Das letzte Jahr des Großen Krieges – 1918

 besichtigt von Klaus Taubert

(Eine zusammenfassende Auswahl der Geschehnisse im Jahr 1918, in dem m.E. durch die beharrliche Weigerung der Linken, Bündnisse mit den Sozialdemokraten für die Herstellung einer Aktionseinheit einzugehen, die Wurzeln für die unheilvollen nächsten Jahre und den aufkommenden Nationalsozialismus liegen.)

 

Das Jahr 1918 begann in Berlin mit einem Konzert in der Volksbühne am Bülowplatz. Siegmund von Hausegger dirigierte Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie mit dem Philharmonischen Orchester und dem Berliner Volkschor. Als Solisten wirkten Elisabeth Schumann, die unter den Nazis mit Berufsverbot belegt wurde und in die USA auswanderte, Ottilie Metzger-Lattermann, eine Gesangspartnerin Enrico Carusos, die wegen ihrer jüdischen Herkunft 1942 in Auschwitz ermordet wurde, der Heldentenor und einzigartige Wagner-Interpret Rudolf Laubenthal sowie der Kiefernchirurg und Konzertsänger Wolfgang Rosenthal. Tags darauf hieß es im sozialdemokratischen „Vorwärts“: „Zu keiner Zeit als der gegenwärtigen konnte Beethovens >Neunte< in tiefere Beziehung, in sprechendere symbolische Bedeutung treten. Ihre Aufführung am gestrigen Neujahrstag musste als mächtiger Friedensruf empfunden werden, zumal von einer vorwiegend von Arbeitern zusammengesetzten Hörerschaft. … Immer wieder brachen Beifallsstürme am Schlusse hervor. Schiller-Beethovens Jubelruf >Seid umschlungen Millionen!< widerhallte in jeder Brust…“
Im Publikum mag manche Erinnerung zurückgegangen sein an den Sommer vor vier Jahren, als man eingestimmt hatte in das lautstarke „Hurra“, in den zügellosen Völkerhass und die feste Entschlossenheit, sich der „angelsächsischen Vettern“ und des „französischen Erbfeindes“ zu erwehren. Deutschlands „Platz an der Sonne“ hieß Eroberung Frankreichs, Belgiens, Polens, der baltischen Länder, der Ukraine, des Kaukasus, des Nahen Ostens bis zum Persischen Golf sowie Indiens und großer Teile Afrikas. Ein Deutsches Reich vom Ärmelkanal bis St. Petersburg sollte entstehen. Weihnachten 1914 wollten alle wieder zu Hause sein.

PostkarteErsterWkr.Aus dem privaten Familienalbum: Postkarte vom Oktober 1914 an die Familie. Aus dem Text der Rückseite: „Soviel Feinde hatten wir 1870 freilich nicht, aber Dresche kriegen sie alle.“

Von den Kriegszielen hatten alle Teile des deutschen Volkes ihre Vorstellungen. Der Wissenschaftler Ernst Jäckh berichtet über eine Unterredung mit Krupp-Direktor Alfred Hugenberg im Berliner Hotel Adlon: „Nach Tisch holte Hugenberg einen Atlas heran, schlug die Karte auf, die das Schwarze Meer zeigt, legte den Finger auf das Kaukasusgebiet und rechnete vor, was dort alles an Erzen und Kohlen usw. vorhanden sei…, und auf meine Frage, wieso gerade jetzt dieses von besonderem Interesse sei, kam die Antwort: der Krieg dürfe nicht zu Ende gehen, ohne dass diese Naturschätze des Kaukasus für die deutsche Industrie gesichert werden – dadurch, dass der Kaukasus eine preußische Provinz werde! Ebenso die Ukraine – als Kornkammer!“

Osten

Westen

Die Deutschen waren da! Kriegsschauplätze Ost (Russland,oben) und West (Frankreich)

August Thyssen formulierte in einer Kriegszieldenkschrift vom September 1914: „Was zunächst das westliche Gebiet anbelangt, so bin ich der Meinung, dass Belgien, die Departements du Nord und Pas de Calais mit den Häfen Dünkirchen und Boulogne das Departement Meurthe und Moselle mit dem französischen Festungsgürtel und der Maas als Grenze bis zur Höhe von Givet und im Süden die Departements Vosges und Haut-Saone mit der Festung Beifort dem deutschen Reiche als Reichsland einverleibt werden müssen. Russland muss man die Ostseeprovinzen, vielleicht Teile von Polen und das Dongebiet mit Odessa, die Krim sowie asowsche Gebiet mit dem Kaukasus abtreten, um auf dem Landwege Kleinasien und Persien zu erreichen.“
Die Unternehmerorganisation „Deutscher Handelstag“ erwartete mit der „Eingliederung der baltischen Provinzen“ einen „besonderen Machtzuwachs“. In einem Schreiben heißt es: „Wenn es gelänge, diese Gebietsteile Deutschland einzuverleiben, so würde dadurch ein land- und forstwirtschaftlich reich ausgestattetes Gebiet von mehr als einem Viertel des heutigen Reichsgebietes gewonnen.“
Der frühere Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow schrieb: „Der württembergische Herzog von Urach wollte König von Litauen werden … Der Prinz Friedrich Karl von Hessen, ein Schwager des Kaisers, bewarb sich um die Krone von Finnland. Kaiser Wilhelm, dem man von prächtigen Auerochsen in den Wäldern von Kurland gesprochen hatte, wünschte für sich selbst als Hausgut und Jagdgrund das Herzogtum Kurland. Der Kaiser zeichnete recht hübsch und hatte schon das Wappen entworfen, das er als Herrscher von Kurland führen wollte.“
Als der Österreicher von Hausegger in der Volksbühne seinen Taktstock hob, mag Käthe Kollwitz – ihr Sohn Peter starb in den ersten Kriegstagen auf dem Schlachtfeld in Flandern – ein paar Straßen weiter über ihrem Tagebuch gesessen haben, in dem es zum Jahr 1917 heißt: „Gegeben hat es neue Ausblicke durch Russland. Von da ist etwas Neues in die Welt gekommen, was mir entschieden vom Guten zu sein scheint. Eine neue Hoffnung, dass in der Entwicklung der Völker in der Politik nicht wie bis jetzt nur Macht entscheidet, sondern dass >von nun an< auch die Gerechtigkeit mitwirken soll.“

Hoffen auf die Revolution

Die eben an die Macht geputschte Bolschewiki mit Wladimir Iljitsch Lenin hatte aus Russlands Position der Schwäche heraus alle kriegführenden Völker und deren Regierungen aufgefordert, „sofort Verhandlungen über einen gerechten demokratischen Frieden zu beginnen, … den die überwältigende Mehrheit der durch den Krieg erschöpften, gepeinigten und gemarterten Klassen der Arbeiter und der Werktätigen aller kriegführenden Länder ersehnt.“
Nachdem dieses „Dekret über den Frieden“ von Russlands Verbündeten England, Frankreich und den USA ignoriert wurde, witterte Deutschland fette Beute im Osten und dazu die Möglichkeit, seine dortigen Armeen den Schlachtfelder des Westens zuzuführen.
Im besetzten weißrussischen Brest-Litowsk fanden die Friedensverhandlungen in einem flachen, langgestreckten Holzhaus statt, das als Offizierskasino diente. Die westlichen Alliierten blieben den Verhandlungen fern, so dass die Delegation aus Petrograd nach Abschluss eines Waffenstillstandsvertrages Mitte Dezember 1917 allein den so genannten Mittelmächten Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien und Türkei gegenüber saßen, als am 22. Dezember der Befehlshaber der Ostfront, Prinz Leopold von Bayern, mit ein paar banalen Worten die erste Sitzung eröffnete, um gleich darauf das Offizierskasino zu verlassen. Die Leitung übernahm der deutsche Staatssekretär des Auswärtigen Richard von Kühlmann, tonangebend jedoch war der Stabschef der Ostfront und Hindenburg-Vertraute Generalmajor Max Hoffmann. In einem Zeitungsbericht – rund 400 Pressevertreter waren angereist – hieß es: „Die erste Kältewelle lief durch den Saal, als die Sowjetdelegation verlangte, die Sitzungen sollten öffentlich sein…“

Brest

Litowsk

Waffenstillstandsabkommen vom Dezember 1917 in Brest-Litowsk. Prinz Leopold von Bayern unterschreibt gerade, ihm gegenüber der russische Verhandlungsführer Adolf Joffe

Tagelang stritten die Vertreter der Mittelmächte, wer sich welche Territorien einverleiben wolle. Die von Adolf Joffe geleitete russische Delegation drohte, die Konferenz umgehend zu verlassen. Die Mittelmächte lenkten ein und versicherten, auf die Besetzung russischer Territorien zu verzichten. Der Wiener Außenminister Graf Czernin fasste die Stimmung in Brest-Litowsk am 27. Dezember in seinem Tagebuch zusammen: „Zunehmende Verschlechterung der Lage. Wütende Telegramme von Hindenburg über >Verzicht< auf alles, Ludendorff telephoniert alle Stunden; neue Wutanfälle. Hoffmann sehr gereizt.“
Man vertagte sich bis nach Neujahr.
Was aus Brest-Litowsk wird, diese Frage bewegte mehr Menschen, als die deutsche Generalität ahnen mochte. Die Spartakusgruppe – eine linksradikale Gruppierung um Liebknecht und Luxemburg innerhalb der  1917 in Gotha gegründeten Partei der Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) – gab in einem Flugblatt Anfang Januar eine Antwort: „Der allgemeine Friede lässt sich ohne Umsturz der herrschenden Macht in Deutschland nicht erreichen.“ Nur im offenen Massenkampfe um die politische Macht lasse sich das erneute Auflodern des Völkermordes verhindern. Doch die Partei, die einen solchen Massenkampf in diesem Sinne zu führen vermochte, gab es nicht.
Generalfeldmarschall von Hindenburg schrieb am 7. Januar 1918 einen Brief an Kaiser Wilhelm II., in dem er sich über die Vorgänge in Brest-Litowsk beschwerte, insbesondere was die Verzichtserklärungen betraf. Am 9. Januar wurden die Verhandlungen fortgesetzt. Die sowjetrussische Delegation wurde nun vom Volkskommissar für Internationale Angelegenheiten, Lew Trotzki, geleitet. Nach heftigen Auseinandersetzungen im Zentralkomitee der Bolschewiki hatte er den Auftrag erhalten, unter allen Umständen einen Frieden zu schließen, um das Überleben der russischen Revolution zu sichern. Trotzki jedoch versuchte Zeit zu gewinnen und rechnete mit dem Ausbruch der Revolution in Deutschland. Der deutsche Generalstabschef Ludendorff wiederum drängte auf Beschleunigung der Verhandlungen, da er ein „weiteres Sinken unserer geistigen Kriegsfähigkeit“ befürchtete. Dies auch in Hinblick auf Verbrüderungen zwischen den Schützengräben der Ostfront.
Lenin schrieb am 7. Januar 1918: „Es besteht kein Zweifel, dass unsere Armee im gegenwärtigen Augenblick und in den nächsten Wochen (wahrscheinlich auch in den nächsten Monaten) absolut nicht imstande sein wird, eine deutsche Offensive erfolgreich abzuwehren…“. Er gab zu bedenken: „Wenn die deutschen linken Sozialdemokraten uns vorschlagen wollten, den Separatfrieden auf eine bestimmte Frist hinauszuzögern und uns eine revolutionäre Aktion in Deutschland zu dieser Frist garantierten, dann könnte die Frage anders gestellt werden.“ Doch diese Garantien konnte niemand abgeben.
Am 12. Januar forderte die sowjetrussische Delegation, Deutschland und Österreich-Ungarn mögen kategorisch ihren Verzicht auf Gebiete des früheren Russischen Reiches erklären. General Hoffmann schien auf diesen Augenblick gewartet zu haben. Rüde entgegnete er: „Die russische Delegation spricht mit uns, als ob Sie siegreich in unserem Lande ständen. Ich möchte darauf hinweisen, dass die Tatsachen umgekehrt sind – das siegreiche deutsche Heer steht in Ihrem Gebiet.“ Schroff lehnte er eine Räumung der russischen Westprovinzen ab. Kaiser Wilhelm II. erklärte dazu: „Hoffmann hat sehr richtig und brillant geantwortet. So ist es, und nach meinen Befehlen wird es so bleiben. Die Bolschewisten haben sich damit abzufinden.“

Größter Massenstreik in Deutschland

Arbeiter der Wiener Neustadt waren es, die im Januar 1918 als erste aus Protest gegen die Verhandlungsführung in Brest-Litowsk in den Streik traten. Innerhalb weniger Tage schlossen sich ihnen Hunderttausende in Wien, Prag, Brünn, Budapest und vielen anderen Städten an. In Wien konstituierte sich ein Arbeiterrat. Massenaktionen für Frieden gab es auch in England, Frankreich und in anderen am Krieg beteiligten Ländern. In Deutschland drängten die linken Kräfte in der USPD zum Handeln: „Die deutschen Arbeiter sind jetzt berufen, die Botschaft der Revolution vom Osten nach dem Westen zu tragen. Hier hilft kein Mundspitzen, hier muss gepfiffen werden.“ Ende Januar hieß es dann auf Flugblättern: „Auf zum Massenstreik! – Soeben hat das österreichisch-ungarische Proletariat ein mächtiges Wort gesprochen. In schlotternder Angst vor der drohenden Revolution war die Zentralregierung gezwungen, den Wiener Arbeiterrat anzuerkennen und mit ihm zu verhandeln. Die Entscheidung der Friedensfrage liegt beim deutschen Proletariat!“
Am 28. Januar schließlich begann in Deutschland der bis dahin größte Massenstreik während des Ersten Weltkrieges. Mehr als eine halbe Million Männer, Frauen und Jugendliche aus Berlin und vielen Vororten – die zum großen Teil erst 1920 in die Stadt eingemeindet wurden – legten die Arbeit nieder und versammelten sich auf Straßen und Plätzen. Auch in Halle, Leipzig, Magdeburg, Düsseldorf, Hamburg, Kiel und anderen Orten verließen Hunderttausende ihre Betriebe, um sich den Streiks anzuschließen.
Im Gewerkschaftshaus am Berliner Engelufer bildeten 414 Vertrauensleute den Groß-Berliner Arbeiterrat. Seine wichtigsten Forderungen: Schleunige Herbeiführung des Friedens nach den russischen Forderungen in Brest-Litowsk, ausgiebige und gerechte Versorgung mit Nahrungsmitteln, Aufhebung des Belagerungszustandes, Freiheit für alle politischen Gefangenen…
Mitte der Woche standen in Deutschland über eine Million Beschäftigte im Ausstand. Kriegswichtige Betriebe – Werften, Gruben, Rüstungsfabriken – standen still, in Berlin wie auch an Rhein und Ruhr, Sachsen und Mitteldeutschland. Die Berliner Polizei wurde um 5.000 Unteroffiziere aus dem Feldheer verstärkt. Mit Säbel und Karabiner gingen sie gegen die Streikenden vor. Über die Reichshauptstadt wurde der verschärfte Belagerungszustand verhängt, der Arbeiterrat verboten und das Gewerkschaftshaus besetzt. Kriegswichtige Betriebe wurden unter militärische Leitung gestellt. Blut floss am Alexanderplatz, in Charlottenburg, am Treptower Park und an vielen anderen Stätten. Am Kleinen Tiergarten ritt die Polizei Säbelattacken gegen Tausende Demonstranten. Das 100. Polizeirevier fertigte ein „Verzeichnis derjenigen Personen, welche gelegentlich der Tumulte am 31. 1. 1918 im Kleinen Tiergarten verletzt sind“ an. In den langen Reihen heißt es beispielsweise:
„Wuschke, Robert, Arbeiter… kleinen Finger der rechten Hand
durch Säbelhieb verloren
Berndt, Bernhard, Maler… Säbelhieb auf den Kopf
Hausbalk, Therese, geb. Kutzner, Arbeiterin… Schuss durch
rechten Unterarm
Pommerenke, Ernst, Arbeiter… Säbelhieb linke Schulter und
Hinterkopf“
Der Unterstaatssekretär Freiherr von dem Bussche vom Auswärtigen Amt forderte das Oberkommando der Ostfront auf: „Bitte täglich Gräuelnachrichten, Morde, politische Freiheitsberaubungen usw. hierher telegraphieren, damit wir Material haben, um unsere Presse mit abschreckenden Bildern aus Russland zu erfüllen. Zweck, Gegenwirkung in öffentlicher Meinung gegen den gegenwärtig hier herrschenden Streik.“

Der sozialdemokratische „Vorwärts“ druckte am 7. Februar den Brief der Rittergutsbesitzerin von Oppen, geborene von Arnim, von ihrem Anwesen in Tornow im Kreis Lebus ab, in dem es heißt: „Ich habe voriges Jahr eine Kolonie eingerichtet. Eine größere Schar Berliner Kinder haben sich satt gegessen, ich habe ihnen Liebe geschenkt und nun – soll ich dieses Jahr wieder Kinder von Leuten nehmen, die vielleicht zu den Vaterlandsverrätern gehören, die dafür sorgen und ihr Möglichstes dazu tun, dass unsere Männer und Söhne an der Front durch das sinnlose, feige Versagen ihrer Brüder daheim hingeopfert werden?“

Die „geregelten Bahnen“ der SPD

Die Militärs verfügten landesweit: „Feststellen in den Fabriken, wer als Hetzer bekannt ist, damit die betreffenden gleich verhaftet oder eingezogen werden können. Wichtig ist es, dass sofort die Führer verhaftet werden.“ Außerordentliche Kriegsgerichte verurteilten Hunderte von Vertrauensleuten der Arbeiter zu hohen Freiheitsstrafen, 40.000 bis 50.000 Streikteilnehmer wurden mit verschärftem Fronteinsatz bestraft. Etwa jeder zehnte von ihnen leistete jedoch den Gestellungsbefehlen nicht Folge und tauchte unter.
Am 4. Februar ging die Masse der Streikteilnehmer wieder an die Arbeit. Anteil daran, dass die Aktionen niedergeschlagen werden konnten, hatte nicht zuletzt die SPD-Führung. Aus Angst, ihren geringer gewordenen Einfluss bei den Massen ganz zu verlieren, ließen sich die beiden SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann in die Leitung des Arbeiterrates wählen. Ebert erklärte später vor Gericht: „Ich bin mit der bestimmten Absicht in die Streikleitung eingetreten, den Streik zum schnellsten Abschluss zu bringen und eine Schädigung des Landes zu verhüten.“ Scheidemann gab zu Protokoll: „Wenn wir nicht in das Streikkomitee hineingegangen wären, dann wäre der Krieg und alles andere meiner festen Überzeugung nach schon im Januar erledigt gewesen. … Durch unser Wirken wurde der Streik bald beendet und alles in geregelte Bahnen gelenkt.“
In diesen „geregelten Bahnen“ verloren noch Millionen Menschen ihr Leben, im Durchschnitt 77.000 jede Woche, viele deutsche Opfer trugen einen codierten Vermerk in den Papieren, der auf ihre Streikteilnahme verwies.

Kaiser will Bolschewiki „totschlagen“

Am 10. Februar wurde Trotzki in Brest-Litowsk ein Vertragsentwurf vorgelegt, der unter anderem vorsah, dass 150.000 Quadratkilometer russisches Gebiet an die Mittelmächte fallen sollten. Trotzki verweigerte seine Unterschrift, erklärte den Kriegszustand Sowjetrusslands für beendet und die alte Armee für aufgelöst. Noch immer glaubte er an die unmittelbar bevorstehende Revolution in Deutschland. Lenin sah die Situation realistischer: „…Deutschland geht mit der Revolution schwanger, wir dagegen haben ein ganz gesundes Kind zur Welt gebracht – die sozialistische Republik, die wir möglicherweise ums Leben bringen werden, wenn wir den Krieg beginnen…“

WiHiLu

Kaiser Wilhelm II.(mitte) mit seinen obersten Militärs Hindenburg (l.) und Ludendorff

Die Quittung für Trotzkis Eigenmächtigkeit folgte auf dem Fuß, als nämlich am 13. Februar in Bad Homburg der Deutsche Kronrat das weitere Vorgehen beriet. Laut Protokoll kommt Hindenburg zu Wort: „Kriegszustand besteht noch. Politisch ist Krieg nicht zu Ende, sondern Fortsetzung. … Wir müssen rasch und sofort handeln. Kampf im Westen wird lange dauern. Müssen Regierung umwerfen.“
Dann die maßgebliche Entscheidung des Kaisers als Oberster Kriegsherr: „Bolschewiki wollen Revolution, wollen großen Arbeiterbrei machen. Diese Bestrebungen schlagen über Grenzen. …. Wir müssen also Bolschewiki so schnell wie möglich totschlagen. … Wir marschieren ein.“
Das deutsche Oberkommando erklärte am 16. Februar den Waffenstillstand mit Sowjetrussland gegen die vereinbarten Regeln ab 18. Februar, 12 Uhr mittags, für beendet. Zu dieser Stunde drangen zwischen Ostsee und Schwarzem Meer 52 deutsche Divisionen und 13 Batterien in die unbesetzten sowjetischen Gebiete vor, ohne zunächst auf nennenswerten Widerstand zu stoßen. In aller Eile aufgestellte Rote Garden erlebten eine verlustreiche Feuertaufe. Der 23. Februar, an dem sie mit Petrograd die Wiege ihrer Revolution verteidigten, wurde zum Geburtstag der Roten Armee.
Nach einem deutschen Ultimatum und heftigen Auseinandersetzungen im Zentralkomitee der Bolschewiki stimmten in der Nacht zum 24. Februar 116 von 227 anwesenden Mitgliedern des Gesamtrussischen Zentralen Exekutivkomitees für Lenins Vorschlag, den von Deutschland diktierten Friedensvertrag zu unterzeichnen. In der „Prawda“ begründete Lenin: „Es ist unglaublich, unerhört schwer, einen unglückseligen, maßlos schweren, unendlich erniedrigenden Frieden zu unterzeichnen, wenn der Starke dem Schwachen das Messer an die Kehle setzt. … Die Zukunft wird allen Prüfungen zum Trotz unser sein.“
Für viele war das angesichts der am 3. März unterzeichneten räuberischen Friedensbedingungen ein unverständlicher Optimismus. Schließlich verlor Sowjetrussland über eine Million Quadratkilometer Land mit mehr als 50 Millionen Menschen, die besten Getreideanbaugebiete, fast alle Ölquellen und den größten Teil der Bahnlinien und vier Fünftel seiner Kohle- und Eisenproduktion. Später wurde noch ein Zusatzabkommen über die Lieferungen mehrerer Hunderter Tonnen Gold erpresst. Der Vertrag von Brest-Litowsk wird schließlich am 11. November 1918 annulliert.

Kopfprämien für die Linken

Eine der wesentlichsten Schlussfolgerungen für die radikalen Linken in Deutschland nach dem niedergeschlagenen Januarstreik lautete, „dass die Arbeiterklasse ohne Gewaltanwendung gegen die bestehende Gesellschaftsordnung nichts auszurichten vermag.“ Andererseits arbeitete der deutsche Machtapparat auf Hochtouren, um alle „Störenfriede“, „Hetzer“ und „Linke“ hinter Schloss und Riegel oder in die vordersten Frontlinien zu bringen. Spitzel schlichen sich in Arbeiterkreise ein, hoffend, einmal einen gutbezahlten „Treffer“ zu landen, denn hohe Kopfprämien waren auf die führenden Männer und Frauen ausgesetzt. Viele von ihnen saßen bereits hinter Gittern. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg nun schon seit 1916. Liebknechts Nein am 2. Dezember 1914 im Reichstag gegen die Kriegskredite sowie auch bei späteren Entscheidungen war nicht vergessen. „Der Hauptfeind steht im eigenen Land!“ hatte der Rechtsanwalt und Sohn des SPD-Mitgründers Wilhelm Liebknecht verkündete. Als noch Sieg um Sieg auf den „Feldern der Ehre“ gefeiert wurde, sagte er voraus, „dass der Tag bald kommen wird, an dem die Proletarier im Felde erklären werden, wir schießen nicht mehr aufeinander! Wo sie sich über die blutgetränkten Schlachtfelder die Hände reichen…“
Vorsicht war angesichts des verschärften Polizeiterrors im Frühjahr 1918 eine der ersten Regeln. Man traf sich in verschiedenen Wohnungen, nie alle maßgeblichen Männer und Frauen zugleich, und begann, die Lehren aus dem Januarstreik zu ziehen. Doch bei aller Konspiration – nicht jedem neu Hinzugekommenen konnte man misstrauen. Einer der Spitzel war der Grenadier Degen, der sogar im Bericht des militärischen Oberbefehlshabers in Berlin, Generaloberst von Kessel, erwähnt wird. Degen hatte am 22. Februar gemeldet, einer „Verschwörung gegen Kaiserhaus, Regierung und Militärmacht auf die Spur gekommen“ zu sein. Schließlich gelang es der Polizei am 24. März, eine Zusammenkunft der Neuköllner Spartakisten in der Wohnung eines Technikers in der Manitiusstraße 1 zu überrumpeln. In Kessels Bericht heißt es: „Unter den in Untersuchungshaft genommenen Personen befindet sich ein Ausländer, der … seit Herbst 1915 in Neukölln, Schwarzastr. 9, nur durch einen schweizerischen Pass ausgewiesen, unter dem Namen Leo Jogiches wohnt.“ Jogiches war ein enger Freund und über viele Jahre auch der Lebenspartner von Rosa Luxemburg.

Hunger wurde zur Epidemie

Wie lebte das deutsche Volk, dem man so viel versprochen hatte, im vierten Kriegsjahr? In Berlin prallten die sozialen Gegensätze aufeinander. In den Villen des „grünen“ Westens und Südens lebten rund zweitausend Millionärsfamilien. Ihnen bekam der Krieg — um Hindenburg zu zitieren — „wie eine Badekur“. In den Geschäftsbüchern der deutschen Konzerne und Banken schlägt sich der „verlorene Krieg“  mit fünfzig Milliarden Mark Gewinn nieder. In einem Bericht des Berliner Polizeipräsidenten an den Kaiser heißt es 1918: „Dem Kriegsgewinnler ist für Gattin und Tochter kein Pelz und kein Geschmeide zu teuer. Die Schmuckwarenhändler setzen ihre ältesten Ladenhüter ab, und die vielen neuentstandenen >Kunst<läden schlagen selbst die kitschigsten Bilder los…“. Doch wem schrieb er das? Der Kaiser selbst gehörte zu den größten Grundbesitzern im Reich. Sein Privatvermögen wurde auf 140 Millionen Mark geschätzt.
Berlin schien geteilt, denn im Osten und Norden hungerte das Volk. Die Lebensmittelrationen waren seit dem Kohlrübenwinter 1916/17 noch knapper geworden. Der Hunger wurde zur Epidemie, er begünstigte Ruhr, Typhus, Wassersucht, Knochenweiche und Tuberkulose, Krankheiten, die Hunderttausende hinwegrafften. Nach ärztlichen Angaben starben allein im letzten Kriegsjahr in Deutschland 294.000 Menschen den Hungertod. Die Grippe forderte im Spätsommer mehr als 200.000 Tote.

Armut2 (2)

Armut2 (1)

Kinder waren durch Hunger und Wohnungsnot am meisten betroffen

Die dänische Schauspielerin Asta Nielsen schilderte ein Erlebnis aus dieser Zeit in Berlin: „Eines Tages sah ich ein klapperdürres Pferd auf der Straße tot umfallen. Im Nu, als hätte man darauf gelauert, stürmten die Frauen, mit langen Küchenmessern bewaffnet, aus den umliegenden Häusern auf den Kadaver. Man schrie und schlug sich um die besten Stücke, das dampfende Blut spritzte ihnen über Gesicht und Kleider.“ Der österreichische Sozialdemokrat Jakob Meinl schrieb in einem Brief aus dem Erzgebirge: „Sie können sich von diesem Elend keine Vorstellung machen, und man kann es auch nicht beschreiben. Sehr viele Fälle, wo die Leute auf der Straße tot umfallen, sind zu verzeichnen.“
Geschäftstüchtige Fabrikanten und Spekulanten ersannen rund elftausend Ersatznährmittel. Wurst wurde mit Semmelmehl gestreckt, Brotteig mit Spreumehl verlängert, Mus aus Rüben gequetscht und Pflanzenschleim als Öl verkauft. Hunde, Spatzen und Nebelkrähen verhießen geradezu Schlemmermahlzeiten. In einem Zeitungsbericht ist gar die Rede davon, wie ein Dr. Hans Friedenthal von der Berliner Universität das von ihm erfundene „Kunstfleisch“ aus Baumrinde vorstellte. Viele Zeitungen priesen 1918 „Zweihundert Jahre Hoffmannstropfen“, eine Medizin — wie ausgerechnet der sozialdemokratische „Vorwärts“ schrieb —, die sich bewähre, „um den revolutionierenden Dickdarm zur Ruhe und zur ordnungsgemäßen Dienstwilligkeit“ zu bringen. Hoffmannstropfen gegen Dienstunwilligkeit…
Die Frauen und Mütter führten ihren Krieg in der Heimat. Tagsüber schufteten sie zwölf und mehr Stunden in der Rüstungsindustrie für einen Lohn, der bis zur Hälfte unter dem der Männer lag. Viele Nächte verharrten sie außerdem in langen Schlangen vor Läden, um vielleicht morgens ein paar Gramm Butter, einen halben Hering oder ein paar Kartoffeln zu erlangen. So versuchten sie Kinder, Alte und Kranke durchzubringen.
Im Frühjahr 1918 betrug die auf Lebensmittelkarten zugeteilte Ration für einen Großstadtbewohner 3.000 g Kartoffeln, 1.500 g Brot, 325 g Zucker, 250 g Fleisch und 62,5 g Butter oder anderes Fett. Aber es gab keine Garantie, dass es das Wenige auch gab. Der schwarze Mark blühte auf, lebenswichtige Dinge wurden zu immensen Preisen angeboten, so dass sich solche nur leisten konnte, wer am Krieg verdiente.
Vor den öffentlichen Gebäuden, wo täglich die neuen Verlustlisten von den Fronten aushingen, brachen Frauen ohnmächtig zusammen. Hunderttausende Kinder, viele noch nicht einmal vierzehn, halfen durch Mitverdienen die Familienlage zu erleichtern. Über solche bedauernswerten Wesen äußerte ein Pfarrer nach dem Besuch einer Geschoßfabrik in Siegburg: „In dieser Hölle, aus der wir möglichst rasch wieder herauszukommen suchten, arbeiteten sie 10, 12, ja oft 14 Stunden. Wahrlich, wenn man die Möglichkeiten, leben zu dürfen, mit solch teurem Preis erkaufen muss, da kann man sich fragen, ob nicht der Preis zu hoch ist für das Leben selbst!“
Das Wohnungselend in Deutschland war kaum zu überbieten. Der Schöneberger Stadtrat Dr. Licht teilte in einem Vortrag Anfang 1918 mit, laut Wohnungszählung gäbe es in 24.925 Berliner Wohnungen kein beheizbares Zimmer, in fast 400.000 sei nur ein Raum heizbar. Kohlen waren kaum aufzutreiben, die Belieferungen klappten lange schon nicht mehr. Im ganzen Jahr 1918 wurden in Berlin neun Wohnungen gebaut!
Nach der Abdankung und Flucht des obersten Kriegsherrn warf ein Redakteur einen Blick in die Speisekammer der kaiserlichen Familie und schrieb darüber: „In großen, weiß getäfelten Kammern stand hier alles, was man sich überhaupt an Lebensmittelvorräten denken kann… Da finden wir Fleisch auf Eis, ebenso Geflügel, Dosenschinken in großen Kisten, blütenweißes Mehl, in Säcken bis an die hohe Decke gestapelt, Riesenbassins mit Schmalz, Kaffee, Tee, Schokolade, Gelees und Konserven jeder Art, aufgeschichtet in unendlich scheinenden Reihen, Hunderte von blauen Zuckerhüten, Hülsenfrüchte, Dörrobst, Keks, Zwieback, Gewürze usw. usw. Man ist sprachlos… Wenn diese Lebensmittelvorräte im Augenblick nicht besser zu gebrauchen wären, so möchte man vorschlagen, sie unberührt dem deutschen Volk in einem Nationalmuseum als ein ewiges Zeichen zu erhalten, damit Kinder und Kindeskinder noch sehen können, wie in Deutschland, während Millionen hungerten, >Gottbegnadete< durchgehalten haben.“

„Immer feste druff!“

Als das Elend in der Heimat und an den Fronten immer dicker kam, hieß es umso schriller: Durchhalten! Dabei sollte auch die 1917 auf Betreiben der Heeresführung gegründete Ufa, der erste deutsche Filmkonzern, helfen. Die Militärs erkannten den Einfluss des jungen Mediums auf das Massenbewusstsein, die Banken witterten gute Geschäfte und streckten der Universalfilm AG 25 Millionen Mark vor. Obwohl in Berlin wegen Energiemangels nur noch jede fünfte Gaslaterne angezündet werden durfte, flimmerten in über zweihundert Kinos der Stadt Streifen wie „Ein Überfall in Feindesland“, „Auf dem Felde der Ehre“ oder „Die Wacht am Rhein“ über die Leinwände. Ähnliches geschah in allen deutschen Städten. Überdies überschwemmten Groschenhefte mit ähnlichen Heldenmärchen den Markt.
Auf Operetten-, Revue- und Kabarettbühnen wurde das Säbelrasseln verniedlicht. In einem Duett, das Claire Waldoff und Guido Thielscher an vielen Abenden im Metropol-Theater sangen, hieß es: „Waldemar, Waldemar, Waldemar/Mein süßes Miezchen? -/Waldemar, ach es liebt sich wunderbar auch in Galizien!“
Walter Kollo schrieb eine Kriegsoperette nach der anderen, so „Immer feste druff“, „Die Gulaschkanone“ und 1917 das Singspiel „Drei alte Schachteln“, das mit der Waldoff im Theater am Nollendorfplatz herausgebracht wurde. Da war das Glockenspiel der Potsdamer Garnisonkirche „Üb‘ immer Treu und Redlichkeit“ eingebaut, und selbst am Abend, als der deutsche Kaiser mit Sack und Pack das Weite suchte, sang man noch: „Ins Feld muss ich heut‘ noch marschieren, denn dem König, dem gab ich mein Wort.“ Max Winterfeld – er hatte mit Kriegsbeginn seinen allzu französisch klingenden Künstlernamen Jean Gilbert abgelegt – schuf „kernige“ Lieder wie: „Hoch soll die Fahne schweben,/die Fahne schwarz-weiß-rot!/Wir geben Gut und Leben,/wir fürchten nicht den Tod!“. In der Revue „Bilder aus großer Zeit“ für das Metropol wurden im Schützengrabenlied nach Winterfelds Vertonung jene verhöhnt, die nach den großen Streikaktionen an die Front geschickt wurden: „Als Höhlenmensch im Schützengraben/verleb‘ ich eine sel’ge Zeit/statt Untern Linden ‚rumzutraben,/sitz ich in stiller Einsamkeit/fern von den Chefs, die mich entließen,/weil ich der Arbeit abgeneigt; /brauch‘ nichts zu tun, als bloß zu schießen,/wenn mal der Feind sein Köpfchen zeigt.“
Sogar Gerhart Hauptmann, der Dichter sozialkritischer Dramen wie „Die Weber“ und „Der Bibelpelz“, erlag dem Nationalismus jener Tage. In einem seiner Gedichte heißt es: „Komm wir wollen sterben gehen/in das Feld, wo Rosse stampfen,/wo die Donnerbüchsen stehn,/und sich tote Fäuste krampfen … Diesen Leib, den halt ich hin/Flintenkugeln und Granaten:/Eh ich nicht durchlöchert bin,/kann der Feldzug nicht geraten.“

Hingegen protestierten zahlreiche Künstler und Intellektuelle, zutiefst erschüttert von der Zerstörung humanistischer Werte, auf unterschiedlichste Weise gegen den Massenmord. Max Reinhardts Deutsches Theater in der Schumannstraße brachte humanistisches Gedankengut der Weltliteratur auf die Bühne. Es gab spontanen Szenenapplaus bei „Don Carlos“ auf die Worte von Posa: „Sie wollen pflanzen für die Ewigkeit, und säen Tod? Ein so erzwungnes Werk wird seines Schöpfers Geist nicht überdauern.“
Der Leipziger Inselverlag brachte erstmalig Georg Büchners Gesamtwerk, das Revolutionsdrama „Dantons Tod“ eingeschlossen, heraus mit Sätzen wie: „Jeder Atemzug eines Aristokraten ist das Röcheln der Freiheit.“
Franz Pfemfert druckte in seiner politisch-literarischen Wochenschrift „Die Aktion“ Arbeiten antiimperialistischer Intellektueller. Den Schauspieler Erwin Piscator erreichte diese Zeitschrift in einem Schützengraben der Westfront. Er schöpfte Hoffnung: „Wie oft hatte ich nachts >Die Aktion< in der Hand – wollte sie hinüberbringen in die Gräben zu den Engländern, Kanadiern. Seht ihr, das gibt es auch! Ein anderes Deutschland!“
Heinrich Mann, dessen „Untertan“ in Preußen noch verboten war, Bernhard Kellermann, Erich Weinert, Arthur Holitscher und viele andere Schriftsteller engagierten sich ge¬gen den Krieg. Die Schauspielerin Tilla Durieux gab Antikriegsabende, der junge Johannes R. Becher las Gedichte gegen den Völkermord.
Wieland Herzfelde – er hatte seinem eigentlichen Namen ein e angehängt – und sein Bruder Helmuth, der sich aus Protest gegen den deutschen Chauvinismus John Heartfield nannte, gründeten mit geschickter Übertölpelung der Behörden den Malik-Verlag, der viele bedeutende Dichter und Kriegsgegner vereinte.
Max Liebermann wurde vom Kaiser „Anarchist“ genannt, Hans Baluschek gar „Rinnsteinkünstier“. George Grosz, Heinrich Zille und viele andere hielten das Unglück des Volkes in unvergänglichen Gemälden, Zeichnungen und Karikaturen fest. Käthe Kollwitz, deren Sohn Peter seit 1914 auf einem Schlachtfeld in Flandern begraben liegt, engagierte sich in einem Maße gegen den Krieg, dass es ihr ganzes weiteres Schaffen bestimmen sollte.

Krupp-Zünder für Freund und Feind

Seit März 1918 bemühte sich die Oberste Heeresleitung erneut um erfolgreiche Offensiven im Westen. Dazu sollten auch die im Osten abgezogenen Divisionen ihren Teil beitragen. Von März bis Juli startete das deutsche Heer vier gewaltige Angriffe mit zweifelhaften Erfolgen und Scheinsiegen für die Propaganda. Allein die Offensive „Michael“ im März/April kostete das Deutsche Reich die größten „Monatsausfälle“ seit Kriegsbeginn.
Im Juli scheiterte die strategische Offensive Ludendorffs. In der Nacht zum 17. war er gezwungen, die fehlgeschlagene vierte Offensive bei Reims abzubrechen. In dieser Zeit standen den nicht ganz 3,3 Millionen zumeist abgekämpften deutschen Soldaten an der Westfront zwischen Nordsee und Mittelmeer 3,6 Millionen Franzosen, Engländer, Kanadier, Australier, Belgier, Portugiesen und Italiener gegenüber. Hinzu kamen frische Reserven aus dem Millionenheer der im April 1917 in den Krieg eingetretenen USA.
Dem französischen Marschall Foch, der seit 26. März das Oberkommando führte, standen zwei Drittel mehr Kanonen als Deutschland zur Verfügung, außerdem bedeutend mehr Flugzeuge und erheblich mehr Panzer. Noch verschloss die deutsche Heeresleitung die Augen vor den Tatsachen. Hindenburg und Ludendorff planten sogar einen neuen gewaltigen Angriff in Flandern. Doch bevor es soweit kommen sollte, begann die strategische Offensive der Alliierten.
Die Kriegsmoral der völlig erschöpften, dezimierten und unter einer furchtbaren Grippe leidenden deutschen Truppen sank von Woche zu Woche. Hinzu kam, dass die von der Ostfront herbeigeschafften Soldaten, die, wenn auch nur flüchtig, mit dem Geist der russischen Revolution in Berührung gekommen waren, nicht gerade vor Kampfgeist sprühten. Ebenso wenig wie die Tausenden, die wegen Beteiligung an den jüngsten Streikaktionen an die Front strafversetzt worden waren.
Immer mehr Menschen wurde klar, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen war. Kaum einer der deutschen Soldaten wusste aber auch, dass mancher Kamerad neben ihm von Granaten zerfetzt wurde, auf denen das Kürzel KPZ für Krupp-Patent-Zeitzünder stand. Die „Waffenschmiede“ des Reichs verdiente doppelt. Der britische Waffenkonzern Vikkers zahlte bis Kriegsende an Krupp 400 Millionen Goldmark Lizenzgebühren. Darüber sprach niemand, jedoch davon, dass von russischer Seite „die entschiedensten Versuche gemacht wurden, deutsche Soldaten durch sozialistische Propaganda und Literatur irrezuleiten“, wie Generalleutnant Wilhelm Groener, Stabschef der Heeresgruppe im besetzten Kiew, Ende Juni feststellte.

Baden

Untertsand

Nicht für alle Soldaten war der Krieg eine „Badekur“ (Hindenburg), wenn Illustrierte mit Fotos auch einen solchen Eindruck zu erwecken versuchten

Ein Landsturmbataillon aus Gotha hatte sich geweigert, revolutionäre Unruhen in Swenigorodka mit Waffengewalt zu ersticken. Immer mehr Soldaten zogen es vor, auf eigene Weise mit dem Krieg Schluss zu machen. In einem Agentenbericht vom 3. August heißt es: „Die deutschen Soldaten ergeben sich im allgemeinen leicht und erklären als Gefangene, dass sie die Leiden des Krieges nicht länger ertragen konnten.“
Dann kam der 8. August. Das englische Oberkommando startete östlich von Amiens einen überraschenden Großangriff. Am frühen Morgen, um 5.20 Uhr, ging ein gewaltiger Feuerhagel nieder. Infanterie und Tanks durchbrachen in einer Breite von zwanzig Kilometern die deutschen Linien, vielfach, bevor dort der Kampf aufgenommen werden konnte. Als der Nebel sich lichtete, griff die alliierte Luftwaffe ein. Die Legende von der Unbesiegbarkeit des deutschen Heeres war endgültig zerstört. Die Siegeszuversicht der Alliierten wurde zur Siegesgewissheit. In wenigen Stunden verlor das kaiserliche Heer 50.000 Soldaten, davon 30.000 als Gefangene. Ludendorff sprach von einem „schwarzen Tag“. Im darauffolgenden Bericht des Kriegsministeriums heißt es: „Die Stimmung der Bevölkerung hat im Berichtsmonat einen Tiefstand erreicht, wie er im Verlaufe des Krieges noch nicht dagewesen ist.“
Das Tagebuch des Generalstabsoffiziers Albrecht von Thaer informiert über einen Bericht, den die Oberste Heeresleitung dem Kaiser erstattete: „Die OHL und das deutsche Heer seien am Ende; der Krieg sei nicht mehr zu gewinnen, vielmehr stehe die endgültige Niederlage bevor. Bulgarien sei abgefallen, Österreich und die Türkei am Ende ihrer Kräfte, würden wohl bald folgen. Unsere eigene Armee sei leider auch schon schwer verseucht durch das Gift spartakistisch-sozialistischer Ideen. Auf die Truppen sei kein Verlass mehr.“

SPD beharrte auf „Burgfrieden“

Die SPD-Führung hielt beharrlich am „Burgfrieden“ fest, und die maßgeblichen Männer in der abgespaltenen USPD redeten nur gegen den Krieg. Die Spartakisten riefen zu Massenaktionen auf. Eine besonders enge Zusammenarbeit entwickelte sich seit dem Januarstreik mit den Obleuten in den Betrieben. Diese zählten zum linken Flügel der USPD und vertraten mehr als hunderttausend Arbeiter in der Metall- und Rüstungsindustrie Berlins und seiner Vororte. Ihr Vorsitzender wurde der erfahrene Gewerkschafter Emil Barth von der USPD-Führung. Die Masse der Arbeiter hielt die großen Aktionen der zurückliegenden Monate, insbesondere den Januarstreik, der USPD zugute.
Im Sommer begannen die Linken in der USPD einen Teil der Arbeiter zu bewaffnen. Die Mitglieder der geheimen Organisation zur Waffenbeschaffung hatten die Tarnbezeichnung „Schwarze Katzen“. Zu ihnen gehörte der junge Mechaniker Hans Pfeiffer. Er erinnert sich: „Aus den Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken Wittenau gelang es durch geschickte Arbeit, viele hundert Parabellum-Pistolen zu besorgen. Die Gewehrfabrik in Spandau lieferte uns die Gewehre. Aus dem Waffenwerk Oberspree kamen Karabiner. Aus Thüringen erhielten wir Pistolen.“ In mehr als dreißig Betrieben versteckten Lageristen Waffen und Munition. Auch Dachböden, Keller und Gartenlauben dienten als Verstecke. Bis zum Herbst wurden so in und um Berlin rund dreieinhalbtausend Arbeiter bewaffnet.
Abenteuerlich gingen auch Druck und Vertrieb der Schriften vor sich. Dabei wurde die Druckerei „W. Büxenstein“ in der Zimmer-/Ecke Wilhelmstraße, die inzwischen Hugenberg gehörte, genutzt. Da dort regierungsamtliche Dokumente gedruckt wurden, bestanden technisch die besten Voraussetzungen. Miut viel List wurde bei „Büxenstein“ quasi auf Staatskosten die Propaganda-Schriften gedruckt. Monteure der polygraphischen Reparaturfirma Clauberg lehrten die Drucker den Umgang mit der modernen Technik und übernahmen den Transport der gefährlichen Fracht. Ihre Werkstattwagen, mit denen sie zu jeder Tages- und Nachtzeit anrollten wenn es technische Defekte gab oder wenn diese vorgetäuscht wurden, fielen nicht auf und waren die Kurierfahrzeuge.

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In jener Zeit tauchten vermehrt auch Geldscheine auf, die mit Losungen bedruckt oder handbeschrieben worden waren. Die Militärs legten eine ganze Sammlung davon an. Auf einem Zwei-Mark-Schein stand: „Ohne Revolution kein Friede! Es lebe die soziale Republik!“, ein im Ersatz-Bataillon der Grenadier-Landwehr in Bischofswerda aufgetauchter Geldschein forderte: „Soldaten, desertiert!“, auf einer Fünfzig-Mark-Note, die in einem Ersatzbataillon in Magdeburg „aufgegriffen“ wurde, hieß es: „Sehnsucht nach Frieden!“ und im Zentralpferdedepot in Torgau fand man auf einem Zwei-Mark-Schein den Text: „Rechtsfrieden, Völkerverständigung. Mutter, mich hungert. Mutter, mich friert.“
Das maßgeblich geheime Kuriersystem erhielt im Gegensatz zu den Waffentransporteuren die Tarnbezeichnung „Weiße Katzen“. Den Stamm bildeten die sogenannten Handtuchfahrer. Das waren Arbeiter, die mit Fahrzeugen von Wäschereien schmutzige Kleidung, Handtücher und ähnliches aus Berliner Betrieben zum Reinigen abholten und wieder zurückbrachten. Viele Bündel Flugblätter und mitunter sogar Waffen erreichten auf diese Weise, ohne auch nur einmal entdeckt zu werden, ihre Ziele und Verstecke.

Als ginge die Gewerkschaften alles nichts an

Not und Elend hatten weiter zugenommen. Das Sterben der Väter, Männer und Söhne an den Fronten erschien den meisten Menschen immer unsinniger. Die Auswirkungen des Krieges für das Volk wurden geradezu unerträglich. Eine Welle großer Streikaktionen erfasste im Sommer 1918 wiederum Deutschland. Für Frieden, an erster Stelle immer wieder Frieden, für die Verbesserung der Lebensbedingungen, kürzere Arbeitszeiten und höhere Löhne legten Hunderttausende die Arbeit nieder. Im Juni streikten die Arbeiter der schlesischen Bergbau-, Hütten- und Textilindustrie. In Oberschlesien traten für vier Wochen deutsche und polnische Arbeiter gemeinsam in den Ausstand – bis zu 20.000 aus mehr als 60 Hütten und Gruben. 1.600 schlesische Arbeiter wurden von Militärgerichten abgeurteilt.
Im Ruhrgebiet gab es von Juni bis September über 70 Streiks. Allein am 13. Juli legten 35.000 Beschäftigte der Mülheimer Maschinenfabrik Thyssen die Arbeit nieder und forderten unter anderem eine wöchentliche Arbeitszeit von 53 Stunden. Ende Juli streikten 20.000 Arbeiterinnen und Arbeiter der Rüstungsindustrie von Remscheid und Wuppertal. Im Ruhrbergbau kam es Mitte August auf vielen Zechen ebenfalls zu Arbeitsniederlegungen, an denen bis zu 12.000 Bergleute beteiligt waren. Im sächsischen Bergbaugebiet gaben von Ende Juli an die Arbeiter aller Werke des Lugau-Oelsnitzer Steinkohlenreviers mit Streiks ihren Forderungen Nachdruck. Den Aktionen schlossen sich Arbeiter großer Rüstungsbetriebe in Berlin, Görlitz, Hamburg, Magdeburg, Mannheim, Saarbrücken, Torgau, Zeitz und vieler anderer Städte an. Vergebens versuchten Militär und Polizei durch Terrorurteile und Einberufungen der Lage Herr zu werden. Wenn an der einen Stelle etwas „geglättet“ war, gärte es an einer anderen. Die meisten Aktionen wurden von örtlichen Spartakisten und Mitgliedern der USPD organisiert.
Die Gewerkschaften hielten sich heraus. Ihre Zentralverbände hatten sich bereits nach dem Januarstreik beeilt zu erklären: „Die Gewerkschaften stehen diesen Streiks fern. Ihre Leitungen sind an diesen in keiner Weise beteiligt. … Die Vertreter der Gewerkschaften werden nach wie vor ihre Kraft einsetzen, die Landesverteidigung zu sichern…“ Doch das war nur auf Kosten der Bevölkerung möglich. Die Industrie in Deutschland produzierte fast nur noch die Hälfte gegenüber dem Vorkriegsjahr 1913. Die Konsumgüterindustrie und andere wichtige Zweige für die Versorgung des Volkes waren eingeschränkt oder weitgehend stillgelegt. Auch die Landwirtschaft erzeugte nur noch etwa halb so viel wie 1913.
Je deutlicher die drohende Niederlage des Krieges erkennbar wurde, umso mehr machte sich die Wirtschaft Gedanken, einigermaßen heil aus dieser Situation herauszukommen. Der Geschäftsführer des Vereins der Deutschen Eisen- und Stahlindustrie, Johann Reichert, formulierte: „Wie kann man die Industrie retten? Wie kann man auch das Unternehmertum vor der drohenden, über alle Wirtschaftszweige hinwegfegenden Sozialisierung, der Verstaatlichung und der nahestehenden Revolution bewahren? … Inmitten der allgemeinen großen Unsicherheit, angesichts der wankenden Macht des Staates und der Regierung gibt es für die Industrie nur auf Seiten der Arbeiterschaft starke Bundesegensosen, das sind die Gewerkschaften.“

Am 2. Oktober vereinbarte AEG-Präsident Walther Rathenau mit Gewerschaftsführer Carl Legien (SPD) Verhandlungen, eine Woche später schlossen sich weitere Industrielle, u.a. aus dem Ruhrgebiet, an. Mitte Oktober waren Konzernchefs wie Siemens, Rathenau, Borsig, Stinnes, Hugenberg und Kirdorf bereit, die Gewerschaften in ihren Unternehmen anzuerkennen. Dafür wollen die Gewerkschaften für die Einhaltung der „Betriebsordnungen“ sorgen. Am 30. Oktober berieten schließlich Konzernvertreter, Gewerkschaftsführer und Militärs über einen „Demobilisierungsplan“ zur Verhinderung von „Revolten“ und für den nahtlosen Übergang von der Kriegs- zur Friedenswirtschaft, ohne dass die Besitz- und Machtverhältnisse angetastet würden.

SPD-Minister schwören Kaisertreue

Das ganze Deutsche Reich steckte Ende des Sommers 1918 bis zum Hals in der Krise. Nach der militärischen Bankrotterklärung durch die Oberste Heeresleitung Ende September hatte der Kaiser den Reichskanzler Graf von Hertling entlassen. Die Militärs drängten auf den Abschluss eines Waffenstillstandes, um die von ihnen noch besetzten fremden Gebiete als politisches Druckmittel ins Feld führen zu können. Außerdem brachte jeder weitere Kriegstag Deutschland zehntausend Tote. Es galt also, schnell einen Kanzler mit liberalem Anstrich zu finden, der den Westmächten für Friedensverhandlungen präsentiert werden konnte.
Am 3. Oktober war er gefunden: Reichskanzler wurde ein Neffe des Kaisers, der preußische General a.D. und großherzogliche badische Thronfolger, Prinz Maximilian Alexander Friedrich Wilhelm von Baden, kurz Prinz Max. Da war auch die Stunde, die der SPD-Führung den Lohn für den „Burgfrieden“ bringen sollte, gekommen. In seinem Erlass zum Rausschmiss von Hertlings vom 30. September hatte Wilhelm II. dies bereits angedeutet: „Es ist daher Mein Wille, dass Männer, die vom Vertrauen des Volkes getragen sind, in weitem Umfange teilnehmen an den Rechten und Pflichten der Regierung.“

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Reichskanzler Prinz Max von Baden

Mit anderen Worten: Sie sollten die Karre aus dem Dreck ziehen. Als Prinz Max am 5. Oktober dem Reichstag sein neues Kabinett vorstellte, gehörten der SPD-Fraktionschef im Reichstag, Philipp Scheidemann, und der sozialdemokratische Gewerkschaftsführer Gustav Bauer als Staatssekretäre im Ministerrang dazu.
Ergeben standen sie am 21. Oktober im Berliner Schloss Bellevue dem Kaiser gegenüber, der die neue Regierung mit den Worten begrüßte: „Mit Ihnen, meine Herren, die Ich heute zum ersten Male als Meine Mitarbeiter begrüße, weiß Ich Mich eins in dem heiligen Willen, das Deutsche Reich aus der Not dieser Zeit zu einer ruhigen und friedlichen Entwicklung zurückzuführen! … Daran wollen wir alle unsere Kraft setzen, bereit, den Weg des Friedens zu gehen, bereit aber auch zu kämpfen bis auf den letzten Hauch und den letzten Hieb, wenn unsere Feinde es nicht anders wollen.“ Allmählich begriff der Kaiser, dass er allein mit seinem aristokratischen Klüngel nicht mehr aus dem verheerenden Untergang dieses Krieges herauskommen würde und war zu Zugeständnissen an das Volk bereit. Hatte er Jahre zuvor den Reichstag noch als „Saubude“ bezeichnet, genehmigte er 1916, fast zwei Jahrzehnte nach der Fertigstellung des Reichstagsgebäudes, dass über dem Hauptportal des Bauwerkes die Inschrift „Dem Deutschen Volke“ angebracht werden durfte.
Was die Verlässlichkeit der sozialdemokratischen Führer betraf, so hatte Prinz Max keinen Grund zur Klage, im Gegenteil. Am 15. Oktober schrieb er in einem Brief an seinen großherzoglichen Vetter: „Wir stehen mitten in einer Revolution. Gelingt es mir, diese friedlich zu gestalten, so können wir noch als Staat nach Friedensschluss weiter bestehen. … Heute noch hoffe ich, den Kaiser und die Dynastie der Hohenzollern zu retten. … Gottlob, dass ich in den Sozialdemokraten Männer auf meiner Seite habe, auf deren Loyalität wenigstens gegen mich ich mich vollkommen verlassen kann. Mit ihrer Hilfe werde ich hoffentlich imstande sein, den Kaiser zu retten. Welche Ironie des Schicksals.“

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Eine der geachtetsten Persönlichkeiten jener Zeit war Karl Liebknecht, der seit 1916 bis August 1918 wegen seiner Antikriegsreden im Gefängnis saß

Zwei Tage nach diesem Brief tagte das Kriegskabinett. Kriegsminister General Heinrich Scheüch sicherte der Front einen „Nachschub“ von 600.000 Mann zu und – so steht es wörtlich im Protokoll – den „Rest des Jahrgangs 1900, von dem noch 50.000 Köpfe in den Betrieben stecken“. Generalstabschef Ludendorff kritisierte in dieser Sitzung die Kriegsverdrossenheit im Lande. Barsch wandte er sich an Scheidemann: „Packen Sie das Volk, reißen Sie es hoch. Kann das nicht Herr Ebert tun?“
Herr Ebert konnte. Noch am selben Tag gab die Führung der SPD einen Aufruf „An Deutschlands Männer und Frauen!“ heraus. Darin wurde behauptet, Deutschland sei auf dem Weg vom Obrigkeits- zum Volksstaat, und Streiks und Demonstrationen gegen die Regierung behinderten die Herbeiführung von Frieden und Demokratie. „Was wir am 4. August 1914 erklärt haben: >In der Stunde der Gefahr lassen wir unser Vaterland nicht im Stich<, gilt heute in verstärktem Maße.“

Scheidemann: „Einfach wieder einsperren!“

Im Reichstag rief Friedrich Ebert zum beharrlichen Widerstand an allen Fronten auf, warnte vor Bürgerkrieg und der Diktatur des Proletariats als einem „bolschewistischen Chaos“. Mit versöhnlerischem Blick sagte er: „Die besitzenden Klassen sollten froh sein, wenn der deutsche Volksstaat sich im Wege friedlicher politischer Reformen entwickelt. Blicken Sie nach Russland und seien Sie gewarnt.“
Angesichts der Rolle der SPD in Staatsdiensten sah sich die Großindustrie von einer massenhaft geforderten „Sozialisierung“ bedroht. Rasch handelten die führenden Industriellen im Reich. Schon am 2. Oktober hatte AEG-Präsident Walther Rathenau mit dem Vorsitzenden der Generalkommission der deutschen Gewerkschaften, Carl Legien, Verhandlungen vereinbart. Eine Woche später waren auch die führenden Männer der Schwerindustrie des Ruhrgebietes dazu bereit.
In den Aufzeichnungen Prinz Max von Badens ist nachzulesen: „Auf heute, den 4., sind Unruhen in Berlin angesagt, das hatte der Abgeordnete Ebert Wahnschaffe  mitgeteilt und hinzugefügt: die Gewerkschaften täten alles, was sie könnten, um die Massen im Zaum zu halten. … In der Kabinettsitzung glaubte Scheidemann beruhigen zu können: In Berlin sei alles geschehen, um die Sache für den Augenblick unschädlich zu machen.“
Der Geschäftsführer des Vereins Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller, Johann Reichert, vermerkte über eine entscheidende Sitzung im Stahlhof zu Düsseldorf: „Wie kann man die Industrie retten? Wie kann man auch das Unternehmertum vor der drohenden, über alle Wirtschaftszweige hinwegfegenden Sozialisierung, der Verstaatlichung und der nahestehenden Revolution retten? … Einen überragenden Einfluss schien nur die organisierte Arbeiterschaft zu haben. Daraus zog man den Schluss: Inmitten der allgemeinen großen Unsicherheit, angesichts der wankenden Macht des Staates und der Regierung gibt es für die Industrie nur auf Seiten der Arbeiterschaft starke Bundesgenossen, das sind die Gewerkschaften.“
Mitte Oktober waren Siemens, Rathenau, Borsig, Stinnes, Hugenberg, Kirdorf und andere bereit, die Gewerkschaften in ihren Werken anzuerkennen, wenn diese zusicherten, dass die Betriebsordnungen eingehalten würden. Schließlich berieten am 30. Oktober Monopolvertreter, Gewerkschaftsführer und Militärs über einen „Demobilisierungsplan“ zur Verhinderung von „Revolten“ und für den nahtlosen Übergang von der Kriegs- zur Friedensproduktion, ohne dass Besitz- und Machtverhältnisse angetastet würden.
Am 7. Oktober führten die Spartakisten in Berlin ihre erste Reichskonferenz durch. Sie konstatierten eine Situation, die „den Zeitpunkt des unmittelbaren Beginns der Revolution herangeführt“ habe. Am selben Tag hatte sich die Regierung der Frage einer Begnadigung Liebknechts angenommen. Prinz Max verlangte zu wissen: „Ist Entlassung mit Sicherheit des Landes vereinbar?“ Darauf laut Protokoll Scheidemann: „Ja, im Gefahrfall eben einfach wieder einsperren.“ Und dann meinte der SPD-Führer noch, man solle Liebknecht Gelegenheit geben, „sich anständig zu betragen“.
Am 23. Oktober war es dann soweit. Die Polizei ließ von Eisenbahnern das Gerücht verbreiten, Karl Liebknecht komme nach seiner Haftengtlassung in Berlin auf dem Görlitzer Bahnhof an. Doch die Finte nützte nichts: Ein paar Tausend Männer, Frauen und Jugendliche füllten den Platz vor dem Anhalter Bahnhof und drängten noch aus den Seitenstraßen heran. Als Liebknecht auf den Bahnsteig trat, erschollen Hochrufe und Liebknecht wurde spontan von Soldaten aus dem Bahnhof hinaus auf den Vorplatz getragen. Dort wa¬ren Polizeiketten aufgestellt, die durchbrochen wurden. Die Menschen drängten mit Liebknecht durch die Königgrätzer Straße zum Potsdamer Platz. Dort hielt er eine begeisternde Rede gegen den Krieg. Diesmal stimmte die Masse ein: „Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!“ Es war derselbe Ruf, den Liebknecht am 1. Mai 1916 an dieser Stelle allein ausgebracht hatte und dafür im Gefängnis landete.
Über den Chef seines Geheimen Zivilkabinetts, Clemens von Delbrück, ließ der Kaiser am 28. Oktober dem Kanzler die Frage nahelegen, ob es sich bei den Reden Liebknechts nach dessen Ankunft in Berlin nicht abermals um den Tatbestand des Landesverrates handele. „Seine Majestät, der die Begnadigung nicht ohne Bedenken vorgenommen hat, wollen einer Äußerung Eurer Großherzoglichen Hoheit entgegensehen, ob die Frage eines neuen Strafverfahrens bereits zur Entscheidung geführt hat.“
Zwei Tage später leitete der Oberreichsanwalt ein Verfahren gegen Liebknecht wegen „Hoch- und Landesverrates“ ein. Doch Liebknecht war nicht zu fassen. Er mied sein Zimmer im „Habsburger Hof“, das er genommen hatte, um seine Familie nicht in Gefahr zu bringen. Er schlief nachts mal hier und mal da, stets gut beschützt. Eine Nacht bezog er Quartier in einem abgestellten Möbelwagen, ein anderes Mal entging er der Festnahme nur knapp mit einem Fischerkahn.

Zahl der Kriegsgegner wächst

Die Bewegung der Kriegsgegner war mittlerweile weit über den Rahmen der Arbeiterschaft hinausgewachsen. Der im Herbst 1914 von bürgerlichen Intellektuellen gegründete Antikriegsbund Neues Vaterland aktivierte seine verbotene Tätigkeit wieder. Am 8. Oktober richtete der Bund ein Telegramm an Kanzler Max von Baden, in dem die sofortige Freilassung aller Personen gefordert wurde, die wegen des Kampfes für Frieden und Demokratie eingekerkert waren. Das Telegramm trug die Unterschriften des Physikers und Telefunken-Direktors Georg Graf von Arco, des Gelehrten Max Lehmann, des prominenten Schriftstellers Arthur Holitscher und des populären Reiters und Rennstallbesitzers Kurt von Tepper-Laski.
Eine Woche später erklärte Tepper-Laski in einer Besprechung, der Kampf des Bundes müsse gegen Militarismus, Kapitalismus und Monarchismus gerichtet sein. Am 19. Oktober erhob eine Bundesversammlung eine Reihe demokratischer Forderungen. Dabei verlangte der Herausgeber der „Welt am Sonntag“, Hellmut von Gerlach, einen Umbau des Fundaments der Verfassung. Allmählich wich die in diesen Kreisen lange verbreitete Angst vor einer Revolution, es blieb allerdings der Glaube an eine gesetzgebende Nationalversammlung. Namen wie Albert Einstein, Heinrich Mann, Käthe Kollwitz, Helene Stöcker, Magnus Hirschfeld und Rudolf Breitscheid sind eng mit dem Wirken des Bundes Neues Vaterland verbunden.
Fünf mutige Berliner Pfarrer der evangelischen Kirche, deren „Oberhirte“ der Kaiser selbst war, wandten sich mit einer Friedenserklärung an die Öffentlichkeit. Darin heißt es: „Wir deutschen Protestanten reichen im Bewusstsein der gemeinsamen christlichen Güter und Ziele allen Glaubensgenossen, auch in den feindlichen Staaten, von Herzen die Bruderhand… Wir fühlen angesichts dieses fürchterlichen Krieges die Gewissenspflicht, im Namen des Christentums fortan mit aller Entschiedenheit dahin zu streben, dass der Krieg als Mittel der Auseinandersetzung unter den Völkern aus der Welt verschwindet.“
160 kaisertreue Pfarrer wurden daraufhin aufgeboten, um in einer Gegenerklärung jenen abtrünnigen Glaubensbrüdern zu unterstellen, sie stärkten den Siegeswillen der Feinde. Für das deutsche Volk zähle nur zweierlei: Sieg oder Untergang. Es waren dieselben Geistlichen, die von den Kanzeln herab die Streikaktionen der Werktätigen Vaterlandsverrat nannten, die sich dem „auserwählten Volk“ zugehörig fühlten, dem Gott zur Verteidigung seiner heiligen Güter das Schwert in die Hand gegeben hätte.
In diesen Oktobertagen formulierte Hugo Haase die Forderungen der USPD vor dem Reichstag: „Wir wollen, dass die ganze Verfassung von Grund auf geändert wird. Ein Wirbelsturm geht durch die Welt, und in dieser Zeit, in der alles von unten nach oben sich kehrt, wo die tiefgreifendsten Umwälzungen vor sich gehen, da wollen wir keinen Kaiser, keinen Bundesrat, keinen Reichstag mit geringen Befugnissen haben, die in der gegenwärtigen Verfassung enthalten sind. Es muss zur Republik kommen, aber eine Republik, die eine kapitalistische ist, ist keineswegs unser Ideal…“
Alles drängte zum offenen Konflikt, zumal in diesen Tagen die Einberufungen zum Militär verstärkt wurden. In diesem Zusammenhang versuchten die Militärs, „aufrührerische“ Personen aus der Hauptstadt des Reiches zu entfernen. Viele Linke, aber auch andere, denen nicht mehr nach Krieg zumute war, kamen den Einberufungsbefehlen nicht nach. Das musste zu empfindlichen Repressalien führen, falls die Aktionen der Massen ausblieben.
Des Kaisers „Wundergeneral“ Erich Ludendorff zog aus der militärischen Niederlage die einzig mögliche Konsequenz: Er trat ab von seinem Posten. Als Nachfolger ernannte der Kaiser und Oberste Befehlshaber den Generalleutnant Wilhelm Groener. Dieser hatte sich seine Verdienste beim Überfall auf Sowjetrussland und bei der Besetzung der Ukraine erworben. Noch Anfang September hatte er in Kiew vor Offizieren betont, es sei ein Unsinn, heutzutage überhaupt von Frieden zu reden. „Denken Sie doch nach: Der Friede ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Alles ist Kampf, und dieser Kampf wird ewig sein…“ Ein weiteres Zitat des neuen Generalstabschefs und späteren Ebert-Vertrauten: „Der Krieg ist die größte demokratische Welle, die jemals über den Planeten gegangen ist. Wer sich ihr entgegenstellt, den wird sie über den Haufen werfen; es handelt sich darum, auf ihr zu steuern.“
Doch das fiel immer schwerer. Als dem Kaiser Ende Oktober in Berlin der Boden unter den Füßen zu heiß wurde, begab er sich unter dem Vorwand, der grassierenden Grippe zu entgehen, in das Große Hauptquartier der Obersten Heeresleitung im besetzten belgischen Spa.

Zuschlagen: Jetzt oder nie!

Am 31. Oktober tauchte in Berlin ein Flugblatt auf, das zum Sturz der Monarchie aufrief und dazu aufforderte, alles einzusetzen „für Frieden und Freiheit … in einer sozialistischen Republik“. Unterzeichnet war das Dokument mit: „Der Vollzugsausschuss des Arbeiter- und Soldatenrates“. Dieser setzte sich aus der Leitung der Berliner Betriebsobleute sowie aus Funktionären der USPD zusammen. Seit dem 26. Oktober gehörte ihm auch Karl Liebknecht an.
Die Obleute drängten auf Massenaktionen. Zunächst war der Aufstand in Berlin auf Montag, den 4. November, festgesetzt. Doch am Abend des 2. November wurde noch einmal darüber abgestimmt. Die Obleute im Vollzugsausschuss, die 75.000 Arbeiter vertraten, waren für Generalstreik am Montag und bewaffnete Demonstrationen am Dienstag. Die Obleute, die die kleineren Betriebe mit nur 48.000 Werktätigen repräsentierten, aber wegen der Vielzahl der Betriebe im Ausschuss die Mehrheit hatten, sprachen sich für Aufschieben aus.
Am 4. November beriet der Vollzugsausschuss in einem kleinen Fabrikraum in der Köpenicker Straße den ganzen Tag über. Da erfuhr man von den Aktionen der Matrosen in Kiel. Einer ihrer Kuriere hatte Georg Ledebour, der wegen unüberbrückbarer politischer Gegensätze innerhalb der SPD die USPD mitgegründet hatte, aufgesucht, um in seiner Person die Führung der Unabhängigen für die Leitung des Aufstandes zu gewinnen. Ledebour vertröstete ihn, man müsse erst im Parteivorstand darüber reden.

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Für Liebknecht dagegen gab es nur eins: sofort zuschlagen, sich mit den Matrosen solidarisieren – jetzt oder nie! Er drängte darauf, nun endlich am 8. und 9. November mit dem Aufstand in Berlin zu beginnen. Aber die USPD-Führer meinten, diese Tage seien ungünstig, weil da Löhne gezahlt würden. Der Ausschuss vertagte sich auf Freitag, den 8. November.
Doch diese Sitzung kam wegen umfangreicher Polizeiaktionen nicht zustande. Ernst Däumig, einer der Linken in der USPD, war verhaftet worden. Er trug die Pläne für den Aufstand, der für den 11. November ins Auge gefasst worden war, bei sich. Alle Beteiligten wussten: Das ist das Ende, wenn nicht sofort gehandelt wird. Liebknecht schrieb in sein Tagebuch: „Die Regierungssozialisten werden uns sicher noch zuvorkommen und uns vor der Geschichte und uns selbst in alle Ewigkeit blamieren!“

Kein Anker wurde gelichtet

Was war in Kiel geschehen?
Ende Oktober hatte die Seekriegsleitung die Flotte nahe der ostfriesischen Insel Wangeroog angeblich zum Auslaufen in ein Manöver zusammengezogen. Da entdeckten die Matrosen, dass auf dem Panzerkreuzer „Moltke“ der hintere Schornstein rot angestrichen wurde. Das signalisiert Gefechtsbereitschaft. Der Befehl lautete in Wahrheit: Auslaufen zum Gefecht gegen eine englische Übermacht.
Was war der Sinn dieses Befehls, der am Ausgang des Krieges nichts mehr ändern konnte? Das „Lieblingsspielzeug“ des Kaisers, die Flotte, sollte nicht dem Gegner in die Hände fallen, lieber wolle der Monarch sie mit Mann und Maus opfern. Außerdem erhoffte man, dass die zu erwartende Volkstrauer um 80.000 deutsche Matrosen revolutionäre Gedanken in den Hintergrund drängen würde. Erfahrene Seeleute, die sich ganz gut an die Hinrichtung der Anführer des Matrosenaufstandes von 1917, Köbis und Reichpietsch, erinnerten, riefen zum Widerstand auf.
Kaum ein Schiff bunkerte Kohle, kein Anker wurde gelichtet, Rufe wurden laut: „Reißt das Feuer aus den Kesseln!“ Auf dem Panzerkreuzer „Thüringen“ rührte die über tausend Mann starke Besatzung keinen Finger. Dreimal verweigerte sie den Befehl zum Ankerlichten. Auf der Flaggenbrücke wehte die rote Fahne. Die Mannschaft hatte sich verbarrikadiert. Admiral von Hipper ließ die Geschütze eines Torpedobootes auf die „Thüringen“ richten und das Schiff stürmen. Die Besatzung wurde in Kiel, wo sich der Sitz der Hauptmarinestation befand, wegen Meuterei inhaftiert.

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Gustav Noske  stellte sich in Kiel an die Spitze des Aufstandes

Im Kieler Gewerkschaftshaus forderten am Sonnabend, es war der 2. November, die Matrosen der „Markgraf“ nachdrücklich die Freilassung ihrer Kameraden. Ein Bataillon Soldaten wurde herangeführt. Offiziere brüllten Befehle – die Soldaten verweigerten den Gehorsam. Der junge Oberheizer Karl Artelt forderte die Matrosen und die Arbeiter von Kiel auf, sich am nächsten Tag auf dem Exerzierplatz hinter der Waldwiese zu versammeln. Viele kamen. Matrosen und Werftarbeiter marschierten nach der Kundgebung gemeinsam durch die Stadt in Richtung Marinearrestanstalt, um die Kameraden zu befreien. Da eröffneten reaktionäre Offiziere das Feuer. Es gab acht Tote und viele Verwundete auf Seiten der Aufständischen.
Das Maß war voll. Noch in der Nacht zum Montag wurden in Betrieben, auf den Werften und auf den Schiffen Arbeiter- und Soldatenräte gebildet. Für den 5. November wurde der Generalstreik ausgerufen. Ein Kurier wurde nach Berlin geschickt, um erfahrene Funktionäre für die Leitung des Kampfes zu gewinnen. Doch Ledebour zögerte…
Die SPD-Führung hingegen verlor keine Zeit. Mit Zustimmung des Reichskanzlers schickte sie Gustav Noske nach Kiel mit dem Auftrag, die dort entflammte Revolution „zurückzurollen“. Als so genannter Arbeitervertreter erhielt er das Vertrauen der Matrosen, ließ sich an die Spitze des Arbeiter- und Soldatenrates von Kiel wählen und ernannte sich Tage später sogar zum Gouverneur der Stadt.
Hingegen entschloss sich die USPD erst am 7. November dazu, ihren Vorsitzenden Hugo Haase ebenfalls nach Kiel zu entsenden. Doch da hatte Noske bereits alle Fäden in der Hand. Später erklärte Noske möglicherweise nicht ohne Stolz: „Von Kiel wäre, wenn ich die rote Sturmfahne ergriffen und vorangetragen hätte, eine Flut über Deutschland hinweggebraust, deren Ausmaße man sich heute kaum ausdenken kann.“

Der Trick mit der Kurier-Kiste

Ein Dorn im Auge der kaiserlichen Regierung war die sowjetische Botschaft Unter den Linden, die in einem engen Verhältnis zu den revolutionären Kräften in Berlin stand. Botschafter war seit Februar 1918 Adolf Abramowitsch Joffe, der die sowjetrussische Verhandlungsdelegation in Brest-Litowsk bis Januar geleitet hatte.

Im engeren Kriegsrat trug der preußische Innenminister Bill Drews Anfang November vor, dass „die russische Botschaft planmäßig für die Revolution arbeite“, jedoch „schlüssige Beweise seien schwer zu bekommen.“ Ausgerechnet der SPD-Staatssekretär Philipp Scheidemann wusste laut Protokoll Rat: „Die Beweismittel reichten zu einem schärferen Einschreiten gegen die russische Botschaft nicht aus. Einen offenbaren Eingriff in die Exterritorialität müsse man vermeiden; aber wenn z.B. eine verdächtige Kurierkiste auf dem Transport zufällig entzwei ginge, so lasse sich vielleicht die Abberufung des jetzigen Botschafters verlangen…“

In seinen Memoiren schildert Scheidemann, man hätte „einige Dienstleute üben lassen, wie sie eine Kiste beim Heruntertragen auf einer steinernen Treppe derart von der Schulter auf eine Ecke fallen lassen, dass sie bestimmt zerbrechen müsse. Dann würden Flugblätter herausquellen, der Beweis, dass die Botschaft ihre Exterritorialität in unzulässiger Weise missbrauche, und man könne die entsprechenden Konsequenzen ziehen.“

Am Abend des 4. November wurde auf Anweisung des Berliner Gouverneurs Generaloberst Alexander von Linsingen das sowjetische Kuriergepäck unauffällig geöffnet und mit belastendem Material aus den polizeilichen Asservaten versehen. Am Morgen des 5. November erfuhren die Teilnehmer an der Sitzung des Kriegsrates laut Protokoll vom Staatssekretär im Auswärtigen Amt Wilhelm Solf, „dass eine Kiste von dem Gepäck des russischen Kuriers sich geöffnet habe und darin aufreizende Flugschriften gefunden worden seien. Er habe sofort eine Note an die Sowjetregierung in Moskau gesandt und Abschrift persönlich an Joffe gegeben und ihn aufgefordert, morgen Abend im Sonderzug Berlin zu verlassen.“

Bei dieser Gelegenheit wurden auch die Redakteure der Berliner Außenstelle der sowjetrussischen Nachrichtenagentur ROSTA nach Durchsuchung und Schließung des Büros in der Friedrichstraße 217 ausgewiesen. Wenige Tage später telegrafierte der deutsche Gesandte in Holland aus Den Haag über ein wichtiges Gespräch an das Auswärtige Amt: „Die Engländer seien sehr erfreut über Abschiebung Joffe. Die Bekämpfung der Bolschewisten wird ein gemeinsames Band für die jetzt feindlichen Länder bilden.“

„Ich hasse sie wie die Sünde“

Am Mittwoch, dem 6. November, nahm Generalstabschef Wilhelm Groener an einer Kabinettssitzung teil und schilderte die „hoffnungslose militärische Lage. Das Kräfteverhältnis an der Westfront verschlechtere sich von Tag zu Tag. Viele Soldaten verließen ihre Einheiten und warteten versteckt auf das Ende der Kampfhandlungen. Die Zahl der Kriegsdienstverweigerer schätzte er vorsichtig auf 200.000 und bedauerte, dass man nicht in der Lage sei, diese „Drückeberger … im Namen Gottes totzuschießen“. Am selben Tag traf Groener auch mit Ebert, Scheidemann, Bauer, David und anderen Sozialdemokraten zusammen. Sie unterbreiteten ihm die Forderung, dass der Kaiser als Hauptschuldiger am Krieg abdanken müsse. Große Teile der Sozialdemokratie würden mit einer Monarchie mit sozialem Einschlag und parlamentarischem System einverstanden sein.
Am 7. November hatten Prinz Max und Ebert eine vertrauliche Unterredung. Bei einem Spaziergang durch den Garten hinter der Reichskanzlei sprach der Kanzler von seiner beabsichtigten Reise nach Spa, wo er dem Kaiser die Abdankung nahelegen wolle. Er fragte Ebert: „Wenn es mir gelingt, den Kaiser zu überzeugen, habe ich Sie dann an meiner Seite im Kampf gegen die soziale Revolution?“ Eberts Antwort kam ohne Zögern: „Wenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale Revolution unvermeidlich. Ich aber will sie nicht, ja, ich hasse sie wie die Sünde.“

Als Friedrich Ebert am frühen Morgen des 9. November erneut zu einem geheimen Treffen mit Max von Baden in der Reichskanzlei zusammentraf, da sich absehen ließ, dass die SPD-Führung den Aufstand nicht aufzuhalten vermochte, kam er der Bitte des Reichskanzlers nach, an die Offiziere des 4. Naumburger Jägerbataillons, die zum Schutz der Regierung gerade aus Potsdam eingetroffen waren, ein paar Worte zu richten. Im trüben Schein zweier Straßenlaternen zog Eber seinen Hut mit der breiten Krempe ins Gesicht als wolle er unerkannt bleiben, und sagte: „Die Garde hat stets in vorderster Front gestanden wenn das Vaterland rief… Von euch hängt es ab, ob Deutschland in diesen kritischen Tagen untergehen oder zu neuer Blüte erwachen wird. Noch nie hat das Vaterland an den Patriotismus und an die Tapferkeit seiner Garde vergeblich appeliert.“ Wolfgang Gans Edler Herr zu Putlitz, einer der Offiziere, erinnert sich, dass Eber von Schillers „einzig Volk von Brüdern“ redete, das gefährdet sei durch einige „gewissenlose Rowdys, die im trüben fischen und das Chaos verewigen wollen“. Diese meuternde Banden zu zerschlagen sei heiligste Aufgabe.

Doch die Revolution hatte bereits auf weite Teile des Reichs übergegriffen, erste Herrscherthrone waren gestürzt, und vielerorts war die Macht auf Arbeiter- und Soldatenräte übergegangen. In einer Notiz der „Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung“ erfuhren die Leser über den Oberbefehlshaber der Ostseeflotte und Bruder des Kaisers: „Prinz Heinrich ist gestern in einem Automobil mit roter Flagge entflohen. Er trug eine rote Binde am Arm.“
Selbst General Groener erreichte am Abend des 6. November nur mit Mühe das Hauptquartier in Spa. Ein Zufall bewahrte ihn vor der Festnahme durch Aufständische.

Brot gegen „Unbesonnenheit“

Der 9. November 1918 gehört zu den ereignisreichsten Tagen der neueren deutschen Geschichte. Nicht allein deshalb, weil die halbtausendjährige Herrschaft der Hohenzollern in der Mark Brandenburg wie ein Kartenhaus zusammenfiel. Alle, die sich politisch engagierten, hatten an diesem Sonnabend Farbe zu bekennen. Sie hatten Rechte zu erstreiten oder Privilegien zu verteidigen, in jedem Falle mussten sie handeln – so oder so.
Die Linken in der USPD wandten sich mit einem Flugblatt an die Massen: „Arbeiter und Soldaten! Nun ist eure Stunde gekommen. Nun seid ihr nach langem Dulden und stillen Tagen zur Tat geschritten. Es ist nicht zu viel gesagt: In diesen Stunden blickt die Welt auf euch und haltet ihr das Schicksal der Welt in euren Händen.“ Der Vollzugsausschuss des Arbeiter- und Soldatenrates seinerseits rief auf, in der Entscheidungsstunde der historischen Aufgabe gerecht zu werden.
Tags zuvor, am 8. November, hatte der sozialdemokratische „Vorwärts“ die Erhöhung der Brotrationen angekündigt und dabei vor „Unbesonnenheiten“ gewarnt. Doch es nützte nichts mehr.
Bis tief in die Nacht hatten die Spartakus-Kuriere Hunderte Vertrauensleute der Arbeiter über die für Sonnabend festgesetzten Aktionen informiert. Zwischen Nacht und Dämmerung begaben sich die „Schwarzen Katzen“ zu den Waffenverstecken, holten Gewehre und Pistolen hervor, bestückten sie mit Munition und verteilten sie an festgelegten Stützpunkten.
Nach einer morgentlichen Sitzung des Vollzugsrates in einer Schöneberger Wohnung marschierte der erste Zug von Demonstrierenden in Richtung Stadtzentrum. Ein Teilnehmer berichtete: „Am 9. November versammelte sich die Belegschaft frühmorgens im Betrieb. Einige Kollegen hatten bereits Transparente angefertigt mit der Losung: Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Monarchie! Wir wollen Frieden und Brot! Es bildete sich ein Demonstrationszug, der etwa 4.000 Menschen umfasste und dem sich später noch die Arbeiter der AEG Brunnenstraße und der AEG Ackerstraße anschlossen.“

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Patrouillen-Auto des Arbeiter- und Soldatenrates am Vormittag des 9. November vor dem Brandenburger Tor

Ein weiterer Teilnehmer: „Wir hatten den Auftrag, uns mit den Zügen aus Moabit und aus Charlottenburg zu vereinigen und die Soldaten der Kasernen am Lehrter Bahnhof zu gewinnen. Das Tor der Kaserne war verschlossen. Die Massen riefen daraufhin: >Brüder, schießt nicht auf uns! Macht Schluss mit dem Krieg! Weg mit Kaiser Wilhelm!< Wir, die wir bewaffnet waren, rechneten mit Schießereien und waren in Feuerstellung gegangen. Aber unsere Unterhändler haben auch diese Soldaten überzeugt und unter riesigem Jubel veranlasst, am Zug zur Maikäferkaserne teilzunehmen.“
In der ersten Reihe schritt der junge Metallarbeiter und Obmann des Schwartzkopff-Betriebes in der Schlegelstraße Erich Habersaath. Die Soldaten des 4. Garde-Grenadier-Regiments in der Maikäferkaserne waren eingesperrt, schauten durch vergitterte Fenster und wiesen auf schwerbewaffnete Offiziere. Die Demonstranten nahmen das Tor zum Kasernenhof im Sturm, drückten es auf und verschafften sich Einlass. Da peitschten Schüsse auf. Drei Arbeiter fielen tot auf das Pflaster: Unter ihnen Erich Habersaath. Ihr Tod sollte noch ein dramatisches Nachspiel haben…
Auch Militär und Polizei waren vorbereitet. Noch am frühen Sonnabendmorgen war man der Meinung, in Berlin könne es nicht soweit kommen wie in Kiel, München und vielen anderen Städten. Seit Tagen blieb der Zugverkehr von und nach Berlin unterbrochen oder wurde stark kontrolliert.
Telefongespräche nach außerhalb waren so gut wie unmöglich. Früh um sechs Uhr zogen Gardeschützen zum Lehrter Bahnhof, um dort 240 revolutionäre Matrosen in „Empfang“ zu nehmen und abzuführen. Noske hatte sie persönlich zur „Unterstützung der Revolution“ nach Berlin geschickt. Es kann als sicher gelten, dass er sie zugleich beim militärischen Oberbefehlshaber von Berlin, Generaloberst Alexander von Linsingen, denunzierte, um so etliche der mutigsten aufständischen Matrosen aus dem Verkehr ziehen zu lassen. Noch auf dem Bahnhof wurden sie von Gardeschützen mit aufgepflanzten Seitengewehren entwaffnet und streng eskortiert abgeführt. In Zossen, wo bereits über tausend Matrosen festgesetzt waren, sollten sie inhaftiert werden. Doch auf dem Weg zum Görlitzer Bahnhof umringten Arbeiter die Matrosen und drängten die Gardeschützen ab, denen nicht nach einem Blutbad war, und nahmen die Matrosen zu ihren Demonstrationszügen mit. Sie gehörten Tage später zur so genannten Volksmarinedivision, die sich zum Schutz der linken Revolutionäre im kaiserlichen Marstall etabliert hatte, jedoch in letzter Konsequenz versagte.

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Rev2Von Kiel über Berlin hatte die revolutionäre Erhebung am 8. und 9. November das ganze Land erfasst

Emil Barth koordinierte als Vorsitzender der Obleute die Aktionen dieses Tages. Er hatte sein „Hauptquartier“ in der alten Sozialistenkneipe „Musik-Fuchs“ in der Jostystraße. Die Pläne sahen vor, dass beispielsweise Karl Liebknecht die Besetzung des Schlosses leitet, Wilhelm Pieck das Rote Rathaus übernahm und der linke USPD-Funktionär Emil Eichhorn das Polizeipräsidium in der Alexanderstraße. Alles lief reibungslos. Polizei und Militär hatten es mit der Angst zu tun bekommen. Viele von ihnen ließen sich widerstandslos entwaffnen oder machten sich so schnell wie möglich aus dem Staub.

„Feldgrau schießt nicht auf Feldgrau“

Was geschah zu dieser Zeit in Spa, dem Sitz des Großen Hauptquartiers der Obersten Heeresleitung, in dessen sicherem Schutz der Kaiser sich seit zehn Tagen befand? Noch am frühen Morgen war der Monarch entschlossen, gegen Berlin zu marschieren, um in der Stadt – und sei es durch Beschuss oder Bombardements – Ruhe und Ordnung herzustellen, auch wenn die ganze Stadt „zusammengeschossen“ werden müsse. Generalmajor Hans Georg von Plessen, Generaladjutant des Kaisers, beschwichtigte in Unkenntnis der Realitäten Seine Majestät: „Die deutsche Armee, der vier Jahre lang die Bewunderung der Welt galt, wird jederzeit mit einer Bande ruchloser Matrosen fertig.“
Hindenburg und Groener fürchteten jedoch im Falle eines Bürgerkrieges für den Bestand der Monarchie. Um den Plan des Kaisers zu verhindern, hatten sie am Vorabend 39 maßgebliche Offiziere der Westfront nach Spa befohlen. Am frühen Sonnabendmorgen teilte ihnen Hindenburg im Hotel „Britannique“ mit, dass Revolution im Gange sei und von der Straße der Rücktritt des Kaisers gefordert werde. Die Heeresleitung wolle zuverlässige Truppen der Westfront – die Soldaten der Ostfront seien ohnehin vom Bolschewismus verseucht – mit dem Kaiser nach Berlin schicken, um dort die Revolution niederzuschlagen.
Hindenburg formulierte drei Fragen, auf die er nach einer kurzen Bedenkzeit klare Antworten haben wollte: Steht die Truppe noch zum Kaiser? Würde sie ihm im Kampf gegen die Heimat nach Berlin folgen? Würde sie die Volksrevolution mit der Waffe in der Hand bekämpfen? Ein einziger Offizier äußerte ein klares Ja auf die erste Frage. Alle anderen sagten Nein oder antworteten ausweichend.
Die Ansicht Groeners bestätigte sich: Feldgrau wird nicht auf Feldgrau schießen. Sein Vorschlag, Wilhelm II. möge an der Spitze seines Heeres an der Westfront den Heldentod suchen, um so die Stimmung im Volk für das Fortbestehen des Kaiserreiches durch die Trauer günstig zu beeinflussen, hatte wenig Gegenliebe gefunden. Hindenburg informierte den Kaiser in dessen Villa „Fraineuse“ über das niederschmetternde Ergebnis der Umfrage. Als die Generäle von Schulenburg und von Plessen die Bedeutung der Befragung herabspielen wollen, legen Hindenburg und Grioener weitere Fakten auf den Tisch. Große Teile des Eisenbahnnetzes sowie die meisten Munitions- und Verpflegungsdepots seien in den Händen der Aufständischen. Selbst die 2. Gardedivision, die den Rücken des Hauptquartiers gegen die Aufständischen aus der Heimat schützt, ist nicht mehr zuverlässig, die Soldaten verweigerten den gehorsam und machten sich auf den Weg nach Hause. Das Garde-Grenadier-Regiment „Kaiser Franz“ verweigere den Gehorsam, das Regiment „Kaiser Alexander“ fordere den Abtransport in die Heimat, und Soldaten des Sturmbataillons Rohr, dem der Schutz des Kaisers anvertraut ist, würden aufsässig…

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Am frühen Morgen des 9. November bewegten sich in Berlin elf große Demonstrationszüge in Richtung Stadtmitte

Um den Kaiser vollends von seinem beabsichtigten Marsch gegen Berlin abzuhalten, erklärte Hindenburg: „Euer Majestät, niemals könnte ich verantworten, dass der deutsche Kaiser von Meuterern verschleppt und an Rebellen ausgeliefert wird.“ Er musste ihn nicht an die Ermordung seines Cousin, des Zaren Nikolaus II. von Russland und dessen Familie im zurückliegenden Sommer durch die Bolschewiki  erinnern.
Von nicht unwesentlicher Bedeutung für die weiteren Entscheidungen war auch eines der vielen Telefongespräche mit der Berliner Reichskanzlei. Nach dem Mord an der Maikäferkaserne teilte der Chef der Reichskanzlei, Arnold Wahnschaffe, mit, in Berlin fließe Blut. In Spa wurde daraus: Berlin fließe in Blut.
Unter allen diesen Einflüssen entschloss sich Wilhelm II. als deutscher Kaiser abzudanken. Niemals aber wollte der 21. Nachfahre des Großen Kurfürsten in der Mark Brandenburg, der 6. preußische Herrscher nach Friedrich dem Großen auf die Königskrone verzichten. Kurz nach elf Uhr teilte man Berlin lakonisch mit, dass ein Schreiben über den Rücktritt des Kaisers aufgesetzt werde.

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Als die Revolution nichtg mehr aufzuhalten war, „schlug“ auch die SPD mit einem Aufruf zu

Max von Baden war mit der Antwort aus Spa zufrieden. Da ein Rücktritt Wilhelms als Kaiser und nicht zugleich auch als König laut Reichsverfassung nicht möglich war, handelte der Prinz eigenständig und formulierte eine Meldung über den Rücktritt des Herrschers als  deutscher Kaiser und preußischer König.
Während der vertraulichen Besprechung mit Ebert in der Nacht zuvor waren die Weichen bereits gestellt und die Übergabe des Kanzleramtes an den SPD-Vorsitzenden um zwölf Uhr mittags vereinbart. Dafür hatte Ebert zugesichert, dass seine Partei bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Aktionen der Massen unterstützen würde.
Max von Baden schrieb in seinen Erinnerungen: „Ich sagte mir: die Revolution ist im Begriff, siegreich zu sein; wir können sie nicht niederschlagen, vielleicht aber ersticken. Jetzt heraus mit der Abdankung, mit der Berufung Eberts, mit dem Appell an das Volk, durch die verfassunggebende Nationalversammlung seine eigene Staatsform zu bestimmen. Wird Ebert mir von der Straße präsentiert, dann kommt die Republik, ist es Liebknecht, auch der Bolschewismus.“

Der „Vorwärts“ lief hinterher

Folgerichtig vollzog die SPD-Führung, nachdem die Meldung über die Abdankung des Kaisers und Königs am Mittag über das Wolffsche Telegraphenbüro verbreitet worden war, eine volle Kehrtwendung. Sie forderte von ihren Vertrauensleuten, sich an die Spitze der Demonstrationen zu stellen und die Aktionen in die Hand zu nehmen. Der „Vorwärts“ erschien, als alle Betriebe längst leer standen, mit dem Aufruf zum Generalstreik.
An vielen Berliner Litfaßsäulen klebte an diesem Tag auch ein Plakat des Bundes Neues Vaterland, unterschrieben von Rene Schickle, Magnus Hirschfeld, Helene Stöcker und Kurt von Tepper-Laski. Im Text hieß es: „Die bisherige Gesellschaftsordnung hat uns in den Abgrund geführt. … Nur die sozialistische Gesellschaft kann die Völker vor dem Verfall in die Barbarei retten.“ Der Aufruf endete mit den Worten: „Es lebe die demokratische sozialistische Republik!“
Wie verhielten sich die Gewerkschaften?
Ihre Führer hatten anderes zu tun, als mit Tausenden ihrer Mitglieder auf die Straßen zu gehen. Der Schriftsteller Arthur Holitscher schrieb, dass er am Vormittag an der Ecke Unter den Linden/Neustädtische Kirchstraße einen von einem Offizier befehligten MG-Posten bemerkt habe. Was er nicht wusste: Genau zu dieser Stunde war im Hotel „Continental“, das sich in besagter Seitenstraße der Lindenallee befand, eine von Hugo Stinnes und Carl Friedrich von Siemens geleitete Unternehmergruppe mit der Gewerkschaftsführung unter Carl Legien zusammengetroffen. Sie berieten über ein Bündnis der Gewerkschaftsführer mit den Wirtschaftsführern, das wenige Tage später von beiden Seiten unterzeichnet wurde.
Kurz nach zwölf Uhr traf eine Abordnung der SPD-Führung in der Reichskanzlei ein. Max von Baden fragte Friedrich Ebert – kein Gesetz ermächtigte ihn dazu, seinen eigenen Nachfolger zu benennen –, ob er bereit sei, den Posten des Reichskanzlers zu übernehmen. Ebert war bereit und übernahm. Ebert, laut Max von Baden „immer noch bemüht, den organisatorischen Zusammenhang mit der Vergangenheit nicht zu lösen“, gab am Nachmittag zwei Aufrufe heraus, die er als Reichskanzler unterzeichnete. Der erste warb für Ruhe und Ordnung auf den Straßen, der zweite forderte die Mitarbeiter des Staatsapparates auf, weiter ihre Pflicht zu tun.
Immer noch dachte Ebert daran, die Monarchie zu erhalten. Als Max von Baden nach siebzehn Uhr zu ihm ging, um sich zu verabschieden, entspann sich folgender Dialog, wie ihn der Prinz beschrieb: „Ebert sagte zu mir: >lch bitte Sie dringend zu bleiben.< Ich fragte: >Zu welchem Zweck?< Ebert: >Ich möchte, dass Sie als Reichsverweser bleiben.< Diese Bitte war in den letzten Stunden von meinen früheren Mitarbeitern wiederholt an mich gerichtet worden. Ich erwiderte Herrn Ebert: >Ich weiß, dass Sie im Begriff sind, mit den Unabhängigen Abkommen zu treffen, und mit den Unabhängigen kann ich nicht zusammenarbeiten.<“
Allein der Tatsache wegen, dass Philipp Scheidemann aus einem Fenster des Reichstages auf Drängen führender Sozialdemokraten gegen vierzehn Uhr nach Jahren eines verheerenden Krieges das Kaiserreich verabschiedete und die „deutsche Republik“ verkündete, soll Ebert einen Wutanfall bekommen haben. Scheidemann beschwichtigte ihn mit dem Hinweis, er habe das Ausrufen der Republik nicht den Linken überlassen wollen. An diesem Tag wurde an vielen Orten die Republik ausgerufen, doch dies durch einen kaiserlichen Staatssekretär im Range eines Ministers und zudem führenden Kopf der SPD, das war ernst zu nehmen. Und er war Liebknecht tatsächlich zuvor gekommen.

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Rechtsanwalt Karl Liebknecht mit seinem Sohn Wilhelm im Dezember 1918 im Berliner Tiergarten

Vor dem Stadtschloss der Hohenzollern hatte sich zehntausende Menschen versammelt, die sternförmig in das Zentrum marschiert waren. Gegen 16 Uhr traf Liebknecht ein und rief, auf einem Lastkraftwagen zwischen Schloss und Lustgarten stehend, der Menge zu: „Der Tag der Revolution ist gekommen. Wir haben den Frieden erzwungen. Der Friede ist in diesem Augenblick geschlossen. Das Alte ist nicht mehr. Die Herrschaft der Hohenzollern, die in diesem Schloss jahrhundertelang gewohnt haben, ist vorüber. In dieser Stunde proklamieren wir die freie sozialistische Republik Deutschland.“
Indes bereiteten Hermann Duncker und Ernst Meyer die Herausgabe der ersten Ausgabe der Zeitung „Die rote Fahne“ vor. Dazu hatten sie mit bewaffneten Arbeitern Druckerei und Redaktion der Hugenberg-Zeitung „Berliner Lokal-Anzeiger“ besetzt. Zu den im Sitzungssaal versammelten Redakteuren sagte Duncker: „Meine Herren, das Blatt hat sich gewendet. Ihr Blatt muss sich auch wenden!“

Regierungsverweigerer Liebknecht

Am Nachmittag begann die SPD-Führung damit, die Führer der USPD, denen die Massen den Aufstand zuschrieben, für eine Teilnahme an der Regierung zu gewinnen. Sie erkannte die führende Rolle der USPD in der Novemberrevolution an und wusste zudem, welche Bedeutung das Wort Liebknechts bei den Massen hatte. Dittmann, Barth und andere Funktionäre der USPD lehnten eine Beteiligung an der Regierung nicht strikt ab, verwiesen aber darauf, dass sich der Parteivorsitzende Hugo Haase noch in Kiel befinde. Da die SPD-Führung auf eine schnelle Lösung dieser Frage drängte, wurde Haase noch am selben Abend per Kurierfahrzeug aus Kiel geholt.
Einer der Kardinalfahler Liebknechts war, dass er von Anfang an ein Zusammengehen mit der SPD in einer sogenannten Volksregierung ablehnte, damit das Feld voll und ganz der SPD überließ und sich einer Aktionseinheit widersetzte. Als er abends im Reichstagsgebäude von Arbeitern, Soldaten und Matrosen gedrängt wurde, in eine Regierung einzutreten, stellte er konkrete Forderungen: Deutschland solle eine sozialistische Republik sein, die Macht müsse voll in den Händen von gewählten Vertrauensmännern des ganzen Volkes liegen und alle bürgerlichen Mitglieder seien aus der Regierung auszuschließen. Unter diesen Bedingungen würde er bis zum Abschluss eines Waffenstillstandes in eine gemeinsame Regierung eintreten. Forderungen, die weit über die Möglichkeiten zu dieser Stunde hinausgingen.
Nachdem der Parteivorstand der SPD diese Forderungen ablehnte, distanzierten sich USPD-Funktionäre allmählich von Liebknecht. Noch am Abend des 9. November gingen sie auf die Angebote von Ebert und Scheidemann ein. Haase, Barth und Dittmann standen zur Mitarbeit in einer provisorischen Regierung bereit. Auf einer Vollversammlung der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte am nächsten Tag sollte über die künftige Regierung entschieden werden.

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Mit diesem „Freifahrtschein“. unterschrieben von Liebknecht und Scheidemann, wurde USPD-Vorsitzender Hugo Haase am 9. November von Kiel nach Berlin geholt

Die SPD setzte ihren in fünfzig Jahren gwachsenen Parteiapparat in Bewegung, um Delegierte wählen zu lassen oder zu benennen. Viele Unteroffiziere und Feldwebel wurden in der Nacht und am Sonntagmorgen im „Vorwärts“-Gebäude zu Mandatsträgern.

Die Flucht des Kaisers

Der Kaiser indes hatte die Nacht vom 9. zum 10. November vorsichtshalber in seinem Hofzug verbracht, der sich im Morgengrauen in die Niederlande bewegte. Ihm folgte, da flüchtende Monarchen eine Menge mitzunehmen haben, ein zweiter Zug mit Offizieren, Gefolge und Dienerschaft nebst den Hofautomobilen. Zunächst wurde Wilhelm II. in Maastricht begrüßt, wo in Holland im Exil lebende Belgier für eine Protestkundgebung sorgten. Der Zug fuhr weiter nach Maarn, und von dort ging es per Pkw zum Schloss „Huise te Amerongen“, dem Asyl des gestürzten letzten deutschen Kaisers, der bis zu seinem Tod im Jahr 1941 nie wieder nach Deutschland kam, jedoch immer hoffte, wieder in alle kaiserliche  Ehren eingesetzt zu werden.

Scheidemann1918

Aus einem Fenster des Reichstages verkündete Staatssekretär und SPD-Vorsitzender Scheidemann am 9. November gegen 14 Uhr die deutsche Republik

Mitleidvoll stellte der „Vorwärts“ zwei Tage später fest: „Jedem zart empfindenden Menschenfreund musste es zu Herzen gehen, wenn er gestern Vormittag die Linden passierte und an zahlreichen Fassaden eleganter Geschäftshäuser fleißige Hände in Tätigkeit sah, die im Auftrag der Inhaber die dort angebrachten Hoflieferantenwappen zu entfernen eifrigst bemüht waren, um an ihrer Stelle rote Fahnen anzubringen.“
Rund dreitausend Arbeiter und Soldaten kamen am Sonntag um 17 Uhr zur Vollversammlung in den Kuppelbau des Zirkus Busch am Bahnhof Börse. Zu den Versammelten sprachen Ebert, Haase und Liebknecht. Doch wie nicht anders zu erwarten, ging die Rechnung der SPD-Führung voll auf. Es wurde ein aus 24 Mitgliedern bestehender Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte gewählt.
Wieder verzichteten die Spartakisten um Liebknecht auf eine Mitarbeit. Da in vielen Orten des Deutschen Reiches die Räte die Macht ausübten, war dieser Verzicht besonders folgenreich. Die Räte verloren überall an Einfluss und gerieten in das Fahrwasser sozialreformistischer Politik. Die Vollversammlung wählte – es gab nur wenige Gegenstimmen – einen „Rat der Volksbeauftragten“, also die Regierung, deren gleichberechtigte Vorsitzende Friedrich Ebert und Hugo Haase sein sollten.
Walter Oehme, der in der Reichskanzlei arbeitete, erinnerte sich: „In der Praxis lag die Führung der Regierungsgeschäfte und auch die Leitung der Kabinettssitzungen ausschließlich in Eberts Händen. … Haase machte in Eberts Anwesenheit niemals von seinem Recht, die Kabinettssitzung zu leiten, Gebrauch. … Alle Angelegenheiten, die die Innenpolitik und die Armee betrafen, hatte sich Ebert vorbehalten. … Bei Scheidemann lagen zeitweilig die finanziellen Fragen und dazu die gesamte Arbeit der Presse.“

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Kundgebung am Nachmittag vor dem Berliner Schloss. Gegen 16 Uhr rief Karl Liebknecht (hier ein anderer Redner) von dieser Stelle die sozialistische Republik aus

Für die SPD-Führung und die von ihr dominierte Regierung gab es nichts Wichtigeres, als den erreichten Zustand zu erhalten. Unbehindert betrieb die Berliner Börse am Spreeufer die Geschäfte für das Kapital, das sie bezeichnenderweise bereits am 8. November wieder aufgenommen hatte. Schließlich übergaben Gewerkschaftsführer Carl Legien und Konzernvertreter Raumer vom Zentralverband der elektrotechnischen Industrie am 16. November das am Vortag unterzeichnete Abkommen über die „Arbeitsgemeinschaft“ von Gewerkschaftsführung und Unternehmertum an den Rat der Volksbeauftragten.
Walther Rathenau, einer der Initiatoren dieser Interessengemeinschaft, forderte den Generalsekretär der christlichen Gewerkschaften, Adam Stegerwald, auf, einige tausend Soldaten anzuwerben „zum Schutze von Berlin“. Mittel seien genügend vorhanden. Ende November entstanden so die ersten Freikorps. Der Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte beschäftigte sich derweil mit der im Augenblick unbedeutenden Frage der militärischen Kleiderordnung.
In der Nacht vom 9. zum 10. November teilte Generalstabschef Wilhelm Groener Ebert telefonisch mit, dass Hindenburg an der Spitze der Obersten Heeresleitung bleibe und Unterstützung des Offizierskorps für Aufrechterhaltung der Disziplin, Verpflegung und bei der Bekämpfung des Bolschewismus erwarte. Ebert ließ dem Generalfeldmarschall danken.

Haut ab

Das letzte Fotos von Wilhelm II. auf deutschem Boden, kurz bevor er mit seinem Hofzug das Land verlässt

Jenes Gespräch wurde am nächsten Abend fortgesetzt und gipfelte in einer Vereinbarung. Jeden Abend zwischen elf und ein Uhr berieten beide per Telefon die unmittelbar nächsten Aktionen. Für diese Gespräche ließen sie sich eine eigene, abhörsichere Leitung legen. Groener erklärte später dazu: „Der Zweck unseres Bündnisses … war die restlose Bekämpfung der Revolution, Wiedereinsetzung geordneter Regierungsgewalt, Stützung dieser Regierungsgewalt durch die Macht der Truppe und baldigste Einberufung einer Nationalversammlung.“
Außenpolitisch war zunächst Klarheit geschaffen, ein Waffenstillstand vereinbart. Der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger unterschrieb am 11. November im Wald von Compiegne bei Paris in einem Eisenbahnwaggon die Kapitulationsurkunde. Der Waffenstillstand trat 11.55 Uhr in Kraft, also fünf Minuten vor zwölf – bis heute ein geflügeltes Wort für „allerhöchste Zeit“. Kirchenglocken läuteten in Berlin die Nachkriegszeit ein.
Die Westmächte, allen voran die USA, fürchteten, Ebert könne – ähnlich wie Kerenski in Russland – gestürzt werden und die Macht auf die Räte übergehen. In einer Note bot Präsident Wilson Hilfe an, verbunden mit der Forderung, den Bolschewismus zu verhindern. Die Idee „Bolschewismus oder Brot“ hatte Ebert suggeriert, als er die USA um Nahrungsmittel bat und daran die Verpflichtung band, „dass die öffentliche Ordnung in Deutschland aufrechterhalten und eine gleichmäßige Verteilung der Lebensmittel garantiert wird“.
Indes lehnte Ebert sowjetrussische Getreidelieferungen ab sowie mehrere Angebote nach Herstellung diplomatischer Beziehungen, die am 5. Oktober brüsk von deutscher Seite mit der Ausweisung der Diplomaten beendet worden waren. Seine Regierung widerrief nicht einmal den Frieden von Brest-Litowsk, der von sowjetrussischer Seite für null und nichtig erklärt wurde.
Die bürgerliche Presse verbreitete Schreckensbilder über eine Spartakusherrschaft. Ein „Generalsekretariat zum Studium und zur Bekämpfung des Bolschewismus“ wurde installiert, finanziert u.a. von Großbankier Karl Helffrich. Kaum waren die ersten Opfer der Revolution vom 9. November unter Anteilnahme Hunderttausender auf dem Friedhof der Märzgefallenen im Friedrichshain beigesetzt, gab es weitere Tote. Am 6. Dezember, schossen in der Chausseestraße, Ecke Invalidenstraße, Gardefüseliere aus der berüchtigten „Maikäferkaserne“ einige MG-Salven in eine Demonstration von Arbeitern, die von einer Spartakusversammlung aus den Germaniasälen kamen und sich mit weiteren Arbeitern im Zentrum vereinen wollten. 14 Arbeiter wurden getötet, weitere schwer verletzt, unter ihnen der Vorsitzende des Roten Soldatenbundes Willi Budich. Eine Welle von Demonstrationen und Kundgebungen erfasste daraufhin die Stadt.

Auf in die Weimarer Republik

Die Regierung versicherte, sie werde die Schuldigen finden und bestrafen. Doch nichts geschah. Am 10. Dezember begrüßten Ebert, der preußische Kriegsminister Scheüch und Berlins Oberbürgermeister Wermuth in die Stadt einmarschierende Frontsoldaten. Doch die erste Aktion zur „Säuberung der Stadt“ scheiterte, da den Soldaten der Sinn nicht nach „vaterländischer Pflichterfüllung“ stand. Sie wollten nichts weiter als nach Hause.
Schon lange war es Groeners Idee, eine Freiwilligenarmee aufzustellen, um mit ihr ans Ziel zu gelangen. Später schrieb er dazu: „In Wilhelmshöhe wurde nun der Plan wieder aufgegriffen und im Einvernehmen mit Ebert unter der Decke weiterentwickelt.“ Weitere Freikorps entstanden.

Bolschewismus

Mit der Entstehung der Freikorps Ende 1918 verstärkte sich der Mordterror gegen die Linken. Zu ihren Opfern zählen Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Leo Jogiches

Für den 16. Dezember war ein Reichsrätekongress nach Berlin einberufen, um endgültig die Frage der künftigen Regierungsform zu entscheiden. Wieder ließ die SPD-Führung die Delegierten „handverlesen“, so dass eine starke Mehrheit für die Einberufung einer Nationalversammlung gesichert war. Liebknecht, Luxemburg und andere Spartakusführer wurden nicht delegiert.
So kam es schließlich zu Max Cohens Antrag, am 19. Januar 1919 Wahlen für eine verfassunggebende Nationalversammlung durchzuführen. Auch Gegenstimmen vermochten daran nichts zu ändern. Der Beschluss wurde angenommen, die Absage an die Räterepublik war perfekt.
Berlin schien Ebert jedoch ein zu unruhiges, deshalb ungeeignetes Pflaster zu sein. In einer Sitzung des „Rates“ am 22. Dezember hatte er davon gesprochen, das aufständische Berlin als Hauptstadt aufzugeben. „Kollegen, so geht es nicht mehr. Das halten ja die stärksten Nerven nicht aus“, akzentuierte er, jedes Wort betonend, in gereizter Stimmung. „Wir müssen heute noch nach Weimar oder Rudolstadt.“ Doch noch fand er dafür keine Mehrheit.
Am 23. Dezember startete das Generalkommando Lequis einen Angriff auf die Volksmarinedivision, die im Marstall ihren Sitz hatte. Das Vorhaben misslang. Einen Tag später, Heiligabend, wurde Artillerie herangeführt und der Marstall beschossen. Wieder gab es Tote, wieder mussten die Militärs zurückstecken.
Dennoch hielt die SPD-Führung die Zeit für gekommen, die Männer der USPD aus dem „Rat der Volksbeauftragten“ hinauszudrängen. Am 27. Dezember erklärten Haase, Barth und Dittmann ihren Austritt. Groener, durch seine Vertrautheit mit Ebert einer der bestinformierten Kenner der inneren Vorgänge, schrieb: „Ich muss sagen, die Hinausdrängung der unabhängigen Sozialdemokraten aus der Regierung vollzog Ebert mit einer Geschicklichkeit, die alles, was je ein Kriegsreichskanzler geleistet hatte, in den Schatten stellte und Hochachtung vor seinem politischen Ingenium abnötigte.“
Neue Regierungsmitglieder wurden Noske und Wissell.

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Rote Fahne

In seinem letzten Artikel für „Die Rote Fahne“ (Original im Besitz des Autors), der am 15. Januar 1919, dem Tag seiner Ermordung erschien, kritisierte Karl Liebknecht den Verrat der bewaffneten Arbeiterschaft im Dezember 1918, namentlich auch die Volksmarine-Division, welche die kämpfenden Arbeiter im Stich gelassen hatten. Übrigens war diese Kritik in der DDR ein Tabu, weil die Seestreitkräfte der NVA nach dem Vorbild „Volksmarine“ benannt worden waren.

Angesichts dieser Entwicklung forderten die Linken um Liebknecht und Luxemburg erneut, die USPD möge einen Parteitag einberufen. Weil dies nicht geschah, begann am 29. Dezember im Festsaal des Preußischen Landtages in Berlin die Reichskonferenz des so genannten Spartakusbundes. Es wurde beschlossen, eine eigene Partei zu gründen, die Kommunistische Partei Deutschlands – KPD. Danach vertagte sich das Forum, um an der Beisetzung der Matrosen der Volksmarinedivision teilzunehmen, die zur „Blutweihnacht“ 1918 gefallen waren. Indes bereitete die SPD-Führung die Nationalversammlung in Weimar vor.

SPD-Plakat

Das Jahr 1918 war noch nicht vorbei, als die SPD (u.a. mit diesem Plakat) bereits Kurs auf Weimar nahm

Nach dem Friedensruf aus der Berliner Volksbühne am Beginn des Jahres 1918 endete dieses letzte Jahr des großen Krieges, der später als Erster Weltkrieg in die Geschichte einging, sowie das Jahr des Übergangs vom Kaiserreich zur Republik am Silvesterabend mit einem Konzert des Gewandhauses für Arbeiterinnen und Arbeiter in den Leipziger Albert-Hallen. Arthur Nikisch dirigierte die 9. Sinfonie Ludwig van Beethovens. Deren Hauptthema „An die Freude“ ist seit 1985 die Hymne der Europäischen Union mit inzwischen 28 Ländern des Kontinents, deren höchste Werte diese Musik symbolisiert – Freiheit, Frieden und Solidarität.

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