Blick auf eine Besatzungszeit

Im Jahr 1994 verließen mehr als eine halbe Million ehemalige Sowjetbürger in Uniform und in Zivil den Osten Deutschlands und damit das Territorium der ehemaligen DDR. Die größte jemals in Friedenszeiten außer Landes stationierte Streitmacht zog sich zurück. Ein solcher Abzug war in der Militärgeschichte beispiellos. Das militärische Zeremoniell im Treptower Park in Berlin am 31. August 1994 markierte das Ende der sowjetischen Militärpräsenz auf deutschem Boden. Präsident Boris Jelzin  und Bundeskanzler Helmut Kohl verabschiedeten die Westgruppe der russischen Streitkräfte in einem offiziellen Festakt im Berliner Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Am 1. September 1994 hat der letzte Oberkommandierende, Generaloberst Matwej Burlakow, vom Flugplatz Sperenberg aus das wiedervereinigte Deutschland verlassen.

Der erste Rotarmist hatte am 31. Januar 1945 bei Kienitz das heutige deutsche Territorium erreicht. Nach einer erbitterten Schlacht von 2,5 Millionen Soldaten, mit 6.250 Panzern, 41.600 Geschützen und 7.500 Kampfflugzeugen erzwang die Rote Armee am 8. Mai die bedingungslose Kapitulation. Der verheerendste Krieg in der Menschheitsgeschichte mit über 50 Millionen Toten war in diesem Teil der Welt zu Ende. Am 31. August 1994 hat der letzte in Deutschland stationierte russische Soldat nach genau 18.012 Tagen seit der deutschen Niederlage im Zweiten Weltkrieg das 1990 wiedervereinigte Land verlassen.

Die Besatzungsmacht

Am 9. Juni 1945 war die „Gruppe der sowjetischen Besatzungsstreitkräfte in Deutschland“ formiert worden. 1954 wurde mit der Souveränitätserklärung der UdSSR für die DDR das Wort „Besatzung“ gestrichen. Je nach politischer Großwetterlage gab es auch den Begriff der „Gruppe der zeitweilig in  der DDR stationierten sowjetischen Streitkräfte“ (GSSD) . Schließlich hieß es nach dem Zerfall des Sowjetimperiums nur noch „Westgruppe der russischen Streitkräfte“.

Für alle vier Siegermächte hatte es nur eine einzige gemeinsame Militärparade gegeben. Die fand am 7. September 1945 zwischen Brandenburger Tor und Reichstag statt und war auf sowjetischen Vorschlag zustande gekommen. Die Abschieds-Parade der Sowjetarmee fand am 11. Juni 1994 in Wünsdorf statt.

Dem Abzug vorausgegangen war die mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag politisch und rechtlich markierte Friedensregelung mit Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Vertrag, der am 15. März 1991 in Kraft trat,  beendete die Nachkriegszeit Deutschlands, einschließlich Berlins, sowie alle besatzungsrechtlichen Beschränkungen.

Die Truppenstärke

1945 bestand die sowjetische Besatzungsmacht in Ostdeutschland vor allem aus Formationen der Truppen der 1. Belorussischen und der 1. Ukrainischen Front, die – zusammen mit einigen Hunderttausend polnischen Soldaten – den Hauptanteil der Schlacht um Berlin getragen hatten.

Die sowjetische Besatzungsmacht war die größte und stärkste Gruppierung, die je ein Staat in Friedenszeiten außerhalb seines Territoriums unterhielt. Sie bildete den Kern der Ersten Strategischen Staffel der Warschauer Paktstaaten und stand den Hauptkräften der NATO in Europa direkt gegenüber.

Die Truppenstärke war stets ein Tabu. Zum Zeitpunkt des beginnenden Abzugs am 1. September 1991 wurde die Zahl mit 545.000 Personen angegeben. Diese Zahl setzte sich zusammen aus 340.000 Soldaten, der Rest waren Zivilangestellte und Familienmitglieder von Offizieren, Fähnrichen und länger dienenden Unteroffizieren. 1990 besuchten 70.000 Kinder dieser Familien eigene russische Schulen.

Die Standorte

Nach dem Kriegsende hatte die sowjetische Armee Berlin zunächst allein besetzt. Erst im Sommer 1945 waren laut Vereinbarungen der vier Siegermachte amerikanische, britische und französische Truppen in der ehemaligen deutschen Reichshauptstadt eingetroffen, um in den ihnen zugeteilten Sektoren Besatzungsfunktionen auszuüben.

Die Sowjetarmee war in Ostdeutschland an 276 Standorten untergebracht. Sie verfügte über 777 Kasernen und Lager, 40 Truppenübungsplätze, 30 Flug- und Hubschrauberplätze für rund 1.500 Flugzeuge und andere Objekte auf einer Fläche von 250.000 Hektar, also knapp 2,5 Prozent des DDR-Territoriums. Das entsprach einem fünf Kilometer breiten Korridor von Rostock über Berlin und Leipzig bis zur Südgrenze der DDR, also ein Achtel des DDR-Territoriums. Um die militärische Stärke auf dem  108.000 Quadratkilometern DDR zu verdeutlichen: 1989 standen etwa eine Millionen Mann der Sowjetarmee, der NVA, der Volkspolizei, des Geheimdienstes und der Kampfgruppen unter Waffen.

Die DDR kosteten die 40 Jahre Stationierung sowjetischer Truppen insgesamt 140 Milliarden Mark eigener Währung.

WerHinterlassenschaft der russischen Armee nach ihrem Abzug aus Deutschland im Jahr 1994. Die Fotos zu diesem Beitrag entstanden zwanzig Jahre später rund um den ehemaligen Flugplatz der Sowjetarmee in Werneuchen bei Berlin 

Wern

Die Elitetruppen

In Ostdeutschland waren stets Elitetruppen stationiert, gegen die sich die NVA wie eine Hilfstruppe ausnahm. Die 1. Gardepanzerarmee hatte ihre Divisionen in Grimma, Riesa und Dresden. Die 2. Gardepanzerarmee konzentrierte sich auf Perleberg, Schwerin, Stendal und Neustrelitz im Norden. Die 3. Stoßarmee (ihre Angehörigen hissten am 30. April 1945 die Siegerfahne auf dem Reichstag) konzentrierte sich auf Roßlau, Altengrabow, Neuruppin und Hillersleben. Die 8. Gardearmee (Hauptverteidiger von Stalingrad) lag in Halle, Ohrdruf, Naumburg und Jena. Die 20. Gardearmee bildete einen Ring um Westberlin mit Sitz in Potsdam, Bernau und Berlin. Die 16. Luftarmee war auf Zerbst, Ribnitz-Damgarten, Rechlin und Großenhain verteilt.

Die Bewaffnung

Die Anzahl der Waffen und militärischen Großgeräte betrug 123.000, das Kernwaffenarsenal umfasste 940 Raketen, 492 Geschütze und 80 Jagdbomber. Über 2,6 Millionen Tonnen Material darunter Munition, Treib- und Schmierstoffe usw. waren vorhanden. Der Abzug von Mannschaften und Technik in diesem Umfang hatte in der Militärgeschichte bis dahin noch nicht gegeben. Nach dem Abzug der russischen Armee 1994 waren rund 3.000 Grundstücke, zum Teil hoch kontaminiert, zurückgegeben. Allein die Munitionsbergung kostete mehr als anderthalb Milliarden DM.

Die Befehlshaber

Über die Jahre der Besatzung gab es 19 Oberkommandierende der sowjetischen Streitkräfte in Ostdeutschland. Der erste war der legendäre Berlin-Stürmer Marschall Georgi Shukow (1896-1974), der letzte, der den Rückzug befehligte, ist der 1935 geborene Generaloberst Matwej Burlakow. Wünsdorf, der Sitz des Oberkommandierenden südlich von Berlin, war eine wichtige Sprosse auf der Karriereleiter sowjetischer Militärs. Kommandierende stiegen nach ihrer Abberufung aus der DDR zu Verteidigungsminister, Oberbefehlshaber des Warschauer Vertrages, Stabschef der Sowjetarmee und in andere hohe Positionen auf.

Werneuchen (2)

Ab 1937 war Werneuchen Fliegerhorst der deutschen Luftwaffe. Das Areal wurde nach 1945 durch die Sowjetarmee erheblich ausgebaut, die Landebahn ist 2.500 Meter lang und heute zu einem großen Teil mit Solarzellen zur Energiegewinnung bestückt. Der Tower (oben) gehörte der 16. russischen Luftarmee, die ihn bis 1993 nutzte.

Werneuchen (1)

Der Machterhalt

Die Vereinigung von SPD und KPD wäre ohne Schützenhilfe der Sowjets nicht möglich gewesen. Viele Sozialdemokraten, die sich der Zwangsvereinigung widersetzten, landete in Lagern wie Sachsenhausen und Buchenwald, die die Sowjets von den Faschisten übernommen hatten und einige Jahre weiterführten. Ab 1945 betrieb der sowjetische Geheimdienst fünf Jahre lang fünf  „Speziallager“ in Ostdeutschland, in denen 43.000 Menschen nicht überlebten.

Auch über die Zulassung von Parteien und Organisationen entschied die sowjetische Militärkommandantur. Als die DDR im Juni 1953 durch den Arbeiteraufstand auf wackeligen Füßen stand, retteten sowjetische Panzer das Ulbricht-Regime. In Feuerstellung standen sie, als in Ungarn der Aufstand blutig niedergeschlagen wurde, in der CSSR ein demokratischer Sozialismus aufzukommen drohte und in Polen die „Solidarnosz“ zu einer Gefahr für das sozialistische Lager wurde. Erst seit Gorbatschows Wahl an die Spitze der KPdSU 1985 hielt sich die Sowjetarmee aus nationalen Auseinandersetzungen heraus.

Kunst und Kultur

Das Oberkommando in Wünsdorf sowie die sechs Armeen unterhielten je ein Gesangs- und Tanzensemble. Eine Tageszeitung sowie der eigene Radiosender „Wolga“ arbeiteten in Potsdam. Enge Kontakte zur Bevölkerung gab es nicht. Bei offiziell verordneten Freundschaftstreffen traten die Armee-Ensembles auf. Beim Treffen mit dem „Regiment nebenan“ durften sich NVA- und Sowjetsoldaten nach vorgeschriebenem Zeremoniell u.a. über die Erfüllung ihres Kampauftrages zur stetigen Gefechtsbereitschaft für den Sieg des Sozialismus und Kommunismus unterhalten, ohne Details auszuplaudern.

Das Kasernenleben

Das Leben der Sowjetsoldaten in den Kasernen war kein Zuckerschlecken. Sie lebten zusammengepfercht bis zu 20 Mann in einer Stube, jeder hatte nur ein Eisenbett und einen kleinen Nachttisch. Schleiferei fand bis zur Leistungsgrenze statt. Über das Essen sagte ein in den Westen desertierter Soldat: „Als Mittagessen gab es eine kleine Kelle Buchweizengrütze, Graupen oder Haferbrei, oft sehr schlecht gekocht, dass es schwer war, es hinunterzuwürgen. Nach dem Essen war man stets hungrig, trank Wasser, um das Leeregefühl im Magen loszuwerden.“

Auf dem Kasernengelände gab es gerade mal eine Teestube, oft aber keinen Tee. Radio gab es nicht. Entdeckte man bei einem Soldaten ein Transistorradio, wurde es eingezogen. Der Sender der sowjetischen Streitkräfte „Wolga“ mit Sitz in Potsdam war nur auf dem Kasernenhof zu hören. Viele Soldaten flüchteten angesichts von zwei Jahren Dienst ohne Urlaub und Ausgang in den Alkohol. Auf zwanzig bis dreißig Prozent wurde der Anteil der Alkoholabhängigen geschätzt. An Alkohol gelangte man mit Diebstahl und Schwarzhandel außerhalb der Kasernen. Vergewaltigungen deutscher Frauen, etwa 40 bis 60 Fälle pro Jahr, wurden stets unter den Teppich gekehrt, weil sie nicht in das Bild verordneter deutsch-sowjetischer Freundschaft passten. Im Durchschnitt gab es jedes Jahr 2.000 Straftaten, von denen viele durch das Ministerium für Staatssicherheit „bereinigt“ wurden, um keine antisowjetische Stimmung aufkommen zu lassen.

Werne  HangarWerneu StartbahnEhemalige Start- und Landebahnen. Auf einem Teil davon wird inzwischen Sonnenenergie gewonnen.

Die Leistungen

Vertraglich wurde für den Abzug, der zunächst sieben Jahre dauern sollte, von Kohl jedoch auf vier Jahre heruntergehandelt wurde, der russischen Armee Hilfe durch die Bundesrepublik Deutschland zugesichert. An 40 Standorten in Russland, Belorussland und in der Ukraine wurden sogenannte Offiziersstädte errichtet. Dafür stellte die Kreditanstalt für Wiederaufbau in Bonn 8,3 Milliarden DM zur Verfügung. Außerdem entstanden vier Bauteile-Fabriken mit jeweils einer Jahreskapazität von 100.000 Quadratmetern Wohnfläche. Durch internationale Ausschreibungen für den Wohnungsbau konnte der Preis für einen Quadratmeter Wohnfläche auf unter 1.000 Mark gesenkt werden, wodurch insgesamt 44.000 Wohnungen geschaffen wurden. Alles in allem sind als Gegenleistung 17 bis 20 Milliarden Mark laut Kohl-Berater Teltschik nach Russland geflossen, teils auch in Form von Lebensmitteln zur Minderung der Versorgungskrise in der ehemaligen Sowjetunion. Zu den Lieferungen gehörten für 1,5 Milliarden Mark Rinder und Schweine aus ehemaligen ostdeutschen landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften. Außerdem legte Staatschef Gorbatschow Wert auf das politische Versprechen, nach dem Rückzug der russischen Armee keine Truppen der NATO in Berlin und auf dem Gebiet der ehemaligen DDR zu stationieren.

GarnisSchule Kasern Inzwischen hat sich in Werneuchen viel getan. Ein Teil der Bauwerke der GSSD wurde saniert. Aus der alten Garnisonsschule wurde eine moderne, attraktive Grundschule. Aus einem Teil der ehemaligen Kasernen wurden Wohnungen im Grünen.  Aber noch ist viel zu tun, um die Wundmale der Besatzungszeit völlig zu beseitigen.

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3 Kommentare

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3 Antworten zu “Blick auf eine Besatzungszeit

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  3. Wollenberg, Erich

    das ist eine interessante Zusammenfassung der neueren Geschichte und macht Lust auf mehr. Danke wolle 2016

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