Ein Denkmal wird entstaubt

 Wie ein Nachfolger Ulbrichts seinen gestürzten Vorvorgänger aus der „Versenkung“ holt / Von Klaus Taubert

Es ist nicht einfach Walter Ulbricht ein Denkmal zu setzen, wenn man ihn über Jahrzehnte behandelt hat, als hätte es ihn nie gegeben. Für den gerade erschienenen Band „Walter Ulbricht – Zeitzeugen und Zeugnisse“ von mehr als 600 Seiten aus dem Verlag Das Neue Berlin hat Egon Krenz als kurzzeitig amtierender übernächster Nachfolger Ulbrichts das Vorwort geschrieben, das deutlich die Rolle rückwärts erkennen lässt.

Angesichts der Biografie Ulbrichts fordert Krenz mehr Respekt „vor dem Leben eines deutschen Antifaschisten mit kommunistischer Gesinnung“. Dabei unterschlägt er, dass es die eigenen Genossen und Kampfgefährten waren, die Ulbricht nach dem intrigenhaft inszenierten Sturz 1971, für den sie ohne Breshnews Hilfe nicht den Arsch in der Hose hatten, fallen ließen wie eine heiße Kartoffel. Noch in seiner Zeit als SED-Chef wurde hinter Ulbrichts Rücken dessen erfolgversprechender Kurs der Wirtschaftsreformen sabotiert und im Interesse des eigenen Machterhalts von Honecker und Co. einer zentralistisch gesteuerten Wirtschaft russischer Prägung geopfert.

Abstieg in die Schuldenrepublik

Unter Ulbricht hatte das Land – letztmalig in seiner Geschichte – kaum Schulden, und ein Viertel des Nationaleinkommens wurde in Erneuerung und Erweiterung der ökonomischen Basis gesteckt. Industriezweige wie Schiffbau, Chemie, Maschinenbau und andere exportierten ihre Spitzenerzeugnisse weltweit. Die durch die vorrangige Entwicklung exportintensiver Unternehmen entstandenen Versorgungsengpässe für die eigene Bevölkerung waren Anfang der Siebzigerjahre weitgehend überwunden.

Dennoch verließ der ökonomisch unbedarfte Honecker den Reformkurs Ulbrichts und führte die Wirtschaft zurück in den Verantwortungsbereich der SED, dem Ulbricht nur ungenügende Kompetenz zugestand. Seine Kritik galt vielen Parteisekretären, die ohne ausreichende Weiterbildung ihrer Verantwortung nicht gerecht werden könnten.

Ulbricht sang die Hymne noch mit

Ulbricht sei Patriot gewesen und damit auch überzeugter Gegner der Teilung Deutschlands, konstatiert Krenz. Tatsächlich, unter und mit ihm wurde die DDR-Hymne mit „Deutschland, einig Vaterland“ noch gesungen. Mit seiner Forderung „Deutsche an einen Tisch“ strebte Ulbricht eine deutsch-deutsche Konföderation an. Er orientierte sich bei der Neugestaltung der ostdeutschen Wirtschaft am Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik und verfolgte aufmerksam den Reformkurst von Alexander Dubcek, an dessen Niederschlagung die DDR nicht beteiligt war. Als sich die Regierungschefs Willi Stoph und Willy Brandt in Erfurt und danach in Kassel um deutsch-deutsche Annäherung bemühten, beendete der Kreml die hoffnungsvolle Politik. Über das Verhältnis zur Bundesrepublik würde allein in Moskau entschieden! Ulbrichts Stern war im Sinken, die Witze über ihn kamen aus dem eigenen Apparat.

FotoUlbAus dem Bildband von 1968 „Ein Leben für Deutschland“: Walter und Lotte Ulbricht 1961 bei Familie Röhr in Eichwege.  Unterwegs zu neuen Erkenntnissen?

Die verschwiegene Entlassung

Ulbricht hätte sich im Politbüro distanziert, und er sei alt geworden, schreibt Krenz. Doch von Senilität war er laut ärztlicher Einschätzung weit entfernt. Vielleicht war er, der einstige moskauhörige Hardliner, aus Erfahrung klüger geworden und hatte den anderen alten Herren voraus, dass er die Zeichen der Zeit erkannte und Wissenschaft und Technik einen größeren Stellenwert in der Wirtschaftspolitik einräumte. Er durchschaute das intrigante Spiel Honeckers gegen seine Reformen, entband diesen 1970 von allen Funktionen, um ihn zur Weiterbildung zu schicken. Honecker beschwerte sich in Moskau und musste tags darauf wieder in alle Funktionen eingesetzt werden. Nichts davon bei Krenz.

Wenige Tage später war ich Zeuge einer Rede Ulbrichts in Rostock, in der er anderthalb Stunden frei und voller Leidenschaft über seine weiteren Reformen sprach, die Auswirkungen auf alle gesellschaftlichen Bereiche erkennen ließen. Nichts davon wurde veröffentlicht. Ein Satz nur aus dieser Rede: „Alte Methoden des Administrierens von oben sind abzubauen, neue, wissenschaftliche  Methoden der Planung  auszuarbeiten.“ In Archiven ist nachzulesen, wie sich Ulbricht auch noch nach seinem Sturz beharrlich für die Fortsetzung seines Kurses einsetzte und viele Mängel kritisch beim Namen nannte, ohne dass seine Worte Widerhall fanden.

Der beschämende Nachruf

Nach Ulbrichts Tod am 1. August 1973 hielt sein Nachfolger auf dem Staatsakt am 7. August die Trauerrede. In 133 saft- und kraftlosen Zeilen erwähnt Honecker nicht ein einziges Mal Ulbrichts Leistungen für die Volkswirtschaft der DDR, in der westliche Ökonomen bereits ein ostdeutsches Wirtschaftswunder erkannten. Kein Wort zu den Reformen, die die späten Sechzigerjahre zu den erfolgreichsten der DDR machten. Sie schufen die Grundlage für einen nun folgenden gnadenlosen Verschleiß der Volkswirtschaft in der Ära Honecker, die ein Jahrzehnt später als international kreditunwürdig mit westdeutschen Milliarden-Krediten über Wasser gehalten wurde. Dazu kaum ein Wort bei Krenz.

Nichts sollte nach Ulbrichts Tod mehr an den Mann erinnern, der wie kein anderer die DDR geprägt hat. Bald verschwand der Ehrenname „Walter Ulbricht“ von Betrieben und Bildungsstätten. Bücher von und über ihn wurden eingestampft, die achtbändige Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, die unter seiner Regie herausgebracht wurde, hatte ausgedient. Keine Straße, kein Platz wurde nach Ulbricht benannt. Auf dem Krönungsparteitag Honeckers 1971 gab es geharnischte Kritik an Ulbricht und schlecht getarnte unflätige Bemerkungen über dessen Reformkurs. Soviel zum Respekt.

Wenige interessante Details

Unter den 70 Persönlichkeiten, die in dem Buch interviewt werden, sind nur wenige, die nicht unter Ulbricht zu Ruhm und Ehre kamen. Dennoch gibt es ein paar Interviews mit interessanten Details, wie jene mit Valentin Falin, Prof. Alfred Kosing, Dr. Herbert Weiz, Hans Reichelt, Prof. Kurt Wünsche und dem „Leibarzt“ Dr. Rainer Fuckel, die in gewisser Weise das Vorwort konterkarieren. Allerdings reicht das nicht aus, um ein abgerundetes Bild über eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts zu zeichnen. Dazu sollte man unabhängige Historiker befragen und das Vorwort nicht vom ehemaligen „Kronprinzen“ desjenigen schreiben lassen, der Ulbricht gestürzt hat.

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