Wir sind vielleicht ein Völkchen

 Alltagsgeschichten in Blog-Fortsetzungen

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1.  Reiß´ dich zusammen!

Lass dir nicht einreden, „mit sechsundsechzig Jahren, da fängt das Leben an“. Ich weiß es besser, es beginnt bergab zu gehen. Nimm Schlagertexte nie ernst, sie sind verlogen wie Wahlversprechen und Anlagetipps.

In Wahrheit hast du mit Sechsundsechzig das Gröbste hinter dir und atmest erst einmal tief durch. Solange die Rente mit 67 noch nicht greift, sind die wichtigsten Formalitäten erledigt, und du beginnst die Solidargemeinschaft in mäßigen Zügen zu genießen. Abstriche hast du nur noch in finanzieller Hinsicht zu befürchten.

Solltest du etwas für dich und deine andere Lebenshälfte für schlechte Zeiten zurückgelegt haben, dann fang schon mal an zu rechnen, wie lange du dich damit über Wasser halten kannst. Dank unterlassener Anpassung der Rente an Löhne und Inflationsrate wird es im Geldbeutel ziemlich klamm. Eine Anpassung an die Managergehälter war eh nie vorgesehen. Da gibt es keinen Solidarpakt. Wie du bald merken wirst, haben die schlechten Zeiten schon begonnen.

Rede nie von Ruhestand, das macht dich angreifbar: „Der weiß nichts mit sich anzufangen, der soll mal ganz schön die Klappe halten…!“ Tatsächlich wird die Zeit knapp, um alles das zu erledigen, was du ein Leben lang vor dir her geschoben hast. Zum Beispiel kochen, tanzen lernen, die alten Briefmarken anschauen, basteln, mit den Nachbarn reden, angeln oder einfach nur die Natur und das Fernsehen beziehungsweise die Natur im Fernsehen genießen.

Und Politik machen! Fang damit an, die Zeitung sorgfältiger zu lesen. Spüre die Unwahrheiten in den aufgeblasenen Leersätzen der Politiker auf. Die profitieren nämlich davon, dass sich die Wähler ihren Stuss nicht merken. Schau ihnen aufs Maul, nenne Arschlöcher auch so und sympathisiere mit denen, die wenigstens so tun, als wären sie ehrlich.

Mit Gleichgesinnten solltest du ein Wahlversprechen-Überprüfungskomitee (WÜK) gründen und den Abgeordneten, die auf deine Kosten leben, die Schamröte in die Zornesfalten treiben. Pfeif auf so genannte gute Ratschläge, rebelliere gegen jedes Unrecht und die permanente Irreführung durch die Behörden.

Reiß dich zusammen. Irgendwann wirst auch du so verlogene Lieder wie „Mit sechsundsechzig Jahren, da fängt das Leben an“ aus voller Brust und gegen jede innere Überzeugung mitsingen. Nur so, als Drohung.

2. Soweit die Flügel tragen

Irgendwann trifft es jeden. Ein Händedruck, ein Dankeschön, ein paar mickrige Euros aus der Armenkasse des Unternehmens und – Ruhestand! Das war ´s. Ab in die Freiheit, um das, was vom Leben geblieben ist, zu genießen. Natürlich im Rahmen dessen, was an materiellen Möglichkeiten und gesundheitlichen Fähigkeiten übriggeblieben ist. Eine Art Resteverwertung. Es ist, als öffne sich ein Käfigtürchen und ein alter lustiger Vogel entschwindet aus langer Gefangenschaft in die unergründlichen Weiten dieser Welt. So weit die Flügel tragen. Soweit sie tragen.

Endlich in Rente, endlich jenseits von gut und sechzig. Und wo ist die Freude?

Anfangs ist da ein zwiespältiges Gefühl. Wie ohne feste Regeln, ohne Lob von oben, ohne Heuchelei und Neid von unten leben? Wie geht das, bedingungslos sein eigener Herr zu sein, quasi sein eigener Herrgott? Keine Richtschnur, an der man sich entlang hangelt, niemanden, auf den man Verantwortung abwälzen kann. Egal wie weit man auf der Leiter des Erfolgs nach oben geklettert ist, es gibt immer noch eine Sprosse darüber, selbst wenn die Leiter bis in den Himmel reicht. Gerade dann.

Nach fünfundvierzig Jahren ist der Ausstieg aus dem Vermarktungsgeschäft mit der eigenen Arbeitskraft unspektakulärer, als man es sich fünfundvierzig Jahre lang vorgestellt hat: Wenn ich eines Tages in Rente gehe, da fliegen die Fetzen!

Nun stehe ich da ohne Fetzen. Nur kein Aufsehen. Kleine Stehrunde, Blumen, ein paar Plattitüden über Vergangenes, das man – wie auch immer – wenigstens nicht ganz lustlos mitgestaltet hätte. Dann noch eine Anspielung auf die Grauen Panther, in deren Rudel man von nun an erlebnishungrig durch die Savannen der Freizeit streifen werde.

Der Chef persönlich war sich für den Nachruf nicht zu schade. Er sprach von Verantwortung, um Jüngeren ein Zeichen zu setzen. Dann eröffnete er das Getränkebuffet, um wenigstens zum Schluss noch ein wenig Interesse zu erheischen. Jüngere Mitarbeiter begannen sich kraftvoll in Szene zu setzten, weil sie glauben, dass von solchen Runden wichtige Signale für Personalentscheidungen ausgehen. Alte Hasen wissen das und beschränken sich aufs Saufen.

Der Chef ging ohnehin nach einer halben Stunde. Chefs gehen immer nach einer halben Stunde, weil sie fürchten, auf natürliche Weise lustig zu werden. Schließlich, ganz abrupt, nach zwei, drei Stunden: Macht ´s gut, Leute. Irgendwer lallt: Lass dich mal wieder sehen!

Von der letzten Bemerkung abgesehen, ist es wie auf einer Beerdigungsfeier. Ein Händedruck und ein freundlicher Rat an die Zurückgebliebenen: Lasst den Kopf nicht hängen, auch wenn Ihr bleiben müsst! Die meisten sind ohnehin noch nicht reif für die Rente, weder moralisch, noch was die Anzahl der Arbeitsjahre betrifft. Das hindert den einen oder anderen nicht daran, den Ruhezustand schon einmal auszuprobieren.

Irgendwann trifft es jeden. Die Pflichtfiguren des Lebens sind getanzt, die erste Rock´n-Roll-Generation quält sich bis zum Einsatz eines neuen Hüftgelenks beim Langsamen Walzer, während die nachrückende Welt rappt und hiphoppt. Es sei ihr gegönnt.

3.  Strafe muss sein

Weil meine berufliche Ausbildung mit vierzehn Jahren begann, kann ich auf so viele Arbeitsjahre blicken, dass ich vorzeitig in den Genuss der vollen Rentenbezüge kam. Zum ersten Mal erlebte ich die Gnade der frühen Geburt, weil mir keine 0,3 Prozent Rente für jeden Monat abgezogen werden, um den ich vor dem fünfundsechzigsten Lebensjahr den Gehaltsfonds meiner Firma entlastete. Das klingt kompliziert, ist es auch. Vergessen wir es.

Bevor ich meine Unabhängigkeit genießen konnte, waren Hürden zu überwinden, die jedem Lahmen auf die Sprünge helfen. Mir fielen die weißen Ratten im Labor ein. Wenn die Futter haben wollen, müssen sie Kunststückchen vollbringen. Eine russische Erfindung, für die ein gewisser Herr Pawlow den Nobelpreis bekommen hat. Mit Hartz IV soll es ähnlich sein, wenngleich die Versuchsanordnung jeden wissenschaftlichen Anspruch vermissen lässt.

Meine Kunststückchen auf dem Weg zum Futter beschränkten sich darauf, Unterlagen zu beschaffen, nach denen die Rente berechnet wird. Doch so einfach sind die nicht aus dem Hut zu zaubern. Erschwerend wirkte sich aus, dass ich die meiste Zeit in der geschlossenen Abteilung der Anstalt Deutschland gelebt habe, die ihre eigene Hausordnung hatte.

Im Zweifelsfalle zugunsten des Antragstellers – so einfach ist das in einer Demokratie nicht. Die Scharfrichter der Angestelltenversicherung fordern eine lückenlose Beweiskette tätigen Seins. Eine unbegründete Unterbrechung lebenslanger Arbeit um nur vierundzwanzig Stunden könnte sich nachteilig auf die Rente auswirken.

Welchen Obolus bezog ich als Lehrling? Wie entlohnte mich eine Fabrik im mitteldeutschen Chemiedreieck, in der ich bis zum Umfallen schuftete? Welchen Sold empfing ich als möglicher Verteidiger meiner engeren Heimat? Einiges ist in Arbeitsbuch und Sozialversicherungsausweis nachzulesen, anderes nicht oder nur unvollständig. Also wendet man sich an die Stätten seines einstigen Wirkens. Versucht es jedenfalls. Denn volkseigene Betriebe sind nicht mehr volkseigen, Fabriken wurden zu Ackerflächen, Ackerflächen zu Supermärkten, Akten vernichtet, günstigstenfalls ausgelagert, die zuständigen Leute auf Altenheime, Krankenhäuser, Friedhöfe und Parlamente verteilt.

Ich brauchte ein halbes Jahr, bis die Beweiskette geschlossen war. Schließlich schwelgte ich in froher Erwartung. Ein Keulenschlag holte mich in die Realität zurück. Weil sich mein Lebensmittelpunkt seit jeher auf den östlichen Teil des Vaterlandes beschränkt, wurde der „aktuelle Rentenwert“ – also die Zahl, mit der meine über die Jahre zusammengekommenen Rentenpunkte für meinen monatlichen Überlebensfonds multipliziert werden – um 3,25 Euro niedriger angesetzt, als wenn ich in jenem Teil Deutschlands lebte, in dem es noch nie eine politisch-moralische Wende, geschweige eine erfolgreiche Revolution gegeben hat. Strafe muss sein.

Seitdem sinkt der Wert meiner Rente umgekehrt proportional zur Entwicklung der Diäten- und Pensionen derer, die das so beschlossen haben. Aber ich will nicht ungerecht sein, selbst Karl Marx sah im gleichen Recht für alle einen Missstand und hielt einen ungleichen Umgang miteinander für erstrebenswert. Man kann ihm aber nicht vorwerfen, dass er mit einer Umverteilung von unten nach oben falsch ausgelegt wird. In seinen Randglossen zur Kritik des Gothaer Programms der SPD hatte er es jedenfalls anders gemeint. Aber was kümmert die SPD heute noch Karl Marx.

Man ist ja gern mit etwas weniger zufrieden, solange unsere obersten Volksvertreter, die den obersten Teil des Volkes vertreten, nicht hungern müssen. Schließlich haben sie ein ganzes Volk zu vertreten. Zwar nicht vor Gericht, zu ihrem Glück auch nicht vor dem jüngsten, nur vor ihrem Gewissen. Aber wo solches nicht ist, da ist auch keine Schande.

Im Fernsehen weckte eine ehemalige Bundestagsabgeordnete mein Mitgefühl. Sie hat das Parlament verlassen, nachdem Kanzler Schröder ein Jahr vor seinem politischen Verfallsdatum das Handtuch geworfen und Neuwahlen erwirkt hatte, für die sie nicht wieder aufgestellt wurde. Vielleicht war ihre Meinung einmal von jener der Fraktion abgewichen – ich weiß es nicht. Meinungen gelten in Fraktionen immer nur zusammengefasst, püriert und durchs Sieb gedrückt.

Die Ex-Abgeordnete schlug sich fortan als Putzfrau durch und sah nicht einmal unglücklich aus. Ich finde, so eine Sozialdemokratin sollte nach einer Putzperiode wieder ins Parlament. Die weiß, dass Arbeitslosigkeit kein Aggregatzustand ist, den man mit der Temperatur verändert, es gehört auch Druck dazu. Dennoch will ich nicht hoffen, dass ihr Beispiel Schule macht. Bisher war auf Reinigungskräfte immer Verlass. Da wurde nichts unter den Teppich gekehrt.

4. Verhängnisvolle Erfindung

Es ist bedenklich, wenn Werbebeilagen für wichtiger genommen werden als die Zeitung, der sie beigelegt sind. Mitunter liegt das auch an der Zeitung. Für mich sind Werbebeilagen für Rinderbraten, Blumenkohl, Fahrräder und Fernsehgeräte Papiermissbrauch. Unbeachtet überlasse ich die Hochglanzprospekte dem Papiercontainer. Wenn ich mir etwas von diesen Dingen kaufen will, lasse ich mich im Fachgeschäft beraten.

Anfang 1995  beschloss ich einem Anflug von ökologischer Einsicht, sämtliche Werbung, die übers Jahr in meinen Briefkasten landen würde, zu sammeln. Jeder, der Zugang zu meinem Schließfach hatte, wurde mit Verhaltensregeln ausgestattet, damit auch ja nicht der kleinste Werbeflyer abhanden komme.

An jedem ersten Tag eines Monats bündelte ich die Werbung des Vormonats und legte das Paket sorgsam beiseite. Als das Jahr um war, steckte ich alle zwölf Bündel in einen Sack und bewahrte ihn auf.

Das neue Jahrhundert eilte ins Land. Bevor noch das vierte Jahr um war, stieß ich beim Aufräumen auf die zwölf dicken, fetten Papierbündeln des Jahrgangs ´95. Was liegt näher, als zehn Jahre nach der Sammelaktion erneut eine solche zu starten. Ich las immer noch dieselbe Berliner Zeitung. Wieder wurde jeder, der Zugang zu meinem Kommunikationsfach hatte, in die Pflicht genommen, keinen Schnipsel zu veruntreuen.

 An jedem ersten Tag eines neuen Monats bündelte ich die Werbung des Vormonats und legte das Paket sorgsam beiseite. Als das Jahr um war, steckte ich alle zwölf Bündel in einen Sack. Am Jahresende hatte ich zwei Säcke, einen von 1995 und einen von 2005.

Kurz entschlossen begann ich zu analysieren. Zuerst wog ich das Bündel vom Januar 1995. Es wiegt 4 Kilogramm. Danach wog ich das Bündel vom Januar 2005, in dem sich ganz sicher der katastrophale Zustand der deutschen Wirtschaft, die vom Unternehmertum gescholtenen Standortbedingungen und die schrumpfenden Gewinne niederschlagen würden. Gab es überhaupt noch Werbung, wo alles am Boden lag? Das Bündel wiegt 6,3 Kilogramm, über 60 Prozent mehr als zurzeit, als die deutsche Wirtschaft boomte.

Oder nehmen wir den Juli. Damals, 1995, als fast alle Umworbenen am Ballermann auf Mallorca herumhingen, empfing mein Hausbriefkasten gerade mal 1,6 Kilogramm Werbung. Zehn Jahre später, im Krisenjahr 2005, waren es 6 Kilo.

Im ganzen Jahr 1995 empfing ich 35 Kilogramm Werbematerial, zehn Jahre später, als es uns allen nicht mehr so gut ging, waren es 65,7 Kilogramm. Für mich bekam das Lied „Wer hat dich, du schöner Wald“ einen  neuen Inhalt. Ich denke, dass der chinesische Ackerbauminister Tsai-Lun, als er die Papierherstellung erfand und beschrieb, nicht ahnten, welchen Schaden sich die Menschheit mit seiner Erfindung zufügen würde.

Meinen Briefkasten mit der täglich eingehenden Tageszeitung als Maß genommen, so erhielten im Jahr 1995 1,8 Millionen Berliner Haushalte zusammen 63 Millionen Kilogramm oder 63.000 Tonnen völlig überflüssiges Papier in ihre Hauspostkästen gestopft. Die Zeitungen und Illustrierten, von denen ich mir wünschte, manche wären Wald geblieben, nicht mit gerechnet. Zehn Jahre später waren es 118,26 Millionen Kilogramm oder 118.300 Tonnen.  Spekulationen auf die Zukunft bieten sich an. Ich verstehe jetzt, warum weltweit jeder fünfte gefällte Baum zu Papier verarbeitet wird. Um uns zu erklären, was ein Kilo Schweinsrouladen kostet.

In einer Email fragte ich beim zuständigen Lehrstuhl für Werbung und Gestaltung an der Weimarer Universität an, ob Interesse an meiner Sammlung bestehe. Doch da die Lehranstalt offenbar über weniger Platz verfügt als ich, ließ der ehrenwerte Professor dankend ablehnen. Kein Problem, meine Papiercontainer werden unentgeltlich geleert. Und die Analyse ist gespeichert.

Dennoch behielt ich aus jedem Jahr einen kompletten Werbemonat zurück. Dann kam das Jahr 2015. Von Anfang an beschränkte ich mich auf einen einzigen Monat, verglich ihn mit denen der Jahrzehnte zuvor und stellte fest, es war wieder mehr geworden war. Während die Löhne stagnierten, nahm die Papier-Werbung trotz massenhafter eölektronischer Werbung durch das Internet etwa in dem Maße zu, wie das oberste Prozent, also die Reichsten der Reichen ihr Vermögen vermehrt hatten, unangetastet von den Krisen der Zeit, die Millionen um ihr mühsam aufgebautes Mini-Vermögen brachten.

Vielleicht kann jemand – falls es mir nicht mehr möglich sein sollte – im Jahr 2025 die Werbung eines ganzen Monats aus seinem Briefkasten sammeln und wiegen. Und irgendwer vielleicht 2035 und 2045.  Falls es das Klima noch zulässt.

5. Friede den Hütten

Weil ich neugierig bin, fahre ich hin und wieder in die Stadt, womit in unserer Gegend das Zentrum Berlins gemeint ist. Ich will sehen, was sich dort tut, wo wir über Jahre mit den Kindern spazieren und meine Frau auf Nahrungssuche gegangen waren. Beispielsweise rund um den Alexanderplatz, der mehr und mehr zugebaut wird, als habe man Angst, auch nur einen Quadratzentimeter Grund und Boden ohne Einnahmen brach liegen zu lassen.
Ein Stück weiter fielen bis vor wenigen Jahren meine Blicke auf die Rückseite des Palastes der Republik, der von Monat zu Monat kleiner wurde. Mit dem Abriss hatte man sich nach langem Streit und lauten Protesten abgefunden. Fast anderthalb Jahrzehnte währte der Kampf seiner Verteidiger, bis die Vernunft unter der Senatskeule auf die Bretter ging. Ein Fingerhut voll Macht ist allemal stärker als ein Sack voll Vernunft. Mit dem selben Asbest-Spritzverfahren aufgebaut wie das ICC – laut Ex-Stadtbaudirektor Ost konnte man sich im Westen mehr von dem teuren Asbest leisten! -, ist jedoch nur der Ostberliner Palast unverträglich für die Besucher gewesen, nicht das bis 1979 als repräsentatives Gegenstück zum Palast der Republik geschaffene ICC.
Nichts mehr mit schwelgenden Erinnerungen von sechzig Millionen Besuchern an vergnügliche Stunden im „Haus des Volkes“. Vergessen die hellen, lichtdurchfluteten Foyers, die zehn Restaurants, Bowlingcenter, Theater und Festsaal mit 1.800 Angestellten. Schluss mit nostalgischen Rückblicken von Künstlern aus aller Welt, die die vollendete Bühnentechnik priesen und von der Wandelbarkeit der Räumlichkeiten mit ihren honiggelben Sesseln im sanft ansteigenden Parkett und auf den Rängen überrascht waren.
Natürlich war im Lande kein Aufschrei der Begeisterung zu vernehmen, als Mitte der Siebzigerjahre für eine Milliarde Mark in tausend Tagen der Palast auf die Spreeinsel gesetzt wurde. Sein Bau bestätigte nachhaltig Jean-Jacques Rousseaus Erkenntnis: „Bei jedem Palais, das in der Hauptstadt erbaut wird, glaube ich die Häuser eines ganzen Landstrichs verfallen zu sehen.“
Wie auch immer Vergangenes zu bewerten ist, das Ding stand nun einmal da. Da es aber gewissermaßen ein Denkmal der Ära Honecker war, hatte es zu verschwinden, so wie der Granit-Lenin aus Ulbrichts Zeiten ein paar Straßen weiter.

K800_VorAbrissDas Barockschloss der Hohenzollern hätte damals erhalten werden können. Doch es wurde für eine Aufmarschfläche des Sozialismus unsinnigerweise gesprengt. Warum also 60 Jahre später nachbauen?

Mit Schiller möchte man ausrufen: „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen.“ Neues Leben? Auf den Resten uralter Kellergewölbe soll das Schloss der Hohenzollern neu erstehen. Aus Mangel an zeitgemäßen städtebaulichen Konzeptionen soll die barocke Zwingburg der Feudalaristokratie wieder aufgebaut werden. Wenigstens äußerlich soll das Symbol einer untergegangenen Epoche der Stadt zweifelhaften Glanz verleihen. Ebenso soll die Potsdamer Garnisonkirche, das für alle Zeit für den “Tag von Potsdam” steht, die Inthronisierung eines Massenmörders als deutscher Reichskanzler durch einen Haupttäter des Ersten Weltkrieges als Staatsoberhaupt, wieder aufgebaut werden.
Niemals jedoch werden solche Bauwerke Zeugnisse der Geschichte sein wie beispielsweise das Zeughaus oder die Ruine der alten Gedächtniskirche, deren Gemäuer vom Geist jener Epochen beseelt sind, aus der sie stammen. Denn das sind keine Attrappen der Sehnsucht und der Nostalgie, keine eben errichteten Tempel kulturgeschichtlicher Besinnungslosigkeit. Die sind echt.

KanzleiAngesichts dessen, was geschieht, muss die oben genannte Frage erlaubt sein.

Man kann es auch so sehen: Das Wohnhaus des letzten deutschen Kaisers, der den Ersten Weltkrieg mit mehr als zwanzig Millionen Toten verantwortet, soll nach außen hin seine alte Pracht neu entfalten. Ich wehre mich, logisch weiterzudenken, denn dann müsste man damit rechnen, dass in zwanzig Jahren die alte Reichskanzlei samt Führerbunker wieder neu entsteht. Und einige Zeit später der Palast der Republik. Wäre es da nicht billiger gewesen, man hätte bis dahin alles gut verpackt? So wie den Reichstag durch Christo. Wenn auch leider nur für kurze Zeit.

6. Operation Abrissbirne

Bei meinen nostalgischen Rundgängen durch das Zentrum Berlins besuche ich hin und wieder auch die Fischerinsel, also den südöstlichen Teil der prachtvollen Museumsinsel zwischen den plätschernden Armen der alten Tante Spree. An der Ecke Fischerinsel/Gertrautenstraße – das ist inzwischen ein paar Jahre her – wollte ich vor dem berühmten Ahornblatt, linker Hand abbiegen, fand aber das Blatt nicht mehr.

AhornblattJenes markante Bauwerk, dessen Dach in der Form eines Ahornblattes aus „hyperbolischen Paraboloiden“, wie Fachleute sagen, also relativ zart wirkenden, geschwungenen Betonschalen gestaltet war, ist verschwunden. Stattdessen steht an dieser Stelle ein Wohn- und Geschäftshaus, wie man es überall in deutschen Städten antrifft. Man sieht es und hat es schon vergessen.

Hatte man, während der Streit um die Zukunft des Palastes der Republik ein paar Hundert Meter weiter nördlich tobte, klammheimlich das Ahornblatt vom Baum anspruchsvoller Architekturen gerissen? War die Aufregung um den Palast eine willkommene Ablenkung von dem 1971/72 errichteten eigenwilligen Kantinenbau, in dem einst zur Mittagszeit fünftausend Mahlzeiten gereicht wurden und abends die Jugend zur Disco sich traf?

Ich höre mich um und erfahre, dass dieses einmalige Ahornblatt im Sommer des Jahres 2000 von einer Firma aus Donaueschingen von der Denkmalliste der Hauptstadt geschleift wurde. Die Oberfinanzdirektion hatte es offenbar mit der Absicht verkauft, aus Grund und Boden ordentlich Kohle zu machen. In der Lausitz werden ganze Dörfer abgerissen, um an die Kohle zu gelangen, mag man sich im Senat gedacht haben, da kommt es auf ein Ahornblatt nicht an. Der Denkmalschutz und die Proteste von Hunderten Architekten, Ingenieuren, Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland, deren Unterschriften gegen einen beabsichtigten Abriss schnöde ignoriert wurden, waren kein nennenswertes Hindernis.

Von einer Gerichtsverhandlung gegen die Schuldigen, beispielsweise wegen Vernichtung denkmalgeschützten Kulturgutes, habe ich bisher nichts gehört. Aber unter Regierenden ist es ja wohl nicht üblich, dass eine Krähe der anderen ein Auge aushackt, und wo niemand klagt, ist auch nichts zu richten.

Bei dem „Ahornblatt“ handelte es sich um das  Meisterwerk eines Architekten, der mit mehr als fünfzig grandiosen Hyperschalenbauten Architekturgeschichte geschrieben hat. Ulrich Müthers Gebäude stehen als Planetarien, Moscheen, Sportstätten, Gast- und Einkaufsstätten in Warnemünde, Wolfsburg, Oberhof, Osnabrück und Fulda, in Helsinki, Amman, Tripolis und Algier, in Kuba, Kolumbien und anderswo auf der Erde.

Und ausgerechnet sein Berliner Ahornblatt wurde dem Erdboden gleich gemacht.

Was unterscheidet die Bilderstürmer der Gegenwart eigentlich von denen, die in den Fünfzigerjahren das Berliner Schloss und Schinkels Bauakademie schleifen ließen? Ich weiß es nicht. Vielleicht werde ich künftig etwas nachsichtiger über sie urteilen.

7. Traditionen, Traditionen…

Ein paar Tage Urlaub in Goslar und rundum im wunderschönen Nordharz. Herbststimmung an den steilen Hängen kantiger Felsen, steile Serpentinen zwischen farbenprächtigen Laub- und Nadelwäldern, Bäche, Seen, Talsperren in einem weiten Verbund zum Schutze der Städte und Dörfer. Gepflegte Kommunen, einladende Hotels und Pensionen und immer wieder  saubere rustikale Plätze mit Bänken und Tischen zum Verweilen im Grünen.  Mit besonderer Hingabe wird in Goslar des Komponisten und Begründers der Berliner Operette (“Frau Luna”), Paul Lincke (1866-1946), gedacht, der in Hahnenklee  sein Grab gefunden hat.

Traditionen scheinen in dieser Region einen besonders hohen Stellenwert zu genießen.  Das kann man auf Schritt und Tritt feststellen. Dafür ein paar Beispiele, die des Nachdenkens wert sind.

Hindenbrg  Vertriebene

Die Hindenburgstraße in Hahnenklee. Siebzig Jahre nach dem Krieg sollte des Kaisers Kriegsführer und Steigbügelhalters Hitlers eigentlich nicht mehr auf solche Weise gedacht werden. Reicht schon, dass Potsdam die Garnisonkirche wieder aufbaut, in der der greise Reichspräsident und Hitler einträchtig in die Zukunft blickten. In Goslar, nahe der Kaiserpfalz, wird zudem für die 12,4 Millionen deutsche Vertriebenen des Zweiten Weltkrieges die Heimat zurückverlangt.

Bism  Sclesier

Am Denkmal für den Reichseiniger Fürst Bismarck in Hahnenklee leuchtet dessen Spruch: “Wir Deutsche fürchten Gott, sonst nichts in der Welt.” Besonders für Touristen und Migranten ein aufbauender Sinnspruch. In Bad Grund stoßen die Schlesier- und die Ostpreußenstraße und mancherlei Ansichten dazu aufeinander…

Traditionen, nichts als Traditionen… Oder?

8. Reichssportfeld zu vermarkten

Es gibt wenig, das man nicht kaufen kann. Neben Beamten gibt es Anwälte, Künstler, Journalisten, Staatsanwälte, Polizisten, Lehrer, Gutachter, Weinverkoster und Politiker. Die einen kauft der Staat für Gehälter und Pensionen, für die anderen gibt es Honorarordnungen, und noch andere umgehen alle bürokratischen und fiskalischen Hürden und reden nicht darüber.

Kaufpreise orientieren sich gemeinhin an der Nachfrage – mit Ausnahme der Pharmaindustrie, da ist es Ausnutzung menschlicher Not. Dennoch gibt es gewisse Unterschiede, die von der Qualifikation des Verkäufers, auch Subjekt genannt, und dem Wert des umworbenen Gegenstandes, dem Objekt, abhängt. Ein örtlicher Bauamtsleiter, der ertragsarmen Rübenacker zu fruchtarem Bauland erklärt, ist möglicherweise mit einem Kleinwagen ausreichend belohnt. Ein Politiker, der ein Gesetz lanciert, das einem Pillenfabrikanten erlaubt, Krankenkassen und Bürgern tiefer als vordem in die Taschen zu greifen, kann sich möglicherweise Hoffnung auf eine lebenslange Rente machen.

Mitunter winken auch Traumjobs. „Das werden wir schon tacken“, heißt ein Slogan in Anlehnung an den Namen eines ehemaligen Staatssekretärs, der nach erteilter Fusionsgenehmigung im Energiebereich mit einen Vorstandsposten in der Stromwirtschaft belohnt wurde. Inzwischen sind die Namen derer kaum noch zu überblicken, die nach ihrem Einfluss auf Entscheidungen in der Politik zu Gunsten der Wirtschaft in selbiger mit hochdotierten Pöstchen belohnt werden.

Was in der Industrie so außerordentlich gut funktioniert, sollte auch in armen Kommunen neuen Mut wecken. Warum nicht eine Straße verkaufen, die für einen ansehnlichen Jahresbeitrag den Namen des örtlichen Transportunternehmers trägt? Warum soll der Platz vor dem Rathaus nicht nach dem Inhaber der größten Baufirma der Region benannt werden? Eine sechsstellige Summe wäre für alle Seiten hilfreich, und die Stadt könnte weitere lukrative Bauaufträge an eine Firma ihres Vertrauens vergeben.

Fußballklubs machen es vor. Ihre Stadien werden von Unternehmen gesponsert, die vom Geld aus Volkes Tasche groß und reich geworden sind. Allianz, Signal Iduna, AOL, Rhein-Energie, Commerzbank… Berlin könnte auf diese Weise sein in dieser Hinsicht jungfräuliches Olympiastadion für einen ansehnlichen Obolus  vermarkten. Der Name des Bauherrn scheidet in diesem Fall aus, nicht weil der Österreicher war, sondern weil die gesellschaftlichen Verhältnisse der Dreißigerjahre in unguter Erinnerung sind. Weil Stadion damals ein Fremdwort war, hieß es Reichssportfeld. Also, frisch gewagt, das Angebot steht. Bewerben Sie sich, meine Herren aus den Vorstandsetagen. Zum Beispiel von der Deutschen Bank. Da wäre der Bruch zur Vergangenheit nicht allzu krass. „Ob Kaiser, Führer, Bundeskanzler – mit der Deutschen Bank auf jeden Dampfer!“ Oder: „Ohne Arbeit, alt und krank, treib Sport im Stadion deiner Bank!“. Auch Mercedes könnte ein dankbarer Namensgeber sein, zumal die erste Reichsgarde samt Führer in den Autos dieser Marke einst zur Einweihung vorgefahren war. „Reichssportfeld Mercedes – mit uns ist jeder Staat zu machen!“

Empfehlenswert wären auch Sponsoren aus der Sportartikel- oder Dopingbranche, die das Stadion für ein erkleckliches Sümmchen nach dem ehemaligen Nestor der deutschen Sportwissenschaft Carl Diem benennen. Immerhin hat der Cheforganisator der Olympischen Sommerspiele von 1936 an dieser Stelle im März 1945 dem Führer aus dem Herzen gesprochen und an die Jugend appelliert, “den Opfertod nicht zu scheuen und wie Helden zu sterben, denn es ist schön für das Vaterland zu sterben”. Diem hingegen starb viel später, wurde vordem noch Staatssekretär in Bonn und Träger des Bundesverdienstkreuzes.  Warum also nicht „Kampfbahn Diem“?

Muss das Kanzleramt eigentlich Kanzleramt heißen? Könnte da nicht VW zum Sponsor werden und das Ding  zum Beispiel „Hartzhöhe“ nennen. Oder – gesponsert von der Hotelbranche – „Liberalitätsklause“. Und immer schön die Rechnungen begleichen, sonst passiert es wie in Karl-Marx-Stadt, pardon Chemnitz, das seinen Namen nach knapp vierzig Jahren wieder abgeben musste, weil die Erben von Karl Marx abgewirtschaftet hatten.

9. Die Scheinheiligen

Am 21. August 1968 – Truppen des Warschauer Paktes marschieren in die CSSR, um den “Prager Frühling”, der die Hoffnungen von Millionen Menschen in Europa und darüberhinaus verkörperte, brutal niederzuschlagen. Für Jüngere: Damit war der kommunistische Parteichef Alexander Dubcek in der Tschechoslowakei von seinen engsten Verbündeten mit der Sowjetunion an der Spitze daran gehindert worden, seine Vorstellungen von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz in die Tat umzusetzen. Die DDR als Befürworter der militärischen Aktion gehörte, möglicherweise weil er letzte deutsche Einmarsch gerade erst dreißig Jahre zurück lag, nicht zu den einmarschierenden Staaten.

Man muss sich einmal vorstellen, das Experiment Dubceks von 1968 wäre gelungen, der Sozialismus stalinscher Prägung als Diktatur einer Funktionärsriege in allen Ländern des Ostens wäre erneuert, Altstalinisten wie Breshnew, Gomulka, Novotny, Ulbricht, Ceaucescu und dergleichen wären zum Teufel gejagt worden. Ein wirklich demokratischer Sozialismus hätte an Einfluss gewonnen, die Menschen wären begeistert gewesen und leichten Herzens zu Sozialisten, mindestens aber zu deren Anhängern geworden.

Im Westen wäre ein Heulen und Zähneklappern ausgebrochen, weil sich der Menschheit eine Perspektive geboten hätte, zu der ein sozial verbrämter Marktkapitalismus nicht mehr als eine abgewrackte Alternative ist. Eigentlich hätte man in regierenden Kreisen des Westens mit der Niederschlagung erster Ansätze eines demokratischen Sozialismus durch die eigenen „Brüder“ zufrieden sein müssen. Oder wollten die so genannten christlichen Parteien tatsächlich eine solche Entwicklung, wie sie sich in Prag hoffnungsvoll andeutete? Warum, zum Kuckuck, malen sie dann bis heute bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit den demokratischen Sozialismus als Schreckgespenst an die Wand? Die meisten Linken wollen doch auch nur das, was Dubcek wollte.

Hätten es die maßgeblichen Wirtschaftsverbände im Westen wirklich so gut gefunden, dass ein auf das Wohl der Menschen ausgerichteter Sozialismus allein durch sein Beispiel der kapitalistischen Ausbeutung Grenzen setzt? Es war zwei Jahrzehnte später schließlich der Untergang des sozialistischen Weltsystems mit allen seinen Entartungen und Fehlentwicklungen, der es ermöglichte, dass  in den Industrieländern des Westens ein Kapitalismus übelster Prägung die sozialen Bedürfnisse der Menschen auf dem Altar der Profitmaximierung opfert und von einer Krise in die nächste stolpert. Ungehindert hat die Politik in Deutschland einem entwickelten Nationalkapitalismus Tür und Tor geöffnet mit dem Ziel ganz Europa zu dominieren.

Trauer und Enttäuschung über die Niederschlagung des Prager Frühlings seien jenen zugestanden, die lange darunter zu leiden hatten, deren Hoffnungen auf einen reformierten Sozialismus wie Seifenblasen zerplatzten, die mitten drin waren im Hexenkessel untauglicher Machtstrukturen und irriger Klassenkampfstrategien. Denen, die Krokodilstränen über das gewaltsame Ende des Prager Frühlings vergießen, bleibt immer noch die Möglichkeit, es einmal mit einem „Kapitalismus mit menschlichem Antlitz“ zu probieren.

10. Zwei Seiten einer Moral

Im Ruhestand kümmert man sich um Dinge, die vorher nicht weiter ins Auge fallen. Nicht weil man mehr Zeit hat, nein, weil man das allgemeine Unrecht stärker empfindet, wenn der Stress des permanenten Unrechts im Berufslebens verklungen ist. Mehr aufmerksame Rentner, und den Politikern würde gehörig Dampf unter den Hintern gemacht. Für die Zukunft bin ich da ganz optimistisch. Beispielsweise ärgert es mich, wenn höchste Orden der DDR auf Auktionen zu Spitzenpreisen verhökert werden. Damit meine ich nicht das millionenfach verteilte Aktivistenabzeichen, Verdienstmedaillen, Banner der Arbeit oder andere Durchhalte-Medaillen. Ich meine wirklich hohe Orden, erlesene Stücke von geringer Auflage.

Aus der Zeitung erfuhr ich, dass ein goldener Stern aus dem Besitz des langjährigen DDR-Ministers für Staatssicherheit Erich Mielke bei einer Auktion in Hamburg 24.000 Euro für die Erben brachte. Der Stammvater das Hauses Mielke hatte ihn als „Held der DDR“ gleich mehrfach eingeheimst.

In ähnlicher Weise wird auch der Karl-Marx-Orden verhökert, der nur an treueste Staatsdiener, die alle anderen Orden bereits besaßen, an höchste Funktionäre, ganz wenige Ausnahmesportler und ausländische Parteiführer verliehen wurde.

Ich wollte die Auktion nicht unkommentiert hinnehmen, zumal ich wusste, dass solche Orden tatsächlich nur „verliehen“ wurden. Im Büchlein „Orden und Auszeichnungen“ der DDR las ich nach, dass der fünfzackige goldene Helden-Stern einen Durchmesser von 36 Millimetern hat, mit Staatswappen, Lorbeerkranz und fünf echten Brillanten ausgestattet ist. In der dazugehörigen Spange befinden sich drei weitere Brillanten. Also insgesamt acht.

Der Orden wurde für „hohe persönliche Einsatzbereitschaft, Mut, Kühnheit und Opferbereitschaft“ vom Vorsitzenden des Staatsrates der DDR überreicht und war mit fünfundzwanzigtausend Mark dotiert. Stasi-Chef Mielke Opferbereitschaft nachzusagen, das geht wohl in die falsche Richtung. Kühnheit schon ehr, nämlich sich über alles geltende Recht mutig hinwegzusetzen.

Erich Honecker verlieh sich den Helden-Stern dreimal. Und damit niemand die Nase rümpfte, bekamen ihn Mielke, Ministerpräsident Stoph und Innenminister Dickel auch mehrfach. Man war ja unter sich. Zu den Karl-Marx-Orden, den sich die selben Leute bis zu fünfmal gegenseitig anhefteten, gab es jeweils nur zwanzigtausend Mark cash, zwei Jahresgehälter einer HO-Verkäuferin.

Schwamm drüber, könnte man sagen und das Ganze unter sozialistischer Selbstbedienungsmentalität abheften, wenn es nicht die Gesetze über die Ordensverleihungen gäbe. Darin steht klipp und klar, dass die Medaille „Goldener Stern“ und der Karl-Marx-Orden nach dem Tod des Ausgezeichneten an den Staat zurückzugeben sind.

Die Geehrten hatten zu Lebzeiten genug Freude daran, jetzt könnten einmal andere davon profitieren, dachte ich. Damit meine ich nicht deren Kinder und Enkel, sondern die von den Geehrten Verfolgten. Vielleicht, so schlug ich in einer eMail an das Bundesinnenministerium vor, könnte der Staat mit dem Erlös für diese eingezogenen Kostbarkeiten den Opfern von Stalinismus und Diktatur ein wenig mehr Hoffnung auf Gerechtigkeit im Staate Deutschland machen.

Ein Herr von K. antwortete mir, dass eine Rückforderung von den Hinterbliebenen nicht vorgenommen werde, „selbst wenn dies in Verleihungsbestimmungen der ehemaligen DDR vorgesehen gewesen sein sollte. Der Verwaltungsaufwand würde in keinem Verhältnis zu einem möglichen Erlös bei einer Verwertung stehen.“

Wer entscheidet eigentlich darüber, ob Gesetze eingehalten werden oder nicht? Der Verwaltungsaufwand? Der Erlös? Was kostet Moral? In einem Antwortschreiben wollte ich auflisten, welche Verwaltungsmaßnahmen im Dienste des Rechts nicht nur keinen Erlös bringen, sondern überflüssig, nutzlos und verschwenderisch sind.

Aber wie das seit jeher so ist, die Großen lässt man laufen und demütigt, auch damit, die Kleinen. Nun mag das Ganze verjährt sein, nicht aber vergessen.

11. Sturm im Wasserglas

Die kleine idyllische Gemeinde Zechin, ein Katzensprung von meinem Wohnort entfernt, gab Anlass für Aufregungen, wie sie künstlicher nicht sein könnten. Die Gemeindevertreter hatten mehrheitlich beschlossen, den Sozialismus wieder einzuführen. Das jedenfalls sollte man glauben, ginge es nach Zeitungsberichten.

Die Gemeine gab einem Stück der Hauptstraße mit fünf Anwohnern den Namen eines Mannes, der als junger Bursche dort in einer Tischlerwerkstatt gearbeitet hat, Gewerkschaftsfunktionär wurde, später in der Bremer Bürgerschaft saß, führender Sozialdemokrat, Kommunist, Verfolgter des Naziregimes und schließlich erster und einziger Präsident der DDR war: Wilhelm Pieck.

Mitte der Sechzigerjahre war in dieser Straße eine Gedenkstätte für Pieck eingerichtet worden, in der vor allem Thälmann- und Jung-Pioniere in Ehrfurcht vor der Büste des DDR-Gründers zu erstarren hatten. Weil die Gedenkstätte zusammen mit der DDR abgeschafft wurde, soll wenigstens ein Stück Straße an den prominenten Tischlergesellen erinnern. Recht so, dachte ich, und verfolgte meine Regionalzeitung. Amüsiert erfuhr ich, dass etliche Bürger der Gemeinde die Namensgebung für eine Zumutung hielten. Dafür sei der Zustand der Straße viel zu schlecht.

So sind sie, die Ossis, immer noch einen Scherz auf den Lippen, obwohl die Kacke am Dampfen ist – wenn man das Urteil anderen überlässt.

Der Bürgermeister des 350-Seelen-Ortes nimmt die Kritik von außerhalb gelassen. Ich vermute einmal, er wird sich erst breitschlagen lassen, über den Straßennamen erneut nachzudenken, wenn in westdeutschen Städten und Dörfern die Namen von Militärstrategen des deutschen Imperialismus und Wegbereitern des Nationalsozialismus wie Hindenburg, Admiral Spee, Moltke und anderen an Straßen, Plätzen, Kasernen verschwinden. Oder wenn Schulen nicht längere nach Profiteuren der Weltkriege wie Flick und anderen benannt sind. Oder in Berlin, München und anderen Großstädten die nach dem Antisemiten und Geschichtsprofessor Heinrich von Treitschke (1879: „Die Juden sind unser Unglück.“) benannte Straßen andere Namen bekämen. Ist doch ein Angebot, oder…?

Mir kommt ein ähnlicher Sturm im Wasserglas in den Sinn, der Ende der Neunzigerjahre um einer kleine Gemeinde östlich der einstigen innerdeutschen Grenze tobte. Zur Beerdigung eines bejahrten Dorfbewohners spielte die Blaskapelle der Freiwilligen Feuerwehr am offenen Grab auf Wunsch des Verblichenen die Nationalhymne der DDR. Der Verstorbene  hatte keiner Partei angehört und auch nicht den Ruf, rote Socken zu tragen. Er hatte einfach nur einen Großteil seines Lebens in der DDR verbracht. Selbst der Bürgermeister, der einer christlichen Partei angehört, erwies seinem Mitbürger die letzte Ehre.

Der Redakteur des Lokalanzeigers, offensichtlich noch ehrgeizig auf der Suche nach Menschenkenntnis und Geschichtsbewusstseins, nannte tags darauf unter „Ewiggestrig! – Nichts dazu gelernt“ die Tatsache mit der Hymne einen Skandal und legte dem Gemeindeoberhaupt nahe, recht schnell seinen Hut zu nehmen und das Gemeindeamt zu verlassen.

Sicher wird er das auch tun – allenfalls, um einem Gemeindemitglied, dass sich wieder einmal die Musik von Hanns Eisler gewünscht hat, die keine Hymne mehr ist, seit es die DDR nicht mehr gibt, die letzte Ehre zu erweisen. Das bisschen Toleranz sollte sein.

12. Das unnütze Billionen-Spiel

Thomas de Maizière meinte – als er zum ersten Mal Innenminister war –, dass es hätte klug sein können, “ein wenig mehr als Ampelmännchen und grünen Pfeil zu übernehmen, die es fast als Einzige aus der DDR in die gesamtdeutsche Republik geschafft haben”.

Er untertreibt maßlos. Vergessen wir in der Aufzählung einmal Angela Merkel aus der Uckermark, die es bis an die Spitze des Kanzleramtes geschafft hat, und kommen zum Wesentlichen. Wären Ampelmännchen und grüner Pfeil tatsächlich das Einzige, das vom Westen übernommen worden ist, könnten wir zufrieden sein und unsere Unfähigkeit bejammern, aus dem Verbliebenen etwas Anständiges gemacht zu haben.

Doch da war nicht viel Rest. Dank Kahlschlag durch die Treuhandanstalt (Von der alten BRD gesteuerte Institution zum Verhökern der DDR-Volkswirtschaft von 1990-1994) gelangten 90 Prozent der ostdeutschen Wirtschaft in westdeutsche Hände. Anerkanntermaßen zu Spottpreisen, mit windelweichen Auflagen und Fördermitteln obendrein. Wo zum Beispiel ist das weltweit geschätzte Kali aus den Gruben bei Merkers geblieben? Es diente dazu, das westdeutsche Unternehmen der BASF “Kali & Salz” zu sanieren.

Und was wurde aus den vielen Millionen ostdeutschen Versicherungsverträgen? Die gingen als Milliardengewinn an die Allianz. Kohle- und Energieindustrie für 16 Millionen Ostdeutsche teilten die westlichen Energiekonzerne unter sich auf. Die Centrum-Warenhäuser als Konsumtempel des Ostens gehörten im Handumdrehen den westdeutschen Handelskonzernen, ebenso HO-Läden nebst Kundschaft, in denen sich westliche Einzelhandelsketten einnisteten und alles Ostdeutsche aus den Regalen fegten.

Wie viele große Ostunternehmen hätten, zunächst mit Länderbeteiligung, gebildet und als Steuerzahler im Osten ansässig bleiben können? Ein Zitat von Hamburgs Ex-Bürgermeister Voscherau 1996 in „Die Welt“ brachte es auf den Punkt: “In Wahrheit waren fünf Jahre Aufbau Ost das größte Bereicherungsprogramm für Westdeutsche, das es je gegeben hat.” Wenn Wissenschaftler ausgerechnet haben, dass 1,5 bis zwei Billionen Euro als “Aufbauhilfe” in die neuen Länder geflossen seien, dann lässt sich leicht überschlagen, wie viel davon in die alten Länder zurückfloss und die damals angeschlagene Wirtschaft sanierte – fast alles!

Und da kommt der deutsche Innenminister, der es besser wissen muss, mit Ampelmännchen und grünem Pfeil. Selbst von den so genannten Fördermitteln für die ostdeutsche Wirtschaft, den Bürgern großzügig als Transfermittel aufs Butterbrot geschmiert, flossen laut Harald Ringstorff, lange Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, 80 Prozent an Unternehmen und Unternehmer im Westen zurück.

Das Einzige, was im Osten hinderlich war, das waren die Menschen, die zu Millionen aus ihren Jobs und viele auch aus ihren Häusern flogen. Und da streiten Kleingeister über Worte wie “Anschluss” oder “Beitritt”, um mit Matthias Platzeck, einen der achtbarsten deutschen Ministerpräsidenten – leider i.R., in die Schranken der Arroganz zu verweisen.

Vielleicht war ja alles auch nur eine lange heimlich geplante feindliche Übernahme? Es wird noch aufzuklären sein.

13. Die Thüringer Chance

Was in Thüringen im politischen Herbst 2014 geschieht, wird irgendwann, wenn die Wogen des Für und Wider geglättet sind, historisch einzuordnen sein. Die Thüringer SPD ergreift die Initiative, um sich ihrer Wurzeln und Traditionen zu erinnern. In diesem deutschen Land fand 1869 in Eisenach die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Bebels und Liebknechts statt. In Gotha überwanden 1875 die 1963 gegründeten Lassalleaner und die Eisenacher mit dem berühmten Gothaer Programm die Spaltung der Arbeiterschaft. Nach dem Fall des „Sozialistengesetzes“, das die Sozialdemokraten über zehn Jahre in den Untergrund getrieben hatte, wurde die SPD auf dem Erfurter Parteitag 1891 (Rosa Luxemburg: „Wir sind wieder bei Marx.“) zur kämpfenden Arbeiterpartei, die viele Rechte für das Volk erstritt.

BildungsvereinStatuten des Arbeiterbildungsvereins, wie er bereits in den Fünfzigerjahren des 19. Jahrhunderts in Gotha existierte und zur Keimzelle für die Sozialdemokratie wurde. Unten eine Mitgliedskarte

Karte

Es war wiederum in Gotha, wo sich 1917 im Streit über die Kriegskredite und die Ablehnung des Krieges die linke Abspaltung der SPD als USPD (Unabhängige SPD) gründete, die maßgeblich mit ihrem Einfluss auf die Massen den Sturz des Kaiserreiches und die Gründung der Weimarer Republik herbeiführte. Bis 1922 hatte es gedauert, dass sich die USPD wieder mit der SPD vereinigte. Linksradikale Gruppierungen der USPD mit Liebknecht und Luxemburg hatten allerdings inzwischen die KPD gegründet und damit die Arbeiterschaft weiterhin gespalten. Hier lag einer der wesentlichen Gründe für das Erstarken der nationalsozialistischen Partei, zumal die KPD weiter die SPD als einen ihrer Hauptgegner betrachtete.

Eisenach

Aktuelle Berichterstattung über den Eisenacher Parteitag 1869 im “Eisenacher Tageblatt”

Mit der Zwangsvereinigung von KPD und SPD nach dem Zweiten Weltkrieg in Ostdeutschland war es die SPD, die unter der Diktatur einer ultralinken Parteihierarchie ihrer Traditionen beraubt wurde und gegen die Repressalien der sowjetischen Besatzer faktisch machtlos wurde. Mein Vater, der aus der SPD kam und zunächst auf dem so genannten Einigungsparteitag 1946 in Gotha für die Einheit der Arbeiterklasse stimmte, war später tief enttäuscht und hat sich seine Zustimmung nie verziehen. In seinen letzten Lebensjahren wurde er 1990 noch Ehrenvorsitzender der neugegründeten Ortsgruppe in seinem Dorf.

SPDDoku

In einem Gespräch, das ich in den Neunzigerjahren mit „SPD-Urgestein“ Egon Bahr führte, fragte ich nach der Aufnahme von SED-Mitgliedern in die SPD. Dazu sagte er: „Ich glaube, wir haben einen Fehler gemacht. Ich war – wie mein Freund Willy Brandt – der Auffassung, dass alle, die sich zum Programm bekennen, im Prinzip aufgenommen werden sollten, wo es natürlich der Einzelentscheidungen bedarf. Kurt Schumacher hat im Zusammenhang mit der Verschmelzung von SPD und KPD einmal vom Blutspender SPD gesprochen. Ich fordere das Blut zurück. Ich glaube, dass dies jedenfalls im Prinzip 1990 als Konsequenz daraus versäumt worden ist. Ich bin der Auffassung, dass jedes ehemalige Mitglied der SED, dass sich zum Programm bekennt – Schumacher hatte das seinerzeit sogar für die Waffen-SS gesagt – Mitglied der SPD werden können muss. Es liegt auch in der Toleranz und der Tradition der SPD.“

Ich sehe in der Politik der Thüringer SPD – wenn sie bei den Landtagswahlen auch etliche Prozente weniger als die Linke eingefahren hat – einen wesentlichen Schritt in Richtung einer neuerlicher Vereinigung aller linken Kräfte. Nachdem in der von dem ehemaligen westdeutschen Gewerkschaftsfunktionär Bodo Ramelow geführten Thüringer Linken die alte Ideologie einer SED keinen Raum mehr findet, reift die Zeit heran, dass sich die einst aus der SPD hervorgegangene Linke eines Tages wieder zur SPD, ihrer alten Heimstatt bekennen wird. Thüringen ist geradezu prädestiniert dafür, Wege für eine vereinte linke Volkspartei namens SPD in Deutschland zu ebnen, die für die Mehrheit wieder regierungsfähig sein wird.

14. Ein Halleluja auf Wittenberg

Kurztripp in die Lutherstadt Wittenberg. Anderthalb Stunden per Pkw. Wie weit sind die Vorbereitungen für das Jubiläum 500 Jahre Reformation gediehen? Im Zentrum zwischen Schlosskirche und Lutherhaus pulsiert das Leben. Das Wort Sprachengewirr ist nicht übertrieben, sehr viel englisch. Ein Geschäft neben dem anderen, immer wieder Restaurants und Cafes mit Stühlen und Tischen vor der Tür. An jedem zweiten Haus eine Tafel, wer vor zweihundert, dreihundert oder fünfhundert Jahren einmal hier gewohnt hat. Selbst der Porzellan-Böttger war hier zeitweise unter Hausarrest.

Wittenberg  Lth

Rathaus und  Stadtkirche, in der Luther zu seinen Anhängern predigte / Belebter Alltag im Zentrum der Stadt

Die Häuser von Cranach, Melanchton, Hutten und vielen anderen, die hier studierten oder lebten und arbeiteten, lenken die Aufmerksamkeit auf sich. Melanchtons Haus, jenes Professors an der Wittenberger Uni, der einer der bedeutendsten Anhänger des Reformators war, zeigt sich fast im damaligen Zustand. An der alten Universität, an der Luther lehrte, stehen Baugerüste, auf denen gearbeitet wird. Sein Wohnhaus ein paar Schritte weiter ist stets gut besucht.

Luth

DMartinHinter Bauzäunen geht der Touristenstrom weiter durch das informativ gestaltete Lutherhaus (Unesco-Welterbe)

Baugerüste auch an der zweitürmigen Stadtkirche. Und – das spricht für den Eifer der Wittenberger Stadtverwaltung und der vielen beteiligten Firmen – überall ist Bewegung hinter den Absperrungen und auf den Gerüsten. Auch der Turm der Schlosskirche ist eingerüstet. Dennoch finden trotz der umfangreichen Arbeiten im Innern Führungen statt, wird erläutert, wie sorgfältig die Restaurierungen vorbereitet und durchgeführt werden. Als ich leise eintrete beendet eine größere Gruppe mit einem Pfarrer mit dem „Vaterunser“ einen kleine Gebetstunde.

Luther  Melanchton

Katharina von Bora, Luthers Ehefrau, präsentiert ihren kostbaren Ehering, der in Juweliergeschäften als Nachbildung zu erwerben ist / Rechts das fast im Urzustand erhaltene Haus von Philipp Melanchton

Die 105 cm hohe Schrift von Luthers Liedbeginn „Ein feste Burg ist unser Gott, ein´ gute Wehr und Waffen“ in 60 Meter Höhe am Turm der Schlosskirche wird geputzt. Sie ist erst 1982 von Mitarbeitern der Kreisbaubetriebe mit 190.000 2 mal 2 cm großen Mosaiksteinen neu gesetzt worden, nachdem der Fries von 1888 aus 720.000 0,9 mal 0,9 cm kleinen Mosaiksteinchen reparaturbedürftig geworden war. Selbst Erich Honecker hatte in einer Rede als Vorsitzender des Luther-Komitees der DDR diese Leistung der jungen Bauleute gewürdigt. Ich hatte mir damals ein paar der alten Steinchen beschafft und bewahre sie in Ehren auf.

witten

WittenbAlltag in den Straßen Wittenbergs / Unten der Blick in den Kunsthof im Cranach-Haus, in dem es viel Schönes zu betrachten und zu erwerben gibt

Nach drei bis vier Stunden hat man halbwegs einen Eindruck, dass sich ein Besuch in Wittenberg jederzeit lohnt. Ein Rundgang durch das sehr interessante und aufschlussreich gestalteten DDR-Museum über drei Etagen rundet das Besuchsprogramm in der Stadt Martin Luthers ab. Es hinterlässt ein Gefühl großer Erwartungen für das Jahr 2017, wenn am 31. Oktober vielleicht ein neuer Luther vor der Tür der Schlosskirche stehen und mahnen wird, die Kirche solle mit der Zeit und mit den Menschen in die Zukunft gehen.

SchlosskMosaikstNoch ist der Turm der Schlosskirche (Unesco-Welterbe) verhüllt… (oben) / Zur Erinnerung an die Schrift von 1888 am Turm der Schlosskirche drei alte Mosaiksteinchen

15. Der Gipfel der Intoleranz

Es gibt üble Dinge, die auch mit der Zeit nicht besser werden. Man schaut auf sie zurück und glaubt, einem Albtraum erlegen gewesen zu sein. Zum Beispiel als der Alterspräsident des Bundestages der Bundesrepublik Deutschland am 10. November 1994 die Eröffnungsrede für den 13. Bundestag hielt. Als ältester Abgeordneter hatte er die traditionelle Pflicht, dem Parlament ein paar passende Worte mit auf den Weg zu geben.

Das klang dann beispielsweise so: „Arbeits- und Obdachlosigkeit, Pest und Hunger, Krieg und Gewalttat, Naturkatastrophen bisher unbekannten Ausmaßes begleiten uns täglich. Dagegen sind auch die besten Armeen machtlos. Hier braucht es zivile Lösungen, politische, wirtschaftliche, soziale, kulturelle. Reden wir nicht nur von der Entschuldung der Ärmsten. Entschulden wir Sie. Und nicht die Flüchtlinge die zu uns drängen sind unsere Feinde, sondern die die sie in die Flucht treiben. …

Und benutzen wir die Macht die wir haben, die finanzielle vor allem, weise und mit sensibler Hand. Macht, wie wir wissen, korrumpiert und absolute Macht korrumpiert absolut. Die Menschheit kann nur in Solidarität überleben. Das aber erfordert Solidarität zunächst im eigenen Lande. West – Ost. Oben – Unten. Reich – Arm.“

An diesem 10. November vor zwanzig Jahren sitzt die Unions-Fraktion auf Kanzler-Anordnung mit steinerner Miene im Bundestag, rührt keine Hand zum Applaus und übt Intoleranz gegenüber dem parteilosen, weltbekannten Schriftsteller Stefan Heym, der in der Uniform eines amerikanischen Befreiers 1945 nach Deutschand gekommen war, aus dem er in den Dreißigerjahren als Jude ausgewandert war. Sein (für CDU und CSU) unverzeihlicher Fehler: Er hatte, parteilos, für die PDS kandidiert.

Doch angesichts seiner brillanten Rede „wurde das organisierte Zähnezusammenbeißen der Union zur Groteske“, schrieb der „Spiegel“. CDU-Ministerin Angela Merkel sah in der Tatsache, dass ihre Fraktion den Sitzungssaal während der Rede nicht verlassen hatte, eine beachtliche Konzession: “Damit hat die Union ihre Großmut zur Schau gestellt.” So die Schaustellerin.

Der Gipfel der Intoleranz: Das Bundespresseamt lehnte eine Veröffentlichung dieser Rede im offiziellen “Bulletin” ab. Da bleibt dem Autor dieser Zeilen der Trost, dass bisweilen und bald schon die meisten der Fraktionsmitglieder von CDU/CSU von 1994 vergessen sind, während Stefan Heym bereits zur Literaturgeschichte gehört.

16. Lob den Kinderreichen

In Deutschland gelingt es derzeit gerade noch, dass sich das Volk nur ganz allmählich selber ausrottet. Kinderliebe Zuwanderer halten noch einiges im Lot. Das kann sich bei abnehmendem Bevölkerungszuwachs von außen schnell ändern. Dann käme ein böses Erwachen, denn in Deutschland verzichten immer mehr Frauen auf Nachwuchs. Jede fünfte Frau zwischen 40 und 44 Jahren hat – bei steigender Tendenz – keine Kinder. Darüber informiert eine Studie des Statistischen Bundesamtes mit dem Titel “Geburtentrends und Familiensituation in Deutschland”. Mit Maßnahmen wie Kita-Ausbau, Betreuungs- oder Elterngeld wollen die Regierungs-Koalitionäre den Geburtenrückgang stoppen, doch der Versuch geht am Thema vorbei.

Vor mehr als zweihundert Jahren schrieb der schottische Nationalökonom Adam Smith: „Die unter vornehmen Frauen so häufige Unfruchtbarkeit ist unter den Frauen niederen Standes sehr selten. Die Üppigkeit entflammt zwar vielleicht in dem schönen Geschlechte die Begierde nach dem Genusse, aber sie scheint auch immer die Kraft des Gebärens zu schwächen, ja häufig ganz zu zerstören.“ Leben deutsche Frauen zu üppig? Man beachte: Besonders ausgeprägt ist die Kinderlosigkeit in den Stadtstaaten, in denen die Lebenshaltungskosten hoch sind und immer mehr „Besserverdiener“ sich den Luxus einer geräumigen Stadtwohnung leisten können. In Hamburg hatte 2012 fast jede dritte Frau keinen Nachwuchs. Was dabei der Genuss nicht verhindert, das regelt die Pille, Beelzebubs Gegenentwurf zur Enzyklika Humanae vitae. Aber offenbar ist der reine Genuss anderswo nicht der einzige Grund für Kinderarmut.

„Wie die reichliche Belohnung der Arbeit den gemeinen Mann zur Fortpflanzung ermuntert“, schreibt der Schotte, „so spornt sie ihn auch zum Fleiße an.“ Andererseits, so Smith in der emotionslosen Sprache des Nationalökonomen, „geschieht es, dass die Nachfrage nach Menschen, gerade wie die nach jeder anderen Ware, notwendig auch die Erzeugung von Menschen reguliert: sie beschleunigt sie, wenn sie zu langsam vor sich geht, und verzögert sie, wenn sie zu rasch fortschreitet.“ Bei fünf Millionen Arbeitslosen, also einer Quote von weit über zehn Prozent und Millionen Famiien, die im Bereich von Armut leben, liegt ein Rückgang des Fortpflanzungswillens auf der Hand. Mit gutem Zureden und Kita-Plätzen ist das Problem nicht zu packen, solange übermäßig Milliarden auf diesbezüglich kaum noch  fruchtbarem Boden gehortet werden.

Ein historischer Rückblick mag die Auswirkungen des Geburtenrückganges erhellen. Hätten sich in den vergangenen Jahrhunderten die Familien mit nur einem Kind, höchstens jedoch mit zwei Kindern begnügt, wären wir arm wie Kirchenmäuse. Wir hätten keinen Johann Sebastian Bach, der die Musik für Jahrhunderte prägte. Als er in Eisenach geboren wurde, hatte seine Mutter vor ihm schon sieben Kindern das Leben geschenkt. Wir müssten auf Mozarts Opern verzichten, wäre Wolfgang Amadeus in Salzburg nicht als siebtes Kind in der Familie eines Vizekapellmeisters zur Welt gekommen. Wir hätten auch keinen Richard Wagner und keine Bayreuther Festspiele, weil ihr Schöpfer das neunte Kind seiner Eltern war. Es gäbe auch keinen Ludwig van Beethoven und hundertfünfzig Jahre später keinen „King of Pop“, denn Michael Jackson war das siebte von neun Kindern.

Hätte vor vierhundert Jahren ein gewisser Rembrandt van Rijn als neuntes Kind eines Müllers und einer Bäckerstochter nicht die Farbenpracht dieser Welt erblickt, gäbe es möglicherweise kein Niederländisches Goldenes Zeitalter der Malerei. Und wäre vor gut zweihundert Jahren in der Familie Darwin in Shrewsbury nicht ein gewisser Charles als fünftes von sechs Kindern geboren worden, wüssten wir bis heute nicht, dass wir zusammen mit den Schimpansen einer Großfamilie entstammen, die evolutionär Beachtliches auf die Beine gestellt hat. Auch andere Größen der Wissenschaft verdanken ihr Dasein überaus kinderlieben Eltern, darunter Marie Curie, jüngstes von fünf Kindern, Otto Hahn, der als viertes Kind Hähnchen im Korbe war, und Alfred Nobel, die Nummer drei in der natürlichen Erbfolge.

Nörgler könnten einwenden, aber ein Johannes Kepler, der die Planentenbahnen erklärt und berechnet hat, wäre uns nicht verloren gegangen, denn der wurde als erster von sieben Geschwistern geboren. Aber, würde ich einwenden, sein Vater war das vierte Kind von Sebald Kepler, dem Bürgermeisters von Weil. Was wäre aus den Planetenbahnen geworden, wenn es ihn nicht gegeben hätte…? Immanuel Kants kategorischen Imperativ würde unser Gewissen nicht belasten, Friedrich Schillers „Bürgschaft“ hätte der bedingungslosen Freundschaft kein Denkmal gesetzt, wir hätten auf Karol Wojtyla alias Papst Johannes Paul II. verzichten müssen, ein Benedikt XVI. hätte nicht zurücktreten können, es gäbe keinen Konrad Adenauer, keinen Richard von Weizsäcker, keinen Helmut Kohl und nicht einmal einen Joschka Fischer.

Tacitus schrieb über unsere germanischen Vorfahren: „Je mehr Angehörige, je größer die Zahl der Anverwandten, desto angesehener ist das Alter: Kinderlosigkeit bringt nicht den mindesten Gewinn.“  So war das vor zweitausend Jahren. Hat nicht der Begriff Kinderreich hier seinen Ursprung? Im Laufe der Zeit sind wir Menschen offensichtlich anspruchsloser, auf jeden Fall ärmer geworden. Erst- und Zweitgeborene bevölkern die Lehreanstalten, sitzen in Akademien und greifen bereits für Mittelmäßiges Kunstpreise ab. In der Politik begnügen wir uns mit Angela Merkel, der Erstgeborenen einer braven Pfarrersfamilie, und mit Sigmar Gabriel, dem einzigen Kind eines Kommunalbeamten und einer Krankenschwester. Man muss sich einmal vorstellen, was aus einem vierten, fünften oder gar neunten Kind dieser Familien hätte werden können.

Mit 100 im Parlament

Das Durchschnittsalter im DDR-Parlament Volkskammer war ziemlich hoch. Es lag bereits beim Politbüro, das natürlich komplett der Volkskammer angehörte, bei über 60 Jahren. Aber das war noch nicht die Spitze des parlamentarischen Altertums. Am 9. Juli 2014 wäre die älteste Person, die je in einem deutschen Parlament gesessen hat, 125 Jahre alt – Wilhelmine Schirmer-Pröscher. Als sie in Gießen geboren wurde, war sie von der französischen Revolution ebenso weit entfernt wie von der ersten erfolgreichen deutschen Revolution 1989 in der DDR. Wir vermuteten damals, dass der in die Jahre gekommene Erich greise Honecker mit der gelernten Drogistin und Lehrerin demonstrieren wollte, dass er noch ein junger Spund und demzufolge ewig wählbar sei.

Schirmer-PröFoto aus dem Volkskammerhandbuch von 1987

Vor dem Ersten Weltkrieg war Wilhelmine Hauslehrerin in Frankfurt/Main, gehörte in der Weimarer Republik der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) an und überstand als Chefin der Hubertus-Drogerie in Berlin-Mariendorf die Zeit des Nationalsozialismus. Nach ihrer Mitgliedschaft in der DDR-Blockpartei LDPD, deren Führungsgremien die Trägerin des Karl-Marx-Ordens da capo al fine angehörte, war sie bis zu ihrem Tod im März 1992 Mitglied der FDP. Das schützte allerdings nicht davor, dass ihr die zum 100. Geburtstag verliehene Ehrenbürgerschaft von (Ost)Berlin 1992 durch den (West)Berliner Senat wieder aberkannt wurde.

Diese kleine Erinnerung sollte ihr Leben wert sein.

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Wir sind vielleicht ein Völkchen

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