Honeckers Farbenlehre

Wie Honecker den „Sozialismus in den Farben der DDR“ erfand

In den letzten Jahren der Existenz der DDR konnte der Graben zwischen SED-Generalsekretär Erich Honecker und Kreml-Chef Michail Gorbatschow kaum tiefer sein. In der Führung war das trotz der öffentlichen Bekenntnisse zum „unverbrüchlichen Bruderbund“ längst bekannt. Wie sehr dieser Graben von Erich Honecker persönlich ausgehoben wurde, erlebte ich 1988  aus nächster Nähe.

Im Amtssitz des Staatsrates fand am 11. November 1988, einem Freitag, die Auszeichnung der DDR-Olympioniken der Spiele von Soul statt, wo sie nach der UdSSR und noch vor den USA den zweiten Platz im Medaillenspiegel belegt hatten. In Reihe und Glied saßen die Auserwählten auf rot gepolsterten Stühlen. Ganz vorn Superstar Kristin Otto, die im Schwimmen sechsmal Gold errang und als einzige mit der höchsten Auszeichnung der DDR, dem Karl-Marx-Orden, geehrt wurde. Auch Heike Drechsler war unter den Ausgezeichneten, die weltbeste Weitspringerin, die den Vaterländischen Verdienstorden in Gold erhielt, und Boxtrainer Manfred Wolke, der sich den Orden „Banner der Arbeit“ an die Brust heften durfte.

Vor ihnen saßen, halb zu den Ausgezeichneten, halb zum Redner, die Politbüromitglieder sowie hohe Funktionäre des Sports. Einige der alten Herren, bei denen auch keine Dopingmittel mehr etwas auszurichten vermochten, beherrschten die Kunst, mit offenen Augen zu schlafen. Zumindest während langatmiger Reden des SED-Generalsekretärs, denen sie schon lange nichts Neues abgewinnen konnten. Wenn sie sich da einmal nicht täuschten.

In der letzten Reihe, zwischen Bodyguards und Leibärzten, saß ich mit der Rede Honeckers, in der ich jede kleine Abweichung seismographisch zu registrieren hatte, um anschließend zu entscheiden, ob es sich um einen Versprecher oder eine durchdachte Änderung handelte.

Die Rede war dem Ereignis angemessen. Die „Diplomaten im Trainingsanzug“ wurden über den grünen Klee gelobt. Allerdings kein Wort des Dankes an die Pharmaindustrie. Noch hielt sich Honecker an das Manuskript, als er sagte: „Mit der herausragenden Schwimmerin Kristin Otto kam die Königin der XXIV. Olympiade aus der Deutschen Demokratischen Republik.“ Dann ging er auf das „Wunder“  DDR-Sport ein, von dem man „immer wieder in aller Welt spricht“.

Es folgte das tatsächliche Wunder, das einige Politbüromitglieder dank revolutionärer Wachsamkeit brüsk aus dem Halbschlaf riss, so dass sie fast aus den Sesseln rutschten. Honecker definierte dieses Wunder nämlich so: „Es heißt Sozialismus, wenn man so will, Sozialismus in den Farben der Deutschen Demokratischen Republik.“

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1974 war Honeckers Verhältnis zur Sowjetunion noch in Ordnung, zumal Breshnew ihm an die Macht geholfen hatte. Hinter Breshnew rechts der damalige UdSSR-Außenminister Andrej Gromyko.  (Links im Bild  der Autor)

Ich traute meinen Ohren nicht, fand den Satz nicht in der Rede und schrieb ihn rasch hinein. Bis zu diesem Zeitpunkt wäre es geradezu blasphemisch gewesen, eine solche Formulierung auch nur zu denken. Der französische KP-Chef Georges Marchais, der Jahre zuvor den „Sozialismus in den Farben Frankreichs“ gepriesen hatte, zog sich damit den Zorn der sozialistischen Weltordnung zu. Es gibt nur einen Sozialismus und der ist international wie die Arbeiterklasse! Nichts da mit Sonderfarben französisch, italienisch oder spanisch. Solche Besonderheiten sind untragbar, spalterisch und scharf zu verurteilen. So hieß es auch in der ideologischen Ausbildung der Funktionäre.

Nachdem die Orden verliehen waren und Kristin Otto für alle mit artigen Worten Danke gesagt hatte, stürzte ich zu Honeckers Agitationschef und Pressezensor Joachim Herrmann, der schließlich von einer solch gravierenden Neuorientierung wissen musste. Senkt er den Daumen nach unten, ist diese Stelle mit den Farben vergessen, dachte ich. Doch der sah mich an, als hätte ich eigenmächtig das Redemanuskript des SED-Chefs geändert und den Anlass zur abwegigen Formulierung gegeben.

„Soll ich das übernehmen?“ fragte ich.

Mit einer Kopfbewegung in Richtung Honecker blaffte Herrmann mich an: „Was weiß ich? Frag´ ihn doch.“

Oh Gott, nicht einmal Honeckers Pressezäpfchen wusste von dieser jähen Wendung.

Nun war es an mir, den ideologischen Lapsus des Generalsekretärs auszubügeln. Im dichten Pulk der Ordensträger schlug ich mich zu Honecker durch, der sich anschickte, die Treppe abwärts zu gehen. Vor dem Glasmosaikfenster des Malers Walter Womacka mit den Porträts von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und dem Ausspruch „Trotz alledem!“ fing ich ihn ab: „Entschuldigung, Genosse Honecker“, zog ich seine Aufmerksamkeit auf mich, um gleich fortzufahren: „Ich möchte die Rede freigeben. Soll ich die Stelle mit dem Sozialismus in den Farben der DDR so übernehmen, wie gesprochen?“

Honecker, der genau auf diese Frage gewartet zu haben schien, blieb stehen und wandte sich in seinem knitterfreien dunkelblauen Anzug zu mir um. Dabei entging ihm offensichtlich nicht die brennende Neugier der hinter mir stehenden Politbüromitglieder, die begierig erleben wollten, wie ihr Chef seinen peinlichen Ausrutscher entschuldigen würde.

Freundlich, mit einem leichten Lächeln, sagte Honecker, so dass es alle Umstehenden vernahmen: „Ja, das ist mir gerade so eingefallen. Lass das mal, wie ich es gesagt habe. Ist doch gut, nicht wahr?“

Farben

Links eine Seite der Rede Honeckers, wie sie im Bundesarchiv archiviert ist. Rechts dieselbe Passage, wie sie tatsächlich gesprochen wurde mit der von mir eingebauten relevanten Änderung

Da ein Einwand meinerseits wohlweislich ausblieb, wandte Honecker sich um und ging weiter nach unten. Also nichts mit Glasnost, nichts mit Perestroika, wir machen unseren eigenen Sozialismus, ob es Gorbatschow passt oder nicht! Und wie der aussieht, das überlasst ihr gefälligst mir! Mit belämmerten Gesichtern folgten die alten Herren ihrem Chef nach unten. Jetzt hatten wir unseren eigenen, unseren nationalen Sozialismus. O Gott!

Die Historiker, die den Ursprung von Honeckers Formulierung über den „Sozialismus in den Farben der DDR“ auf die siebte ZK-Tagung im Dezember 1988 datieren, hatten offensichtlich nicht mitbekommen, dass Honecker diesen Spruch schon vier Wochen vorher als Versuchsballon gestartet hatte. Doch da war die Bundesrepublik gerade mit ihrem eigenen Skandal beschäftigt. Bundestagspräsident Philipp Jenninger war bei der Erinnerung an die antijüdischen Pogrome im Jahr 1938 in Deutschland ein Stück Rede misslungen. Der zweite Mann im Bonner Staat trat zurück. So einfach war das dort.

Übrigens ist im Bundesarchiv die Rede Honeckers nachzulesen, jedoch nicht in der abgewandelten Version, sondern in der ursprünglichen, ohne „Farben der DDR“. Ein Mangel, der möglicherweise später einmal zu falschen Schlüssen führen wird.

Die ganze Geschichte erinnert mich an die Wellenlinie, durch die ein gerader Strich gezogen ist. Die Welle, das ist die Linie der Partei. Die Gerade markiert die Abweichungen. Man musste verdammt wachsam sein, um der Welle zu folgen und nicht auf dem Strich zu landen.

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Tietelbild Geschichten

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2 Antworten zu “Honeckers Farbenlehre

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