Wir sind (k)ein Volk!

 Selten wurden Volksstämme derart über den Tisch gezogen wie der ostdeutsche, als es noch einen westdeutschen gab. Mit Kampesfrufen „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern!“ und ähnlichen Verbaldrogen wurden die Stammesmitglieder für die Einheit gefügig gemacht. Ob man wollte oder nicht. Viele wollten, andere nicht.

Im Herbst tausendneunhundertneunundachtzig nach Christi zogen ein paar Tausend Junkies nach Dresden, um als Backgroundchor die Forderung des gefühlten Reichskanzlers zu unterstützen: Das ganze Deutschland soll es sein! Der Beifall war durch die Allianz gesichert.

Ein Jahr später war die geträumte Einheit Wirklichkeit geworden und die Illusionen zerplatzten wie Seifenblasen. Der herrschende Kanzler warf sich den XXL-Krönungsmantel über die Schultern und verkündete der Mehrheit, dass sie fortan die Folgen blühender Barschaften zu tragen hätten.

Endlich hat es mit der Einheit der Deutschen geklappt, frohlockten die Hysteriker. Eine Einheit hat es bis dato noch nie gegeben, warnten die Historiker mit dem Blick zurück auf zweitausend Jahre.

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Damals lebten unsere Vorfahren, also die Kimbern und Teutonen, an Nord- und Ostsee, als ihre Krieger sich aufmachten, weiter südlich ein wärmeres Fleckchen Erde zu finden. Was sie entdeckten, gehörte zwar den Kelten, doch das war kein Grund zu verzichten. Nachdem sich die Kelten verzogen hatten, bekamen die Germanen Lust auf mehr und überquerten Rhein und Donau. Am anderen Ufer warteten römische Legionäre, die einen schwunghaften Handel mit Sklaven trieben.

Die Germanen standen gut im Saft und ließen sich zu vorzüglichen Kriegern verarbeiten. Neugierig auf das Land der Barbaren, zogen die Römer nach Norden in das wald- und sumpfreiche Land und etablierten sich als Besatzungsmacht.

Tacitus beschrieb die Germanen so: „Ein merkwürdiger Widerspruch liegt in ihrem Wesen.“ Sie würden auffallen durch „wild blickende blaue Augen, rötliches Haar, hohe und nur zum Angriff kräftige Gestalten“. Mit anderen Worten: Furchterregend.

Unter dem Motto „Divide et impera“ herrschten die Römer über die germanischen Stämme, stülpten ihnen ihr Recht über und zwangen sie zu unanständig hohen Abgaben, einer Willkür, die unter dem Begriff Steuern auch zweitausend Jahre später nichts an ihrem Schrecken verloren hat.

Der Germane Arminius, ein ranghoher Cherusker, hatte in Rom das Kriegshandwerk gelernt und die Karriereleiter bis zum Vertrauten des römischen Statthalters Varus erklommen. Hinter dem Rücken seines Chefs einte der Fünfundzwanzigjährige die Führungselite der germanischen Stämme, um zum großen Halali auf die Römer zu blasen.

Vereint ging es den Südländern an den Kragen. Die Geschichte aus dem Teutoburger Wald vom Herbst des Jahres neun ist ein erster Beweis dafür, dass deutsche Stämme sich bevorzugt in Kriegen einig sind. In wenigen Tagen vernichteten sie drei römische Legionen.

Während Varus sich angesichts der schmählichen Niederlage selbst entleibte, erledigte das bei Arminius später die hinterhältige Verwandtschaft.

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Nach dem kläglichen Scheitern der Weltmacht – Weltmächte scheitern immer kläglich, wenn der Feind keine Weltmacht ist – erkannten die Römer, dass die Germanen die vielen Opfer gar nicht wert waren. Beleidigt zogen sie die Schwänze ein und schützten ihr verbliebenes Reich mit einem antigermanischen Schutzwall, auch Limes genannt. Über ein paar Hundert Kilometer rammten sie angespitzte Baumstämme in die Erde, stellten Wachtürme in Sichtweite zueinander auf und bestückten ihr Frühwarnsystem mit Wachposten. Im Unterschied zum deutschen Limes zweitausend Jahre später richteten sich die Blicke der Wächter in Richtung möglicher Eindringlinge und nicht auf Ausreißer aus den eigenen Reihen.

Der Sieg über die Römer machte die germanischen Stämme selbstbewusst, so dass sie sich ihre Könige wählten. Doch da begann das Theater, denn es gab die Franken und die Goten, die Burgunder und die Langobarden, die Sachsen und die Alemannen, Stämme, die einander nicht das Schwarze unter den Fingernägeln gönnten und null Bock auf Einheit hatten. Es verging kaum ein Jahrzehnt, ohne dass es Zoff unter den Stämmen Germaniens gab. Mal wurden Krieger zu Besatzern, mal zu Gefangenen, immer aber fochten sie tapfer in Familienfehden, Bruderkriegen und Raubzügen für ihre Herrschaft. Über die Jahre hatten sich die Stämme derart nach Süden und Westen ausgedehnt, dass man leicht eine Europäische Union hätte gründen können, doch es gab noch keine Bürokratie.

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Allmählich brachte das Christentum Völker hervor wie die Franzosen, die Spanier und die Italiener. Die moderne Religion begann sich auf dem Kontinent auszubreiten wie später die Schweinegrippe. Die neuerstehende Geistlichkeit trieb die Menschen zu Gottesdiensten, ließ Kirchen bauen und Klöster gründen. Die höheren Priester wurden zu Aufsehern und nannten sich Bischöfe und deren Chefs in der obersten Christenführung hießen nicht Generäle, sondern Kardinäle. Als Rechtsprechung wurde die Inquisition eingeführt, die später unter Namen wie Scharia oder Bürgerliches Gesetzbuch in weltliche Dienste überkam.

Dann kam der große Karl, der ein fränkisch-deutsches Reich zimmern wollte. Im vermeintlichen Auftrag Gottes ging Karl daran, alle germanischen Stämme zu christianisieren. Das war leichter gesagt als getan, weil sich nicht alle an einen neuen Gott gewöhnen wollten. Bei den Hessen war das anfangs noch einfach. Karl ließ deren geschnitzte Götzenstatuen umlegen. Und als die Leute merkten, dass sich Wotan nicht wehrte, begannen sie mangels Sexualkundeunterricht an die unbefleckte Empfängnis einer gewissen Maria aus der Familie Christus zu glauben.

Etliche, die nicht daran glaubten, mussten dran glauben, so dass es anderen leichter gemacht wurde, daran zu glauben. Von denen wiederum wurden einige zu Fundamentalisten, die sich mit dem Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams in Klöstern zurückzogen, eine Art Hartz vier des frühen Mittelalters. Nur eben freiwillig. Die Männer und Frauen trugen gleichförmige Gewänder, und die Nonnen verhüllten zusätzlich ihre Gesichter, was möglicherweise nicht der Religion geschuldet war.

Allein die Sachsen stellten sich mannhaft gegen Karls Weltreichambitionen. Trotz massiver Einschüchterung wollten sie damals auf keinen Fall rufen „Wir sind ein Volk!“. Vielmehr wollten sie ihre alte Freiheit nicht aufgeben und weiter ihren Göttern frönen. Karl trieb ihnen die Flausen aus, indem er seine christliche Mission in Verden übertrieb und 4.500 Sachsen köpfen ließ. Nur zur Abschreckung. Da gab der sächsische Bauernführer Widukind seinen Widerstand auf und ließ sich vom großen Karl korrumpieren und taufen. Seine Landsleute folgten unehrlichen Herzens in langen Reihen dem Ritual.

Weihnachten achthundert war es vollbracht: Karl stülpte sich die römische Kaiserkrone aufs Haupt und herrschte fortan über das ganze fränkische und deutsche Reich. Es schien, als sei die Einheit der Deutschen und auch schon die Europas für alle Ewigkeit geschaffen.

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Ewigkeiten haben bekanntlich eine begrenzte Halbwertszeit. Denn bald kamen die wilden Jahrzehnte. Die Sachsen verbündeten sich mit den Bayern gegen die Franken. Patriotisch schlossen sich die Thüringer an, und ein Bruderkrieg nach dem anderen tobte im Land. Vom christlich-deutschen Weltreich blieb allein die Illusion.

Die Fürsten hatten Wichtigeres zu tun. Sie wandten sich den äußeren Feinden zu, indem sie den Islam nicht allzu üppig in urchristliche Reviere wuchern lassen wollten. Schamhaft nannten sie ihre christlich verbrämten Räubereien Kreuzzüge, tobten ihre Gelüste in Blechanzügen und Kettenhemden gegen Türken und Araber aus und gründeten Königreiche, wo sie nichts zu suchen hatten.

Die Globalisierung hatte begonnen. Über die Sicherung von Rohstoffen und Absatzmärkten war die Einheit der europäischen Nationen in den Hintergrund gerückt. Im Gefolge der Kreuzritter marschierten Halsabschneider und Wucherer, also Händler und Kaufleute.

Derweil ging es zu Hause drunter und drüber. Deutsche Fürsten hatten den Wenden Mecklenburg und Pommern gestohlen, Heinrich der Löwe verdarb es mit Kaiser Rotbart, der entzog ihm Ländereien, schenkte Bayern einem gewissen Wittelsbach und zerstückelte Sachsen. Der Papst nutzte die weltlichen Wirren und ernannte sich selbst zum unfehlbaren Stellvertreter Gottes auf Erden.

Von den Hochaltären der Kathedralen verlasen Priester in kunterbunten Gewändern das Einmaleins der kirchlichen Verhaltensregeln, und wer denen nicht folgte, wurde zu Testzwecken mit einem Stein am Hals ins Wasser geworfen. Blieb der so Geprüfte demütig unter Wasser, hatte er den Beweis seiner Unschuld erbracht.

In den heimischen Klein- und Kleinststaaten grassierte Monarchenverdrossenheit. Keiner wollte mehr eine deutsche Königskrone tragen. Man hätte sie bei eBay zu Spottpreisen anbieten können. Doch weil es das Internet noch nicht gab, wurden die Kronen per Boten im Ausland verhökert, zum Beispiel an den Engländer Richard von Cornwall oder an König Alfons von Kastilien. Die ließen sich die Würde einiges kosten, durften sich deutsche Könige nennen und hatten null Macht. Denn in der kaiserlosen Zeit galt allein das Faustrecht, und die Landesfürsten schalteten und walteten nach Gutsherrenart.

Deutschland war so verkommen, dass die einstmals ehrbaren Ritter zu Strauchdieben wurden. Raubritter hießen die Vorbilder der Jugend. Wer im Kindesalter als Page in die Dienste eines Ritters trat, lernte frühzeitig mit Waffen umzugehen. War der Page älter und sein Herr zufrieden, erlangte er den Status eines Knappen, der seinem Gebieter in die Schlachten folgte und ihm die Waffen hinterhertrug. Hatte der Knappe überlebt und verstand sich aufs Rauben und Plündern, wurde er eines Tages zum Ritter geschlagen.

In England, wo das Rauben und Plündern den Adel inzwischen nicht mehr in solcher Weise prägt, ist das bis heute üblich. Die Königin schlägt ab und zu berühmte Persönlichkeiten zu Ritter oder Ritterin. Die Ritterin darf sich danach Dame nennen und in Deutschland zum Beispiel alle Räume betreten, an deren Türen geschrieben steht: „Nur für Damen“.

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Als das Hin und Her zu keinem richtigen Ergebnis im Sinne eines vereinten Deutschlands führte, wurde das Mittelalter kurzerhand für beendet erklärt. Gerade noch hatte Berthold Schwarz – bezeichnenderweise ein Mönch – das europäische Schießpulver erfunden, mit dem Kriege von nun mehr Spaß machten. Johann Gutenberg schuf mit dem Buchdruck eine nicht weniger gefährliche Waffe.

Ach ja, hinter den Westindischen Inseln hatte Christoph Kolumbus Amerika entdeckt. Entdeckt ist eigentlich Blödsinn, denn Amerika war längst entdeckt. Unsere Vorfahren wussten nur nichts davon. Seit Columbus kann sich Amerika jedenfalls nicht länger vor Europa verstecken.

In den Kirchen wurde damals so gepredigt, dass die Gemeinde die Priester nicht verstand. Das hat sich bei politischen Veranstaltungen und Talkshows über Jahrhunderte nicht geändert, doch damals lag es hauptsächlich an der lateinischen Sprache. Ein einfacher Bauer sagte zu seinem Nachbarn auf der Kirchenbank: „Hier bin ich mit meinem Latein am Ende.“ Das ist eine der wenigen Wendungen, die sich erhalten haben. Noch nicht möglich war es damals zu antworten: „Ich verstehe nur Bahnhof“, weil es die Lautsprecheranlagen noch nicht gab.

Tatsächlich aber lebte damals ein Mensch, der sehr gut verstand, was da von den Kanzeln herunter gelogen und betrogen wurde. Nanu, dachte Martin Luther, was predigen die da von Heiligenverehrung, von Stellvertreter Gottes auf Erden und von Fegefeuer? Ihn störte, dass der Papst Geld dafür kassierte, die Seelen armer Teufel aus dem Fegefeuer in den Himmel zu befördern. So etwas hatte der in seinem Job unentgeltlich zu bewerkstelligen.

Der Augustinermönch war stinksauer und nagelte am 31. Oktober 1517 seinen Protest an die Schlosskirche zu Wittenberg. Ein Glück für die Deutschen, dass Luther auf dem Reichstag zu Worms seine Kritik nicht widerrief oder kleinlaut meinte, er habe das nicht so gemeint oder er sei aus dem Zusammenhang zitiert worden. Er hatte den Arsch in der Hose zu sagen: „Hier stehe ich und kann nicht anders!“ Und Gott möge ihm helfen. Der ließ ihn heimlich auf die Wartburg bringen und die Bibel übersetzen, die den deutschen Stämmen eine einheitliche Sprache gab.

Auf dieser Grundlage hätten die Königreiche, Herzog-, Fürsten- und andere -tümer ohne Verständigungsschwierigkeiten zusammenlegt werden können. Das Dumme war, dass es inzwischen zwei christliche Kirchen gab, die der Katholiken und die der Abweichler, gewissermaßen der Linken unter den Christen – der Protestanten. Jeder noch so kleine Herrscher wählte für sich eine Kirche aus, an die auch seine Landeskinder zu glauben hatten. Da man der anderen Glaubensrichtung nicht sehr freundlich gegenüberstand, klappte das wieder nicht mit einig Vaterland.

Die Protestanten setzten sich in Nord- und Mitteldeutschland durch, im Süden wurde sie verboten, vertrieben und sogar verbrannt. Die Katholiken gründeten eine Liga, die Protestanten eine Union und bereiteten so die Religionskriege vor, die schließlich dreißig Jahre dauerten. Danach gab es in Deutschland, das an vielen Ecken und Enden kleiner geworden war, an die dreihundert Einzelstaaten mit der vollen Souveränität, Bündnisse zu schließen. Also jeder konnte jeden mit jedem an seiner Seite bedrohen. Die Deutschen waren unendlich weit davon entfernt, ein Volk zu sein. Viele Generationen schrieben diese Hoffnung in den Wind.

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In kaum einem Jahrhundert wurde die Einheit der Deutschen so umworben, erkämpft, verspielt und missbraucht wie im neunzehnten. Das Hauptübel war zunächst Napoleon. Anstatt sich um die Fortführung von Liberté, Égalité, Fraternité in Frankreich zu kümmern und die Guillotine abzuschaffen, wollte er ganz Europa auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit einschwören, eben nur nicht freiwillig. Sein bevorzugtes Arbeitsgerät waren Kanonen. Ein Stückweit gelang ihm das auch, doch als der Franzosenkaiser die Russen persönlich in die Gemeinschaft holen wollte, verließen die fluchtartig das heiß entflammte Moskau. Sie hatten, wie später mehrfach, einen unschlagbaren General namens Winter auf ihrer Seite.

Irgendwie ging das mit der europäischen Einigung wieder schief, wenngleich die Bürokratie inzwischen schon weit fortgeschritten war. Allerdings wundert die verfehlte Einheit Europas nicht, solange deutsche Patrioten dichteten: „Wo jeder Franzmann heißet Feind,/Wo jeder Deutsche heißet Freund –/Das soll es sein!/Das ganze Deutschland soll es sein!“

Franzmann Bonaparte durfte nach seinen missglückten Versuchen bei Leipzig und Waterloo schließlich auf Helena sein Leben aushauchen. Das später in seinen Haaren entdeckte Arsen kann nicht mit Sicherheit Gegnern der europäischen Einheit in die Schuhe geschoben werden. Die hatten ihre Lobby auf den Wiener Kongress geschickt, der im Haus Europa aufräumen sollte. Doch leider wurde dort – einem UfA-Film zufolge – immer nur getanzt. Daran mag es gelegen haben, dass Deutschland nach dem Kongress aus einem Kaiserreich, fünf Königreichen, einem Kurfürstentum, sieben Großherzogtümern, zehn Herzogtümern, elf Fürstentümern und vier reichsfreien Städten, also aus 39 Einzelteilen bestand. Und alle regierenden Fürsten hatten wieder einmal die Unabhängigkeit auf ihre Fahnen geschrieben. Nichts da mit deutscher Einheit.

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Um ungefähr zu wissen, wo sie hingehörten, vereinten sich die Einzelstaaten zum Deutschen Bund, der vorwiegend von den Österreichern beherrscht wurde, die sich als einzige noch einen Kaiser leisteten. Das wiederum passte den Preußen nicht. Die überlegten, wie sie die Österreicher auf friedliche Weise aus dem Weg räumen könnten und erfanden 1833 den Deutschen Zollverein, in den sie Österreich einfach nicht aufnahmen.

Heinrich Heine gab sich der Illusion hin: „Der Zollverein/Wird unser Volkstum begründen,/Er wird das zersplitterte Vaterland/Zu einem Ganzen verbinden…“ So also irrte der Dichter. Die Habsburger in Wien waren nicht gut auf die Hohenzollern zu sprechen und versuchten, so gut sie konnten, zurückzuschlagen. Eines ihrer Opfer war der Abgeordnete der Deutschen Nationalversammlung Robert Blum, der 1848 in Wien aufgegriffen und am 9. November standrechtlich erschossen wurde. Von da an war dieser Tag wie ein Menetekel an die Wand der deutschen Geschichte geschrieben.

Standrechtlich hieß übrigens, man muss sich nicht weiter aufregen, der Mord geht in Ordnung. Irgendwann war das Maß voll und das Ziel erreicht – sieben Wochen Bruderkrieg im Jahre sechsundsechzig brachten Klarheit. Nach der Schlacht bei Königgräz wurden die Österreicher des Deutschen Bundes verwiesen und die Nation gespalten. Preußen gründete den Norddeutschen Bund, musste allerdings auf Baden, Bayern und Württemberg verzichten, die immer noch an Österreich hingen, dem sie beim Verlieren geholfen hatten.

Nach dem Ableben eines Herrschers oder der Hochzeit seiner Kinder wurden die kleinen Länder vererbt und weiter aufgeteilt. Das führte zu Namensmonstern wie Sachsen-Gotha-Altenburg, Sachsen-Weimar-Eisenach oder Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg. Heinrich Heine formulierte in diesem Fall treffsicher: „Das halbe Fürstentum Bückeburg blieb mir an den Stiefeln kleben“.

Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, dachte Preußens Otto von Bismarck, wenn man das Reich nicht einigen könnte. Kurzerhand fälschte er ein Telegramm seines Kaisers und verärgerte damit die Franzosen, die nicht hinnehmen wollten, dass ein Hohenzoller den spanischen Thron besteigt. Sie erklärten Preußen den Krieg. Darauf hatte Bismarck gesetzt, denn die süddeutschen Staaten ließen alle Streitigkeiten beiseite, eilten spornstreichs zu den Waffen und an Preußens Seite.

War Deutschlands Einheit vollbracht? In einem Pariser Vorort ließ Bismarck den preußischen König zum deutschen Kaiser krönen. Den Vorschlag hatten ausgerechnet die Bayern unterbreitet, denen Bismarck dafür neben anderen Dingen auch den Bau von Schloss Schwanstein finanzierte. Die bayerische Kriechspur zu den siegreichen Preußen war inzwischen so breit, dass später darauf eine Autobahn zwischen München und Berlin gebaut werden konnte.

Versailles verhieß zwar eine Reichseinigung von oben, doch die änderte nichts daran, dass unten die Kleinstaaterei weiter wucherte und viele Mauern hätten abgerissen werden müssen, um eine Einheit herzustellen.

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Das zwanzigste Jahrhundert war angebrochen. Der deutsche Kaiser hatte gerade seine GI´s nach China geschickt, um östlich seiner Landesgrenzen für Ordnung zu sorgen. „Die Aufgaben, welche das alte Römische Reich deutscher Nation nicht hat lösen können, ist das neue Deutsche Reich in der Lage zu lösen“, überschätzte sich Willem zwo maßlos.

Originalton seiner „Hunnenrede“: „Kommst ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht!“ Die meiste Zeit aber mussten die Deutschen ohne Kaiser auskommen, weil der sich ab Herbst 1918, nachdem er seinen eigenen großen Krieg gegen alle Welt verloren hatte, nicht mehr auf die Straße, geschweige nach Berlin traute. Er fürchtete, seine eigenen Soldaten würden ihm gegenüber möglicherweise kein Pardon geben. Mit dem Nötigsten aus Haus und Hof ausgerüstet, brachte ihn ein langer Hof- und Güterzug nach Holland.

Weil das mit dem zweiten deutschen Reich auch nicht so richtig geklappt hatte, einigten sich die Deutschen darauf, es mit einer Republik zu versuchen. Da sich in jenen Tagen in Berlin Rechte und Linke und ganz Rechte und ganz Linke die Köpfe einschlugen, wichen die Gründer nach Weimar aus und beschlossen eine erste republikanische Gebrauchsanweisung, die Weimarer Verfassung. Die enthielt alle Möglichkeiten, dass sich die Deutschen bald wieder zu einem neuen, zu einem dritten Reich mausern konnten. Weil viele das nicht wollten, fiel das Volk auseinander wie nie zuvor in der Geschichte.

Die einen wollten Krieg, die anderen nicht. Für letztere wurden Lager und Hinrichtungsstätten gebaut. Und weil Deutscher nur sein durfte, der so ähnlich aussah wie ein Gefreiter aus dem Weltkrieg mit schmalem Bärtchen und ebensolchem Verstand, wurden viele aussortiert und beseitigt.

„Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen“, versprach der frühere Postkartenmaler seiner vermeintlichen Rasse, bis sich herausstellte, dass er sich übernommen hatte. Der Verantwortung für sein Unheil entzog er sich, indem er sich dem Scheiterhaufen übergab, ohne auch nur entfernt die Größe eines Jan Hus oder Giordano Bruno erreicht zu haben.

Das Reich war wieder einmal am Ende, nachdem es mehr Unfrieden gestiftet hatte, als alle deutschen Reichen und Reiche vordem zusammen. Aus prophylaktischen Gründen nahmen sich die Sieger des zweiten großen Krieges des deutschen Reichsadlers an, stutzten ihm gehörig die Flügel und tranchierten ihn.

Nachdem die Welt sich in eine christlich-kapitalistische und eine unchristlich-kommunistische gespalten hatte, blieb den Deutschen nichts weiter übrig, als sich in ihren jeweiligen engen Grenzen einem dieser Reiche anzuschließen. Zur Freude vieler Nachbarn schien die Aussicht auf ein großes Deutschland bis in alle Ewigkeit vertan.

*

Aber wie das mit Ewigkeiten so ist… Der Gedanke der Einheit schwelte vor sich hin. In Deutschland bildeten sich zwei Seiten heraus, die gegeneinander standen, wie es diametraler nicht ging. Die einen wollten die Einheit und schrieben sie sogar in ihr Grundgesetz. Die anderen wollten sie auch und riefen „Deutsche an einen Tisch“. Aber man kam und kam sich nicht näher. Das änderte sich erst, als jede Seite etwas anderes wollte und der östliche Teil, der seinen Bewohnern verbot in den westlichen Teil zu schauen, einen scharf bewachten Limes gebaut hatte. Von da an erfolgte eine schrittweise Annäherung.

Bonn rückte ein Stück näher an Wladiwostok und Ostberlin wurde zugestanden, dass es früher einmal zu Deutschland gehörte. Dennoch wurden es immer weniger Landeskinder, die sich den Weg in das neue Konsumreich ausreden ließen. Das machte deren Wirtschaft hellhörig, und ihren Wirtschaftsführern lief der Speichel im Mund zusammen: Sechzehn Millionen potenzielle Kunden für unsere Erzeugnisse, dafür lohnte es sich zu kämpfen.

Der Diktator im östlichen Teil Deutschlands verglich beide deutsche Teile unablässig mit Feuer und Wasser. Dabei muss er seine Hälfte dem feuchten Element zugeschrieben haben, denn bald stand ihm das Wasser bis zum Hals. Geheime Emissäre flitzten fortwährend an ganz geheime Orte und besprachen, wie das Problem zu lösen sei. Bald geschah es, dass in dem nur unzureichend versorgten Teil die Menschen auf die Straßen gingen, als träfe man sich zum 1. Mai. Doch ihre Losungen lauteten zum Beispiel: „Wir wollen raus!“ oder „Biete Mark Brandenburg, suche Westmark!“ und so weiter.

Kaum ein Jahr später war der ganze östliche Teil des gespaltenen Landes in den westlichen Teil integriert, allerdings die Bürger, die man scherzhaft Ossis nannte, blieben Ossis, und die Wessis, die sich stolz Wessis nannten, blieben Wessis. Nach Jahren des vergeblichen Versuchs, frei, gleich und brüderlich zu sein, war es allein die Wirtschaft, die davon profitierte. Alle anderen begriffen: Wir waren nie ein Volk!

(Aus: Als ein gewisser Erich in den Himmel kam und andere Satiren“, Edition Kindle)

 

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