Die katholische Kirche in der DDR

Rückblick auf eine staatsnahe Zeit

Die katholische Kirche in der DDR habe laut Joachim Meisner, Bischof von Berlin bis Ende 1988, später Kardinal und Erzbischof von Köln und inzwischen im Ruhestand, jeden Kontakt mit der Stasi gemieden. Prälat Gerhard Lange vom bischöflichen Ordinariat Berlin beteuerte in den Tagen der Wende, die katholische Kirche habe der DDR von Anfang an ihre Legitimität abgesprochen. Sie habe dem Bestehen der DDR im Sinne des heiligen Augustinus Rechnung getragen, wenn dieser von Staaten spricht, die den „Charakter von organisierten Räuberbanden“ hätten.  Auch habe die katholische Kirche die Rechtmäßigkeit der Wahlen stets angezweifelt. Im Übrigen habe man nicht laut protestiert, sich vielmehr auf die stille Hilfe für einzelne beschränkt.

PapstHoniErich Honecker wird 1985 von Papst Johannes Paul II. empfangen

Gegenüber der evangelischen Kirche mit rund sechs Millionen Mitgliedern hatte die katholische Kirche nur etwas über eine Million Mitglieder, also 6,5 Prozent der Bevölkerung der DDR. Sie gehörten den sechs Jurisdiktionsbezirken Ostberlin, Dresden-Meißen, Görlitz, Erfurt-Meiningen, Magdeburg sowie Schwerin an. Deren Bischöfe, zum Teil als Administratoren tätig, bildeten die Berliner Bischofskonferenz. Die „Basisarbeit“ fand in 811 Pfarreien bzw. Seelsorgestellen statt. Dafür standen rund 1.000 Weltpriester und über 120 Ordenspriester zur Verfügung.

Für den Staat DDR war die katholische Kirche nie ein Problem. Man arrangierte sich im Stillen. Der ehemalige Staatssekretär für Kirchenfragen der DDR Hermann Kalb (CDU) bestätigte: „Die Loyalität der katholischen Kirche war für SED und Regierung eine feste Bank. Damit konnte sie rechnen.“ Es war ein Entgegenkommen des Staates, dass die von der evangelischen Kirche u.a. bei einer Spitzenbegegnung mit Erich Honecker am 6. März 1978 ausgehandelten sozialen Erleichterungen für kirchliche Mitarbeiter stillschweigend auch auf die katholischirche übertragen wurden. Sie musste nicht extra verhandeln.

Spitzengespräche

Förderlich für die guten Beziehungen waren zwei inhaltliche Gespräche auf höchster Ebene, an die man sich später nur ungern erinnern lässt. Sie wurden von den Staatsoberhäuptern der DDR 1974 (Willi Stoph) und 1981 (Erich Honecker) mit dem Vorsitzenden der Berliner Ordinarienkonferenz und späteren Bischofskonferenz Kardinal Alfred Bengsch und Bischof Gerhard Schaffran geführt.

Dipomatie

Nach Abschluss des Vier-Mächte-Vertrages 1971 und spezieller Abkommen zwischen Bonn und Berlin kam es zu offiziellen Kontakten zwischen dem Vatikan und der DDR. Erster Höhepunkt war im Sommer 1975 der Besuch von Erzbischof Agostino Casaroli, dem vatikanischen Außenminister, auf offizielle Einladung der Regierung der DDR.  Im Ergebnis der Gespräche erhob Papst Paul VI. nach einer Schamfrist von einem Jahr auf Wunsch der DDR-Führung die Berliner Ordinarienkonferenz in den Rang einer eigenständigen, territorialen Bischofskonferenz.

Papstaudienz

Für eine erhebliche Aufwertung Erich Honeckers und der DDR sorgte die offizielle Audienz des DDR-Partei- und Staatschefs anlässlich seines Italienbesuchs 1985 bei Papst Johannes Paul II. im Vatikan.  Erich Honecker sprach eine Einladung an den Papst zum Besuch der DDR aus.

Vorbereitungen

Spätestens seit dem katholischen Kirchentag 1987 in Dresden fanden Verhandlungen zwischen der DDR-Regierung und der katholischer Kirche zur Vorbereitung des Papst-Besuches in der DDR statt. Damit folgte die staatliche Seite dem Drängen der Bischöfe, denn die Politbürokratie war (mit Ausnahme Honeckers) von einem solchen Besuch nicht erbaut. Die wesentlichen Programmpunkte waren bereits festgelegt, Themen des Gesprächs des Papstes mit Honecker umrissen. Nach monatelangen Verhandlungen wurde der Termin des Besuchs von Johannes Paul II. für Juli 1990 vereinbart. Im Amtssitz des Staatsrates sollte ein Gegenbesuch bei Honecker stattfinden, bevor sich der Papst um die katholischen Christen in der DDR kümmern würde. Für den Wunsch, dass der Papst für eine Messe per Hubschrauber nach Westberlin fliegt, gab es keine Zustimmung. Dafür sollten zu einer Messe vor der Hedwigskathedrale 50.000 Christen aus Westberlin in den Ostteil der Stadt kommen dürfen. Zum Programm gehörte ein Katholikentreffen in Erfurt, wofür Sonderzüge vorgesehen waren. Per Hubschrauber war auch ein Abstecher des Papstes in das katholische Eichsfeld eingeplant. (Stationen, die gut zwei Jahrzehzente später Papst Benedikt XVI. bei seinem Deutschland-Besuch in den neuen Bundesländern ähnlich absolvierte.)

Ehrerweisung

Zu den offiziellen Feierlichkeiten, zum Beispiel bei runden DDR-Jubiläen, waren stets hohe Repräsentanten der katholischen Kirche den Einladungen gefolgt. Sie reihten sich auch in die Schlange der Gratulanten zum 70. und 75. Geburtstag Erich Honeckers. Bei einer Gratulation wörtlich Bischof Bernhard Huhn: „Ich möchte mir erlauben, Ihnen im Namen des Vorsitzenden und der Mitglieder der Berliner Bischofskonferenz herzliche Segenswünsche auszusprechen… Und so möchte ich Ihnen ein christliches Geburtstagsgeschenk machen – unser Gebet.“

Vorbildwähler

Über Jahrzehnte ging bei jeder so genannten Volkswahl in der DDR für die Beobachter der Politbürokratie geradezu eine Faszination vom katholischen Eichsfeld im Norden Thüringens aus. Die Städte und Gemeinden dieser Region meldeten stets als erste fast hundertprozentige Wahlbeteiligung. Die  Gläubigen erkannten es als ihre Pflicht an, gemeinsam mit dem Pfarrer nach dem Frühgottesdienst die „Kandidaten der Nationalen Front“ zu wählen. Über gefälschte Wahlergebnisse ist nach der Wende aus dieser Region nichts zu hören gewesen.

Dankesworte

Ausdruck der engen Beziehungen zwischen Staat und katholischer Kirche war das Katholikentreffen 1987 in Dresden mit 80.000 Gläubigen. Kardinal Joachim Meisner: „Unsere Gläubigen sind auch Bürger dieses Landes. Ihre gewährte Hilfe beim Katholikentreffen wird ihnen die Erfahrung vermitteln, als katholische Bürger akzeptiert zu sein, indem sie sich in der Art und Weise, wie wir unterstützt wurden, nicht als Almosenempfänger empfinden müssen, sondern als gleichberechtigte und gleichgeachtete Bürger.“ Kardinal Meisner sprach von einem „wichtigen Tag für die Kirche in unserem Land“.

Vor der Presse betonte Prälat Lange, dass es in der jahrelangen Vorbereitungszeit zu diesem Treffen zu einer „fachlichen und konstruktiven Kooperation“ zwischen Staat und Kirche gekommen sei.

Einladungen

Zur Verabschiedung des Berliner Bischofs Joachim Meisner 1988 aus Berlin wurden offizielle staatliche Repräsentanten zu einem Pontifikalamt in die Hedwigskathedrale eingeladen. Überdies erhielt der damalige DDR-Staatssekretär für Kirchenfragen Kurt Löffler eine Einladung Meisners zur Amtseinführung im Februar 1989 als Erzbischof von Köln.  Für Meisners Übersiedelung nach Köln wurde in großzügiger Weise eigens ein Güterwagen der Deutschen Reichsbahn mit seinen Möbeln, Antiquitäten usw. verplombt.

Stasikontakte

Zwischen der katholische Kirche und staatlichen Dienststellen, darunter dem MfS, fanden regelmäßige Konsultationen statt. Die Verbindungen zur Regierung, namentlich zum Staatssekretär für Kirchenfragen, hielt Prälat Gerhard Lange. Als Gesprächspartner des Ministeriums für Staatssicherheit waren die Ordinariatsräte Paul Dissemond (bis 1987) und Josef Michelfeit benannt. Für individuelle Lösungen aufkommender Probleme wurde Rechtsanwalt Wolfgang Vogel bemüht.

Anwerbungen

Mit besonderer Sorgfalt befasste sich das Ministerium für Staatssicherheit mit der Anwerbung katholischer Geistlicher. Einzelheiten über die Methoden gehen aus einer Diplomarbeit des Stasi-Offiziers Bernd K., Deckname Meyer, aus Heiligenstadt im Eichsfeld hervor. Im Nachbarkreis Worbis wurden allein seit 1984 19 kirchliche Amts- und Würdenträger, darunter 13 Pfarrer, von der Stasi operativ bearbeitet. Sie wurden unter Decknamen wie „Prediger“ oder „Partner“ geführt. Die katholische Kirchenleitung in den Neunzigerjahren: „Nicht jeder hat die Kraft gehabt, sich zu verweigern… Bisher haben einige Personen ihre Kontakte eingestanden.“

Geheimdeal

Eine Woche vor Beginn eines evangelischen Kirchentags im Frühjahr 1988 besetzten 21 Personen, darunter mehrere Katholiken, den katholischen Marien-Dom in Erfurt. Nach einem Sonntagsgottesdienst blieben die vorwiegend jungen Leute mit Kindern über zwei Tage darin, wollten ein öffentliches Zeichen gegen Ausreiseverbot und Stasi-Schikane setzen. In einer Nacht- und Nebelaktion durften – nach langwierigen Verhandlungen u.a. mit dem damaligen Erfurter Generalvikar und späteren Berliner Bischof Georg Sterzinsky und der Einschaltung Honeckers – alle Besetzer in die Bundesrepublik ausreisen. Die Bedingung hieß: Schweigen! Und alle schwiegen. Ein Ehepaar war zur Absicherung des Schweigens, also gewissermaßen als Pfand, etwas länger in der DDR zurückgeblieben. Die Kirche schwieg sogar über 1990 hinaus, bis der Autor dieses Berichts den Fall in allen Einzelheiten u.a. auch für einen Fernsehbeitrag des mdr recherchiert hatte.

Hilflos

Eine Woche nach der Dombesetzung übergaben junge katholische Christen in der Erfurter Luther-Kirche an den SPD-Politiker und Brandt-Vertrauten Egon Bahr ein Schreiben mit ihren Sorgen. Sie wurden anschließend verhaftet, einige in Karl-Marx-Stadt, dem früheren und heutigen Chemnitz, zu Haftstrafen verurteilt, in Bautzen eingesperrt und später in den Westen „verkauft“. Nach eigenen Aussagen versagte ihnen die katholische Kirche jeden Rechtsbeistand.

Alleingelassen

Katholische Schwestern der Caritas hatten 1988 die Versorgung der ausreisewilligen DDR-Bürger in der überfüllten Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in der Berliner Hannoverschen Straße mit Nahrungsmitteln usw. übernommen. Auf die Zuverlässigkeit dieser Hilfe war immer Verlass.

Auch als die evangelische Kirche ihre Häuser oppositionellen Gruppen und vielen anderen öffnete, die die Wende in der DDR herbeiführen halfen, hielten die katholischen Geistlichen ihre Kirchen geschlossen. Viele katholische Christen fühlten sich alleingelassen und schlossen sich in ihrem Protest den Protestanten an. Die katholische Kirchenleitung verweigerte sich, sprach sich gegen derartige Aktionen unter dem Dach der Kirche aus.

Einsicht

Der inzwischen verstorbene Georg Kardinal Sterzinsky sagte kurze Zeit nach dem Untergang der DDR: „Wir werden noch viel überlegen müssen, worin eigentlich unser Versagen auf katholischer Seite bestanden hat. Die Erkenntnis ist noch nicht gereift.“ +++

Kirche1

Wenige Tage nach den Festnahmen von 120 Bürgerrechtlern im Zusammenhang mit der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration am 17. Januar 1988 in Berlin richtete der Berliner Erzbischof Kardinal Joachim Meisner an alle Priester und Diakone im Ostteil des Bistums einen Brief mit Datum vom 1. Februar. Die „FAZ“ druckte den Wortlaut, aus dem der abgebildete Ausschnitt stammt. Viele katholische Bürgerrechtler sahen darin eine Mahnung, die Kirche nicht für politische Veranstaltungen, Protestaktionen gegen das SED-Regime, gesellschaftskritische Diskussionsrunden und ähnliche „fragwürdige Unterfangen“ zu benutzen. Zahlreiche Katholiken schlossen sich ihren evangelischen Freunden an. Nicht zu Unrecht wird der demokratische Aufbruch 1989 in der DDR auch als protestantische Revolution bezeichnet.

Kirche2Die Wochenzeitung „Die Zeit“ zitiert am 30. März 1991 unter der Überschrift „Auf ein Bischofswort konnte sich der Staat verlassen“ aus einem Grußschreiben des ehemaligen Vorsitzenden der bis 1990 für das Gebiet der DDR bestehenden Berliner Bischofskonferenz, Georg Sterzinsky, an die Bundessynode der Evangelischen Kirchen im Februar 1990. Darin wird das Versagen der katholischen Kirche während der friedlichen Revolution in der DDR eingeräumt und eine Arbeitsstelle für Zeitgeschichte zur Aufarbeitung der Position der katholischen Kirche in der DDR eingerichtet. Was ist daraus geworden?

Kirche3In einer Presseerklärung der katholischen Kirche in Berlin vom 17. Dezember 1991 werden die Namen derer genannt, die beauftragt waren, mit Staat und Stasi zusammenzuarbeiten. Es wird darauf verwiesen, dass versucht wurde, kirchliche Mitarbeiter für das MfS zu gewinnen und betont: „Nicht jeder hat die Kraft gehabt, sich zu verweigern.“

Kirche4Unter der Überschrift „Dem SED-Staat zu keiner Zeit Rechtmäßigkeit zuerkannt“ verbreitet die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) am 7. Dezember 1989 eine Erklärung des kirchenpolitischen Beauftragten der Berliner Bischofskonferenz, Gerhard Lange, in der die DDR nach einem Ausspruch des heiligen Augustinus mit einer „organisierten Räuberbande“ verglichen wird. „Zu keinem Zeitpunkt hat die katholische Kirche diesem Staat Legitimität zuerkannt, der nicht auf der Grundlage freier und geheimer Wahlen – also mit rechtstaatlichen Mitteln – gebildet wurde“, heißt es darin. Offizielle Begegnungen mit dem Staatsoberhaupt der DDR habe man an der Spitze der Bischofskonferenz „konsequent verweigert“. Dabei wird übersehen, dass Kardinal Alfred Bengsch und Bischof Gerhard Schaffran als Vorsitzende dieses Gremiums offiziell vom Staatsoberhaupt der DDR empfangen wurden. Was die Hilfe für „betroffene Menschen“ betrifft, da können die Inhaftierten von Erfurt und Sömmerda anderes berichten.

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