6. Operation Abrissbirne

Bei meinen nostalgischen Rundgängen durch das Zentrum Berlins besuche ich hin und wieder auch die Fischerinsel, also den südöstlichen Teil der prachtvollen Museumsinsel zwischen den plätschernden Armen der alten Tante Spree. An der Ecke Fischerinsel/Gertrautenstraße – das ist inzwischen ein paar Jahre her – wollte ich vor dem berühmten Ahornblatt, linker Hand abbiegen, fand aber das Blatt nicht mehr.

Ahornblatt

Jenes markante Bauwerk, dessen Dach in der Form eines Ahornblattes aus „hyperbolischen Paraboloiden“, wie Fachleute sagen, also relativ zart wirkenden, geschwungenen Betonschalen gestaltet war, ist verschwunden. Stattdessen steht an dieser Stelle ein Wohn- und Geschäftshaus, wie man es überall in deutschen Städten antrifft. Man sieht es und hat es schon vergessen.

Hatte man, während der Streit um die Zukunft des Palastes der Republik ein paar Hundert Meter weiter nördlich tobte, klammheimlich das Ahornblatt vom Baum anspruchsvoller Architekturen gerissen? War die Aufregung um den Palast eine willkommene Ablenkung von dem 1971/72 errichteten eigenwilligen Kantinenbau, in dem einst zur Mittagszeit fünftausend Mahlzeiten gereicht wurden und abends die Jugend zur Disco sich traf?

Ich höre mich um und erfahre, dass dieses einmalige Ahornblatt im Sommer des Jahres 2000 von einer Firma aus Donaueschingen von der Denkmalliste der Hauptstadt geschleift wurde. Die Oberfinanzdirektion hatte es offenbar mit der Absicht verkauft, aus Grund und Boden ordentlich Kohle zu machen. In der Lausitz werden ganze Dörfer abgerissen, um an die Kohle zu gelangen, mag man sich im Senat gedacht haben, da kommt es auf ein Ahornblatt nicht an. Der Denkmalschutz und die Proteste von Hunderten Architekten, Ingenieuren, Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland, deren Unterschriften gegen einen beabsichtigten Abriss schnöde ignoriert wurden, waren kein nennenswertes Hindernis.

Von einer Gerichtsverhandlung gegen die Schuldigen, beispielsweise wegen Vernichtung denkmalgeschützten Kulturgutes, habe ich bisher nichts gehört. Aber unter Regierenden ist es ja wohl nicht üblich, dass eine Krähe der anderen ein Auge aushackt, und wo niemand klagt, ist auch nichts zu richten.

Bei dem „Ahornblatt“ handelte es sich um das  Meisterwerk eines Architekten, der mit mehr als fünfzig grandiosen Hyperschalenbauten Architekturgeschichte geschrieben hat. Ulrich Müthers Gebäude stehen als Planetarien, Moscheen, Sportstätten, Gast- und Einkaufsstätten in Warnemünde, Wolfsburg, Oberhof, Osnabrück und Fulda, in Helsinki, Amman, Tripolis und Algier, in Kuba, Kolumbien und anderswo auf der Erde.

Und ausgerechnet sein Berliner Ahornblatt wurde dem Erdboden gleich gemacht.

Was unterscheidet die Bilderstürmer der Gegenwart eigentlich von denen, die in den Fünfzigerjahren das Berliner Schloss und Schinkels Bauakademie schleifen ließen? Ich weiß es nicht. Vielleicht werde ich künftig etwas nachsichtiger über sie urteilen.

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2 Kommentare

Dezember 19, 2013 · 11:59 am

2 Antworten zu “6. Operation Abrissbirne

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