Soeben auch gedruckt erschienen:

„Geschichten über 14.970 Tage und eine Nacht“/ Leseprobe

Ab sofort sind die fast 500 Seiten für 16.04 Euro erhältlich, ca. 450 Seiten: https://www.amazon.de/Geschichten-%C3%BCber-14-970-Tage-Nacht/dp/1533407630/ref=sr_1_11?s=books&ie=UTF8&qid=1464158260&sr=1-11&keywords=Klaus+Taubert

Produkt-Information

Wenn von der DDR die Rede ist, sollte man wissen worüber man spricht – in Schule, Studium und am Stammtisch.  Da helfen diemehr als 80 „Geschichten über 14.970 Tage und eine Nacht“.  Erinnerungen, Erlebtes wie Erfahrenes, Komisches wie Sonderbares aus Wirtschaft, Landwirtschaft, Kultur, Politik und Alltag  vom Anfang bis zum Ende des Arbeiter- und Bauern-Staates hat der Autor  niedergeschrieben. Vom Jungen Pionier bis zum Chefreporter der staatlichen Nachrichtenagentur – sachlich, kritisch und nicht ohne bisweilen ironische bis sarkastische Interpretation. Angereichert mit  sachlichem Hintergrund, einer hundertseitigen  Chronik über 40 Jahre DDR sowie einer dateilierten Geschichte des Arbeiteraufstandes von 1953, ist das Buch ein kurzweiliges Kompendium für alle, die dabeigewesen sind und die, die wissen wollen, wie es wirklich war. Für Feinschmecker sind einige Rezepte aus Honeckers geheimer Hofküche eingestreut, die sich das „gemeine Volk“ aus Mangel an Zutaten damals nicht leisten konnte.

LESEPROBE:

Der Fall der Mauer

Seit Günter Schabowski am frühen Abend des 9. November 1989 die Grenze zur Bundesrepublik öffnete, wird darüber gestritten, ob das durch ein Versehen oder bewusst geschah. Für die Geschichte zählt allein die Gewissheit, dass es einem anderen möglicherweise nicht einmal aus Versehen passiert wäre.

Die Ereignisse am 9. November überraschten auch uns Journalisten. Niemand kann sagen, er habe es so kommen sehen. Auch wenn man erkannt hatte, dass die DDR seit Gründung in ihrer größten Krise steckte. Im Gegensatz zum 17. Juni 1953 gab es diesmal keine massenhaften Arbeitsniederlegungen. Man ging nach Feierabend demonstrieren. Und man blieb friedlich. Mit allem hatte die Führung gerechnet, nicht aber mit Kerzen und Gebeten als Protest im Arbeiter-und-Bauern-Staat.

Und die Russenpanzer blieben in den Kasernen. Und die Polizei hielt sich zurück. Und Hunderte Kompanien der NVA wurden im angemessenen Abstand zu den „Unruheherden“ kreuz und quer durch das Land geschickt, ohne einzugreifen. Die Einsatzpläne der Nationalen Volksarmee und die täglichen Situationsberichte der Armeeführung lesen sich wie Hilferufe an Honecker und Krenz, sie mögen doch endlich diesen widerlich-friedlichen Aufruhr verbieten. Die Leute randalierten ja nicht einmal.

Am 9. November, wir saßen im „Großen Haus“ und verfolgten eine Tagung des Zentralkomitees der SED, das aus alten Kadern eine neue Führung bastelte, da geschah das Unerwartete. Schabowski öffnete gegen alle Absprachen die Mauer. Nach einem großen Hickhack hinter den Kulissen, den Historiker zu klären haben, verkündete er als Sprecher der SED-Führung die sofortige Möglichkeit für DDR-Bürger auszureisen, beispielsweise über die Berliner Grenzübergangsstellen. Das alles war erst für den 10. November vorgesehen.

Ich halte dieses „Versehen“ für wohlüberlegt. Man stelle sich vor, Hardliner wie Mielke, Stoph und die Generalität hätten in der Nacht zum 10. November den Beschluss zur Maueröffnung mit militärischer Gewalt rückgängig gemacht und die dafür Verantwortlichen aus dem Verkehr gezogen. Noch hatten der Stasi- und der Innenminister die Regelung nicht abgesegnet. Eine „chinesische Lösung“ wäre immer noch möglich gewesen.

Schabowskis Entscheidung, wie immer man zu diesem Mann stehen mag, war die Tat eines klugen Kopfes, der unveränderliche Tatsachen schuf, als er für einen Augenblick das Heft des Handelns in der Hand hielt und um 18,57 Uhr über die nahe Zukunft einer Nation entschied. Es war nicht mehr, und es war nicht weniger.

Als Diensthabender verfolgte ich minutiös die Geschehnisse des Wochenendes und schrieb eine Dokumentation über die ersten 50 Stunden bei offener Mauer. Ich war sicher, dass die DDR dieser Situation nicht gewachsen sein würde und wählte als Überschrift: „Eine Entscheidung von historischer Tragweite“.

In aller Welt wusste man, politisch brisante Nachrichten aus dem Hause ADN waren von der SED-Führung abgesegnet worden. Deshalb verwunderte es nicht, dass große Nachrichtenagenturen wie AP, Reuters, DPA auf diesen Beitrag wie auf eine Sensation reagierten: „ADN nennt die Maueröffnung eine Entscheidung von historischer Tragweite“. Tatsächlich war über diese Schlagzeile ganz oben, ganz oben in meinem Kopf entschieden worden. Wir waren so frei, endlich!

Vieles hatte ich, hatten die meisten nicht vorhergesehen. Doch dass unter Gorbatschows Herrschaft plus Fall der Mauer eine Weltanschauung ihren Geist aufgab, das war zu erkennen. Man spürte, dass in diesen Tagen ein ganzer Überbau zusammenbrach, Gerüste einstürzten, Säulen kippten und Ruhmeshallen zerbarsten. Ein Weltsystem begann sich aufzulösen. In Wohlgefallen, kann man nicht sagen, denn auch Tschetschenien, Jugoslawien, Äthiopien, Angola, Mocambique, Afghanistan und andere rechneten sich diesem System zugehörig. Und sie sind bis heute auf der Suche nach Zukunft.

Als der Mauerfall noch längst nicht verdaut war, tauchte am 11. November im ADN-Foyer in der Mollstraße ein Mann auf, etwa 1,65 Meter groß, schütteres Haupthaar, große Brille. Er wünschte einen Verantwortlichen zu sprechen.

Da stand er wieder vor mir, zum zweiten Mal im Leben: Rechtsanwalt Gregor Gysi. Diesmal nicht als Verteidiger im Prozess gegen Rudolf Bahro, sondern als Verteidiger eines reisedurstigen Volkes. Als Vorsitzender des Rates der Kollegien der Rechtsanwälte der DDR übergab er mir die Entwürfe für ein Reisegesetz sowie für ein Gesetz über die Verlegung des ständigen Wohnsitzes von Bürgern der DDR ins Ausland.

Ich ließ aus beiden Dokumenten Nachrichtenfassungen anfertigen und übergab sie der Öffentlichkeit. Doch sie waren so gut wie Makulatur, kamen um Stunden – ach, um Jahre zu spät.

 

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