Good bye, Lenin!

Neun Jahrzehnte nach seinem Tod: Abgesang auf einen Diktator

Im diffusen Licht des Mau­soleums auf dem Roten Platz in Moskau liegt wie eine Wachspuppe die geschrumpfte Hülle Le­nins (1870-1924). Hunderttausende defilieren Jahr für Jahr am künstlich am Tod gehaltenen Staats­gründer der längst untergegangenen Union der sozialistischen Sowjetrepubliken vorüber, jenem machtvollen Zwangsgebilde unterdrückter Völkerschaften. Oft genug hungrig, angstvoll und frierend. Immer aber hof­fend, wie auf einen neuen Messias.

Doch das Volk steht nicht mehr geschlossen hinter seinen Verführern. Stalin wurde vor Jahrzehnten bereits aus dem Mausoleum entfernt, nachdem seine blutige Diktatur nicht mehr zu vertuschen war. Mit gebührendem Abstand ist Wladimir Iljitsch Lenin, geborener Uljanow, bereits in mehreren ehemaligen Unionsrepubliken vom Denkmalsockel gesstürzt worden, jüngst mehrfach in der leidgeprüften Ukraine.

In Moskau war bereits eine Beerdigung Lenins ins Auge gefasst worden. Doch wer wäre dann das leuchtende Vorbild, der unerschrockene Kämpfer für das Volk? Chruschtschow und Breschnew sind vergessen, ebenso Jelzin als kurzzeitiger Auflöser der „Union“, und Putin ist noch nicht soweit, diesen Platz einzunehmen. Er arbeitet daran, doch fehlen ihm noch die „Erfolge“. Der Prophet Gorbatschow gilt nichts im eigenen Lande…

Noch also ist das Mausoleum am Roten Platz ein Heiligtum, eine Erinnerung an 75 Jahre Sow­jetmacht und für manche auch Sehnsucht nach einer Zukunft, in der das alte Reich wieder auferstehen wird. Doch Geschichte wiederholt sich allenfalls als Farce.

Vorerst ist Lenin in Mütterchen Russland noch der Säulenheilige, dessen Askese aus dem bescheidenen Glauben an die eigene Unfehlbarkeit und Macht besteht. Ein Blick auf Lenins diktatorische „Vorzüge“:

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Plakat: A. Strachow, 1924, „W. Uljanow (Lenin)“

DER ANFANG

Die von Lenin gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands (SDAPR), die sich später Kommunistische Partei Russ­lands (Bolschewiki) – KPR (B), dann Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) nannte, war mit dem eindeutigen Ziel angetreten, die revolutionäre Staatsgewalt zu errichten. Sie formierte sich als Elitetruppe. Das alleinige Sagen hatten die professio­nellen Funktionäre, die Mitglieder waren nichts als Anhängsel. Nach dem Sturz der Zarenherrschaft im vierten Jahr des Ersten Weltkrieges verschmolzen Parteiherrschaft und Institutionen des Staates. Doch die Parteifunktionäre hatten keine Ahnung von Verwaltungsaufgaben.

DER ANTIDEMOKRAT

Russland wählt am 12. No­vember 1917 erstmals frei ein Parlament. Lenins Bolschewiki erhielt 183 Sitze. Die  (links-sozialdemokra­tischen) Sozialrevolutio­näre hatten 412 Mandate. Am 6. Januar 1918 fand die konstituierende Sitzung statt. Doch der Vorsitzende  des Rates Volkskommissare, also Regierungs­chef Lenin, ließ das Parla­ment auseinanderjagen, weil es sich weigerte, die von den Bolschewiken seit der Oktoberrevolution praktizierten Gesetze nachträglich zu bestätigen.

DER VERFOLGER

Lenin hat als demokratischen Anstrich für seine diktatorische Regierung einige linke So­zialrevolutionäre für sein Kabinett geködert. Im März 1918 jagte er sie zum Teu­fel, im Juli schmiss er deren Fraktion aus dem Par­lament. Diktatur ohne Kompromisse, lautete seine Devise. „Schläge gegen die Konterrevolution“ nannte er die Verfolgung der Ex-Bünd­nispartner, die vor Gericht gezerrt und als Verräter verurteilt wurden. Es waren Vorläu­fer stalinscher Schauprozesse.

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Plakat: W. Deni, 1920, „Genosse Lenin säubert die Welt von Unrat“

DER ALLEINHERRSCHER

Bei den Friedensverhand­lungen in Brest-Litowsk (Deutschland, Österreich, Bulgarien, Türkei gegen Russland 1917/18) bestimmte allein Lenin die Inhalte auf russischer Seite. Regie­rung und Parlament waren zu Befehlsempfängern degra­diert. Nur das ZK war von Lenin bevollmächtigt, „jederzeit alle Friedens­verträge mit imperialisti­schen und bürgerlichen Staaten zu zerreißen und ebenso ihnen den Krieg zu erklären“. Damit fungierte das ZK als höchstes staat­liches Exekutivorgan, jeg­licher Kontrolle durch Parlament und Volk entzo­gen. Die Losung „Alle Macht den Sowjets!“ wurde zur Farce.

DER UNKONTROLLIERBARE

Das ZK der Bolschewiki wurde infolge Mitgliederzunahme immer größer. Der Hand­lungsspielraum der Führer wurde damit eingeengt. Um dies zu umgehen, wurde im März 1919 das allgewaltige Politbüro geschaffen, dem nur wenige ausgewählte Gefolgsleute und Speichellecker des Parteichefs angehörten. Die Kontrolle durch das ZK ging mehr und mehr zurück, be­schränkte sich auf eine Ovationskulisse für den Parteiführer. Dieses System wurde später von den „Bruderparteien“, bis hin zur SED, übernommen.

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Plakat: D. Moor, 1920, „1. Mai – allrussischer Subbotnik“

DER MACHTBESESSENE

Die Bolschewiki setzten mit grausamer Rücksichtslosig­keit zwischen Nord- und Mittelmeer, Weißrussland und Amur ihre Macht durch. Durch Hunger und Epidemien, Gefangenenerschießungen und massenhafte Exekutionen von angeblichen Gegnern verlo­ren in fünf Jahren Bürger­krieg 13 Millionen Menschen ihr Leben, weit mehr als durch die Schlachten des Ersten Weltkrieg ums Leben kamen. Statt mit einer Ideologie ein Volk von vorwiegend Analphabeten für sich zu gewinnen, war pure Machtausübung des einzige Instrument der „Überzeugung“.

DER GULAG-ERBAUER

Während der Hungersnot 1918 pro­klamierte Lenin den „Kriegskommu­nismus“. Per Gesetz forderte er „einen scho­nungslosen und terroristi­schen Kampf und Krieg zu führen gegen die bäuerliche und sonstige Bourgeoisie“. Unmenschlicher Schachzug: Ausgehungerte Proletarier wurden aufs Land geschickt, um die Bauern zu einer staatstreuen Raison zu bringen. Lenin verlangte, dass man „verdächtige Personen in Konzentrationslager außer­halb der Stadt einsperren“ möge, in die berüchtigten Gulags. 245 große Bauernauf­stände wurden im Blut er­stickt.

DER MATROSENKILLER

Im Frühjahr 1921 ließ Lenin nicht weniger brutal den Aufstand der Ma­trosen von Kronstadt nie­derschlagen, die Verant­wortlichen drakonisch be­strafen. Die Angehörigen der Baltischen Flotte, einst Stütze der Oktober­revolution, hatten die Forderung erhoben: „Für die Sowjets, aber ohne Kommunisten!“. Das hätte das Ende der „Diktatur des Proletariats“ und Übergang zu ersten Anfängen einer Demokratie bedeutet.

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Plakat: N. Kotschergin, 1920, „Über die Trümmer des Kapitalismus zur Weltbrüderschaft aller Werktätigen!“

DER OPPOSITIONSFEIND

Auf dem 10. Parteitag der KPR (B) im März 1921 wurde die letzte Oppositionsbasis innerhalb der Partei vernichtet. Da­runter die sogenannte Arbeiteropposition, die den Gewerkschaften anfangs eine eigen­ständige Rolle bei der De­mokratisierung zugebilligt hatte. Lenin hingegen degradierte die Gewerkschaften zum „Transmissionsriemen“ der Partei und verweigert ihnen einen eigenen Handlungs­spielraum.

DER KGB—GRÜNDER

Auf Lenins Anweisung wurde im Dezember 1917 die „Außerordent1iche Kommis­sion zur Bekämpfung der Konterrevolution und Sabo­tage“ (Tscheka, später NKWD als Vorläufer des KGB) gegründet. Sie wurde unter Feliks Dzierschinski ohne jegliche Kontrolle zu einem sich ständig erweiternden allmächtigen Machtinstru­ment, das über Recht und Gesetz bestimmte, sich Staatsanwaltschaften und Gerichte unterordnete, den Strafvollzug ausbaute und verwaltete, flächen­deckend bespitzelte und verfolgte.

DER ILLUSIONIST

Lenin glaubte, dass die Ar­beiter ohne jegliche Bezah­lung eine „ungeheure Erhö­hung der Arbeitsproduktivität“ erreichten (dargestellt in seiner Broschüre von 1919 „Die große Initiative“). Ein Jahr später, im April 1920 for­dert er schon die Arbeitsdienstpflicht. Später gehen seine Forderungen bis hin zur Militarisierung der Arbeit. Die wurde unter Stalin mit Arbeitslagern perfektio­niert, in denen nach dem Zweiten Weltkrieg auch Zehntausende Deutsche Unmenschliches erlitten.

DER WIRTSCHAFTSKOMMANDANT

Leinins oft gepriesene Neue ökonomische Politik (NöP) wird oft mit einem Einstieg Sowjetrusslands in die Marktwirtschaft vergli­chen. Das ist falsch. In Wirklichkeit drohte Lenin, wie aus Briefen an den Justizminister hervorgeht, jenen mit drakonischen Strafen, bis hin zur Todesstrafe, die mit Privatinitiative über den staatlichen Rahmen der Kapitalbildung hinausgehen. Tatsächlich führte Lenin mit Verordnungen und Be­fehlen von oben die Kommandowirtschaft ein, die Jahrzehnte später im ganzen ehemaligen sozialistischen Lager eingeführt wurde und gänzlich gescheitert ist.

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