Planwirtschaft aus dem Bilderbuch

(Fotos aus Katalogen zu Beginn der Siebzigerjahre)

Schlangen vor den Kaufhallen? Mangelwirtschaft? Nicht in der DDR, dachte sich die Staatsführung und wagte ein kapitalistisches Experiment. Der Versandhandel á la Quelle stieß zunächst auf Begeisterung – und wurde doch zum Desaster.  

Eines war bei allem, was Nostalgiker nachträglich als gut hinzustellen versuchen, der DDR nie gelungen: Die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen, geschweige deren Bedarf zu decken. Es gab zwar die wichtigsten Grundnahrungsmittel, aber selbst Gemüse kam nur sehr sporadisch auf die Ladentische. Im Überfluss gab es allein Agitation und Propaganda – kostenlos. Und meistens auch umsonst.

Als in den Fünfzigerjahren die Schlangen vor den Geschäften zu immer neuen galligen Witzen herausforderten und die Landbevölkerung massenhaft in die Städte pilgerte, um sich wenigstens kleine Wünsche zu erfüllen, kam der SED-Führung die Idee, wie man solche unschönen Bilder und Sitten vermeiden könnte. Die Parteioberen griffen ausgerechnet auf eine Methode zurück, die im marktwirtschaftlichen Deutschland seit den Zwanzigerjahren Furore machte: den Versandhandel.

Die Überlegung war simpel: Keine Schlangen oder SWG („sozialistische Wartegemeinschaften“) mehr vor den Geschäften, keine aufwändigen Einkaufstouren in die Städte, alles kam per Post zeitsparend ins Haus. Niemand dachte an die Unvereinbarkeit von Versandhandel und Planwirtschaft, von herausgeforderten Wünschen und bilanzierten Warenmengen. Der Versandhandel der DDR wurde einer der größten Handelsflops im real existierenden Sozialismus – und nur halb so alt wie der ganze Arbeiter-und-Bauern-Staates selbst.

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Dabei hatte alles so hoffnungsvoll begonnen. Die volkseigene Handelsorganisation (HO) startete 1954 eine zweijährige Testphase in den Bezirken Erfurt und Suhl, die uns als Familie begeisterte. Die ersten Kataloge waren eine Offenbarung. Vorsichtig gingen wir damit um, als handele es sich um eine West-Illustrierte. Schließlich wollten viele etwas davon haben, die Erwachsenen ebenso wie wir Kinder und Jugendlichen. Stundenlang konnte man darin blättern, über das Angebot staunen und sich über relativ niedrige Preise freuen. Sehr sorgfältig, um nicht an einem Fehler zu scheitern, wurden die Bestellformulare ausgefüllt und zur Post gebracht. Die Vorfreude war riesig. Ich erinnere mich auch an wiederholte Enttäuschungen, die uns oft postwendend erreichten: Die schönsten und preiswertesten Dinge waren vergriffen.

Da in der DDR jede Einweihung „zu Ehren von…“ erfolgte, begann der offizielle Versandhandel am „Kampf- und Feiertag der Werktätigen“, dem 1. Mai 1956. Bis zum Ende des Jahrzehnts waren fast eine Million Kunden angemeldet, die Bestellungen pro Jahr gingen auf die zwei Millionen zu. Großzügig wurde dieser Service erweitert, zum volkseigenen „Centrum-Versandhandel“ mit Sitz in Leipzig kam 1961 der von den Konsumgenossenschaften organisierte „konsument-Versandhandel“ im damaligen Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz). Der hatte vorwiegend die Landbevölkerung im Blick und bot neben vielen Dingen für Haus, Hof und Garten mit der praktischen Kittelschürze für die LPG-Bäuerin und dem Arbeitsanzug für den Traktoristen modischen Chic für das flache Land an. Viele, die vorher zu träge zum Einkaufen waren, nutzten nun die einfache Möglichkeit der Bestellung auf dem Postweg. Doch trotz der wachsenden Kundschaft wurde das Warenangebot insgesamt nicht größer.

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Die Diskrepanz zwischen Bestellungen und Auslieferungen wuchs und wuchs, bis etwa die Hälfte der angeforderten Artikel nicht mehr geliefert werden konnte. Die Geister, die man gerufen hatte, wurde man nicht wieder los. Angesichts Hunderttausender Absagen schlug die anfängliche Freude um in Unmut und Ärger der Bürger. Besonders berufstätige Frauen hatten sich auf die Auslieferung ihrer Bestellungen verlassen. In ihrer planwirtschaftlichen Verzweifelung ließen sich die Versandhäuser Standardtexte einfallen wie: „Ihren Auftrag haben wir dankend erhalten. Unser Warenangebot hat im Kreis unserer Kunden so gut angesprochen, dass bei einigen Artikeln die Bestände nicht ausreichen. Das trifft leider auch für die in Ihrer Bestellung enthaltenen Waren zu…“ Schamhaft wurde in diesem Fall mit „freundlichen“ und nicht mit „sozialistischen“ Grüßen unterschrieben. Mitunter lagen den neuen Katalogen schon Listen mit begehrten Erzeugnissen bei, die nicht lieferbar waren. Der Versandhauskatalog – ein schönes Bilderbuch.

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Ihr besonderes Augenmerk richteten die Regierenden indes auf die politische Propaganda in den Katalogen. Sie kritisierten Modeartikel, die beispielsweise „Mexiko“ oder „Rio“ hießen und ließen die werktätigen Models kreuz und quer durch das Land ziehen, um je nach der politisch angesagten Situation mal in der Industrie, mal in der Landwirtschaft, vor dem Staatsratsgebäude, einem Hochseedampfer oder vor dem sowjetischen Messe-Pavillon in Leipzig zu posieren. Alles sah ganz gut aus, doch die modischen Klamotten blieben vielfach Wunschträume. Ein Großteil der hergestellten Waren, von Bekleidung über Möbel bis zu optischen Geräten, wurde zu Preisen, die kaum die Produktionskosten deckten, für harte Währung in den Westen exportiert. Im Versandhandel von Quelle bis Neckermann kauften viele westdeutsche Bürger DDR-Erzeugnisse, die „Privileg“ oder anders hießen und nicht als Waren aus der DDR zu erkennen waren. Die Etiketten der westlichen Händler wurden in den DDR-Betrieben bereits in die Kleidung eingenäht.

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1974 hatte ich vor, in Hinblick auf den 25. Jahrestag der DDR, eine Erfolgsbilanz des Versandhandels zu schreiben. Nachdem ich schon einige Fakten zusammengetragen hatte, gab mir der Pressechef des Handels-Ministeriums den vertraulichen Tipp: „Lass die Finger davon, da tut sich was.“ Tatsächlich, geraume Zeit später wurde der Versandhandel in der DDR heruntergefahren und schließlich ganz eingestellt. Offizielle Begründung war eine „flächendeckende bessere Versorgungslage“, aber daran glaubte auch nur die Bewohner der Waldsiedlung bei Wandlitz, denen jeder Wunsch von den Augen abgelesen und teils mit Westwaren erfüllt wurde. Die tatsächliche Versorgungslage in der DDR verzeichnete eine absteigende Kurve. Die Berichterstattung zu diesem Thema gehörte zu den Tabus der Medien. Pressezensor Joachim Herrmann im SED-Politbüro, der bei einem Fototermin die Obstschale vom Tisch nahm, hatte das so begründet: „Wir wollen den Leuten nicht noch Appetit machen.“

Vielleicht war das Aus für den Versandhandel allein nicht komisch genug, so dass das Ende auch noch auf den 13. August 1976 gelegt wurde, auf jenen Tag, an dem die Berliner Mauer 15 Jahre alt wurde und die „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“ bei einer Militärparade martialisch über die Karl-Marx-Allee marschierten. Man musste den Eindruck gewinnen, dass viele Entscheidungen der SED-Führung von einem eigenartigen schwarzen Humor geprägt waren. Man nahm einem eingesperrten Kind auch noch das Spielzeug weg.

Die permanente Wirtschafts- und Versorgungskrise, die schließlich zum Ende der DDR führte, war nicht mehr zu übersehen. Den Versandhandel gab es fortan nur noch für ausgewählte Sortimente, beispielsweise für Kästners Familienunternehmen in Dresden, das jährlich bis zu zwei Millionen Kondome diskret per Post auslieferte, sowie für Sämereien aus Erfurt und Quedlinburg, die bis heute begehrt sind.

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Übrigens gab es vor mehr als hundert Jahren in Leipzig schon einmal ein Versandhaus. Damals wurden die Frauen regelrecht gepanzert, was jedoch mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges nicht in Zusammenhang zu bringen ist. (Aus der „Gartenlaube“, 1914)

Mehr über die Jahre der DDR in
“Geschichten aus 14.970 Tagen und einer Nacht”
(als eBook bei Amazon, Kindle-Edition)

Tietelbild Geschichten

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Historisches

3 Antworten zu “Planwirtschaft aus dem Bilderbuch

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  3. Jürgen Wollweber, Leipzig

    „Eines war bei allem, was Nostalgiker nachträglich als gut hinzustellen versuchen, der DDR nie gelungen: Die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen..“ Aber die BRD gelingt es?!

    Ein echter Bürgerrechtler von 1989.

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