4. Verhängnisvolle Erfindung

Es ist bedenklich, wenn Werbebeilagen für wichtiger genommen werden als die Zeitung, der sie beigelegt sind. Mitunter liegt das auch an der Zeitung. Für mich sind Werbebeilagen für Rinderbraten, Blumenkohl, Fahrräder und Fernsehgeräte Papiermissbrauch. Unbeachtet überlasse ich die Hochglanzprospekte dem Papiercontainer. Wenn ich mir etwas von diesen Dingen kaufen will, lasse ich mich im Fachgeschäft beraten.

Anfang 1995  beschloss ich in einem Anflug von ökologischer Einsicht, sämtliche Werbung, die übers Jahr in meinen Briefkasten landen würde, zu sammeln. Jeder, der Zugang zu meinem Schließfach hatte, wurde mit Verhaltensregeln ausgestattet, damit auch ja nicht der kleinste Werbeflyer abhanden komme.

An jedem ersten Tag eines Monats bündelte ich die Werbung des Vormonats und legte das Paket sorgsam beiseite. Als das Jahr um war, steckte ich alle zwölf Bündel in einen Sack und bewahrte ihn auf.

Das neue Jahrhundert eilte ins Land. Bevor noch das vierte Jahr um war, stieß ich beim Aufräumen auf die zwölf dicken, fetten Papierbündeln des Jahrgangs ´95. Was liegt näher, als zehn Jahre nach der Sammelaktion erneut eine solche zu starten. Ich las immer noch dieselbe Berliner Zeitung. Wieder wurde jeder, der Zugang zu meinem Kommunikationsfach hatte, in die Pflicht genommen, keinen Schnipsel zu veruntreuen.

 An jedem ersten Tag eines neuen Monats bündelte ich die Werbung des Vormonats und legte das Paket sorgsam beiseite. Als das Jahr um war, steckte ich alle zwölf Bündel in einen Sack. Am Jahresende hatte ich zwei Säcke, einen von 1995 und einen von 2005.

Kurz entschlossen begann ich zu analysieren. Zuerst wog ich das Bündel vom Januar 1995. Es wiegt 4 Kilogramm. Danach wog ich das Bündel vom Januar 2005, in dem sich ganz sicher der katastrophale Zustand der deutschen Wirtschaft, die vom Unternehmertum gescholtenen Standortbedingungen und die schrumpfenden Gewinne niederschlagen würden. Gab es überhaupt noch Werbung, wo alles am Boden lag? Das Bündel wiegt 6,3 Kilogramm, über 60 Prozent mehr als zurzeit, als die deutsche Wirtschaft boomte.

Oder nehmen wir den Juli. Damals, 1995, als fast alle Umworbenen am Ballermann auf Mallorca herumhingen, empfing mein Hausbriefkasten gerade mal 1,6 Kilogramm Werbung. Zehn Jahre später, im Krisenjahr 2005, waren es 6 Kilo.

Im ganzen Jahr 1995 empfing ich 35 Kilogramm Werbematerial, zehn Jahre später, als es uns allen nicht mehr so gut ging, waren es 65,7 Kilogramm. Für mich bekam das Lied „Wer hat dich, du schöner Wald“ einen  neuen Inhalt. Ich denke, dass der chinesische Ackerbauminister Tsai-Lun, als er die Papierherstellung erfand und beschrieb, nicht ahnte, welchen Schaden sich die Menschheit mit seiner Erfindung zufügen würde.

Meinen Briefkasten mit der täglich eingehenden Tageszeitung als Maß genommen, so erhielten im Jahr 1995 1,8 Millionen Berliner Haushalte zusammen 63 Millionen Kilogramm oder 63.000 Tonnen völlig überflüssiges Papier in ihre Hauspostkästen gestopft. Die Zeitungen und Illustrierten, von denen ich mir wünschte, manche wären Wald geblieben, nicht mit gerechnet. Zehn Jahre später waren es 118,26 Millionen Kilogramm oder 118.300 Tonnen.  Spekulationen auf die Zukunft bieten sich an. Ich verstehe jetzt, warum weltweit jeder fünfte gefällte Baum zu Papier verarbeitet wird. Um uns zu erklären, was ein Kilo Schweinsrouladen kostet.

In einer Email fragte ich beim zuständigen Lehrstuhl für Werbung und Gestaltung an der Weimarer Universität an, ob Interesse an meiner Sammlung bestehe. Doch da die Lehranstalt offenbar über weniger Platz verfügt als ich, ließ der ehrenwerte Professor dankend ablehnen. Kein Problem, meine Papiercontainer werden unentgeltlich geleert. Und die Analyse ist gespeichert.

Dennoch behielt ich aus jedem Jahr einen kompletten Werbemonat zurück. Vielleicht kann ich auch 2015 noch einen Monat sammeln. Und irgendwer vielleicht 2025 und 2035.

Falls es das Klima noch zulässt.

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2 Kommentare

Dezember 19, 2013 · 11:32 am

2 Antworten zu “4. Verhängnisvolle Erfindung

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