1. Reiß´ dich zusammen! – Prolog

Lass dir nicht einreden, „mit sechsundsechzig Jahren, da fängt das Leben an“. Ich weiß es besser, es beginnt bergab zu gehen. Nimm Schlagertexte nie ernst, sie sind verlogen wie Wahlversprechen und Anlagetipps.

In Wahrheit hast du mit Sechsundsechzig das Gröbste hinter dir und atmest erst einmal tief durch. Solange die Rente mit 67 noch nicht greift, sind die wichtigsten Formalitäten erledigt, und du beginnst die Solidargemeinschaft in mäßigen Zügen zu genießen. Abstriche hast du nur noch in finanzieller Hinsicht zu befürchten.

Solltest du etwas für dich und deine andere Lebenshälfte für schlechte Zeiten zurückgelegt haben, dann fang schon mal an zu rechnen, wie lange du dich damit über Wasser halten kannst. Dank unterlassener Anpassung der Rente an Löhne und Inflationsrate wird es im Geldbeutel ziemlich klamm. Eine Anpassung an die Managergehälter war eh nie vorgesehen. Da gibt es keinen Solidarpakt. Wie du bald merken wirst, haben die schlechten Zeiten schon begonnen.

Rede nie von Ruhestand, das macht dich angreifbar: „Der weiß nichts mit sich anzufangen, der soll mal ganz schön die Klappe halten…!“ Tatsächlich wird die Zeit knapp, um alles das zu erledigen, was du ein Leben lang vor dir her geschoben hast. Zum Beispiel kochen, tanzen lernen, die alten Briefmarken anschauen, basteln, mit den Nachbarn reden, angeln oder einfach nur die Natur und das Fernsehen beziehungsweise die Natur im Fernsehen genießen.

Und Politik machen! Fang damit an, die Zeitung sorgfältiger zu lesen. Spüre die Unwahrheiten in den aufgeblasenen Leersätzen der Politiker auf. Die profitieren nämlich davon, dass sich die Wähler ihren Stuss nicht merken. Schau ihnen aufs Maul, nenne Arschlöcher auch so und sympathisiere mit denen, die wenigstens so tun, als wären sie ehrlich.

Mit Gleichgesinnten solltest du ein Wahlversprechen-Überprüfungskomitee (WÜK) gründen und den Abgeordneten, die auf deine Kosten leben, die Schamröte in die Zornesfalten treiben. Pfeif auf so genannte gute Ratschläge, rebelliere gegen jedes Unrecht und die permanente Irreführung durch die Behörden.

Reiß dich zusammen. Irgendwann wirst auch du so verlogene Lieder wie „Mit sechsundsechzig Jahren, da fängt das Leben an“ aus voller Brust und gegen jede innere Überzeugung mitsingen. Nur so, als Drohung.

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2 Kommentare

Dezember 19, 2013 · 11:27 am

2 Antworten zu “1. Reiß´ dich zusammen! – Prolog

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