Heimlich, still und leise…

Wie Erich Honecker sich an einem Nationaldenkmal vergriff

„Heimlich, still und leise…“, fängt ein alter Gassenhauer an, in dem es auch heißt: „…wie ein kecker Dieb in dunkler Nacht.“ Es passt zur Geschichte von Erich Honeckers Griff in die kostbare Architekturschatulle der Wartburg bei Eisenach, dem Nationaldenkmal der Deutschen. Im Allgemeinen wurde die kleinste Großzügigkeit des SED-Chefs in die Welt posaunt. Doch über diese spendable Geste des Staatsoberhauptes schweigt des Sängers Höflichkeit.

Die Geschichte beginnt in der alten Bundesrepublik, in Heessen, einem Stadtteil von Hamm. Im Mai 1979 beschloss der Vorstand der katholischen Pfarrgemeinde den Bau einer eigenen Kirche, für die 1984 der erste Spatenstich erfolgte. Als eine Botschaft des Glaubens, der Völkerverständigung und des Friedens sollte eine Symbolwand mit Jahrhunderte alten Architektursteinen aus bedeutenden Bauwerken des Christentums bestückt werden und von der engen Gemeinschaft aller Christen zeugen. Die Bitte der Heessener Gemeinde wurde weltweit verbreitet und führenden Persönlichkeiten angetragen. Das Echo ließ nicht auf sich warten. Papst Johannes Paul II. spendete im März 1985 einen Stein aus dem Grab des Heiligen Petrus. Der Kölner Erzbischof Joseph Kardinal Höffner steuerte einen Ornamentstein aus dem Dom zu Köln bei. Die Stadtkirche zu Wittenberg opferte einen mittelalterlichen steinernen Mädchenkopf. Ehrenpatenschaften übernahmen Mutter Teresa, die britische Königin und Frankreichs Präsident Mitterand.

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Ein Kapitell auf einer der Doppelsäulen im Palas der Wartburg (oberes Foto) ist eine Kopie. Das Original (unten) wurde zum Geschenk Honeckers für die Friedenswand der Kirche in Hamm-Heessen.

Auch Erich Honecker hatte von der Friedenswand erfahren. Um weltweite Reputation bemüht, sah er eine Möglichkeit, sich wieder einmal in Szene zu setzen. Oder war es der Wunsch, sich – wenn es mit dem Sozialismus-Experiment nicht klappen sollte – auf andere Weise unsterblich zu machen? Kurzum ließ er ein Gutachten über Vor- und Nachteile einer möglichen Beteiligung anfertigen. Experten des Staatssekretärs für Kirchenfragen waren zu dem Ergebnis gelangt, dass eine christliche Symbolwand und der Führer einer kommunistischen Partei nicht recht zusammenpassten. Außerdem sei eine Spende Honeckers für ein solches Projekt sowohl den eigenen Genossinnen und Genossen als auch verfolgten Bürgerrechtlern unter dem Schutz von Kirchendächern nur schwer zu vermitteln. Erich Honecker, der sich selten genug von vernünftigen Argumenten beeindrucken ließ, entschied anders. Schließlich war er bis zum 14. Lebensjahr auch einmal gläubig gewesen, zwar nicht katholisch, aber immerhin. Er beschloss, etwas ganz Besonderes zur Friedenswand beizusteuern und erinnerte sich an seinen Besuch auf der Wartburg bei Eisenach im April 1983 aus Anlass des 500. Geburtstages von Martin Luther, der auf dieser Burg die Bibel übersetzt und den Deutschen eine einheitliche Schriftsprache gegeben hat. Außerdem erinnert dieser Ort an das selbstlose Wirken der Heiligen Elisabeth für Arme und Kranke Anfang des 13.Jahrhunderts. Das Prozedere war problemlos zu bewerkstelligen, denn weil die Burg seit 1922 eine Stiftung ist, konnte das DDR-Kulturministerium als oberster Dienstherr auch gegen den Willen des in Fachkreisen hoch angesehenen Wartburg-Direktors Werner Noth die Entnahme einer Kostbarkeit par ordre du Mufti anweisen. Die Wahl fiel auf ein Doppelkapitell aus der Erdgeschossarkade an der Westfassade des romanischen Palas´. In aller Stille wurde eine Kopie von 48 mal 20 mal 26,5 Zentimetern zum Verbleib in der Burg gefertigt. Das Kunstwerk der Wartburg-Bauhütte aus dem 12. Jahrhundert mit der Inventarnummer B 105 wurde am 26. März 1985 ausgesondert, vorsichtshalber aber schon am 27. Februar abgeholt. Am 20. Juni 1985 übergab Hermann Kalb als Stellvertreter des Staatssekretärs für Kirchenfragen der DDR in Hamm das kostbare Geschenk mit Echtheitszertifikat und einer Ehrenpatenschaft Erich Honeckers für die Tabernakelsäule der neue Marienkirche. Oberbürgermeisterin Prof. Sabine Zech gab zum Dank ein offizielles Mittagessen, bei dem auch die Fraktionsvorsitzenden aller im Stadtrat vertretenen Parteien zugegen waren. Kein Wort darüber in den Zeitungen der DDR, nur wenige Personen wussten davon.

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Oben die in den Achtzigerjahren gebaute katholische Kirche St. Marien in Hamm-Heessen. Unten: Handwerker gestalten mit den Gaben aus aller Welt die Friedenswand. Rechts oben das Geschenk Honeckers.

Bernard Droste (1922-1998), Vorsitzender des Kirchbauvereins St. Marien, sagte dem Autor wenige Jahre später: „Wir waren alle wie vor den Kopf gestoßen. Damit hatte niemand von uns gerechnet: Herr Honecker beteiligt sich an unserer Friedenswand! Aber wir machten es uns nicht leicht, haben eingehend beraten, was zu tun ist. Im Sinne des Anliegens der Wand konnten wir uns schließlich der Gabe nicht verschließen.“

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Hermann Kalb teilte dem Wartburg-Direktor nach der Übergabe schriftlich mit, dass das Sandsteinkapitell von der Wartburg in Hamm-Heessen „als die bislang künstlerisch wertvollste und architektonisch eindrucksvollste Gabe gewürdigt“ worden sei. Und er fügte hinzu: „Ich bitte Sie, diese Information zunächst noch vertraulich zu behandeln.“ Bald werde in einem Buch der Kirchengemeinde darüber berichtet. In der glanzvollen Festschrift zur Einweihung der Pfarrkirche St. Marien am 13. Dezember 1986 ist zwar der kunstvolle Stein von der Wartburg erwähnt, über Honecker jedoch kein Wort. War es beiden Seiten peinlich?

Mehr über die Jahre der DDR in
“Geschichten aus 14.970 Tagen und einer Nacht”
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Tietelbild Geschichten

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