10. Zwei Seiten einer Moral

Im Ruhestand kümmert man sich um Dinge, die vorher nicht weiter ins Auge fallen. Nicht weil man mehr Zeit hat, nein, weil man das allgemeine Unrecht stärker empfindet, wenn der Stress des permanenten Unrechts im Berufslebens verklungen ist. Mehr aufmerksame Rentner, und den Politikern würde gehörig Dampf unter den Hintern gemacht. Für die Zukunft bin ich da ganz optimistisch.

Beispielsweise ärgert es mich, wenn höchste Orden der DDR auf Auktionen zu Spitzenpreisen verhökert werden. Damit meine ich nicht das millionenfach verteilte Aktivistenabzeichen, Verdienstmedaillen, Banner der Arbeit oder andere Durchhalte-Medaillen. Ich meine wirklich hohe Orden, erlesene Stücke von geringer Auflage.

Aus der Zeitung erfuhr ich, dass ein goldener Stern aus dem Besitz des langjährigen DDR-Ministers für Staatssicherheit Erich Mielke bei einer Auktion in Hamburg 24.000 Euro für die Erben brachte. Der Stammvater das Hauses Mielke hatte ihn als „Held der DDR“ gleich mehrfach eingeheimst.

In ähnlicher Weise wird auch der Karl-Marx-Orden verhökert, der nur an treueste Staatsdiener, die alle anderen Orden bereits besaßen, an höchste Funktionäre, ganz wenige Ausnahmesportler und ausländische Parteiführer verliehen wurde.

Ich wollte die Auktion nicht unkommentiert hinnehmen, zumal ich wusste, dass solche Orden tatsächlich nur „verliehen“ wurden. Im Büchlein „Orden und Auszeichnungen“ der DDR las ich nach, dass der fünfzackige goldene Helden-Stern einen Durchmesser von 36 Millimetern hat, mit Staatswappen, Lorbeerkranz und fünf echten Brillanten ausgestattet ist. In der dazugehörigen Spange befinden sich drei weitere Brillanten. Also insgesamt acht.

Der Orden wurde für „hohe persönliche Einsatzbereitschaft, Mut, Kühnheit und Opferbereitschaft“ vom Vorsitzenden des Staatsrates der DDR überreicht und war mit fünfundzwanzigtausend Mark dotiert. Stasi-Chef Mielke Opferbereitschaft nachzusagen, das geht wohl in die falsche Richtung. Kühnheit schon ehr, nämlich sich über alles geltende Recht mutig hinwegzusetzen.

Erich Honecker verlieh sich den Helden-Stern dreimal. Und damit niemand die Nase rümpfte, bekamen ihn Mielke, Ministerpräsident Stoph und Innenminister Dickel auch mehrfach. Man war ja unter sich. Zu den Karl-Marx-Orden, den sich die selben Leute bis zu fünfmal gegenseitig anhefteten, gab es jeweils nur zwanzigtausend Mark cash, zwei Jahresgehälter einer HO-Verkäuferin.

Schwamm drüber, könnte man sagen und das Ganze unter sozialistischer Selbstbedienungsmentalität abheften, wenn es nicht die Gesetze über die Ordensverleihungen gäbe. Darin steht klipp und klar, dass die Medaille „Goldener Stern“ und der Karl-Marx-Orden nach dem Tod des Ausgezeichneten an den Staat zurückzugeben sind.

Die Geehrten hatten zu Lebzeiten genug Freude daran, jetzt könnten einmal andere davon profitieren, dachte ich. Damit meine ich nicht deren Kinder und Enkel, sondern die von den Geehrten Verfolgten. Vielleicht, so schlug ich in einer eMail an das Bundesinnenministerium vor, könnte der Staat mit dem Erlös für diese eingezogenen Kostbarkeiten den Opfern von Stalinismus und Diktatur ein wenig mehr Hoffnung auf Gerechtigkeit im Staate Deutschland machen.

Ein Herr von K. antwortete mir, dass eine Rückforderung von den Hinterbliebenen nicht vorgenommen werde, „selbst wenn dies in Verleihungsbestimmungen der ehemaligen DDR vorgesehen gewesen sein sollte. Der Verwaltungsaufwand würde in keinem Verhältnis zu einem möglichen Erlös bei einer Verwertung stehen.“

Wer entscheidet eigentlich darüber, ob Gesetze eingehalten werden oder nicht? Der Verwaltungsaufwand? Der Erlös? Was kostet Moral?

In einem Antwortschreiben wollte ich auflisten, welche Verwaltungsmaßnahmen im Dienste des Rechts nicht nur keinen Erlös bringen, sondern überflüssig, nutzlos und verschwenderisch sind.

Aber wie das seit jeher so ist,  die Großen lässt man laufen und demütigt, auch damit, die Kleinen. Nun mag das Ganze verjährt sein, nicht aber vergessen.

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