Endstation für einen Aufrechten: Das „gelbe Elend“

Die Entführung und Ermordung des Robert Bialek

Hetzjagd auf einen Staatsfeind: Die Stasi entführte 1956 den SED-Kritiker Robert Bialek aus dem Westen in die DDR-Haftanstalt Hohenschönhausen. Bisher wurde angenommen, dass er dort kurz darauf starb. Doch alte Hinweise deuten auf eine weitere Verschleppung hin – und einen qualvollen Foltertod.

An einem Oktoberabend im Jahr 1948 fand in Ost-Berlin eine äußerst merkwürdige Begegnung statt: In einem Büro des Innenministeriums standen sich zwei Männer nach einem heftigen Wortgefecht mit gezogenen Dienstpistolen gegenüber. Der eine von ihnen war Erich Mielke, Vizepräsident der Deutschen Verwaltung des Innern und damit stellvertretender Leiter der Volkspolizei in der sowjetischen Besatzungszone. Ihm gegenüber stand Robert Bialek, der Generalinspekteur der Volkspolizei. Bialek warf Mielke vor, mit Untergebenen zynisch und ungerecht umzugehen und die Ziele der SED persönlichen Macht- und Karrieregelüsten zu opfern.

Bialek erinnerte sich 1954 an diesen Streit, den Ausgangspunkt eines jahrelangen Kräftemessens zwischen ihm und Mielke, das sein Leben für immer ändern sollte: „Mielke wurde blutrot, sein Gesicht verzerrte sich zu einer brutalen Fratze und schreiend antwortete er mir: ‚Du bist ein Lump, ein Verräter, man müsste dich verhaften lassen!‘ Daraufhin ich: ‚Werde nicht vollends größenwahnsinnig, Genosse Mielke.‘ Daraufhin Mielke, wobei er nach seiner Pistole griff: ‚Geh mir aus den Augen, du Schuft.‘ Daraufhin ich: ‚Lass deine Pistole stecken, ich habe auch eine und es könnte sein, dass ich schneller bin. Übrigens wirst du deine Haltung verantworten müssen.‘ Daraufhin verließ ich sein Zimmer.“

Robert Bialek 1915 - 1956Robert Bialek

Längst ist bekannt, dass Bialek seinen Widerstand gegen Mielke schließlich mit dem Leben bezahlen sollte. Bis heute blieb jedoch eines im Detail ungeklärt: Wann und wie er starb. Das Letzte, was von ihm aktenkundig ist, ist der Umstand, dass er im Februar 1956 von Stasi-Mitarbeitern aus Westberlin entführt wurde. Danach verlieren sich seine Spuren. Bislang wurde angenommen, dass die Stasi ihn bereits kurz nach der Entführung in der berüchtigten Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschöhnhausen tötete. Doch Angaben der Witwe Bialeks und eines ehemaligen Freundes und Kollegen legen eine andere Vermutung nahe: Offenbar wurde Bialek nach Bautzen verschleppt, wo man ihn noch monatelang gefangen hielt – und qualvoll langsam zu Tode folterte. Seine Spuren in Akten und anderen Unterlagen wurden sorgsam beseitigt.

Kaltgestellt

Bialeks Streit mit Mielke an jenem Oktoberabend 1948 konnte nicht folgenlos bleiben: Mielkes Beziehungen zu Walter Ulbricht, dem Mitbegründer und späteren ersten Generalsekretär der SED, waren zu eng. Schon im Januar 1949 bekam Bialek die Folgen seines Angriffs zu spüren: Er wurde als höchster ostdeutscher Offizier abgelöst. Bialek, der in einer schlesischen Arbeiterfamilie aufgewachsen war, als Jungkommunist und später als Widerstandskämpfer in Breslau gegen die Nazis gekämpft und sechs Jahre in Gestapo-Haft zugebracht hatte, wurde auf den Posten eines 1. Kreissekretärs der SED in das sächsische Großenhain abgeschoben.

Aber damit war die Talfahrt Bialeks noch lange nicht beendet – zu kritisch blieb er auch auf seinem neuen Posten gegenüber der Partei. Helmut Schneider, ein Freund Bialeks aus jenen Jahren, begründet dies damit, dass Bialek eben kein „Apparatschik“ gewesen sei: „Er nahm zentrale Weisungen, wenn sie ihn nicht überzeugten, nicht widerspruchslos hin. Er hatte kein Verständnis für den Dogmatismus von Ulbrichts Jasagern.“

Und so bekleidete Bialek seine neue Position nur wenige Monate. Lotte Kühn, Mitarbeiterin und spätere Ehefrau Ulbrichts, wurde nach Großenhain geschickt, um auf einer SED-Kreiskonferenz Bialeks Ablösung als 1. Kreissekretär zu erwirken. Noch im Jahr 1949 wurde er zum Kulturdirektor im Waggonbau Bautzen degradiert. Doch das Kesseltreiben hörte nicht auf. Um ihn vollends mundtot zu machen, wurde er im September 1952 gegen seinen Protest aus der SED ausgeschlossen.

Einziger Ausweg: Flucht

Noch immer hörte Bialek nicht auf, insbesondere Mielke zu kritisieren. Dafür mag es mehrere Gründe gegeben haben: Aus Unterlagen der damaligen Zentralen Kommission für Staatliche Kontrolle geht hervor, dass sich Mielke in den ersten Jahren der Existenz der DDR auf Staatskosten persönlich bereicherte. Er empfing fünfstellige Summen als sogenannte Kredite für Kuren, Auslandsaufenthalte, angebliche ärztliche Betreuung, private Hausreparaturen und andere Leistungen. Dazu kamen ungewöhnlich hohe Prämien. Doch das wurde bis hinauf zu Ulbricht unter den Teppich gekehrt.

Robert Bialek, der die Freien Deutschen Jugend (FDJ) in Sachsen gegründet und die ostdeutsche Volkspolizei befehligt hatte und damit eigentlich beste Voraussetzungen für eine SED-Karriere aufwies, war schließlich gerade noch als Buchhalter der Bau-Union Bautzen geduldet. Und die Stasi beobachtete ihn weiterhin. Nachdem er die SED-Führung offen dafür kritisierte, sie habe mit ihren arbeiterfeindlichen Beschlüssen Schuld am Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR, rettete ihn vor einer drohenden Verhaftung nur noch das Abtauchen. Am 27. August 1953 floh Bialek nach West-Berlin. Selbst in seinem Exil suchte er noch nach Wegen, sich weiterhin an die ostdeutschen Arbeiter wenden zu können.

Ein Angebot des britischen Senders BBC kam ihm hierfür sehr gelegen: In der Sendereihe „Wir sprechen zur Zone“ setze er sich sonnabends von 20.15 bis 21 Uhr kritisch mit den Problemen der DDR und der Cliquenwirtschaft der SED auseinander. Im Dezember 1955 rief Ulbricht nach einer solchen Sendung des deutschsprachigen Londoner Rundfunks bei Mielke an und fragte, wie lange dieser „Renegat“ die Partei noch diffamieren solle. Mielke versprach, das Problem aus der Welt zu schaffen.

Entführt und totgeschwiegen

Am 4. Februar 1956 wurde Robert Bialek zu einer fingierten Geburtstagsfeier in eine Wohnung in der Westberliner Jenaer Straße eingeladen. Zwei Ostagenten träufelten ihm dort K.o.-Tropfen in sein Bier. Bialek bemerkte, was vor sich ging, und schleppte sich bis zur Toilette, wo er das Bewusstsein verlor. Dort wurde er von einem Unbeteiligten aufgefunden, der Bialek jedoch für schlicht betrunken hielt. Die beiden Agenten riefen rasch ein Taxi herbei und schafften den vermeintlich Betrunkenen nach Ost-Berlin. Bialeks Verschwinden blieb nicht unbemerkt – doch alle Pressekonferenzen und Proteste, Auftritte im westdeutschen Fernsehen, unter anderem durch die Autoren Wolfgang Leonhard und Carola Stern, blieben ergebnislos.

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Für eine spätere Veröffentlichung des Fotos vom Gründungstag der FDJ wurde Robert Bialek, 3. von rechts, die Haarfrisur verändert und ein Oberlippenbart angemalt, um ihn unkenntlich zu machen. (3.v. links: Erich Honecker)

Robert Bialek sei kurz nach seiner Entführung im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen verstorben, teilte der Leiter der dortigen Gedenkstätte 2008 auf der Grundlage fehlender „Abgänge“ mit. So wird es auch in der gegenwärtigen Ausstellung dargestellt. Doch Personen aus der früheren Umgebung Robert Bialeks berichten detailliert von späteren Begegnungen mit ihm im Zuchthaus Torgau.

Möglicherweise durfte es nach der Verschleppung Bialeks auf Mielkes Befehl keinerlei Notizen zu dem Fall geben, weil der spätere Stasi-Chef seinen einstigen Kritiker nicht noch zum Märtyrer machen wollte. Zudem hätte es für einen schnellen Tod Bialeks auch keiner Verschleppung nach Ost-Berlin bedurft. Mielkes Umgang mit persönlichen Gegnern war berüchtigt: Zeitzeugen berichten unter anderem von brutalen Verhören angeblich abtrünniger Kampfgefährten aus dem spanischen Bürgerkrieg. Oder von Mielkes rüdem Umgang mit angeblichen Regimegegnern der DDR bei der Vorbereitung von „Hochverratsprozessen“ gegen Walter Janka, Willi Kreikemeyer und Kurt Müller in den Fünfzigerjahren. Es scheint wahrscheinlich, dass Mielke mit seinem Erzfeind Bialek kaum rücksichtsvoller umgegangen ist und auf jeden Fall persönlich „abrechnen“ wollte.

Folter im „Gelben Elend“

Inge Bialek ist sich sicher: Der Tod ihres Mannes sei im Februar 1956 nur vorgetäuscht worden, um sie nach Ost-Berlin zu locken, möglichst mit ihrer kleinen Tochter. Doch sie habe widerstanden und so die Pläne der Stasi durchkreuzt. War Robert Bialek tatsächlich zu diesem Zeitpunkt noch am Leben? Wollte Mielke erst die ganze Familie Bialek in seine Gewalt bringen – um sie mit einem Schlag auszulöschen? Helmut Schneider, der mit Bialek im Waggonbau Bautzen zusammenarbeitete, hat aufschlussreiche Details über das Ende des Regimekritikers beizusteuern, die diese Annahmen untermauern.

Schneider war bis 1948 bei der Bautzener Orthopädiewerkstatt Arthur Adermann in ständiger Behandlung gewesen, seit ihm nach Repressalien in einem sowjetischen NKWD-Lager ein Fuß amputiert werden musste. Jahre später, im Sommer 1956, habe ihn Adermann, der auch Bialek kannte, telefonisch zu einer „Anprobe“ in seine Werkstatt gebeten. Trotz befohlener Geheimhaltung über seine Besuche im „Gelben Elend“, wie die Justizvollzugsanstalt Bautzen wegen ihrer gelben Klinkermauern genannt wurde, habe Adermann ihm von seiner jüngsten Begegnung in der Haftanstalt erzählt.

Er sei in einen streng abgeriegelten Seitenflügel geführt worden. Vor einer Sonderzelle, die isoliert von allen anderen Gefangenen lag, habe Adermann erfahren, dass darin ein Häftling namens Bialek sei, der einen Stützapparat im Halswirbelbereich benötigte. Der Orthopäde sei erschüttert gewesen, so erinnert sich Schneider, als er den 41-jährigen Bialek erblickte. Dieser sei nur noch ein Schatten seiner selbst gewesen, ein kranker, gebrochener Mann, der mit leiser, kraftloser Stimme sprach. Als Fachmann habe Adermann sofort erkannt, dass es sich bei dem „Leiden“ nicht um natürliche Abnutzung handelte, sondern um Schädigungen durch Folter. Beim Maßnehmen schließlich habe Adermann erfahren, dass Bialek schon ein halbes Jahr in Bautzen war und an Tuberkulose litt.

Vier Monate habe Adermann unter strengster Bewachung den offiziell längst für tot gehaltenen Bialek behandelt. Dann, im Spätherbst 1956, habe ihm die Gefängnisleitung lapidar mitgeteilt, eine weitere Behandlung Bialeks sei nicht erforderlich. Es ist davon auszugehen, dass sich die Behandlung erübrigte, da Mielkes Erzfeind nach monatelangen Qualen letztendlich an den Misshandlungen im „Gelben Elend“ zugrunde gegangen war. Am 23. Juni 2014 war der 100. Geburtstag von Robert Bialek.

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