„Komm, wir wollen sterben gehen…“

Klaus Taubert
Das war schneller getan als gesagt – im Durchschnitt forderte der Erste Weltkrieg jede Woche 77.000 Tote. Neunhundert während einer einzigen abendlichen Theatervorstellung. Die Zahlen waren nicht geheim. In der Reichshauptstadt Berlin, wo man sie am besten kannte, wurden sie verdrängt, verniedlicht und die Opfer gar verhöhnt. Ein unbändiger Nationalismus hatte seit der Mobilmachung 1914 auch den Amüsierbetrieb erfasst. Die meisten Theater, Varietes, Kabaretts und Kinos und viele ihrer Protagonisten waren den Militärs zu Diensten.

Karrieristen1915Berliner Publikum laut „Gartenlaube“ von 1915

Während im Westen wie im Osten mörderisch gestorben wurde, pulsierte rund um die Berliner Friedrichstraße das Amüsement in einer Stimmung der Siegeszuversicht. Das Publikum bestand vorwiegend aus Beamten, Offizieren und Angestellten der Kriegsmaschinerie aus Ministerien, Ämtern und Verwaltungen. Emporkömmlinge, wie sie Heinrich Mann in seinem verbotenen Roman „Der Untertan“ treffend karikierte, bevölkerten die Vergnügungsstätten.

Stars für den Krieg

Das Angebot bis ins letzte Kriegsjahr hinein war sehr vielfältig. Der populäre Komiker und Sänger Otto Reutter gab im Palast-Theater am Zoo eine Durchhalte-Revue unter dem Titel „Berlin im Krieg“. Seine Lieder und Couplets „Michel, sei stolz!“, „Genau wie 1870“ oder „Nur Geduld“ („…wenn mal  ´ne Pause kommt, die Deutschen sind nicht schuld.“) priesen den Krieg und seine Helden.

Wk6  Wk5

Jean Gilbert alias Max Winterfeld / Claire Waldoff

Jean Gilbert, Hauskomponist der Berliner Lebewelt, hatte seinen allzu französisch klingenden Künstlernamen abgelegt und unter seinem Geburtsnamen Max Winterfeld Melodien zu Texten geschrieben wie: „Hoch soll die Fahne schweben, die Fahne schwarz-weiß-rot! Wir geben Gut und Leben, wir fürchten nicht den Tod!“. Im Theater am Nollendorfplatz sangen Claire Waldoff und Partner nach Winterfeld-Melodien im Duett: „Waldemar, Waldemar, Waldemar!/Mein süßes Miezchen?/Waldemar, ach, es liebt sich wunderbar auch in Galizien.“

Hohn über die Kriegsgegner

In der Revue „Bilder aus großer Zeit“ für das Metropol wurden im Schützengrabenlied nach Winterfelds Melodien jene verhöhnt, die nach den großen Streikaktionen 1917 und Anfang 1918 gegen Krieg und Rüstung an die Front strafversetzt worden waren: „Als Höhlenmensch im Schützengraben/verleb‘ ich eine sel’ge Zeit,/statt Untern Linden ‚rumzutraben,/sitz ich in stiller Einsamkeit/fern von den Chefs, die mich entließen/weil ich der Arbeit abgeneigt;/brauch‘ nichts zu tun, als bloß zu schießen/wenn mal der Feind sein Köpfchen zeigt.“ Gemeint waren jene bis zu 50.000 Streikteilnehmer im ganzen Reich, die von außerordentlichen Kriegsgerichten mit verschärftem Fronteinsatz bestraft worden waren.

Nach seinen Kriegs-Operetten „Immer feste druff“ und „Die Gulaschkanone“ hat Walter Kollo mit „Drei alte Schachteln“ ein preußisches Singspiel geschrieben, das Abend für Abend auf dem Spielplan stand. Eingebaut war das Glockenspiel der Potsdamer Garnisonkirche: „Üb immer Treu und Redlichkeit“. In den Texten hieß es selbst noch am Abend, als der Kaiser und König sich mit Sack und Pack nach Holland absetzte: „Ins Feld muss ich heut´ noch marschieren, denn dem König, dem gab ich mein Wort“.

Zu einem Schlager-Hit wurde 1914 das Soldatenlied „Rosa, wir fahr’n nach Lodz“. Rosa war allerdings keine Herzallerliebste, sondern ein von der böhmischen Rüstungsfirma Skoda hergestelltes schweres Artilleriegeschütz – das Gegenstück zu Krupps „dicker Bertha“. Sechs Jahrzehnte später wurde das Lied übrigens in der friedlichen Version „Theo, wir fahr’n nach Lodz“ von Vicki Leandros zum Evergreen.

Missglückte Dichterworte

Sogar Gerhart Hauptmann, der Dichter sozialkritischer Dramen wie „Die Weber“ und „Der Bibelpelz“, erlag dem Nationalismus jener Tage. In einem seiner Gedichte heißt es: „Komm, wir wollen sterben gehen/in das Feld, wo Rosse stampfen,/wo die Donnerbüchsen stehn,/und sich tote Fäuste krampfen … Diesen Leib, den halt ich hin/Flintenkugeln und Granaten:/Eh ich nicht durchlöchert bin,/kann der Feldzug nicht geraten.“

Wk11

Im Zirkus Busch am Monbijoupark hatte der “herkulische Granaten- und Kanonenkönig“ Ernst Planet glanzvolle Auftritte u.a. mit dem Auffangen einer aus einem Geschütz abgeschossenen 46 Pfund schweren Granate, ein Gaudi Abend für Abend im geschützten Zirkuskuppelbau.

Selbst die Kinderliteratur war voll und ganz auf Krieg eingestellt. In Curt von Frankenbergs „Die Luftbuben“ heißt es: „Ein kluger Mann, der baut stets vor,/drum wurde Belgien das Tor/des Einmarschs nach dem Frankenland/von uns als Notwehr anerkannt,/weil fest begründet der Verdacht,/dass sonst der Franzmann es vollbracht.“ An anderer Stelle: „Denn wir sind ein Volk in Waffen,/müssen rastlos weiter schaffen,/schützen unser Hab und Gut/wider vieler Völker Wut,/denen allen sehr missfällt/Deutschlands Stellung in der Welt.“

Wk4

Kinderbuch: „Die Luftbuben“

Banken finanzierten Kriegsfilme

Nachdem das Militär den Wert des neuen Mediums Film entdeckt hatte, schossen allein in Berlin mehr als 200 Kinos aus dem Boden. Es wurden Heldenfilme gezeigt, die den Krieg verherrlichen und mehr und mehr zum Durchhalten ermunterten. Weil immer mehr Filme benötigt wurden, entstand 1916 der erste deutschen Filmkonzern, die Universalfilm AG (UfA), in deren Vorstand der Pressechef des Kriegsministeriums saß. Die Banken witterten das große Geschäft und stiegen mit 25 Millionen Mark ein. In vielen Städten und selbst auf dem Land wurden so genannte „Flohkisten“ für ein rasch wachsendes Filmpublikum eröffnet. Die Titel lauteten „Ein Überfall in Feindesland“, „Die Wacht am Rhein“, „Auf dem Felde der Ehre“, „Die Faust der Riesen“ oder  „Die Besatzung des Hilfskreuzers Wolf“.

Wk8

In einem von rund 200 Berliner Kinos

Parallel dazu begann die Blütezeit der Groschenhefte, die zu Millionen gedruckt wurden und ähnlich zum Durchhalten aufriefen wie die Filme. Illustrierte Zeitschriften wie „Die Gartenlaube“ und andere druckten anrührende Geschichten von Soldaten an der Front und schufen mit Fotos und Zeichnungen eine stimmungsvolle Atmosphäre auf den Schlachtfeldern, nach der man süchtig werden sollte.

gedicht

Ein Gedicht aus dem „Felde“, wie es 1916 von der „Gartenlaube“ abgedruckt wurde

SPD gegen „revolutionierenden Dickdarm“

Wie stark der Chauvinismus um sich gegriffen hatte, bewies der “Courier”, das Organ des Deutschen Transportarbeiterverbandes, der am 25. Oktober 1914 in einem Beitrag schrieb: „An der unvergleichlichen Tapferkeit der deutschen und österreichischen Truppen zerschellen die verruchten Pläne des wort- und treubrüchigen Blutzaren und seiner Alliierten, seien es nun die verschlagenen Japs, die hinterlistigen Briten, die ruhmredigen Franzosen, die verlogenen Belgier, die undankbaren Buren, der Renommier-Kanadier oder auch der halbwilden verschleppten Indier, Turkos, Zuaven, Neger und anderes Geschmeiß.“

Nach den großen Januarstreiks 1918 warb der sozialdemokratische „Vorwärts“ für „zweihundert Jahre Hoffmannstropfen“ für eine Medizin, die in keiner Hausapotheke fehlen solle und sich bewähre, wenn man den „revolutionierenden Dickdarm zur Ruhe und zur ordnungsgemäßen Dienstwilligkeit zurückführen“ möchte.

Wer sich gegen Krieg engagierte und versuchte die Massen über die Ziele der Wirtschaft, Finanzwelt und des Adels in diesem Krieg mit den Mitteln der Kunst aufzuklären, wurde übel verleumdet. Der Kaiser selbst bezeichnete namhafte Kriegsgegner wie die Maler Max Liebermann als Anarchisten, Hans Baluschek sogar als Rinn­steinkünstler. Leidenschaftlich kämpfte Käthe Kollwitz, die ihren Sohn Peter bereits 1914 in Flandern verlor, mit ihren Grafiken gegen den Krieg. Die Schauspielerin Tilla Durieux veranstaltete zum gleichen Zweck Antikriegs-Abende.

Die andere Seite der Kunst

In den Jahren des Krieges entstand, ausgehend von Zürich, der Dadaismus als eine künstlerische und literarische Bewegung, die sich durch die Ablehnung „konventioneller“ Kunst auszeichnete und die Gesellschaft mit ihrem Wertesystem ablehnte. Im Laufe des Ersten Weltkrieges  breitete sich der Dadaismus in ganz Europa aus. Überall protestierten Künstler durch gezielte Provokation und vermeintliche Unlogik gegen den Krieg und das obrigkeitsstaatliche Bürger- und Künstlertum.

Wk7

Auch der Weihnachtsbaum erstrahlte im Weltkriegs-Schmuck

Wieland Herzfelde schilderte eine überfüllte Dada-Veranstaltung im Sommer 1918 in den Berliner „Meistersälen“, die als „Wettkampf zwischen einer Nähmaschine und einer Schreibmaschine“ angekündigt worden war. „Eine gute halbe Stunde lang klapperte die Schreibmaschine, und ein Blatt nach dem anderen wurde fix aus der Maschine gerissen, ein neues eingespannt, während die Nähmaschine ununterbrochen schwarzen Trauerflor steppte, der im Gegensatz zu dem Papier endlos war, nämlich an seinen beiden Enden zusammengenäht, so dass man, solange die Beine es aushielten, ewig nähen konnte und der Assistent nur darauf achten musste, dass das Florband sich nicht verhedderte. Ansager, Conferencier und Schiedsrichter war Georg Grosz“. Die Karikaturen von Grosz enthüllten überdies das wahre Gesicht der bürgerlichen Gesellschaft.

Kaiserfluch

Der Karikaturist Karl Holtz sah die Flucht des Kaisers so

Übrigens hat sich zu Beginn des Krieges – im Gegensatz zum Komponisten Jean Gilbert/Max Winterfeld der Künstler Helmuth Herzfeld aus Protest gegen den Fremdenhass den Künstlernamen John Heartfield zugelegt.

„Ein anderes Deutschland“

Im Deutschen Theater inszenierte Max Reinhardt Klassiker wie „Don Carlos“. Lauter Szenenapplaus, als der Marquis sprach: „Sie wollen pflanzen für die Ewigkeit/Und säen Tod?/Ein so erzwungnes Werk/wird seines Schöpfers Geist nicht überdauern.“

hansbaluschek-zukunft-1924

HansBaluschek

Zeichnungen des „Rinnsteinkünstlers“ Hans Baluschek nach der Revolution 1918/Oben: „Zukunft“ von 1924

Noch im letzten Kriegsjahr wurde erstmals eine Gesamtausgabe Georg Büchners mit dessen Revolutionsdrama „Dantons Tod“ herausgebracht, das den Geist zum Handeln auffordert mit Sätzen wie: „Jeder Atemzug eines Aristokraten ist das Röcheln der Freiheit.“

In Berlin entstand in dieser Zeit die politisch-literarische Wochenschrift „Aktion“, in der Beiträge und Gedichte gegen den Krieg gedruckt wurden. Der junge Erwin Piscator, den eine solche Schrift im Schützengraben an der Westfront erreichte, schöpfte Hoffnung: „Wie oft hatte ich nachts die ´Aktion´ in der Hand – wollte sie hinüberbringen in die Gräben zu den Engländern und Kanadiern. Sehr Ihr, das gibt es auch! Ein anderes Deutschland!“

Siehe auch: Das letzte Jahr des Großen Krieges – 1918
Advertisements

3 Kommentare

Eingeordnet unter Zeitgeschichte

3 Antworten zu “„Komm, wir wollen sterben gehen…“

  1. Pingback: Inhalt | Klaus Taubert

  2. Pingback: Inhalt | Klaus Taubert

  3. Pingback: Der Künstler mit der Schere | Klaus Taubert

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s