Die dreiste Geschichtslüge

Wie ein Kriegs-Portal zum Liebknecht-Portal wurde

Am 3. Oktober 1964 wurde auf dem neuerbauten Gebäude des Staatsrates am Berliner Marx-Engels-Platz (vordem und nachdem: Schlossplatz) um 10.55 Uhr die Standarte des Staatsratsvorsitzenden, eine mit schwarz-rot-goldener Kordel umrahmte rote Fahne mit dem Staatsemblem der DDR, aufgezogen und der Schlüssel an Hausherr Walter Ulbricht übergeben. Ein Architektenteam unter Roland Korn hatte das Gebäude errichtet und dabei eine von „oben“ vorgegebene historische Unwahrheit verarbeitet.

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Hochglanzbroschüre mit Goldprägung zum DDR-Staatsratsgebäude

Das dreigeschossiges Portal IV aus dem barocken Stadtschloss der Hohenzollern, das in unmittelbarer Nähe stand und auf Ulbrichts Befehl abgerissen worden war, wurde Blickfang und architektonischer Mittelpunkt des Hauses.

In der Glanzbroschüre über den Amtssitz des Staatsrates der DDR wird das so begründet:

Text1

In Wahrheit wurde die Tatsache missachtet, dass Karl Liebknecht am 9. November 1918 gegen 16 Uhr, zwei Stunden nachdem Philipp Scheidemann als Minister in der Regierung Prinz Max von Badens vom Reichstag aus die deutsche Republik ausgerufen hatte, von einem Lastkraftwagen vor dem Schloss die sozialistische deutsche Republik ausrief. Erst dann begab er sich in das Schloss, um vom Balkon aus eine Rede zu halten. Eine in vielen Zeichnungen dargestellte wehende rote Fahne gab es laut Augenzeugen nicht, revolutionäre Arbeiter hätten stattdessen einen roten Teppich über das Geländer geworfen. Aber das würde nicht ausreichen, die Legende vom „Liebknecht-Portal“ zu nähren.

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So stellte sich die SED-Führung die Verkündung der sozialistischen Republik vor

Eine andere Tatsache wurde indes völlig ignoriert: Kaiser Wilhelm II. hat am 1. August 1914 von eben diesem, dem Lustgarten zugewandten Balkon die Generalmobilmachung für das Deutsche Reich verkündete und damit den Ersten Weltkrieg ausgelöst. Er kannte von nun an keine Parteien mehr, er kannte nur noch Deutsche!

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Vom Eosander-Portal verkündete Kaiser Wilhelm II. am 1. August 1914 die Generalmobilmachung

Die in das Gemäuer eingearbeiteten Jahreszahlen 1713 und 1963 künden vom zweimaligen Bau des Portals, das unter dem Namen Liebknecht-Portal die revolutionäre Geschichte und ihre Bewahrung im Arbeiter-und-Bauern-Staat manifestieren sollte. Bleibt abzuwarten, welche Jahreszahl demnächst in das zum dritten Mal in das Schloss-Imitat integrierte Portal eingraviert wird und mit welcher Begründung. Sicher wird es nicht zum Mobilmachungs-Portal.

Portal

Blick 2015 aus dem Rohbau des Schlosses auf das Eosander-Portal im ehemaligen Staatsratsgebäude.

(Kleiner Nachtrag aus dem „Neuen Deutschland“ vom 4. Oktober 1964:
„Das Kollektiv junger Architekten unter Leitung von Roland Korn war bestrebt, das historische Portal organisch in die moderne Linienführung des neuen Hauses einzufügen. Damit erzielt es zugleich eine weitere, für die Gesamtansicht dieser Front des traditionsreichen Marx-Engels-Platzes sehr wesentliche Wirkung: die harmonische Verbindung des Staatsratsgebäudes mit dem danebenliegenden Marstall.
150 Betriebe der Projektierung und Bauausführung aus allen Teilen der Republik ließen das neue Gebäude des Staatsrates in seiner jetzt zu bewundernden Schönheit erstehen. Die führenden Betriebe auf dem Gebiet der Inneneinrichtung, wie der VEB Leuchtenbau Leipzig, die Entwicklungsstelle für Sitzmöbel in Waldheim oder VEB „Halbmond“ in Oelsnitz, sorgten für die behagliche, gediegene Atmosphäre der Räume. Aus dem Porzellanwerk „Graf von Henneberg“ in Ilmenau kommt das Geschirr, das bei den Feierlichkeiten zum 15. Jahrestag der DDR die Festtafeln schmücken wird.“)
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Eine Antwort zu “Die dreiste Geschichtslüge

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