3. Strafe muss sein

Weil meine berufliche Ausbildung mit vierzehn Jahren begann, kann ich auf so viele Arbeitsjahre blicken, dass ich vorzeitig in den Genuss der vollen Rentenbezüge kam. Zum ersten Mal erlebte ich die Gnade der frühen Geburt, weil mir keine 0,3 Prozent Rente für jeden Monat abgezogen werden, um den ich vor dem fünfundsechzigsten Lebensjahr den Gehaltsfonds meiner Firma entlastete. Das klingt kompliziert, ist es auch. Vergessen wir es.

Bevor ich meine Unabhängigkeit genießen konnte, waren Hürden zu überwinden, die jedem Lahmen auf die Sprünge helfen. Mir fielen die weißen Ratten im Labor ein. Wenn die Futter haben wollen, müssen sie Kunststückchen vollbringen. Eine russische Erfindung, für die ein gewisser Herr Pawlow den Nobelpreis bekommen hat. Mit Hartz IV soll es ähnlich sein, wenngleich die Versuchsanordnung jeden wissenschaftlichen Anspruch vermissen lässt.

Meine Kunststückchen auf dem Weg zum Futter beschränkten sich darauf, Unterlagen zu beschaffen, nach denen die Rente berechnet wird. Doch so einfach sind die nicht aus dem Hut zu zaubern. Erschwerend wirkte sich aus, dass ich die meiste Zeit in der geschlossenen Abteilung der Anstalt Deutschland gelebt habe, die ihre eigene Hausordnung hatte.

Im Zweifelsfalle zugunsten des Antragstellers – so einfach ist das in einer Demokratie nicht. Die Scharfrichter der Angestelltenversicherung fordern eine lückenlose Beweiskette tätigen Seins. Eine unbegründete Unterbrechung lebenslanger Arbeit um nur vierundzwanzig Stunden könnte sich nachteilig auf die Rente auswirken.

Welchen Obolus bezog ich als Lehrling? Wie entlohnte mich eine Fabrik im mitteldeutschen Chemiedreieck, in der ich bis zum Umfallen schuftete? Welchen Sold empfing ich als möglicher Verteidiger meiner engeren Heimat? Einiges ist in Arbeitsbuch und Sozialversicherungsausweis nachzulesen, anderes nicht oder nur unvollständig. Also wendet man sich an die Stätten seines einstigen Wirkens. Versucht es jedenfalls. Denn volkseigene Betriebe sind nicht mehr volkseigen, Fabriken wurden zu Ackerflächen, Ackerflächen zu Supermärkten, Akten vernichtet, günstigstenfalls ausgelagert, die zuständigen Leute auf Altenheime, Krankenhäuser, Friedhöfe und Parlamente verteilt.

Ich brauchte ein halbes Jahr, bis die Beweiskette geschlossen war. Schließlich schwelgte ich in froher Erwartung. Ein Keulenschlag holte mich in die Realität zurück. Weil sich mein Lebensmittelpunkt seit jeher auf den östlichen Teil des Vaterlandes beschränkt, wurde der „aktuelle Rentenwert“ – also die Zahl, mit der meine über die Jahre zusammengekommenen Rentenpunkte für meinen monatlichen Überlebensfonds multipliziert werden – um 3,25 Euro niedriger angesetzt, als wenn ich in jenem Teil Deutschlands lebte, in dem es noch nie eine politisch-moralische Wende, geschweige eine erfolgreiche Revolution gegeben hat. Strafe muss sein.

Seitdem sinkt der Wert meiner Rente umgekehrt proportional zur Entwicklung der Diäten- und Pensionen derer, die das so beschlossen haben. Aber ich will nicht ungerecht sein, selbst Karl Marx sah im gleichen Recht für alle einen Missstand und hielt einen ungleichen Umgang miteinander für erstrebenswert. Man kann ihm aber nicht vorwerfen, dass er mit einer Umverteilung von unten nach oben falsch ausgelegt wird. In seinen Randglossen zur Kritik des Gothaer Programms der SPD hatte er es jedenfalls anders gemeint. Aber was kümmert die SPD heute noch Karl Marx.

Man ist ja gern mit etwas weniger zufrieden, solange unsere obersten Volksvertreter, die den obersten Teil des Volkes vertreten, nicht hungern müssen. Schließlich haben sie ein ganzes Volk zu vertreten. Zwar nicht vor Gericht, zu ihrem Glück auch nicht vor dem jüngsten, nur vor ihrem Gewissen. Aber wo solches nicht ist, da ist auch keine Schande.

Im Fernsehen weckte eine ehemalige Bundestagsabgeordnete mein Mitgefühl. Sie hat das Parlament verlassen, nachdem Kanzler Schröder ein Jahr vor seinem politischen Verfallsdatum das Handtuch geworfen und Neuwahlen erwirkt hatte, für die sie nicht wieder aufgestellt wurde. Vielleicht war ihre Meinung einmal von jener der Fraktion abgewichen – ich weiß es nicht. Meinungen gelten in Fraktionen immer nur zusammengefasst, püriert und durchs Sieb gedrückt.

Die Ex-Abgeordnete schlug sich fortan als Putzfrau durch und sah nicht einmal unglücklich aus. Ich finde, so eine Sozialdemokratin sollte nach einer Putzperiode wieder ins Parlament. Die weiß, dass Arbeitslosigkeit kein Aggregatzustand ist, den man mit der Temperatur verändert, es gehört auch Druck dazu. Dennoch will ich nicht hoffen, dass ihr Beispiel Schule macht. Bisher war auf Reinigungskräfte immer Verlass. Da wurde nichts unter den Teppich gekehrt.

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2 Kommentare

Dezember 19, 2013 · 11:31 am

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