Beschaulich schön – Bad Freienwalde

Kurort Bad Freienwalde. Theodor Fontane schreibt in seinen „Wanderungen“: „Freienwalde ist eine Bergstadt, aber nicht minder ist es ein Badeort, eine Fremdenstadt. Wir haben erst eine einzige Straße passiert und schon haben wir fünf Hotels und eine Hofapotheke gezählt; noch sind wir nicht ausgestiegen, und schon rasseln andere Postwagen von rechts und links heran; das Blasen der Postillone nimmt kein Ende; Herren in grünen Reiseröcken und Tiroler Spitzhüten wiegen sich auf ihren Stöcken und umstehen das Posthaus, bloß in der vagen Hoffnung, ein bekanntes oder gar ein hübsches Gesicht zu sehen… Freienwalde ist ein Badeort, eine Fremdenstadt, und trägt es auf Schritt und Tritt zur Schau…“

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Vor der Umleitung der Oder Mitte des 18. Jahrhunderts (Zeichnung zeigt den alten Flusslauf der Oder) lag Freienwalde noch an der Oder und war eine Fischerstadt.

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Die Decke in der Nikolai-Kirche stellt demzufolge ein Fischernetz dar und die Empore ist in der Mitte wie ein Schiffsbug gebaut. Rechts einer der ältesten Taufsteine der Mark Brandenburg. Das spätromanische Stück stammt aus dem 13. Jahrhundert. Die Taufschale ist eine Nürnberger Arbeit aus dem 16./17. Jahrhundert. Die Kanzel entstand 1622.

Seit Mitte des 14. Jahrhunderts bis 1618 war Freienwalde ein markgräfliches Lehen. Danach wurde es Domänenamt der brandenburgischen Kurfürsten. Die 1683 entdeckte Heilquelle legte den Grundstein für die Entwicklung des Ortes zur Kurstadt. Dank umfangreicher Tonvorkommen entstanden in den 1880er Jahren eine Schamottefabrik und fünf Dampfziegeleien. Maßgeblich für die Zukunft der Stadt, die heute rund 12.000 Einwohner zählt, waren die heutige Fachklinik und das Moorbad.

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Unter König Friedrich II. (links Statue im Oderlandmuseum), also dem Alten Fritz, wurde der Lauf der Oder begradigt. Dafür wurden viele ausländische Bürger in das Land geholt, die zahlreiche Kolonistendörfer gründeten. Rechts das Bild eines Künstlers an einer Hauswand, das an die Beschreibungen von Theodor Fontane erinnert.

Seit 1925 trägt die Stadt die offizielle Bezeichnung Bad im Namen und erhielt 2003 die endgültige Anerkennung als Moorheilbad. Walther Rathenau, der 1922 von Rechtsradikalen ermordete Außenminister der Weimarer Republik, hatte 1909 das heruntergekommene königliche Schloss der Stadt gekauft, aufwändig restauriert und es auch für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Heute ist das Schloss Museum und Erinnerungsstätte an Rathenau. Weil von wohlhabenden jüdischen Mitbürgern aus Berlin gern als Kurort besucht, wurde Bad Freienwalde von den Nationalsozialisten   diffamierend als „Judenbad“ bezeichnet. Ab 1934 hing ein Holzschild „Freienwalde wünscht keine Juden“ am Bahnhof der Stadt, das man mit einigem Erschrecken im  Oderlandmuseum der Stadt entdeckt.

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Das Rathaus der Stadt (links), die sich ihre hügelige Struktur mit 150 Meter Höhenunterschied zunutze machte und am Rande der Stadt eine Ski-Sprunganlage baute, die sowohl für Mattenspringen im Sommer als natürlich auch im Winter  gut genutzt wird.

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Am frühen Vormittag noch wenig belebte Geschäftsstraße der Stadt. Hinten rechts die ehemalige Hospitalkapelle St. Georg

Hintergrund: Ab Kapitel 103 schildert Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ sehr aufschlussreich: Um der Oder einen schnelleren Abfluß zu verschaffen, wurde ihr auf der Strecke von Güstebiese bis Hohensaaten ein neues Bett, und zwar zur Abkürzung ihres Laufs, gegraben. Die Oder nahm früher, das heißt also vor den Arbeiten von 1746 bis 1753 … auf der eben angegebenen Strecke einen anderen Lauf als jetzt; sie machte, statt in gerader Linie weiterzufließen, drei Biegungen, und zwar zuerst bei Güstebiese nach Westen, dann bei Wriezen nach Norden, endlich bei Freienwalde nach Osten, so daß sie, mehrfach ein Knie bildend, auf ihrem langen Umwege drei Linien statt einer beschrieb. Diesem Umwege, der dem raschen Abfluß hinderlich war, sollte abgeholfen werden; mit anderen Worten, der Lauf des Flusses, der bisdahin etwa diese Gestalt  gehabt hatte, sollte durch ein neues Bett nunmehr einfach eine gerade Richtung erhalten. (Skizze von Theodor Fontane)Odra-001

Oder

Der Kanal wurde gegraben, und die Oder fließt seitdem in einem neuen Bett, das nur zweieinhalb Meilen statt sechs Meilen Länge hat. Dies ist die sogenannte »neue Oder« zwischen Güstebiese und Hohensaaten (H. S.). Aber das alte Bett wurde durch diesen geradlinigen Durchstich, wie sich denken läßt, nicht absolut wasserleer, es blieb vielmehr Wasser genug in der »alten Oder«, um den verschiedenen an ihr gelegenen Städten und Dörfern mehr oder weniger ihren alten Wasserverkehr zu erhalten. Erst 1832 kam dieser Wasserverkehr in Gefahr. Die Verwallung, wie sie bis dahin bestand, hatte im Lauf der Jahrzehnte verschiedene Mängel gezeigt, und namentlich war der flußabwärts gelegene Teil des Niederbruchs, das sogenannte Mittelbruch, nach wie vor vielfachen Überschwemmungen ausgesetzt gewesen. …

Fontane zitiert aus dem Brief eines Reisenden, der das Bruch im Jahre 1764 passierte: »So angenehm auch diese Gegend geworden, so haben die neuen Dörfer doch mehrfach schon durch Überschwemmung gelitten, so daß man mit Kähnen die Einwohner retten oder ihnen doch, da sie auf die Böden ihrer Häuser geflüchtet, zu Hülfe kommen mußte.« 1.300 Kolonistenfamilien sollten angesetzt werden, vielleicht waren auch die Häuser dazu bereits aufgeführt. Aber wo die Menschen hernehmen? Das war nichts Leichtes. Eine eigne »Kommission zur Herbeischaffung von Kolonisten« wurde gegründet, und diese Kommission ließ durch alle preußische Gesandtschaften »fleißige und arbeitsam Ausländer« zum Eintritt in die preußischen Staaten einladen. Diese Einladungen hatten in der Tat Erfolg; an Versprechungen wird es nicht gefehlt haben. So kamen Pfälzer, Schwaben, Polen, Franken, Westfalen, Vogtländer, Mecklenburger, Östreicher und Böhmen, die größte Anzahl aus den drei erstgenannten Ländern. Neubarnim ist eine Pfälzerkolonie, ebenso Neutrebbin. Neulewin wurde mit Polen, auch wohl mit Böhmen, jedenfalls mit slawischen Elementen besetzt. …

Jede Familie erhielt neunzig, sechzig, fünfundvierzig, zwanzig und ein größerer Teil zehn Morgen Ackers von dem entwässerten Boden, bei welcher Verteilung man, wie billig, auf die Stärke der Familie und die Größe des Vermögens Rücksicht nahm. Jegliche Religionsausübung war frei. Der König ließ sechs neue Kirchen bauen, setzte vier Prediger, zwei reformierte und zwei lutherische, ein und gab jedem Dorf eine Schule. Der Unterricht war frei; Pfarre und Schule erhielten Ländereien. Noch andere Vorteile wurden den Ansiedlern gewährt. Allen denen, die sich niederließen, ward eine vollständige Freiheit von allen Lasten auf fünfzehn Jahre gewährt, wie sie denn auch – kein geringes Vorrecht in jenen Tagen – für ihre Person samt Kind und Kindeskind von aller Werbung frei waren.

Siehe auch: Wie die Bulette nach Berlin kam – Einwanderungen nach Brandenburg

 

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