Der Angstverkäufer

von Klaus Taubert

(vertont 1984 von den Puhdys für die LP/CD „Das Buch“)

Buch1  Buch2

LP „Das Buch“ der Puhdys von 1984. Links die DDR-Ausgabe, rechts die in der Bundesrepublik (hinter der Mauer) herausgegebene LP

Es war eine Stadt im Tal der Neumanen.
Die Stadt war bekannt unter vielen Namen.
Port Wohlstand, Bad Reichtum, Hoffnungstal.
Die Stadt lag in Frieden, ihr Ruf war geachtet,
die Händler kamen in Scharen
Auch der mit den Sternen und Streifen am Hut
kam in die Stadt gefahren.

Und er pries seine Ware. Und er war sehr nett.
Und er stellte sich vor als der große Angstverkäufer Jack!

In den Gärten der Stadt sproß Zufriedenheit.
Die Stammtische waren mit Lorbeer drapiert.
Die Bäder gekachelt, die Zäune lackiert.
Der Überfluß lähmte die Aufmerksamkeit,
es gähnte die Langeweile.
Der Mann mit der Angst bot zum Sonderpreis
Geschäfte zum Vorzug bei Eile.

Und er pries seine Ware. Und er war sehr nett.
Und er stellte sich vor als der große Angstverkäufer Jack!

Er versprach Feuersbrunst, Erdbeben und Sintflut
als Zugabe Streik durch die Müllabfuhr
fürs schlaffe Gemüt die passende Kur
Doch sie lachten ihn aus denn sie waren gefeit
durch hohe Versicherungspolicen.
Gegen Hunger und Not, gegen Elend und Tod
hielten sie dem Händler entgegen.

Und er pries seine Ware. Und er war sehr nett.
Und er stellte sich vor als der große Angstverkäufer Jack!

Was er dann empfahl, war die Krone des Handels.
Und die Kunden die bissen auch an.
Das Geschäft hieß der Krieg, der Feldherr total.
Die Stadt hielt die Sache für durchaus normal.
Im Nu war die Stadt im Tal der Neumanen
gestrichen aus Atlas und Lexikon.
Der alles gewann, zog weiter geschwind
denn es gab noch sehr viel zu tun.

Und er pries seine Ware. Und er war sehr nett.
Und er stellte sich vor als der große Angstverkäufer Jack !

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5 Kommentare

Eingeordnet unter Satire

5 Antworten zu “Der Angstverkäufer

  1. Pingback: Inhalt | Klaus Taubert

  2. Rico

    mich bewegen 2 Fragen zum „Angstverkäufer“
    einerseits , aus welcher Intuition heraus konnten oder haben Sie 1984 einen solch zeitlosen Text schreiben können ? Oder war es nur ein Auftragswerk ? Ich habe viele Jahrzehnte über den Text gegrübelt, spüre aber nun seit vielen Jahren den tiefen Sinn in den Folgen meiner Umgebung.
    Und andererseits, kann ich keine Satire im Text finden. Verstehe ich den Text etwa falsch?
    Vielleicht können Sie mich über Ihre damaligen Beweggründe aufklären.
    mfg
    Rico

    • Lieber Rico, der Text entstand kurz nach dem Überfall der USA auf das kleine Grenada. Kurz zuvor hatte ich noch Gelegenheit, den Premerminister des Inselstaates, über den Harry Belafonte schon einen wunderbaren Song geschrieben hatte (island in the sun), persönlich kennen und schätzen zu lernen. Er hatte viel vor mit seinem Land, reformierte das Gesundheitswesen, baute Schulen, förderte die Wirtschzaft usw., driftete dabei aber vielleicht zu weit nach links in Richtung Kuba ab. Pure Wut packte mich, als ich von der Ermordung Bishops und vom Überfall der USA im Rahmen der Operation „Urgent Fury“ erfuhr. Dazu kam, dass damals die USA mit den latein- und südamerikanischen Ländern umsprangen, wie es ihnen passte. Das ist der einzige Beweggrund für diesen Text gewesen. Aber er ist gern auch verallgemeinerungswürdig, schaut man zum Beispiel in den Bereich der einstigen Sowjetunion usw.
      Mehr kann ich dazu nicht sagen, viele Grüße Klaus Taubert

  3. …noch ein kleiner Nachsatz: Natürlich war das kein Auftragswerk, ich wüsste auch nicht von wem. Und die Satire steckt im Prinzip des Angstverkäufers, sich bei den Menschen einzuschmeicheln, sie auszunehmen und von diesen auch noch gefeiert zu werden… Man mag gar nicht weiterdenken. mfG K.T.

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