Das Kaisers neue Vorschläge

Als Bayern eine Maut einführen wollte

(frei nach Hans Christian Andsersen)

Vor vielen Jahren lebte einmal ein bayerischer Kaiser namens Seehofer, der so über die Maßen viel von schönen neuen Vorschlägen hielt, dass er all sein Geld ausgab, um nur immer recht viele Vorschläge zu haben. Für jede Stunde des Tages hatte er eine andere Idee, und wenn man sonst von einem Kaiser sagte: er sitzt mit seinen Räten im Rate, so hieß es von ihm immer nur: er steht vor seinen Vorschlägen und hält Musterung über deren Verwirklichung.
Nun kamen eines Tages zwei Spitzbuben in seine Kanzlei und gaben sich für Verkehrsexperten von einer besonderen Fertigkeit aus. Ihr Vorschlag, den sie zu unterbreiten hätten, sei von einem ganz besonderen Reiz, der würde das Ansehen des Kaisers weit über die Landesgrenzen hinaus vergrößern. Aber das allein wäre noch gar nichts. Der Vorschlag – dabei handelte es sich um die Einführung einer Straßenmaut für Automobile – hätte eine noch viel wunderbarere Eigenschaft. Jeder nämlich, der nicht für sein Amt tauge, oder ein Dummkopf wäre, für den scheine er völlig unrealisierbar.
Als der Kaiser das vernahm, freute er sich von Herzen. „Das ist ja gerade der Vorschlag, den ich brauche“, sagte er bei sich. “Wenn ich die Maut einführe, werde ich gleich wissen, wer ein Dummkopf ist und dahinterkommen, welche Leute in meinem Reich für ihr Amt untauglich sind. Ja, dieser Vorschlag muß sofort verkündet und in die Tat umgesetzt werden.“ Er ließ also den beiden Experten einen Beutel mit Gold überreichen, damit sie ungesäumt mit ihrer Arbeit beginnen könnten, und ein großer Saal der Staatskanzlei wurde ihnen als Büro eingeräumt. Für ihre Aufsicht setzte der Kaiser einen Minister ein, den er Dobrindt nannte.
Nach einiger Zeit dachte der Kaiser bei sich: „Ich möchte doch gern wissen, wieweit die beiden mit ihrem Maut-Vorschlag sind und ob er nicht bald für das ganze große Reich zu nutzen ist.“ Aber er wollte einstweilen noch nicht selber hingehen. „Ich will meinen Dobrindt hinschicken“, sagte er, „der kann am besten sehen, wie der Vorschlag sich ausnimmt, denn er ist kein Dummkopf, und niemand führt sein Amt besser als er.“ Als der Dobrindt in den Saal kam, wo die beiden Experten an leeren Tischen hockten, da riss er die Augen auf. „Lieber Gott im Himmel“, sprach er bei sich, „ich kann ja nicht das geringste von dem Vorschlag entdecken“, aber er ließ es sich nicht anmerken.
„Nun, Euer Exzellenz“, fragte einer der Experten, „Euer Exzellenz sagen ja gar nichts? Gefallen Euer Exzellenz unsere Details zur Maut gar nicht?“ „Aber nicht doch“, sagte Dobrindt und hob die Brille vor die Augen und starrte auf die leeren Papiere, „sie gefallen mir sogar allerliebst und ich werde dem Kaiser berichten.“ „Nun, das freut uns aufrichtig“, sagten die beiden Experten, und in der nächsten Woche verlangten sie noch einmal einen Beutel Gold.
Endlich aber ließ es dem Kaiser keine Ruhe mehr, und er machte sich mit seinem ganzen Hofstaat auf, um den Maut-Vorschlag zu sehen, und sein Dobrindt musste vorangehen. Die beiden Experten verneigten sich, als der Kaiser mit seinem Hofstaat in den Saal hineintrat, und der Dobrindt zeigte auf den leeren Tisch und sagte: „Hier, Euer Majestät, sind es nicht ganz herrliche Maut-Bestimmungen?“
„Gott im Himmel“, dachte nun auch Kaiser, „ich sehe ja nicht einen verwertbaren Vorschlag zur Maut! Sollte ich nicht zum Kaiser taugen? Das wäre ja ganz entsetzlich! Niemand darf etwas davon merken.“ Darum beugte er sich über den leeren Tisch und blickte auf und nieder und nickte gnädig mit dem Kopf. „Oh, es ist sehr schön“, sagte er dann, „und es findet meinen allerhöchsten Beifall.“ Da blickte auch sein ganzes Gefolge den leeren Tisch an, und alle nickten mit dem Kopf und alle sahen nichts und alle sprachen: „Wahrhaftig, es ist überaus schön, was ihr da macht, es ist nicht unwürdig geraten. Der Kaiser sollte den Vorschlag bei der großen Prozession in der Reichshauptstadt vorstellen.“ Damit war der Kaiser einverstanden und zur Belohnung verlieh er den beiden Experten seinen höchsten Orden und zeichnete sie mit dem Titel Maut-Junker aus.
In der Nacht vor der großen Prozession stellten sich die beiden Spitzbuden fleißig und schrieben mit ihren Fingern große Zeichen und Zahlen in die Luft, machten einen letzten Punkt und sagten: „So, jetzt ist der Maut-Vorschlag fertig.“ Am Morgen kam der Kaiser selbst, um den Vorschlag abzuholen. „Hier, Euer Majestät, ist der Vorschlag“, und der Experte hob beide Arme, als übergebe er einen wertvollen Vorschlag. Um sich nichts anmerken zu lassen, nahm der Kaiser aus den leeren Händen das nicht vorhandene Papier mit dem Vorschlag und sagte: „Ist er nicht schön geworden?“ Und sein ganzer Hofstaat rief wie aus einem Munde: „Ja, er ist sehr schön geworden.“
Niemand wollte zugestehen, dass er nichts sehe, denn dann wäre er ja als Dummkopf erkannt worden oder als untauglich für sein Amt. Nur ein junger Mann, der aus dem fernen Brüssel gerade in der Stadt weilte, rief: „Aber man sieht ja gar nichts. Das ist ja alles Blödsinn. So etwas wird man in Brüssel für das ganze große Reich nicht anerkennen.“
Dem Ministerpräsidenten kam es nun auch vor, als hätte der junge Mann nicht unrecht. Aber was sollte er machen? Er musste weiter so tun, als habe er nichts gehört, und hinter ihm tat sein ganzer großer Hofstaat, als habe er auch nichts gehört.

Seit jener Zeit heißt es in Bayern, wenn einer nichts Brauchbares zu Wege gebracht hat, der ist ja dobrindt.

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