: „Schorsch, vergiss die Ampel nicht.“ Margots bevorzugter Einkleider war Arthur W. von der hochpreisigen „Exquisit“-Handelskette. Sie besuchte ihn oft in seinem Büro in der Leipziger Straße, wo er sie stets mit Küsschen empfing. Dann hat er bis zu zwei Stunden Maß genommen oder ihr seine neuen Entwürfe gezeigt. Beim Abholen der Kleidung bezahlte ich immer so zwischen 500 und 3000 Mark. Das Geld dafür bekam ich von Margots Sekretärinnen Eva oder Waltraud.

Die Frisur: Ansonsten trug Margot nur eine dünne Halskette, keine Ohrclips oder Broschen, keine Ringe – nicht einmal einen Ehering. Allerdings leistete sie sich den unergründlichen Luxus lila schimmernder Haare. Ihre Friseurin Martina im Haus des ZK der SED hielt diese Farbe nur für sie bereit. Als Politbürokandidatin Inge Lange ebenfalls einen Lilaschimmer in ihr Haar arbeiten ließ, gab sie der Friseuse den Rat, dieses Lila von ihrem etwas zu unterscheiden. Auch die von ihr bevorzugte Bezirksschulrätin Lilo Dams aus Rostock nahm sich der Farbe an, später auch die FDGB-Vizechefin Johanna Töpfer.

Die Familie: Zweimal im Monat besuchte Margot ihren Vater Gotthard Feist in seinem kleinen Häuschen in Berlin-Mahlsdorf. Zwischendurch wurde ich mit größeren Paketen zu ihm geschickt, brachte ihm Westprodukte aus der Verkaufsstelle in der Waldsiedlung, darunter Bier in Büchsen und frische Südfrüchte. Einmal fragte sie mich, ob ich ihren Vater von der Kur in Tambach-Dietharz im Thüringer Wald abholen könne. Es klang wie eine Bitte, doch war es für mich ein klarer Auftrag.

Vor dem Untersuchungsausschuss gegen Korruption und Amtsmissbrauch nach der Wende hat Margot behauptet, sie habe ihre Einkäufe im Wesentlichen in Berlin erledigt. Dazu kann ich nur sagen: Ich habe sie nie zu einem Geschäft oder einer Kaufhalle zum Einkaufen gefahren. Dagegen wurde ich viele Male nach Wandlitz geschickt, um für Tochter Sonja Speisen aus der Waldsiedlung zu besorgen, zum Beispiel wenn die jungen Leute in der DDR lebende Chilenen zu Gast hatten

Margots um drei Jahre jüngerer Bruder, Manfred Feist, war selten bei den Honeckers. Er war sozial abgesichert mit der Funktion eines Abteilungsleiters im SED-Zentralkomitee und dort für den Friedensrates und die Liga für Völkerfreundschaft zuständig. Das Verhältnis Honeckers zu seinem Schwager war wenig familiär. Manfred, hieß es, war nicht übermäßig mit Intelligenz ausgestattet. Sie reduzierte sich auf das sorgsame Ablesen vorgeschriebener Reden. Dagegen entging seiner starken Brille kein Frauenpopo.

Die Tochter: Tochter Sonja, die in Dresden studierte, hatte dort den Chilenen Leo Yanez kennen gelernt und nach anfänglichem Sträuben der Eltern geheiratet. Ihr erstes Kind, Sohn Roberto, genannt Robby, war ein Ausbund an Temperament und Intelligenz gleichermaßen. Aus dem Ausland ließen die Großeltern für ihren Enkel auserlesene Spielzeuge einfliegen, die dieser aber oftmals wenig schätzte. Als Robby in den Kindergarten in der Leipziger Straße kam, rief er aus: „Da hängt ja mein Opa.“ Die Mutter sorgte dafür, dass Honeckers Bild von der Wand kam.

„Klecksi“: Mit 12 Jahren wollte Robby ein Pferd. Das ging natürlich nicht, dafür bekam er Mitte der Achtzigerjahre einen Cockerspaniel, der im Hause der Honeckers lebte. Das war der falscheste Hund, den ich je erlebt habe. Margot bekam sich mit Erich in die Haare: „Der macht mir auf den Teppich, dieses Vieh.“ Deswegen nannte sie ihn „Klecksi“. Einmal hat der Köter sie ins Bein gebissen. Doch das war nicht sein einziges Vergehen: Der Haushälterin Irmchen biss er in die Hand und Eberhard vom Personenschutz mussten die Honeckers eine Hose ersetzen. Das Vieh war heimtückisch. Klecksi schlich sich von hinten an und schnappte plötzlich zu. Erich führte ihn oft an der Leine spazieren. Ich glaube, er war der Einzige, der sich mit dem Hund verstand. Nach etwa zwei Jahren wurde er zu Robbys Bedauern an die Försterei abgegeben.

Die Tragödie: Das Schicksal der knapp zweijährigen Marie Anfang 1988 hat die Großeltern schwer getroffen. Das Kind hatte Probleme mit den Atemwegen, kam in das Regierungskrankenhaus nach Buch. Eine Woche kämpften die Ärzte gegen einen unbekannten Virus. Es nützte nichts, eines Nachts starb die Lieblingsenkelin Erich Honeckers. Die Ärztliche Direktorin und Leibärztin Honeckers, Prof. Helga Wittbrodt, wurde entlassen In diesen Tagen habe ich viele Fahrten gemacht, sah Margot und ihren Mann mit verweinten Augen. Nach der Beerdigung des kleinen süßen Blondschopfes auf dem Friedhof in Pankow war die Familie ein Wochenende im ZK-Heim in Barbe, um sich etwas abzulenken. Margot hat sehr gelitten.

Die Gerüchte: Margot wurden verschiedene Verhältnisse mit Prominenten nachgesagt. Da wurden der Schauspieler M., der Sänger N., der Quiz-Master P., ihr Modedesigner und andere genannt. Ich kann keines davon bestätigen. Ich weiß aber, wo ich sie häufig absetzen musste, ohne dass es nach dienstlichen Obliegenheiten aussah: Am alten Bahnhof in Wandlitz stieg sie über Jahre mehrmals im Monat aus, schickte mich weg und ging zu Fuß weiter. In Eichwalde, wo einige DDR-Künstler wohnten, hatte ich sie stets am Wasserturm abzusetzen, um sie erst nach Stunden wieder abzuholen. Mitunter fuhr sie auch allein mit ihrem weißen Wartburg aus der Waldsiedlung. Dabei versteckte sie sich unter einem bunten Kopftuch und hinter einer großen Sonnenbrille.

Freundschaft: Eine enge Freundschaft verband Margot mit Egon Krenz. Als Egon noch als FDJ-Chef Unter den Linden residierte, fuhr sie abends oft zu ihm. Mitunter war es fast Mitternacht, da kam sie froh gelaunt und sogar etwas angeheitert aus dem Zentralrat und erklärte: „Schorsch, es ist etwas später geworden, aber wir haben uns noch die Spätausgabe der Aktuellen Kamera angeschaut.“ Ich enthielt mich jeden Kommentars.

Nach offiziellen Veranstaltungen in der „Pionierrepublik“ am Werbellinsee  wurde nicht selten bis in die Nacht unter führenden Berufsjugendlichen, wie wir sagten, gefeiert. Nach Stunden des Wartens erfuhr ich dann endlich, dass Egon Krenz Margot mit nach Wandlitz nehmen würde. Beim Pioniertreffen in Karl-Marx-Stadt war es Verteidigungsminister Heinz Keßler, der sich tagelang rührend um Margot bemühte. Ich erfuhr, dass sich Keßler in jungen Jahren, als er im FDJ-Vorstand arbeitete, ernsthaft um die hübsche Pionierchefin bemüht haben soll. Doch die hatte sich für Erich entschieden.

Unterwegs: Wir sprachen unterwegs auch über tagesaktuelle Themen. Als Werner Lamberz, der große Hoffnungsträger als Honecker-Nachfolger, 1978 in Libyen mit weiteren Personen im Hubschrauber ums Leben kam, erinnerte ich mich an ihre Worte: „Mit Werner kommt frischer Wind in die Parteiführung.“ Lamberz hatte einige Reformpläne, beginnend bei einer lesbaren Presse. Ich machte keinen Hehl aus meiner Meinung, dass Lamberz einem Komplott zum Opfer gefallen sei. Margot hat mir nie widersprochen, nur geschwiegen.

Als wir einmal vor einer Fleischerei außerhalb Berlins vorbeifuhren, vor der sich eine Menschenschlange gebildet hatte, fragte mich Margot, ob ich wüsste, warum die Leute anstünden. Ich erklärte ihr, dass es im Moment Probleme mit der Fleischversorgung gäbe. Spontan brach es aus ihr heraus: „Was haben diese Idioten da wieder für eine Scheiße geplant. Die Kühlhäuser hängen doch voll.“ Sie wusste und ahnte nicht einmal, wie kritisch die Versorgungslage war und wie viel aus DDR-Schlachthöfen in den Westen verkauft wurde.

Anfang der Achtzigerjahre sprachen wir natürlich auch über die polnische Gewerkschaftsbewegung Solidarnocz. „Diese Verbrecherbande will das Land aus dem Untergrund heraus aufrollen. Walesa ist doch ein ausgemachter Verräter.“ Sie beschimpfte die polnische Regierung, weil sie machtlos zusehe. Mit dem Kriegsrecht 1981 glaubte sie, dass alles wieder wie vorher werden würde.

Wenig Sympathie brachte sie Michail Gorbatschow und seiner Perestroika entgegen. „Das Alkoholverbot ist ein Rückfall in finsterste Zeiten der Prohibition in Amerika, das steht der nie und nimmer durch“, sagte Margot. Ganz vehement wandte sie sich gegen einen Pluralismus in der Gesellschaft. „Da kann ja jeder Schmierfink schreiben, was er will“, sagte sie. „Sieh dir doch dieses Wurstblatt ‚Sputnik‘ an, der sollte verboten werden bei uns.“ Kurze Zeit später, im Dezember 1988, wurde das in deutscher Sprache bei uns verkaufte sowjetische Magazin tatsächlich verboten.

Die Wut: Eine unbeschreibliche Wut hatte Margot auf die Philosophin und Beraterin ihres Mannes Raissa Gorbatschowa. „Beim Besuch ihres Mannes zum SED-Parteitag hatte die nichts eiligeres zu tun, als in Westberlin einzukaufen“, fauchte Margot, die bequem für Ostmark Westwaren im Laden in der Waldsiedlung einkaufen konnte, der für mich als Kraftfahrer tabu war. Margot ist bei diesem Parteitag 1986 auch nicht zum Empfang gegangen, um Raissa nicht zu begegnen. Wütend  war sie, dass Raissa ihren Mann auf den Reisen begleitete. Sie misstraute solchen Gattinnen von Staatsmännern generell: „Die liegen zu Hause auf der faulen Haut, sind nicht berufstätig, haben nichts zu tun und kosten mit diesen Reisen dem Staat viel Geld.“ Während des Gorbatschow-Reagan-Gipfels in Washington schimpfte sie: „Was haben die Weiber da zu suchen, wo über Weltpolitik entschieden wird?“

Während des Staatsbesuchs Erich Honeckers in der Bundesrepublik Deutschland im September 1987 hatten wir wieder ein tägliches Gesprächsthema. Mächtig sauer war sie auf Kohl: „In Bonn wurde Erich je schmählich empfangen. Gerade das Nötigste an Protokoll. Der Kohl spielt mit falschen Karten“, kommentierte sie. Tage später war sie des Lobes voll: „Der Empfang bei Strauß in München war dem eines Staatsgastes würdig.“

Die Fluchtwelle: Als die Welle der Flüchtenden im August, September 1989 nicht mehr zu stoppen war, ließ Margot mir gegenüber ihren ganzen Groll gegen die Ungarn raus. „Die haben das ganze sozialistische Lager verraten. Es war ihnen ja nie recht zu trauen.“ Dann wurden auch die führenden Leute der damaligen CSSR beschimpft, die „ebenso wie die Ungarn Verrat am Sozialismus begehen“.

Zur Massenausreise sagte sie: „Ich kann das nicht begreifen. Sind die Leute so blöd? Haben die nicht in der Schule gelernt, was Kapitalismus bedeutet?“ Oder sie lamentierte: „Wir haben die Leute hochkarätig ausgebildet, die drüben wollen nun den Nutzen daraus ziehen.“

Die Rivalin: Honeckers Sekretärin, der schwarzhaarigen, etwas pummeligen Elli Kelm, galt Margots besonderer Zorn. Honecker kannte seine Sekretärin, die fast Jahr für Jahr ebenso wie ihr Mann, der Professor und Staatssekretär wurde, einen Orden angehängt. Standen sie einmal nicht auf der Auszeichnungsliste, sagten wir unter uns, die wurden offensichtlich vergessen. Als Margot einmal in einer Besprechung war und Elli aus dem „großen Haus“ anrief, wo sie denn bleibe,  Erich erwarte sie, war sie stinksauer. Wie könne die sich erlauben, sie in einer Beratung zu stören, sagte sie zu mir. „Erst kommt Elli, dann der Generalsekretär, so ist wohl neuerdings die Reihenfolge!“

Ich glaube, dass Margot schon wegen Elli nie auf eine Auslandsreise mitfuhr, auf der die Sekretärin immer in bevorzugter Nähe ihres Chefs wohnte. Die Gerüchte über dieses enge Verhältnis waren auch Margot nicht unbekannt geblieben.

Das Ossietzky-Drama: Als im Oktober 1988 vier Schüler von der Erweiterten Oberschule „Carl von Ossietzky“ in Pankow flogen, weil sie mit ihren Fragen zu Militärdienst und Rüstung angeblich „staatsfeindliche Propaganda an der Schulwandzeitung“ betrieben, hat Margot die Aktionen ihres Staatssekretärs voll getragen. Aus Gesprächen entnahm ich ihr volles Einverständnis. In ihrem Sekretariat bekam ich die Briefe, die ich zu den Eltern der betroffenen Schüler nach Buch und Pankow bringen musste. In  Diskussionen  warf sie den für die Stasi arbeitenden Leuten in den Schulen Unfähigkeit vor. „Die haben viel zu spät reagiert. Wo soll das  hinführen, wenn sie die Lage nicht im Griff haben.“ Nie hat sie sich in den vielen Gesprächen, die ich mitbekam, mit den tatsächlichen Fragen der jungen Leute beschäftigt.

Das Ende: Je mehr die oppositionellen Aktionen in der DDR zunahmen, umso mehr äußerte Margot ihren Unmut über diese Leute. „Was wollen die denn, ihnen geht es doch gut“, meinte sie. Ihre grundsätzliche Meinung war mir durch ihre Einstellung zu Solidarnosc und Perestroika bekannt. Merklich ruhiger, in sich gekehrt und schweigsam erlebte ich sie nach dem Sturz ihres Mannes am 18. Oktober. Einen Tag, bevor sie selbst nach harten Vorwürfen in der Öffentlichkeit über ihre verfehlte Bildungspolitik, über die Erziehung ganzer Generationen zum Lügen und Anpassen zurücktrat, gab sie mir den Rat, mich nach einem neuen Job umzusehen.

Meine letzte Fahrt mit ihr ging Anfang November 1989 nach Wandlitz. Schweigens saß sie neben mir, schien sich das Gehirn zu zermürben über das Ende einer Ära, die sie maßgeblich mit gestaltet hat. Ich setzte ich sie  vor dem Haus Nummer 11 ab. Sie gab mir die Hand: „Schorsch, leb wohl, alles Gute für dich.“ Dann verschwand sie.  Ich fuhr zurück, gab den Wagen ab, kündigte und begann Taxi zu fahren.

Für mich war sie nicht die Hexe, als die sie oft dargestellt wird. Ich bin mir auch nicht sicher, dass Freude und Beifall Tausender Lehrer und Schüler bei ihren Besuchen in Schulen gegen den Willen aller Anwesenden inszeniert worden waren.

Aber ich war auch nur ihr Fahrer.

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Tietelbild Geschichten

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4 Kommentare

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4 Antworten zu “Ich fuhr die First Lady

  1. Es jirscht!

    Anfang 1988 soll mein Studienkollege Frank in Berlin in einer Betriebsberufsschule die Frau Minister durch die frisch gemalerten Gänge und Klassenräume führen. Rund um die präsentierten Räume ist vieles dem Verfall preisgegeben. Die Margot erscheint und merkt schnell, dass der junge Kollege, der sie durch den Betrieb führt, wie sie auch aus Halle stammt und schnell wird die Führung zu einem Gespräch über gemeinsame Örtlichkeiten und Begrifflchkeiten in Halle. Es geht um „sich dammfeichte machen, fucht`ch, Rotzleffel, töppern, friemeln“ und einen Begriff für „Sauwetter“ in Halle – „es jirscht!“ Die neuen weißen Wände und neuen Overhaedprojektoren auf den Lehrertischen dieser Potomkinschen Präsentationsmaßnahme werden kaum von der Frau Minister kaum wahrgenommen. Sie parliert mit immer mehr Begeisterung mit Frank hallenserisch. Zwei Wochen später regnet es Orden. Frank bekommt auch einen Orden und eine satte Prämie. Danach stellt er einen Ausreiseantrag und wird sofort als Betriebspädagoge entlassen. Berufsverbot! Ein Jahr später ist Frank in Westberlin. Er hat vom Potomkinschen Dorf DDR die Schnauze voll! (http://www.rhebs.de/bln/d572/)

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