Der Buletten-Krimi

Die gebratene Alarmanlage

Die weiße Villa mit der großen Terrasse zum Park hinaus war an diesem schwülen Spätsommertag menschenleer. Die Besitzer, ein renommierter Toxikologe und leidenschaftlicher Hobbykoch, düste mit Gattin zu einem Einkaufsbummel in Richtung Paris, um das Wochenende mit einem Besuch im Louvre stilvoll zu verbringen.
„Schließ´ gut ab, Volker“, hatte die Frau ihren Mann gebeten. „Ich verstehe nicht, wie du so unbesorgt sein kannst, bei all unseren antiken Quitäten und Kunststücken im Haus. Ist die Terrassentür auch gut verschlossen?“
„Kunstschätzen, Liebes, Kunstschätzen. Geh´ schon mal zum Taxi“, erwiderte der Professor, “ich schau noch einmal nach.“
Der Professor ging in sein Arbeitszimmer, danach in die Küche und saß zwei Minute später im Taxi. Nach der Terrassentür hatte er gar nicht gesehen.
„Alles in Ordnung“, sagte er zu seiner besorgten Gattin, die wie schon so oft vorwurfsvoll hinzufügte: „Unsere Nachbarn haben alle Alarmanlagen.“ Sie sagte das, als handele es sich bei Alarmanlagen um Statussymbole.
„Lass´ mal gut sein, Liebes“, entgegnete der Professor, „unsere Haus ist viel sicherer. Wer uns bestiehlt, wird nicht weit kommen.“
Ein nagelneues Sommerkleid einer Nachbarin, die gerade ihrem kleinen Porsche vor der Villa gegenüber entstieg, hatte die Aufmerksamkeit der Gattin auf wichtigere Dinge gelenkt.

*

Stunden später. Es war Mitternacht. Ruhe lag über der Villa, nur ein flauer Wind raschelte mit den Blättern der alten Eichen. Auf dem Nebengrundstück bellte ein Schäferhund, um sich aber gleich wieder geruhsam auszustrecken.
Hastig schlich ein Mann in Richtung der weißen Villa. Von der Terrasse aus verschaffte er sich mit einem Einbrecherbesteck sekundenschnell Zutritt. Offensichtlich wusste er genau, dass sich niemand im Haus befand, denn er ging sehr zielstrebig durch die Zimmer. In einem Beutel ließ er eine Meissner Vase, zwei kleine Gemälde von der Wand über der Vitrine und einen dreihundert Jahre alten Leuchter verschwinden. Im Obergeschoss fand er kostbare Münzen, eine Schatulle mit Schmuck und zwei goldenen Uhren.
Zum Abschluss seines Raubzuges betrat der Mann die geräumige Küche, in der zu orientieren der Mondschein ausreichte. Zufrieden mit sich und der Beute entnahm er dem Kühlschrank eine Flasche Bier, öffnete sie mit einem auf dem Tisch liegenden Öffner und nahm einen kräftigen Schluck. Seine Augen verfingen sich an einer Schüssel mit appetitlichen Buletten. Zur Krönung seiner erfolgreichen Tour stillte er mit drei Fleischkügelchen seinen Appetit, trank das Bier aus und machte sich leise und vorsichtig auf den Rückweg.
Als der Dieb die Terrassentür hinter sich zugezogen hatte, standen ihm dicke Schweißperlen auf der Stirn. In seinem Magen begann ein Krampf zu rumoren. Ein mulmiges Gefühl beschlich den Mann, der bereits Mühe hatte, das Raubgut zu tragen. Taumelnd schleppte er sich über die Terrasse und zehn Schritte weiter brach er auf dem kurz geschorenen Rasen zusammen. Er krümmte sich unter Schmerzen, die ihn den Verstand zu rauben schienen.
„Hilfe! Helft mir doch!“, rief er so laut er konnte. Der Hund auf dem Nebengrundstück schlug an.
„Was ist los, Astor“, rief der herbeieilende Nachbar und vernahm die Hilferufe. Er schaltete die Außenbeleuchtung ein und ging behutsam in Nachbars Garten. Mit einer Taschenlampe strahlte er den am Boden liegenden Mann an und sah dessen schmerzverzerrtes Gesicht.
„Wer sind Sie denn“, fragte er erstaunt, beugte sich zu dem Dieb und sah, wie seine Hände einen prall gefüllten Beutel weg zu schieben versuchten.
„Helfen Sie mir, ich sterbe“, stöhnte der Dieb.
„Sofort. Bleiben sie ruhig liegen, ich hole Hilfe.“
Der Mann rannte in seine Wohnung, griff sein Handy und rief den Notdienst an. Er legte den Kopf des Mannes auf ein Sofakissen, das er mitgebracht hatte und holte ihm ein Glas Wasser, nach dem er verlangt hatte. Wenige Minuten später fuhr ein Streifenwagen mit eingeschaltetem Blaulicht vor und gleich danach kam auch schon ein Notarztwagen.

*

Als der Professor und seine Gattin Sonntagabend aus Paris zurückkam, wurden sie seltsamerweise von einem Polizeibeamten auf ihrem eigenen Grundstück begrüßt.
„Guten Abend. Was ist los“, fragte der Toxikologe überrascht.
„Bei Ihnen wurde eingebrochen. Ihr Nachbar sagte uns, dass Sie üblicherweise um diese Zeit zurückkämen, da habe ich auf Sie gewartet.“
„Haben Sie den oder die Einbrecher erwischt?“, fragte der Professor.
„Ja, wir fanden einen Dieb halbtot im Garten liegend. Die Beute ist sichergestellt.“
„Wer hat ihn so zugerichtet?“
„Das wissen wir noch nicht, er liegt im Krankenhaus, wird aber durchkommen.“
„Kann er da nicht fliehen?“
„Nein, zwei Kollegen vom Streifendienst, die als erste am Tatort waren und ihr Haus inspizierten, liegen mit ihm in einem Zimmer. Es geht ihnen aber wesentlich besser.
Der Toxikologe und seine Gattin gingen nun schon etwas ruhiger gestimmt in ihr Haus. In der Küche sah die Ehefrau eine fast leere Schüssel mit kleinen runden Buletten auf dem Tisch stehen.
„Wo kommen die Buletten her“, fragte sie ihren Mann, der kurz nach ihr die Küche betrat.
Schnell nahm der Toxikologe die Schüssel vom Tisch und ging in sein Arbeitszimmer. Dabei sagte er zu seiner ziemlich ratlos blickenden Frau: „Du weißt doch, so einfach ist es nicht, uns zu bestehlen.“
Zufrieden mit der Antwort, steckte die Gattin, als ihr Mann die Küche verlassen hatte, rasch eines der Fleischklößchen in den Mund, das sie vor dem Eintreten ihres Gatten  der Schüssel entnommen und hinter sich gehalten hatte.
Alles in allem wurde es noch ein sehr aufregender Abend.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Satire

Eine Antwort zu “Der Buletten-Krimi

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