11. Sturm im Wasserglas

Die kleine idyllische Gemeinde Zechin, ein Katzensprung von meinem Wohnort entfernt, gab Anlass für Aufregungen, wie sie künstlicher nicht sein könnten. Die Gemeindevertreter hatten mehrheitlich beschlossen, den Sozialismus wieder einzuführen. Das jedenfalls sollte man glauben, ginge es nach Zeitungsberichten.

Die Gemeine gab einem Stück der Hauptstraße mit fünf Anwohnern den Namen eines Mannes, der als junger Bursche dort in einer Tischlerwerkstatt gearbeitet hat, Gewerkschaftsfunktionär wurde, später in der Bremer Bürgerschaft saß, führender Sozialdemokrat, Kommunist, Verfolgter des Naziregimes und schließlich erster und einziger Präsident der DDR war: Wilhelm Pieck.

Mitte der Sechzigerjahre war in dieser Straße eine Gedenkstätte für Pieck eingerichtet worden, in der vor allem Thälmann- und Jung-Pioniere in Ehrfurcht vor der Büste des DDR-Gründers zu erstarren hatten. Weil die Gedenkstätte zusammen mit der DDR abgeschafft wurde, soll wenigstens ein Stück Straße an den prominenten Tischlergesellen erinnern. Recht so, dachte ich, und verfolgte meine Regionalzeitung. Amüsiert erfuhr ich, dass etliche Bürger der Gemeinde die Namensgebung für eine Zumutung hielten. Dafür sei der Zustand der Straße viel zu schlecht.

So sind sie, die Ossis, immer noch einen Scherz auf den Lippen, obwohl die Kacke am Dampfen ist – wenn man das Urteil anderen überlässt.

Der Bürgermeister des 350-Seelen-Ortes nimmt die Kritik von außerhalb gelassen. Ich vermute einmal, er wird sich erst breitschlagen lassen, über den Straßennamen erneut nachzudenken, wenn in westdeutschen Städten und Dörfern die Namen von Militärstrategen des deutschen Imperialismus und Wegbereitern des Nationalsozialismus wie Hindenburg, Admiral Spee, Moltke und anderen an Straßen, Plätzen, Kasernen verschwinden. Oder wenn Schulen nicht längere nach Profiteuren der Weltkriege wie Flick und anderen benannt sind. Oder in Berlin, München und anderen Großstädten die nach dem Antisemiten und Geschichtsprofessor Heinrich von Treitschke (1879: „Die Juden sind unser Unglück.“) benannte Straßen andere Namen bekämen. Ist doch ein Angebot, oder…?

Mir kommt ein ähnlicher Sturm im Wasserglas in den Sinn, der Ende der Neunzigerjahre um einer kleine Gemeinde östlich der einstigen innerdeutschen Grenze tobte. Zur Beerdigung eines bejahrten Dorfbewohners spielte die Blaskapelle der Freiwilligen Feuerwehr am offenen Grab auf Wunsch des Verblichenen die Nationalhymne der DDR. Der Verstorbene  hatte keiner Partei angehört und auch nicht den Ruf, rote Socken zu tragen. Er hatte einfach nur einen Großteil seines Lebens in der DDR verbracht. Selbst der Bürgermeister, der einer christlichen Partei angehört, erwies seinem Mitbürger die letzte Ehre.

Der Redakteur des Lokalanzeigers, offensichtlich noch ehrgeizig auf der Suche nach Menschenkenntnis und Geschichtsbewusstseins, nannte tags darauf unter „Ewiggestrig! – Nichts dazu gelernt“ die Tatsache mit der Hymne einen Skandal und legte dem Gemeindeoberhaupt nahe, recht schnell seinen Hut zu nehmen und das Gemeindeamt zu verlassen.

Sicher wird er das auch tun – allenfalls, um einem Gemeindemitglied, dass sich wieder einmal die Musik von Hanns Eisler gewünscht hat, die keine Hymne mehr ist, seit es die DDR nicht mehr gibt, die letzte Ehre zu erweisen. Das bisschen Toleranz sollte sein.

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