Bei meinen Vorfahren

Mein ältester nachgewiesener Vorfahre in Mitteleuropa ist nach heutigem Wissensstand der Homo erectus, also der Urmensch. Genauer: der Homo erectus bilzignslebenensis. Also nichts wie hin nach Bilzingsleben, zumal es nicht weit von meinem Geburtsort liegt. Das mag kein Zufall sein. Mein Urahn wäre zwar inzwischen schon 370.000 Jahre alt, also erheblich älter als der im Urmensch-Museum Steinheim vorgestellte Homo steinheimensis, der es nur auf rund 250.000 Jahre bringt. (Es soll sich um eine Frau von etwa 25 Jahren handeln, die erschlagen wurde.) Was unser Vorfahre hinterlassen hat, ließ die Archäologen weltweit aufhorchen.

Gelegen im Landkreis Sömmerda am Nordrand des Thüringer Beckens, hat die Gemeinde Bilzingsleben nicht viel mehr Bewohner als möglicherweise jenes unter Travertingestein entdeckte Lager anderthalb Kilometer vom heutigen Dorf entfernt vor 370.000 Jahren – nicht einmal tausend. In der Nähe hat man übrigens auch schon die gerade mal 4.000 Jahre junge Himmelsscheibe von Nebra gefunden.

In der sanft hügeligen Landschaft ist die Bilzingslebener Ausgrabungsstätte leicht zu übersehen, wenn man nicht den Hinweisschildern folgt und plötzlich dort steht, wo sich nach wissenschaftlichen Darstellungen aus der damaligen pläistozänen Population in Europa vermutlich der Neandertaler entwickelte und – zur selben Zeit, aber unabhängig davon – in Afrika  der Homo sapiens, also der moderne Mensch.

Im ehemaligen Steinbruch „Steinrinne“ wurde im Mittelalter Travertin für viele repräsentative Bauwerke in Erfurt und anderswo in Thüringen abgebaut. Travertin ist ein poröser Kalkstein, meist gelblich bis braun, der aus Süßwasserquellen als Quellkalk ausgefällt wurde. Unter diesem harten Gestein blieben andere Schichten über Jahrtausende bestens erhalten. Seit ab 1969 systematisch gegraben wird, fand sich eine einzigartige Fülle von Feuersteinartefakten, Geräten aus Stein, Knochen und Geweih, Tier- und Pflanzenresten, insgesamt rund fünf Tonnen Fundmaterial. Besonderes Interesse der Forscher fanden natürlich die menschlichen Gebeine der Altsteinzeit.

Allerdings gehen jüngere Veröffentlichungen davon aus, dass der Homo heidelbergensis, dessen DNA jüngst vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie aus einem Oberschenkelknochen entziffert wurde, mit etwa 400.000 Jahren erheblich älter ist als bisher angenommen. Sicher schlummern noch so manche Überraschungen im tiefen Erdreich, die mehr und mehr unsere tatsächliche Herkunft offenbaren können.

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Am Eingang ein Monolith mit einer Gedenkplakette an die ersten Ausgrabungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts und einem Kopf des Homo erectus bilzingslebenensis. Die Ausgrabungsstätte ist sorgsam geschützt und dennoch rundum zugänglich. Rechts: Vom berühmten Anthropologen E. Vlcek rekonstruierter, in Bilzingsleben aufgefundene Schädelkolotte des Urmenschen

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Abgedeckte Ausgrabungsstätte eines urzeitlichen Arbeitsplatzes. Nachbau einer Unterkunft, die noch mit Tierfellen bespannt war

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Aus dem Knochen eines Elefanten gefertigtes Arbeitsgerät, das mit einer geritzten Skala versehen ist, die möglicherweise als Maß diente

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