5. Friede den Hütten…

Weil ich neugierig bin, fahre ich hin und wieder in die Stadt, womit in unserer Gegend das Zentrum Berlins gemeint ist. Ich will sehen, was sich dort tut, wo wir über Jahre mit den Kindern spazieren und meine Frau auf Nahrungssuche gegangen waren. Beispielsweise rund um den Alexanderplatz, der mehr und mehr zugebaut wird, als habe man Angst, auch nur einen Quadratzentimeter Grund und Boden ohne Einnahmen brach liegen zu lassen.
Ein Stück weiter fielen bis vor wenigen Jahren meine Blicke auf die Rückseite des Palastes der Republik, der von Monat zu Monat kleiner wurde. Mit dem Abriss hatte man sich nach langem Streit und lauten Protesten abgefunden. Fast anderthalb Jahrzehnte währte der Kampf seiner Verteidiger, bis die Vernunft unter der Senatskeule auf die Bretter ging. Ein Fingerhut voll Macht ist allemal stärker als ein Sack voll Vernunft. Mit dem selben Asbest-Spritzverfahren aufgebaut wie das ICC – laut Ex-Stadtbaudirektor Ost konnte man sich im Westen mehr von dem teuren Asbest leisten! -, ist jedoch nur der Ostberliner Palast unverträglich für die Besucher gewesen, nicht das bis 1979 als repräsentatives Gegenstück zum Palast der Republik geschaffene ICC.
Nichts mehr mit schwelgenden Erinnerungen von sechzig Millionen Besuchern an vergnügliche Stunden im „Haus des Volkes“. Vergessen die hellen, lichtdurchfluteten Foyers, die zehn Restaurants, Bowlingcenter, Theater und Festsaal mit 1.800 Angestellten. Schluss mit nostalgischen Rückblicken von Künstlern aus aller Welt, die die vollendete Bühnentechnik priesen und von der Wandelbarkeit der Räumlichkeiten mit ihren honiggelben Sesseln im sanft ansteigenden Parkett und auf den Rängen überrascht waren.
Natürlich war im Lande kein Aufschrei der Begeisterung zu vernehmen, als Mitte der Siebzigerjahre für eine Milliarde Mark in tausend Tagen der Palast auf die Spreeinsel gesetzt wurde. Sein Bau bestätigte nachhaltig Jean-Jacques Rousseaus Erkenntnis: „Bei jedem Palais, das in der Hauptstadt erbaut wird, glaube ich die Häuser eines ganzen Landstrichs verfallen zu sehen.“
Wie auch immer Vergangenes zu bewerten ist, das Ding stand nun einmal da. Da es aber gewissermaßen ein Denkmal der Ära Honecker war, hatte es zu verschwinden, so wie der Granit-Lenin aus Ulbrichts Zeiten ein paar Straßen weiter.

K800_VorAbriss

weißerSaal

Das Barockschloss der Hohenzollern hätte erhalten werden können. Doch es wurde für eine Aufmarschfläche des Sozialismus unsinnigerweise gesprengt. Der Weiße Saal (Nachkriegs-Foto) war so gut erhalten, dass 1946 darin die erste Kunstausstellung nach dem Krieg mit moderner französischer Malerei stattfinden konnte.

Mit Schiller möchte man ausrufen: „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen.“ Neues Leben? Auf den Resten uralter Kellergewölbe soll das Schloss der Hohenzollern neu erstehen. Aus Mangel an zeitgemäßen städtebaulichen Konzeptionen soll die barocke Zwingburg der Feudalaristokratie wieder aufgebaut werden. Wenigstens äußerlich soll das Symbol einer untergegangenen Epoche der Stadt zweifelhaften Glanz verleihen. Ebenso soll die Potsdamer Garnisonkirche, das für alle Zeit für den „Tag von Potsdam“ steht, die Inthronisierung eines Massenmörders als deutscher Reichskanzler durch einen Haupttäter des Ersten Weltkrieges als Staatsoberhaupt, wieder aufgebaut werden.
Niemals jedoch werden solche Bauwerke Zeugnisse der Geschichte sein wie beispielsweise das Zeughaus oder die Ruine der alten Gedächtniskirche, deren Gemäuer vom Geist jener Epochen beseelt sind, aus der sie stammen. Denn das sind keine Attrappen der Sehnsucht und der Nostalgie, keine eben errichteten Tempel kulturgeschichtlicher Besinnungslosigkeit. Die sind echt.

Kanzlei

Angesichts dessen, was geschieht, muss die oben genannte Frage erlaubt sein.

Man kann es auch so sehen: Das Wohnhaus des letzten deutschen Kaisers, der den Ersten Weltkrieg mit mehr als zwanzig Millionen Toten verantwortet, soll nach außen hin seine alte Pracht neu entfalten. Ich wehre mich, logisch weiterzudenken, denn dann müsste man damit rechnen, dass in zwanzig Jahren die alte Reichskanzlei samt Führerbunker wieder neu entsteht. Und einige Zeit später der Palast der Republik. Wäre es da nicht billiger gewesen, man hätte bis dahin alles gut verpackt? So wie den Reichstag durch Christo. Wenn auch leider nur für kurze Zeit.

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