Ehre wem Ehre gebührt

Wie die SED eine Gedenkstätte für ihre PR missbrauchte

 
Seit mehr als neun Jahrzehnten werden in Berlin Rosa Luxemburg und Karl  Liebknecht geehrt – Die SED-Führung missbrauchte die Tradition für den eigenen Machterhalt –  Ungenehmigte Losungen der Bürger wurden gewaltsam aussortiert – Egon Krenz änderte am 17. Januar 1988  sogar ad hoc seine Rede.  
 

Auch viele Jahrzehnte nach der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht durch aufgeputschte Reichswehrsoldaten ziehen Jahr für Jahr im Januar Tausende Berlinerinnen und Berliner zur Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Zentralfriedhof Berlin-Friedrichsfelde. Es ist stets am zweiten Sonntag im Januar. Beide Sozialdemokraten hatten im Ersten Weltkrieg wegen der Burgfriedenspolitik und der Bewilligunjg von Kriegskrediten mit der SPD gebrochen, 1916 den linksradikalen Spartakusbund und Ende 1918 die KPD gegründet. Am 15. Januar 1919 folgten Reichswehrsoldaten in Berlin den plakatierten Aufforderungen gegen die Linken: „Schlagt ihre Führer tot!“.

Das „Revolutionsdenkmal“ für die beiden Ikonen der Novemberrevolution  sowie für weitere Opfer des Spartakusaufstandes und späterer Aktionen der Linken  war 1926 nach einem Entwurf des Architekten Ludwig Mies van der Rohe aus dunklen Hartbrandklinkern gebaut und im Beisein Ernst Thälmanns von Wilhelm Pieck, dem Vorsitzenden der Roten Hilfe Deutschlands, eingeweiht worden. Die Nationalsozialisten rissen das Denkmal 1935 ab und ebneten auch die Gräber ein.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde zunächst ein Provisorium geschaffen. Die „Gedenkstätte der Sozialisten“, so wie sie bis heute besteht, wurde im Januar 1951 wiederum von Wilhelm Pieck, inzwischen Präsidenten der DDR, eingeweiht. Mit einem Durchmesser von etwa fünfundvierzig Metern umschließt eine vier Meter hohe Mauer aus roten Klinkern zu zwei Dritteln einen riesigen Porphyrstein mit der Inschrift „Die Toten mahnen uns“. Rings um den Stein liegen zehn Gedenkplatten, u.a. für Luxemburg, Liebknecht, Thälmann, Pieck und Ulbricht. Integriert in die Mauer um das Mahnmal wurden  ältere Grabplatten und Gedenksteine für so bekannte Sozialisten wie Wilhelm Liebknecht, Carl Legien und Hugo Haase. In der DDR wurden die Urnen verstorbener SED-Politbüromitglieder reihum in Mauernischen gesetzt, die mit golden beschrifteten Granitplatten verschlossen wurden.

Wir sind die junge Ga-arde!
 

Die alljährliche „LL-Demo“, wie wir sie kurz genannt wurde, war die einzige, bei der die gesamte SED-Führung mit dem Generalsekretär an der Spitze über eine halbe Stunde lang mitmarschierte. Treffpunkt war neun Uhr nahe dem U-Bahnhof Frankfurter Allee. Von dort wurde zu revolutionärer Marschmusik knapp zwei Kilometer die Allee entlang und durch die Gudrunstraße bis zur Gedenkstätte geschritten. Tausende Bürger waren für das Spalier eingeteilt, eine Militärkapelle sorgte für dem Ereignis angemessene Rhythmen. Zeitweise klang aus Lautsprechern über die ganze Strecke Marschmusik. Die Männer in den vorderen Reihen sangen unentwegt die alten Kampf- und Arbeiterlieder mit. Für uns Journalisten, die wir mitliefen, um die Huldigungen der Menschen vom Straßenrand einzufangen, war Erich Mielkes Stimme herauszuhören, wenn sein Lieblingslied „Auf, auf, zum Kampf“ erklang. Mit zittrigem Bariton schrie er: „Vielleicht ist er schon morgen eine Leiche, wie es so vielen Freiheitskämpfern geht.“ Ein Dauerhit der alten Herren war: „Wir sind die junge Ga-arde des Pro-le-ta-riats“. Das klang in den letzten Jahren der DDR wie das Pfeifen im Walde.

 Über mehrere Stunden folgten hunderttausend Berlinerinnen und Berliner vielfach in ehrlichem Gedenken an die ermordeten Arbeiterführer. Die Zeitungen hatten tags zuvor das „Aufmarschgebiet der Berliner Werktätigen“ vorgegeben, damit jeder wusste, wann und wo er sich zu versammeln hatte. An den „Stellplätzen“ verteilten die Partei- und  Gewerkschaftsfunktionäre der Betriebe Fahnen, Transparente und Spruchbänder mit den auf höchster Ebene bestätigten Losungen an ihre Mitarbeiter. Bis Anfang der Achtzigerjahre wurden zudem noch riesige Fotos der Mitglieder des SED-Politbüros über den Friedhof getragen, obwohl alle persönlich auf der Tribüne standen. Das wurde später abgeschafft, weil es zu sehr nach Personenkult aussah – von Honeckers Bild einmal abgesehen, der bis zum Schluss mitgeschleppt wurde.

Weniger durften es nicht sein
 

Die Zahl der Teilnehmer legte Honeckers Agitationssekretär fest. Joachim Herrmann fragte uns Journalisten, wie lange die Demonstration im vergangenen Jahr dauerte und wie viele Bürger daran teilgenommen hatten. Wir waren vorbereitet: „Drei Stunden, 150.000“, lautete beispielsweise eine korrekte Antwort. Herrmann sah auf die Uhr und schätzte Pi mal Daumen: „Dreieinhalb Stunden, na gut, sagen wir 180.000, ach was, 200.000, weil die Sonne so schön scheint.“ So stand es dann in allen Zeitungen. Weniger als im Jahr zuvor durften as auf keinen Fall sein. Demonstrationsarithmetik a la Herrmann, die dieser möglicherweise von den Erfolgsstatistiken des Wirtschaftssekretärs Mittag übernommen hatte.

Den Abschluss der Demonstration bildeten traditionsgemäß die Hundertschaften der Berliner „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“. Die Kämpfer im Steingrau der ehemaligen Rot-Front-Kämpfer der Zwanzigerjahre, zumeist SED-Mitglieder aus Betrieben und anderen Einrichtungen, waren 1989 für ihren Kampf gegen einen möglichen imperialistische Aggressor mit Gummiknüppeln nachgerüstet worden.

Unbegreiflich all die Jahre war, warum bei dieser „machtvollen Kampfdemonstration“ zu Ehren von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht die SED-Führung, die Regierung, die Vorsitzenden der Blockparteien und alle anderen Ehrengäste vor dem Mahnmal standen und den Blick der Bürgerinnen und Bürgern auf die Gräber  der Revolutionäre verdeckten, denen die Ehrung eigentlich galt. Allein die Tatsache, dass auch Walter Ulbricht dort begraben ist, an den während der Ära Honecker nichts mehr erinnern durfte, kann es nicht gewesen sein.  Das einzige, was die Teilnehmer im kilometerlangen „Marsch der kalten Füße“ über den Friedhof zu sehen bekamen, waren die lebenden Politgrößen der DDR. Die Partei- und Staatsführung der DDR ließ sich wieder einmal ehren, so wie immer, wenn sie ihre Tribünen erklommen hatte und sich dem Volk präsentierte. Egal, was alles hinter ihnen lag.

Heiße Luft für die Führung
 

Weil es im Januar oft empfindlich kalt war, wurde Warmluft von unten eingeblasen, so dass es auch bei zehn Grad minus warm in die Hosenbeine der führenden Leute strömte.  Allerdings reichte die Wärme offenbar nur für den hölzernen Unterbau der Haupttribüne. Das Orchester auf der Nebentribüne saß in absoluter Kälte, so dass die Musik zeitweise über Lautsprecher der Friedhofsverwaltung eingespielt werden musste, weil die Instrumente versagten. Auch wir Journalisten wärmten uns zwischendurch in der Friedhofsverwaltung auf. Für den Hofstaat war neben der Tribüne, quasi zwischen den Gräbern der alten Sozialisten, ein mit Tannengrün verkleideter Aufenthaltsraum errichtet worden, in dem es vom Tee über Kaffee bis zum Grog mancherlei Muntermacher gab.

Krenzrede88

Nachdem Egon Krenz von den Festnahmen der Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler am Rande der Demonstration Kenntnis hatte, strich er in seiner Rede – hier das Manuskript – einen markanten Satz. Dafür fügte er bei der klaren Perspektive für alle noch „sozialistische“ ein.


Die Transparente, die über den Friedhof getragen wurden, waren allesamt „sauber“. Dafür sorgten „Streckenbeobachter“, die letzten am Friedhofseingang. Am 17. Januar 1988 schlug die Stasi bereits in der Karl-Marx-Allee zu, als sich Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler mit eigenen Transparenten in die Demonstration einreihen wollten. Sie hatten sich bei Rosa Luxemburg bedient und auf Transparente geschrieben: „Freiheit ist immer die Freiheit Andersdenkender“ oder „Wer sich nicht bewegt, spürt die Fesseln nicht“. Die Stasi schlug zu, das Westfernsehen filmte. Der Skandal war nicht zu vertuschen. Es kam zu etwa 120 Festnahmen, Verurteilungen und Ausweisungen aus der DDR. Die Unzufriedenheit wuchs, das Ende der DDR rückte näher.

Krenz wollte eine Lüge umgehen
 

Honeckers „Kronprinz“ Egon Krenz, im Parteiapparat für Sicherheit zuständig, war an diesem Tag auf dem Friedhof in Friedrichsfelde mit der Gedenkrede an der Reihe. Offenbar wurde er sehr schnell von den „Maßnahmen“ seiner Sicherheitsorgane im Stadtinneren informiert, wie ein Vergleich der vorbereiteten Rede mit der tatsächlich gehaltenen Rede ergibt. Sicher nicht ganz ohne Grund ließ er einen Satz in seiner vom Politbüro abgesegneten Ansprache unausgesprochen, möglicherweise um eine allzu auffällige Lüge zu umgehen. Der gestrichene Satz lautete: „Hier hat jeder das Recht zu demokratischer Mitbestimmung.“  Dafür schränkte er im nächsten Satz die„klare Perspektive“, die jedem geboten würde, zur „sozialistischen Perspektive“ ein.

Zu dem, was sich seit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik zum Besseren gewendet hat, gehört das aufrichtige, ehrliche Gedenken für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht an deren Gräbern, wie immer man zu ihrem Wirken und zu ihrem Vermächtnis stehen mag.

Bilder aus einem ziemlich dicken Drehbuch für die letzte LL-Demonstration unter SED-Regie im Januar 1989

LL-Demo1

LL-Demo2

LL-Demo3

LL-Demo4

 
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Tietelbild Geschichten

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