2. Soweit die Flügel tragen

Irgendwann trifft es jeden. Ein Händedruck, ein Dankeschön, ein paar mickrige Euros aus der Armenkasse des Unternehmens und – Ruhestand! Das war ´s. Ab in die Freiheit, um das, was vom Leben geblieben ist, zu genießen. Natürlich im Rahmen dessen, was an materiellen Möglichkeiten und gesundheitlichen Fähigkeiten übriggeblieben ist. Eine Art Resteverwertung. Es ist, als öffne sich ein Käfigtürchen und ein alter lustiger Vogel entschwindet aus langer Gefangenschaft in die unergründlichen Weiten dieser Welt. So weit die Flügel tragen. Soweit sie tragen.

Endlich in Rente, endlich jenseits von gut und sechzig. Und wo ist die Freude?

Anfangs ist da ein zwiespältiges Gefühl. Wie ohne feste Regeln, ohne Lob von oben, ohne Heuchelei und Neid von unten leben? Wie geht das, bedingungslos sein eigener Herr zu sein, quasi sein eigener Herrgott? Keine Richtschnur, an der man sich entlang hangelt, niemanden, auf den man Verantwortung abwälzen kann. Egal wie weit man auf der Leiter des Erfolgs nach oben geklettert ist, es gibt immer noch eine Sprosse darüber, selbst wenn die Leiter bis in den Himmel reicht. Gerade dann.

Nach fünfundvierzig Jahren ist der Ausstieg aus dem Vermarktungsgeschäft mit der eigenen Arbeitskraft unspektakulärer, als man es sich fünfundvierzig Jahre lang vorgestellt hat: Wenn ich eines Tages in Rente gehe, da fliegen die Fetzen!

Nun stehe ich da ohne Fetzen. Nur kein Aufsehen. Kleine Stehrunde, Blumen, ein paar Plattitüden über Vergangenes, das man – wie auch immer – wenigstens nicht ganz lustlos mitgestaltet hätte. Dann noch eine Anspielung auf die Grauen Panther, in deren Rudel man von nun an erlebnishungrig durch die Savannen der Freizeit streifen werde.

Der Chef persönlich war sich für den Nachruf nicht zu schade. Er sprach von Verantwortung, um Jüngeren ein Zeichen zu setzen. Dann eröffnete er das Getränkebuffet, um wenigstens zum Schluss noch ein wenig Interesse zu erheischen. Jüngere Mitarbeiter begannen sich kraftvoll in Szene zu setzten, weil sie glauben, dass von solchen Runden wichtige Signale für Personalentscheidungen ausgehen. Alte Hasen wissen das und beschränken sich aufs Saufen.

Der Chef ging ohnehin nach einer halben Stunde. Chefs gehen immer nach einer halben Stunde, weil sie fürchten, auf natürliche Weise lustig zu werden. Schließlich, ganz abrupt, nach zwei, drei Stunden: Macht ´s gut, Leute. Irgendwer lallt: Lass dich mal wieder sehen!

Von der letzten Bemerkung abgesehen, ist es wie auf einer Beerdigungsfeier. Ein Händedruck und ein freundlicher Rat an die Zurückgebliebenen: Lasst den Kopf nicht hängen, auch wenn Ihr bleiben müsst! Die meisten sind ohnehin noch nicht reif für die Rente, weder moralisch, noch was die Anzahl der Arbeitsjahre betrifft. Das hindert den einen oder anderen nicht daran, den Ruhezustand schon einmal auszuprobieren.

Irgendwann trifft es jeden. Die Pflichtfiguren des Lebens sind getanzt, die erste Rock´n-Roll-Generation quält sich bis zum Einsatz eines neuen Hüftgelenks beim Langsamen Walzer, während die nachrückende Welt rappt und hiphoppt. Es sei ihr gegönnt.

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3 Kommentare

Dezember 19, 2013 · 11:29 am

3 Antworten zu “2. Soweit die Flügel tragen

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