Ein Dorf, in dem die Zeit keine Rolle spielt

Prädikow, knapp 300 Einwohner, rund 100 Häuser, und es scheint, als käme Theodor Fontane auf seinen märkischen Wanderungen gleich um die Ecke. Die Zeit wird zur unbedeutenden Nebensache. Wer diese Stimmung erleben möchte, fahre in das mehr als 800 Jahre alte Dorf ein paar Kilometer südöstlich von Prötzel. Als die ersten Häuser gebaut wurden, lag der Ort an der Heer- und Handelsstraße von Köpenick in Richtung Wriezen. Damals wurde auch der Grundstein für die Kirche gelegt, die im Unterschied zu den Kirchen der umliegenden Dörfer den Grundriss einer Basilika besitzt.

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FrescoBeeindruckendes Abendmahl-Fresco in der Kirche von Prädikow, anders als bei Leonardo sitzen sich die Jünger an der Tafel gegenüber, Jusus Christus an der Stirnseite.

Der heutige Zustand resultiert nach schweren Beschädigungen im 30-jährigen Krieg aus den Jahren danach. Ein Förderverein bemüht sich mit viel Initiative für die Erhaltung des Gotteshauses. Konzerte und anderen Veranstaltungen locken Besucher aus Nah und Fern. Zusätzlich überrascht im Kirchhof ein Kräutergarten, in dem vom Liebstöckl über Salbei bis Oregano allerlei angebaut und erläutert wird.

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DerDenker

Skulptur

In Prädikow stehen viele Holz-Skulpturen, hier z.B. „Weitblkick“ von Erhard und Sylke Stecher, „Der Denker“ von Peter Schneider und (unten) „Prädikower Küsschen“ von Peter Oelker, der dem Autor zur Erläuterung mitteilt: „Bei dieser Figur geht es um einen gleichnamigen Likör aus Marxdorf, ein Erdbeer-Minzelikör. Den kann ich sehr empfehlen. Das Küsschen hat daher ein “Gläschen” in der Hand und einen Kußmund-Stempel in der hoch erhobenen Hand.“  Danke, Herr Oelker, ein Besuch kürzlich in Marxdorf kann Ihre Einschätzung – was den Likör betrifft – nur bestätigen. Die Skulptur könnte auch dort als Wahrzeichen vor der Manufaktur stehen. Danke!

Das Verblüffende – man findet im Dorf keine Neubauten, keine Baugruben und Fundamente für neu Entstehendes. Dafür liebevoll restaurierte alte Häuser und Scheunen mit einem großen Anteil an Feldsteingemäuer. Üppige Gärten, aufgeschichtete Holzstapel und in mancher Einfahrt ein modernes Auto – es sei ihnen gegönnt. Einiges ist im Wiederaufbau, anderes wartet möglicherweise noch auf neue Besitzer, wie das ehemalige Gutshaus, in das man – wäre es wiederhergestellt – sofort umziehen möchte. Ein ganzes Dorf als Kulturgut.

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Die besondere Überraschung: Rund um das idyllische Pfarrhaus gegenüber der Kirche, der für jeden Besucher offen steht, zwischen altem Gemäuer, knorrigen Bäumen und einer Vielfalt an Pflanzen findet man Stühle und Bänke – nein, nicht aus Plastik! – aus vergangenen Zeiten, uralte Skulpturen aus Stein, ein Pavillon und dazwischen immer wieder Oasen von Blüten über Blüten – ein Paradies für Bienen, Schmetterlinge und andere Nektar-Genießer. Ein paar gezupfte Pfefferminzblätter und der Frühstückstee am nächsten Morgen ist perfekt. Überflüssig zu sagen, dass man ein paar Häuser weiter an einem Glas Honig gegen Einzahlung in eine Kasse des Vertrauens nicht vorbeigehen kann. Zwei Häuser weiter frische Eier. Prädikow – bis bald!

P.S.

Im Juli 2015 lese ich im „Märkischen Markt“, dass möglicherweise der alte Prädikower Friedhof geschlossen wird. Er rentiert sich nicht mehr. Der Vorwurf scheint an die Prädikower zu gehen: Fünf Beerdigungen in den vergangenen dreieinhalb Jahren – das bringt natürlich so gut wie nichts ein. Selbst laut Kirchenrecht muss sich ein Friedhof selber tragen, darf nicht zum Zuschussgebiet werden. Nun wird schon seit 2013 über dieses Problem diskutiert, heißt es. Und wenn sie nicht gestorben sind – die Rentabilität des Friedhofes ist dafür allein kein Grund – werden sie noch lange diskutieren…

SAMSUNG DIGITAL CAMERADas Pfarrhaus von Prädikow mit Bildern aus dem Garten

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GehöftEines von vielen gut erhaltenen alten Feldsteinhäusern

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Beim Skulpturenfest im September 2016 wurde diese neue Bank eingeweiht

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4 Kommentare

Mai 12, 2014 · 7:46 am

4 Antworten zu “Ein Dorf, in dem die Zeit keine Rolle spielt

  1. Pingback: Inhalt | Klaus Taubert

  2. Peter Oelker

    Hallo Herr Taubert, eben finde ich Ihren Artikel, “ in dem die Zeit keine Rolle spielt“. Besten Dank für die Darstellung des „Prädikower Küßchens“, wie meine Skulptur mit vollem Titel heißt. Ich erarbeite solche Figuren stets mit längeren Texten, da ich ja immer ein Weilchen bis zur Fertigstellung brauche und dabei fallen sie mir dann spätestens ein. Bei dieser Figur geht es um einen gleichnamigen Likör aus Marxdorf, ein Erdbeer-Minzelikör. Den kann ich sehr empfehlen. Das Küsschen hat daher ein „Gläschen“ in der Hand und einen Kußmund-Stempel in der hoch erhobenen Hand. Wenn Sie möchten, erzähle ich die Geschichte mal zuende. Prädikow ist in jedem Fall ein toller Ort, von dem ich mir wünsche, dass er mehr mit und aus seiner Historie, z. B. für die durchsausenden Fahrrad-Touristen, macht.
    Freundliche Grüße
    Peter Oelker

    • Vielen Dank, Herr Oelker, habe Ihren Hinweis im Text berücksichtigt. Fahre übrigens öfter nach Prädikow, besuche den Pfarrgarten, kaufe Honig und Eier und nehme im Kirchgarten ein paar Pfefferminzblätter mit. Ein Ort, der entschleunigt und zudemj mit interessanten Skulpturen aufwartet. Glückwunsch auch für Ihreen Geschmack und Ihre Arbeiten. Mit freundlichen Grüßen
      Klaus Taubert

  3. Pingback: Inhalt | Klaus Taubert

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