Der Mord an der Werra

Zwangsdeportationen sollten „Ordnung“ im Grenzgebiet schaffen / Erstes Opfer der DDR-Grenzer war ein ehemaliger Sozialdemokrat / Die SED war sich ihrer eigenen Funktionäre nicht sicher  

In der Gemeinde Großburschla, nördlich von Eisenach, fand Anfang April 1951 eine Beerdigung statt, die vielen Teilnehmern das Blut in den Adern gefrieren ließ. Bewacht von verbissen dreinblickenden Zivilisten, die keiner kannte, drängten sich viele der 1.400 Einwohner des Dorfes zwischen den Grabreihen, so wie bis dahin noch bei keiner Trauerfeier. Einer ihrer Mitbürger war wenige Tage zuvor von einem Grenzpolizisten erschossen worden.

Der Thüringer Ort war bis auf einen schmalen Zugang zum Osten von 26 Kilometer Zonengrenze umgeben. Etwa jeder zehnte Einwohner arbeitete in einem hessischen Unternehmen. Das war seit Generationen so, doch inzwischen lagen diese Betriebe in der Bundesrepublik und Großburschla in der DDR. Um dahin zu gelangen, war eine Brücke über die Werra zu passieren, die von der damaligen Grenzpolizei bewacht wurde. Die Grenzer sollten den Einwohnern den täglichen Gang in den Westen vergällen, wozu sie die Frauen und Männer über Gebühr verhörten und psychologisch drangsalierten, wenn sie von der Arbeit nach Hause kamen.

Mord ohne Skrupel

So auch am 7. April, einem Sonnabend. Am Nachmittag filzten die Grenzer die zurückkehrenden Arbeiter besonders schikanös, so dass es zu Rangeleien kam. Aus der oberen Etage eines Fachwerkhauses nahe der Brücke verfolgte Schneidermeister Paul Tippach das Geschehen. Er gehörte der Ortsparteileitung der SED an. Von unten drangen Rufe an sein Ohr: „Paul, sieh dir an, was deine Genossen mit uns machen, wie sie mit uns umspringen.“

Der 42-jährige ehemalige Sozialdemokrat, der durch die Zwangsvereinigung von SPD und KPD in die SED gekommen war, ging hinunter zur Brücke und forderte die Grenzer auf, sich zu mäßigen. Da griff der Kommandeur ein und ließ Paul Tippach wegen unerlaubten Eingreifens in das Grenzregime festnehmen und zur Wache in der Königsgasse bringen.

Tippach3Eintragung im Kirchenbuch über den Mord an Paul Tippach in Großburschla

Nach kurzer Zeit stand Paul Tippachs Ehefrau vor der Tür, um von ihrem Mann Geld für die Handwerker zu holen. In zwei Tagen sollte Richtfest für das neue Einfamilienhaus der Tippachs sein. Der Schneidermeister ging zur Tür, um seiner Frau, die im fünften Monat schwanger war, das Geld zu bringen und griff zur Brieftasche. Der Offizier forderte den Festgenommenen auf zu bleiben, doch als Paul Tippach dennoch zu seiner Frau gehen wollte, befahl der Offizier zu schießen. Ein Grenzpolizist schoss, noch ehe Tippach die Wache verlassen hatte. Die Kugel durchschlug den Körper und die Brieftasche, die er gerade aus der Tasche zog. Der Schneidermeistert schleppte sich mit letzter Kraft ein paar Schritte auf den Wachhabenden zu und sagte: „Ihr Mörder, Ihr habt mich erschossen“. Dann fiel er zu Boden und verblutete.

 Der Arzt, der erst nach zwei Stunden kam, konnte nur noch den Tod feststellen. Er durfte sich den Bürgern gegenüber, die vor der Wache „Mörder!“ und „Bluthunde!“ riefen, nicht äußern. Kopfschüttelnd sagte er nur: „Es ist sehr ernst.“ Noch am selben Tag wurde der Tote – in einem Pkw zwischen zwei Grenzer gesetzt – auf dem einzigen möglichen Weg dicht an der Zonengrenze entlang über Schnellmannsdorf und Creuzburg nach Eisenach gebracht. Fünf Tage später war die Beerdigung. Als der  Sarg mit dem Toten gebracht wurde, bildeten die Einwohner bis zum Friedhof ein dichtes Spalier.

Pieck: Selber schuld!

Gemeindepfarrer Hans Müller hatte sich sorgfältig vorbereitet, um zu verhindern, dass seine zensierte Begräbnisrede verboten wurde. Die Würdigung des ermordeten Mitbürgers ergänzte er mit einem Spruch zum Brudermord Kains aus dem 1. Buch Moses: „Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme deines Bruders Bluts schreiet zu mir von der Erde.“

Tippach4Die durchschossene Brieftasche von Paul Tippach samt Inhalt

Die schwangere Ehefrau Tippachs und die zwölfjährige Tochter Annemarie standen nun allein da mit einem halbfertigen Haus. Jeder im Ort wusste, welches Unrecht ihnen angetan wurde. Die Witwe beschwerte sich bis zu Präsident Wilhelm Pieck über das Verbrechen an ihrem Mann. Von dort kam die lakonische Antwort, dass dieser wegen seines „unvernünftigen Verhaltens“ selber schuld sei. Der Parteisekretär des Ortes bescheinigte seinem ermordeten Stellvertreter, dass er „der beste Aktivist der hiesigen Ortsgruppe war und als solcher sein Leben lassen musste.“ Aus Protest legte er seine Funktion nieder. Der Grenzer namens Ludwig, der geschossen hatte, wurde klammheimlich zur Verkehrspolizei versetzt. Der Mord sollte schnell vergessen werden. Aus Angst vor Zwangsaussiedelung sprach niemand mehr davon – fast vierzig Jahre.

Wie „Ungeziefer“ behandelt

Dennoch schlug der Mord intern hohe Wellen. Das SED-Politbüro ließ Pläne ausarbeiten, die solche Vorgänge künftig vermeiden sollten. Im Jahr darauf schon  begannen die Zwangsdeportationen „politisch unzuverlässiger“ DDR-Bürger aus dem Grenzgebiet zur Bundesrepublik. Bis Anfang der Achtzigerjahre betraf es weit mehr als zehntausend Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder. Oft entschädigungslos oder mit läppischen Abfindungen wurden Familien in Nacht- und Nebelaktionen in zum Teil abrissreife Wohnungen weitab von der Grenze verfrachtet. Unter Strafandrohung war es ihnen verboten, darüber zu reden, weshalb sie in ihrer neuen Umgebung oft als asozial diffamiert wurden. Die Aktionen, deren erste 1952 den Codenamen „Ungeziefer“ trug, waren wie  professionelle  Raubüberfälle bis ins Kleinste vorbereitet. Erfahrung hatte man bereits bei den vorangegangenen Enteignungen der Besitzer von Hotels und Ferienheimen, beispielsweise in Oberhof,  gesammelt, die ihre Häuser an den FDGB-Feriendienst verloren.

Tippach5Bescheinigung des Parteisekretärs, dass der Tote einer der besten Genossen im Ort war.  Nach 32 Jahren legte er aus Protest seine Funktion als Ortsparteisekretär von KPD bzw. SED nieder.

Nach dem Untergang der DDR wurde die Zwangsaussiedlung zwar heftig verurteilt,  eine Wiedergutmachung hat aber nie offene Ohren der Regierenden im neuen Deutschland gefunden. Tausende von Eingaben wurden bürokratische korrekt behandelt.  Wer das ihm zugefügte Unrecht nicht präzise dokumentieren kann, hat Pech. Als hätten DDR-Verwaltungen, Polizei und Stasi schriftlich Zeugnis von ihren menschenunwürdigen Taten abgelegt.

Dabei waren die Aktionen akribisch genau abgelaufen. Der letzte Satz in einem Bericht eines Einsatzleiters, der 1952 fünf Familien aus vier Dörfern im Eichsfeld deportiert hatte, lautete: „Benzinverbrauch: 240 Liter Benzin, 4, 25 Liter Oel.“

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Tietelbild Geschichten

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