Sein letzter Fall – Ein Ostberliner Kripo-Chef erinnert sich

„Herr Honecker, ich bin Ihr Vernehmer“

Nur wenige Kriminalisten können sich rühmen, gegen Eierdiebe und Staatsoberhäupter gleichermaßen ermittelt zu haben. Ralf Romahn, der ehemalige Marine-Kampfschwimmer, Streifenpolizist und jüngste Kripo-Chef in der DDR, kann es. Er war Detektiv mit Leib und Seele – bis zum letzten Tag der DDR. Romahn leitete die Kriminalpolizei in Berlin-Mitte.

Ralf Romahn erinnert sich:

Am Abend des 28. Januar 1990 erhielt ich als Kripo-Chef und Oberstleutnant der Volkspolizei in meinem Dienstzimmer im Volkspolizei-Präsidium in der Berliner Keibelstraße einen überraschenden Anruf. Das hing damit zusammen, dass ich zu einer Sonderkommission von 50 Kriminalisten und zehn Staatsanwälten gehörte, die die Vorkommnisse um den 40. Jahrestag der DDR zu untersuchen hatte und ab Anfang 1990 auch in Sachen Regierungskriminalität ermittelte.

“Ralf, morgen wird Erich Honecker aus der Charité entlassen. Gegen ihn läuft ein Ermittlungsverfahren wegen Hochverrats. Der Mann ist zu vernehmen. Das machst du.”

Montagmorgen um sieben Uhr war ich in der Haftanstalt Rummelsburg. Mir wurde ein Raum mit zwei gegeneinander stehenden Schreibtischen und fünf Stühlen zugewiesen. Ein heller Fleck an der Wand verriet, dass hier ein Bild abgehängt worden war. Ich dachte mir meinen Teil.

Mit dabei waren ein stellvertretender Generalstaatsanwalt und eine Sekretärin. Dann wurde mir Erich Honecker zur Vernehmung „zugeführt“. Ich stellte mich höflich vor. Honecker erwiderte den Gruß, schaute mich an und sagte: „Du könntest mein Junge sein.“

Klar, hätte ich sein Junge sein können. Ich hätte von manchem, den ich schon vernommen habe, der Junge sein können. Ich ging auf solche Floskeln nicht ein. „Ich bin aber nicht Ihr Junge, Herr Honecker. Ich bin Ihr Vernehmer“, stellte ich die Situation klar.

Mittag war angeblich an allem schuld

Dann fragte ich, wie er sich fühle. Honecker fühlte sich gut. Ich eröffnete ihm den Hauptvorwurf, nämlich Hochverrat, und bat ihn, sein Leben zu schildern, was Honecker emotionslos tat. Dann kamen wir zu den Sachverhalten, u.a. auch auf die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der DDR zu sprechen. Mitunter wurde Honecker energisch, klopfte mit den Knöcheln seiner Faust auf den Tisch, was ich mir verbat.

Interessant für mich war, dass er an Günter Mittag kein gutes Haar ließ. Der habe immer seine eigenen Ziele verfolgt, habe durch Schalck-Golodkowski sogar am längeren Hebel gesessen, so dass ihm wenig Spielraum geblieben sei, in die Wirtschaft einzugreifen. Gegen Ende der Vernehmung kam ich darauf zu sprechen, dass zunehmend mehr Bürger im Lande nicht mehr mit der Politik der SED einverstanden seien und schließlich demonstrierten, in Rostock, in Berlin, in Leipzig und anderswo.

Da kam Leben in den müden, blassen Mann: “Wenn Krenz behauptet, er habe den Schießbefehl in Leipzig aufgehoben, dann stimmt das nicht. Die Kampfgruppen stehen bis heute hinter mir. Ich habe angewiesen, dass nicht geschossen wird.”

“Also gab es einen Schießbefehl”, fragte ich nach.

Da holte Erich Honecker tief Luft, stand auf, meinte sich nicht mehr wohl zu fühlen und bat, die Vernehmung zu beenden.

Um die Mittagsstunde begleitete ich Erich Honecker bei einem Hofspaziergang. Er schilderte, dass er den Knast in Rummelsburg aus der Nazizeit kenne. Hier sei er einmal eingesperrt gewesen, zufällig in derselben Zelle, in die er heute eingewiesen wurde. Ich glaubte nicht an Zufall.

Besuch bei einem „Wohnungslosen“

Zu einem weiteren Gespräch fuhr ich mit einem Staatsanwalt an einem Mittwoch danach nach Lobetal in die Wohnung von Pfarrer Holmer, der dem Ehepaar Honecker ein Zimmer seines Hauses zur Verfügung gestellt hatte. Vor dem Haus standen 30 bis 40 Leute, die mit viel Krawall gegen Honecker wetterten. “Hängt ihn auf” und ähnlich lauteten die Sprüche. Kein Polizist, niemand der diese Leute im Zaum hielt.

Ich griff mir den Lautstärksten, zeigte ihm meinen Ausweis und sorgte erst einmal für Ruhe. Dann gingen wir ins Haus. Pfarrer Holmer beklagte sich, dass man ihm einen schwerkranken Mann gebracht habe, dazu einen Koffer mit der medizinischen Versorgung, aber keinem Hinweis, was zu tun sei. Im engen Raum in der ersten Etage lag Erich Honecker auf einem Sofa. Margot Honecker saß in einem kleinen Sessel neben ihm, in der Ecke lief ein kleiner Fernseher. Eigentlich wollten wir mit Erich Honecker den Fragenkatalog für die nächste Vernehmung absprechen, doch in der bedrückenden Atmosphäre kam es nur zu einem persönlichen Gespräch, das im wesentlichen Margot Honecker mit uns führte. Sie beklagte sich darüber, dass sie keine Wohnung hätten.

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Bei einem Blick in den Personalausweis sah ich, dass die Honeckers gar nicht in Wandlitz angemeldet waren. Sie waren die ganzen dreißig Jahre, solange die Waldsiedlung der Politprominenz als solche bestand, immer am Majakowskiring in Pankow gemeldet.

Am selben Abend noch rief ich seinen behandelnden Urologen an und forderte, dass Honecker sofort wieder in die Charite kommt, oder in Lobetal ein medizinischer Stützpunkt eingerichtet wird. Am nächsten Tag wurde Honecker nach Beelitz in ein Lazarett der Sowjetarmee verlegt.“

Der Pferdekutschen-Mörder

Ralf Romehn schildert einige seiner „normalen“ Fälle, die nicht in den Zeitungen zu finden waren und doch so viel „Lesestoff“ für die nicht gerade verwöhnte Leserschaft in der DDR hergegeben hätten. Kriminalität in der DDR war ein Tabu, mit dessen Hilfe verhindert wurde, schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit zu waschen. Dabei gab es alle Verbrechen, vom Kindermord über Vergewaltigung bis zum Raubmord. Doch mit einer „sozialistischen Menschengemeinschaft“ waren diese Verbrechen unvereinbar. Daher wurden sie verschwiegen.

1987 feierte Berlin den 750. Jahrestag. Überall Volksfeste, auch im Bezirk Prenzlauer Berg. Vom Thälmann-Park aus gab es Kremserfahrten durch die nähere Umgebung. Eltern setzten ihre Kinder auf die Pferdekutschen, um sie nach einer halben Stunde wieder in Empfang zu nehmen. Plötzlich fehlte bei der Rückkehr ein kleiner Junge. Drei Tage später wurde er ermordet im Keller eines Mietshauses gefunden. Die fieberhaften Ermittlungen führten zu keinem Ergebnis. Im Mai 1988 wiederholte sich das Schreckliche. Ein Mädchen wurde nach einer Kremserfahrt auf ähnliche Weise in einem Keller ermordet aufgefunden.

Der Öffentlichkeit wurden die Taten verschwiegen. Die Ermittlungen blieben ohne Ergebnis. Am 7. Oktober 1988, als zum DDR-Geburtstag wieder Volksfeste stattfanden, war Romahns Truppe vorbereitet. Alle verfügbaren Kräfte waren im Einsatz, Video-Kameras installiert. Da schnappte die Falle zu, als der Täter bereits einen Jungen von einem Kremser gezerrt hatte. Der Sexualstraftäter wurde 1989 rechtskräftig zu lebenslanger Haft verurteilt. Nach der deutsch-deutschen Vereinigung stellte er einen Antrag auf Rechtsprüfung des Urteils und wurde 1995 entlassen. Nachdem er erneut gemordet hatte, kam er 1997 wieder hinter Gitter.

Der Ohr-Abdruck

Da war Hanne aus Pankow, der 1986 vorwiegend von Wohnungseinbrüchen lebte. Er hatte es vor allem auf Schokolade, Wein, Kaffee und Bargeld abgesehen und richtete kaum sichtbaren Schaden an, so dass der Bruch oft gar nicht bemerkt wurde. Doch eines Tages wurde Hanne auf frischer Tat geschnappt. Weil er nie Fingerabdrücke hinterließ, war es nicht einfach, ihm Einbrüche nachzuweisen. Also nutzten die Kriminalisten seine Marotte, stets mit einem Ohr an der Wohnungstür zu lauschen, bevor er die primitiven Buntbartschlösser öffnete. Die Türen der Einbruch-Wohnungen wurden mit der Methode der Daktyloskopie nach Spuren abgesucht und diese mit den Abdrücken von Hannes Ohren verglichen. Fünfmal ein Treffer. Freiwillig gab er dann etwa 30 Einbrüche zu.

1987 war es zu einer ganzen Reihe weiterer Einbrüche gekommen, auf die sich Ralf Romahn und sein Team keinen Reim machen konnten. In mehreren Druckereien fehlten Einzelteile, deren Besitz keinen rechten Sinn ergab. In einem Fotogeschäft wurde außerdem Papier und eine automatische Schneidevorrichtung gestohlen. Da diese Einbrüche in größeren Zeitabständen stattfanden, kam niemand auf die Idee, alles von einem Fachmann begutachten zu lassen.

Wer druckte schon DDR-Geld?

Kurzum: Eine Bande junger Männer, ein Offsetdrucker, ein angehender Banker und zwei Zocker, die allesamt im Zocker-Cafe Weinbergsweg für Black Jack, Poker und andere Glücksspiele um beträchtlichen Summen spielten, hatten vor, Geld zu fälschen. In einer Wohnung in der Ackerstraße bauten sie die geklauten Teile zusammen und begannen zunächst ausländische Währung zu vervielfältigen, beispielsweise Lira und Peseten. Sie tauschten das Geld bei der Staatsbank ein. Dann fälschten sie 20- und 50-Markscheine der DDR-Währung, mit denen sie u.a. ihre Spielschulden beglichen.

Auf die Spur der Täter ist ein Abschnittsbevollmächtigter (ABV) gekommen, nachdem die BEWAG Anzeige gegen unbekannt wegen unerlaubter Stromentnahme in einem Haus in der Ackerstraße erstattet hatte. Das Gauner-Quartett bezog nämlich den Strom für die energieintensive Offsetmaschine aus dem Treppenhaus. In der Fälscherwerkstatt fanden die Kriminalisten Falschgeld, das etwa zwei Millionen Mark entsprach.

Mitterands Duell-Waffen

1987 wurde ein Einbruch in der Abstellkammer einer neuen Wohnung in der Leipziger Straße gemeldet. Von solchen Einbrüchen gab es Hunderte, von denen viele unaufgeklärt blieben. Nicht dieser. Die vom Einbruch betroffene Familie war die der Tochter Erich Honeckers. Mit der Auflage, den Täter schnellstens zu fassen, wurde alles mobilisiert, was Beine hatte. Nach wenigen Tagen war der Einbrecher dingfest gemacht. Er war ein einfacher „Eierdieb“, wie Romahn ihn bezeichnete, der vorzugsweise Konserven und Getränke stahl. In diesem Fall war ihm jedoch etwas Kostbares in die Hände gefallen, über das die Kriminalisten nicht schlecht staunten: Eine Kassette mit zwei kostbaren Duell-Pistolen, die der französische Staatspräsident Mitterand Erich Honecker mit persönlicher Widmung geschenkt hatte.

Mit einer unlösbaren Aufgabe wurde Ralf Romahn 1988 konfrontiert. Jeden Sonnabendvormittag trafen sich bis zu einhundert, mitunter auch noch mehr Pkw rund um die Hannoversche Straße in Berlin-Mitte, wo die Ständige BRD-Vertretung ihren Sitz hatte, um per Autokorso durch die Stadt zu fahren. An den Antennen befanden sich farbige Stoffbänder – landesweit bekannte Zeichen für ausreisewillige DDR-Bürger. Ein weißes Schleifchen belegte einen Ausreiseantrag. Eine grüne Schleife deutete auf die Bearbeitung des Antrages. Schwarzer Flor signalisierte die Ablehnung.

Die „Fähnchenfahrer“

Der Chef-Kriminalist wurde aufgefordert, gegen die „Fähnchenfahrer“ vorzugehen. Doch er hatte keine Handhabe. Die Autos hielten oder parkten ordnungsgemäß, beachteten die Ampelsignale und fuhren die vorgeschriebene Geschwindigkeit. Selbst nach dem „Rowdytum“-Paragraphen 215 des Strafgesetzbuches war nichts auszurichten. „Ich konnte den Kraftfahrern keine Gesetzesverstöße, keinen böswilligen Protest und nichts Herabwürdigendes nachweisen und ließ sie fahren.“ Der Staat war machtlos.

Ralf Romahns letzter Fall war ein Tötungsdelikt an einer Bushaltestelle im Allendeviertel in Köpenick. In der Nacht vom 1. zum 2. Oktober war dort ein junger Mann niedergestochen worden. Der Kripo-Chef bekam den Auftrag, sich sofort darum zu kümmern, denn einen Tag nur war seine Truppe noch im Amt. Er setzte alle verfügbaren Kräfte ein, und noch am 2. Oktober 1990 wurde der Täter festgenommen. Kein Kapitalverbrechen aus DDR-Zeit musste ungelöst übergeben werden.

Er knipste das Licht aus

Ralf Romahn war derjenige, der am Abend des 2. Oktober 1990 – ein Tag vor seinem 37. Geburtstag – im langen finsteren Gang einer oberen Etage des Polizeipräsidiums in der Keibelstraße das Licht ausknipste.

Hier hatte er mit etwa 60 Leuten zusammengearbeitet, von denen er jeden einzelnen, zum Teil auch dessen Ehepartner und Kinder, kannte. Es war totenstill. Die Türen standen gähnend weit offen, verwaist die leer geräumten Schreibtische. Unheimlich hallten die Schritte zwischen dem dicken Gemäuer. An der Polizeifachschule in Münster sollte am 7. Oktober ein Lehrgang beginnen, der ihn als neu ernannten Oberrat für das vereinte Deutschland rüsten sollte. Die Unterlagen waren vorbereitet, die Fahrkarte gelöst. Zwei Tage später reichte ihm im Polizeipräsidium am Platz der Luftbrücke der stellvertretende Berliner Polizeipräsident ein Kuvert und bat, den Empfang zu quittieren. Kein Danke, kein Leben-Sie-Wohl – ein Rausschmiss. Bis Juni 1991 bezahlte man den Oberrat noch, der bis dahin nicht einmal mehr Verbrechen aufklären durfte.

 

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