Als die Macht vom Volk ausging

Militärisch exakte Buchführung über das Ende der DDR

Es liest sich wie das Drehbuch eines aufwändig inszenierten Hase- und Igelrennens. Doch es ist kein Märchen, es sind die Aktennotizen der obersten Militärführung der DDR vom heißen Herbst 1989. Die Protokolle des Ministeriums für Nationale Verteidigung weisen aus, wie sich Hunderttausende Frauen, Männer und Jugendliche in der DDR gegen das SED-Regime zunächst „zusammenrotteten“ bzw. nach Honeckers Sturz zu friedlichen Demonstrationen trafen. Und wie ihnen in angemessenem Abstand bis zu 180 bewaffnete Hundertschaften landauf, landab  folgten.

Die Akte beginnt am 5. Oktober, als die „führende Rolle“ der SED noch in der Verfassung stand. Die 160 Seiten beginnen mit dem Bericht über 20.000 Menschen, die in Dresden die Durchfahrt der Züge mit DDR-Bürgern aus Prag in die Bundesrepublik erwarteten. Tags darauf heißt es im Protokoll: „Während die Zusammenrottungen am Vortag vorwiegend mit Ausreiseabsichten zusammenhingen, waren sie nunmehr fast ausschließlich direkt gegen die Staatsmacht gerichtet.“

Wendeherbs1aAlles wurde registriert. „Hetzschmierer“ trieben ihr Unwesen und forderten die „Zulassung des Neuen Forums“. In Thüringen entzog sich an diesem Tag ein Heißluftballon der Kontrolle des Militärs in westliche Richtung, und an den Grenzen zu Polen, zur CSSR und zur Bundesrepublik wurden 440 Grenzverletzer festgenommen. Gründe genug, harte Saiten aufzuziehen.

Wachsende „Zusammenrottungen“

Selten wurden in Berichten an die SED-Spitze so oft Kirchen erwähnt wie in jenen Tagen. Am meisten die Kirchen in Leipzig, vornehmlich die Nicolaikirche, in Berlin die Gethsemane- und Marienkirche. Auch in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), Dresden, Magdeburg, Halberstadt und anderen Städten hatten evangelische Gotteshäuser ihre Tore weit geöffnet. Was immer dort besprochen, gesungen, ausgestellt wurde – „kirchliche Maßnahmen“ hätten stattgefunden, schreiben die Militärs.

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Wendeherbst3Kaum ein Tag im Oktober und November, an dem nicht ein paar Tausend Bürger auf den Beinen waren, um ihre demokratischen Ansprüche zu artikulieren. Rufe wie „Wir sind das Volk!“ oder „Gorbi, Gorbi – wir bleiben hier!“ genügten, zehn, elf Hundertschaften zu mobilisieren. In den Tagen ab dem 9. Oktober waren es laut Militär 30.000 in Leipzig – andere, realistische Berichte nennen 70.000 Teilnehmer –, 22.000 in Dresden, 8.000 in Karl-Marx-Stadt und 4.000 in Plauen, die sich „zusammenrotteten“.

Von Altenburg bis Zossen

Mitte Oktober, als der Marsch des Volkes in die Freiheit nicht mehr aufzuhalten war, wurden 86 NVA-Hundertschaften allein in Sachsen in Stellung gebracht. Zudem wurde die Staatsgrenze zu Polen und zur CSSR schärfer bewacht, denn bis zur Maueröffnung wurden in diesen Grenzgebieten täglich im Durchschnitt 82 Personen festgenommen. Das lässt nur ahnen, dass es weit mehr auf diesem Weg aus der DDR hinaus geschafft hatten.

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Wer sich über die Losungen jener Tage informieren möchte, lese diese Dokumentation. Die Sprüche und Forderungen der Demonstranten wurden schärfer: „Neue Kader – Neues Forum“, „Lernunterricht statt Wehrunterricht“ und „Freie Wahlen und freie Gewerkschaften!“. Auch die Zahl der Bürger, die nach Feierabend auf die Straßen gingen, wuchs von Tag zu Tag. Es waren, außer in Leipzig, weitere Zehntausende in anderen Städten, schätzte das Militär, das diesbezüglich nicht zur Übertreibung neigte.

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Neben Leipzig, Dresden und Berlin, den Brennpunkten der Proteste, gingen in kleineren Städten wie Klingenthal, Sonneberg, Meißen, Nordhausen, Ilmenau, Schleiz, Altenburg, Quedlinburg, Stendal, Anklam, Demmin, Ribnitz-Damgarten, Werdau und Zossen ebenfalls mehrere Tausend Frauen, Männer und Jugendliche auf die Straße. Die Akten haben alles festgehalten. Ab Anfang November war es zu müßig, alle Ortschaften aufzuzählen, in denen sich der Volkszorn friedlich entlud. Da steht: Demonstrationen fanden in 18, in 24 oder in 34 Orten statt.

Mehr als 18.000 Bewaffnete immer dabei

Die Zahl der einsatzbereiten Hundertschaften war inzwischen auf mehr als 180 angewachsen. Als die SED-Führung die Mauer in Berlin in Gefahr wähnte, wurden 43 Hundertschaften in die Hauptstadt geschickt. Am Tag, als die Berliner Künstler zu ihrer Demonstration am 4. November in Richtung Alexanderplatz aufgerufen hatten, der schließlich mehr als eine halbe Million Menschen folgten, wurden nachts ab 3.45 Uhr „15 Hundertschaften in das Stadtgebiet herangeführt“.
Je weniger sich die neue SED-Führung um die Probleme des Volkes kümmerte, desto prägnanter wurden die Losungen. Das Militär notierte: „Nieder mit dem Knüppelstaat“, „Freie Wahlen vor Bananen und Aalen“, „Wahlgesetz!“, „Opposition zulassen!“, „Statt Wehrdienst ziviler Ersatzdienst“ und „Wir wollen mitbestimmen“.

Befehl: „Standpunkte herausbilden“

Am 1. November gab der Vorsitzende des Nationalen Verteidigungsrates, der am 18. Oktober nach Honeckers Sturz zum SED-Chef gewählte Egon Krenz seinen Befehl 10/89 heraus. Demzufolge hätten die Bezirkseinsatzleitung und die Kreiseinsatzleitungen Berlins „mit sofortiger Wirkung die erhöhte Führungsbereitschaft in ihren stationären Objekten ständig aufrechtzuerhalten“. In Verkennung der tatsächlichen Lage befahl er: „Die politisch-ideologische Arbeit ist darauf zu konzentrieren, bei allen Kommunisten feste politische Standpunkte herauszubilden und die kämpferische Haltung unserer Genossen auszuprägen mit dem Ziel, unsere Partei wieder in die politische und ideologische Offensive zu führen.“

Über den Abend des 9. November heißt es kurz und knapp: „Unter Verletzung der Grenzordnung kam es zu Szenen der Verbrüderung und dem Anstoßen mit Sekt. Es wurde große ´Freude´ über die einsetzenden Regelungen der Regierung der DDR zum Ausdruck gebracht.“
Tags darauf sei es auf westlicher Seite zu einer „Zusammenrottung“ von rund 3.000 Personen gekommen, „davon ca. 900 auf der Mauer“. Am Potsdamer Platz hätten ca. 1.000 Personen versucht, „die Grenzmauer zu zerstören“.
Keine Rede mehr vom „antifaschistischen Schutzwall“.
Als die Zahlen der Bürger, die die Grenze in das westliche Feindesland passierten, sechsstellig war, teilte der Minister für Nationale Verteidigung in Befehl 124/89 vom 12. November lebensfremd mit: „Die Wende zu einer revolutionären Erneuerung des Sozialismus in der DDR ist eingeleitet“, die Situation sei jedoch angespannt und widersprüchlich.

Der größte Flop

Zugleich wurde einer der größten Flops vorbereitet, den sich die SED-Führung in dieser Situation leistete. Mit dem Befehl 125/89 wies Minister Heinz Kessler an, dass NVA und Grenztruppen die Unterbringung von mindestens 10.000 Rückkehrern aus der Bundesrepublik zu unterstützen hätten. Hochrangig besetzte Stäbe von Mitarbeitern aller wichtigen Staatsorgane wurden gebildet, Quartiere für mehrere Tausend Rückkehrer hergerichtet, Finanzen bereitgestellt, Möbel und Verpflegung organisiert, um dem Ansturm der Menschen gewachsen zu sein. Journalisten von Presse, Funk und Fernsehen standen bereit, die ersten Rückkehrer zu interviewen und die Bilder weltweit zu verbreiten.

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Um es kurz zu machen: Kein Mensch kam! Die Aufnahmebereitschaft der Auffangquartiere für die Rückkehrer wurde am 17. November aufgehoben. Noch immer hatte man in den Führungsetagen nicht begriffen, dass das Experiment Sozialismus gründlich gescheitert war.

Die Protokolle enden just an dem Tag, an dem die führende Rolle der SED aus der Verfassung der DDR gestrichen wurde. Der Staat war der SED nicht mehr Rechenschaft schuldig, er war ohnehin nicht überlebensfähig.

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Tietelbild Geschichten

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