Legenden und Wahrheiten

 zu Ereignissen des Zweiten Weltkrieges

In Schulbüchern, Vorlesungen und Se­minaren der Universitäten der DDR und in  politischen Sonntagsreden von Funktionären gab es über den 22. Juni 1941 eine Standartformulierung: Verbre­cherischer Überfall des räuberi­schen deutschen Imperialismus auf die friedliebende Sowjet­union. Alles Weitere leitete sich davon ab. Auch alles andere, was dem vorausging, wurde im Sinne des „großen Bruders“ Sowjetunion erklärt. Hier ein paar Legenden und die dazugehörigen Wahrheiten, die der Autor nach Gesprächen mit dem Historiker Werner Maser* zusammengestellt hat.

Legende:

Am 17. September 1939, nachdem Deutschland am 1. September Polen überfallen hatte, mar­schierten sowjetische Heeres­gruppen im Osten Polens ein. Sie begründen ihren „Befrei­ungszug“ damit, die von Deutschland bedrohten Men­schen in den Westgebieten der Ukraine und Belorusslands vor den Faschisten zu schützen.

Wahrheit:

Im Geheimen Zusatzprotokoll zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom 23. Au­gust 1939 – unterschrieben von den Außenministern von Ribbentrop und Molotow – heißt es: „Für den Fall einer territorial­politischen Umgestaltung der zum polnischen Staate gehö­renden Gebiete werden die In­teressensphären Deutschlands und der UdSSR ungefähr durch die Linie der Flüsse Narew, Weichsel und San abgegrenzt.“ Am 25. September teilen Stalin und Molotow dem deutschen Bot­schafter Graf von der Schulen­burg mit, dass die „Belassung ei­nes selbständigen Restpolens abwegig“ erscheine.

In einem weiteren Geheimen Zusatzprotokoll vom 28. Sept. 1939 unterschreiben der deut­sche und sowjetische Außenmi­nister: „Beide Teile werden auf ihren Gebieten keine polnische Agitation dulden, die auf die Gebiete des anderen Teiles hin­überwirkt. Sie werden alle An­sätze zu einer solchen Agitation auf ihren Gebieten unter­binden und sich gegenseitig über die hierfür zweckmäßigen Maßnahmen unterrichten.“ Bekannt ist die Erschießung von 14.000 polnischen Offizieren in Katyn auf Anweisung Stalins vom 5. März 1940. Insgesamt befan­den sich 217.000 polnische Kriegsgefangene in sowjeti­schem Gewahrsam.

Legende:

Am 30. November 1939 verüb­ten finnische Truppen eine Rei­he von provokatorischen Über­griffen an der sowjetischen Grenze. Die Rote Armee ging daraufhin zur Offensive über.

Wahrheit:

Finnland hatte sich beharrlich geweigert, durch einen Ge­bietsaustausch mit der Sowjet­union seine Grenze ein paar Kilometer nach Norden zu verlegen und einen Hafen als Flottenstütz­punkt zu verpachten. Am 27. November kündigte Molotow den sowjetisch-finnischen Nichtangriffs­pakt von 1932. Um einen Über­fall zu begründen, behaupteten die Sowjets, das kleine Finn­land, das bei weitem nicht so viel Einwohner hatte, wie Stalin Soldaten, habe seit Tagen ernsthafte Grenzzwischenfälle inszeniert und Grenzstellun­gen der Roten Armee unter Feuer genommen. Das war der An­lass zum Krieg der Sowjetunion gegen Finnland. Der Überfall war so offensichtlich, dass die Sowjetunion im Dezember 1939 aus dem Völkerbund aus­geschlossen wurde. Am 31. März 1940 wurde das russi­sche Karelien zusammen mit dem eroberten finnischen Territorium zur Karelo-Finnischen Unionsrepublik erklärt. Finnland musste zwar einen Teil seines Territoriums abtreten, bewahrte aber seine staatliche Unabhängigkeit.

Legende:

Die selbständigen baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland haben sich gegen die Sowjetunion verschworen. Ihre profaschistischen Regierungen würden das Land zum Auf­marschgebiet Deutschlands gegen die Sowjetunion machen. Mit Berufung auf Beistands­pakte musste die Sowjetunion notgedrungen in diesen Län­dern Truppen stationieren. Angeblich hätten „wirklich demokratische Kräf­te“ dieser Staaten 1940 den Obersten Sowjet ersucht, ihre Länder in die Union der sozialistischen Sowjetrepubliken aufzunehmen.

Wahrheit:

Stalin nutzte die Westoffensive Hitlers aus. Als die deutsche Wehrmacht in Paris einmarschiert, wird die litauische Regierung in einem Ultimatum aus Moskau aufgefordert, einem Ein­marsch sowjetischer Truppen zuzustimmen. Am nächsten Tag rückten Truppen in Kowno und Wilna ein. Ab 17. Juni 1940 wa­ren auch Lettland und Estland unter sowjetischer Kontrolle. Bereits am 6. August waren al­le drei Staaten in die Sowjetuni­on eingegliedert. Im Geheimen Zusatzprotokoll vom 23. August 1939 wa­ren sich Ribbentrop und Molotow im Auftrag Hitlers und Stalins einig: „Für den Fall einer territorial-politischen Umge­staltung in den zu den balti­schen Staaten (Finnland, Est­land, Lettland, Litauen) gehörenden Gebieten bildet die nördliche Grenze Litauens zugleich die Grenze der Interessenssphären Deutschlands und der UdSSR.“

Legende:

Rumänischen Großgrund­besitzer herrschten seit 1918 in dem der Sowjetunion zustehen­den Bessarabien. Mit Hilfe deutscher Truppen hatten sie sich 1918 dieses Land angeeignet. Im Interesse eines dauerhaften Friedens müsse diese offene Frage schnell ge­klärt werden. Am 26. Juni 1940 forderte die Sowjetunion von Ru­mänien die Rückgabe von Bessarabien und der Nord-Bukowina. Nachdem sich die Rote Armee in Bewe­gung gesetzt hatte, gab Rumä­nien diese Gebiete heraus.

Wahrheit:

Die Sowjetunion war sich auch mit Deutschland über ihre Ein­flusssphäre in diesem Bereich einig. Deutschland leistete so­gar Schützenhilfe, nachdem Molotow die Hoffnung ausge­sprochen hatte, „dass Deutsch­land die sowjetischen Aktionen nicht stören, sondern unterstüt­zen“ würde. Hitler empfahl dar­auf dem rumänischen König Carlo II., auf militärischen Wi­derstand gegen die Sowjetuni­on zu verzichten, die ihre kampflose Besetzung am 1. Juli 1940 abschloss, um tags darauf den größten Teil Bessarabiens in die neugeschaffene Moldaui­sche SSR einzugliedern und Süd­bessarabien und die Nord-Bu­kowina der Ukrainischen Sowjetrepublik anzuschließen.

Legende:

Der verbrecherische Überfall Hitlerdeutschlands auf die friedliebende Sowjetunion er­folgte völlig überraschend, traf sie unvorbereitet.

Wahrheit:

Stalin wusste seit Dezember 1940 von Hitlers Kriegsvorberei­tungen gegen die Sowjetunion. Außerdem hatten die obersten Militärs seit Mai bereits kon­kret ausgearbeitete Pläne für einen sowjeti­schen Angriff auf Deutschland vorbereitet. Riesige Truppen­kontingente waren an den Grenzen zusammengezogen. Originaldokumente, die Prof. Maser in den Archiven gefun­den hat, belegen, dass sich Stalin mit Angriffsplänen gegen Deutschland beschäftigt hatte.

(*Prof. Dr. Werner Maser, 1922–2007, Historiker, Biograf von Adolf Hitler, Friedrich Ebert u.a. historischen Persönlichkeiten sowie der Weimarer Republik und des Dritten Reiches.)

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