Der letzte Versuch

Zwei Wochen nach dem Sturz Honeckers, am 31. Oktober 1989, kam die Argumentation für die Tagesarbeit in den Medien aus dem Büro Krenz. Es war ein letzter verzweifelter Versuch der SED, die Zügel ihrer Macht noch nicht aus den Händen zu geben. Eindringlich wurden wir Journalisten in diesen Versuch einbezogen, doch wir hatten uns seit Tagen schnell und sehr leicht daran gewöhnt, selber zu entscheiden, was gut und richtig für unsere Arbeit ist. Die Argumentationshilfe aus dem „großen Haus“ liest sich laut meiner Mitschrift so:

(Meine Notizen erfolgten in Form von Stichpunkten)

„Es darf keinen Rückschritt in der eingeleiteten Wende geben.

  • Neue Freiräume für die Medien dürfen nicht bedeuten, dass sich die Medien von der Partei wegbewegen. Das Verhältnis von Parteiführung, Parteiapparat und Medien ist neu zu durchdenken,
  • Die Demonstrationen auf den Straßen sind zu erfassen, aber sie dürfen in der Darstellung des gesellschaftlichen Lebens nicht dominieren.
  • Es gibt starke innenpolitische Gegner der Partei, die hemmungslos ihre Positionen in die Öffentlichkeit tragen. (Siehe Verteufelung der KPdSU seit Beginn der Perestroika in der Sowjetunion, bis hin zum Rufmord an der Partei. Vor einer solchen Entwicklung müssen wir uns verwahren.)
  • Die Hauptsphäre der Menschen, Industrie und Landwirtschaft, muss in der Berichterstattung auf neue Weise einen größeren Stellenwert einnehmen und mehr als Demonstrationen die Berichterstattung beherrschen.
  • Man muss in den Medien nicht alles reflektieren, vor allem keine Demontage der Partei zulassen. Vielmehr sollten Hoffnungen belebt und politische Angriffe abgewehrt werden
  • Die Aktivitäten der SED und der befreundeten Parteien auf verschiedenen Gebieten sind stärker sichtbar zu machen und nicht erst bis zur nächsten ZK-Tagung zu warten.
  • Die Emotionen in der Bevölkerung sind in Sachlichkeit, Vernunft und Dialog hinüberzuführen
  • Bevor sich die Parteiführung keine Meinung über das ´Neue Forum´ gebildet hat, sollte das in der Berichterstattung Berücksichtigung finden.“

P.S.:

Das „Neue Forum“ hatte als erste oppositionelle Gruppe in der DDR mit Berufung auf Artikel 29 der Verfassung eine offizielle Zulassung beantragt und am 19. September angemeldet. Zwei Tage später erfolgte die Ablehung mit der Begründung, es bestehe keine gesellschaftliche Notwendigkeit für eine derartige Vereinigung.

Am 6. November wurde mir als dem amtierenden Nachrichtenchef von einem Mitarbeiter des „Neuen Forum“ im Foyer des ADN persönlich ein Cuvert mit einer Stellungnahme des „Neuen Forum“ zum Entwurf eines neuen Reisegesetzes übergeben.

Neues Forum4In diesem Cuvert übergab ein Mitarbeiter des „Neuen Forum“ ADN die unten stehende Erklärung zum Reisegesetz-Entwurf.

Neues Forum1Ohne die bis dahin üblich „Abstimmung“ mit „Zuständigen“ außer Haus, womit des ZK der SED gemeint ist, fertigte ich aus der Stellungnahme eine Nachricht und übergab sie der Öffentlichkeit. Auf die bange Frage eines Vorgesetzten, ob ich mir die Veröffentlichung gut überlegt habe, antwortete ich mit Ja. Das war alles.

Bald darauf stellte die Nachrichtenagentur dpa überrascht fest, dass ADN erstmals eine Erklärung der Oppositionsgruppe „Neues Forum“ verbreitet habe. Die ADN-Nachricht fand sich in fast allen Zeitungen wieder. Im „Neuen Deutschland“ hingegen brachte man einen Leserbrief von Anita Höhne aus Karl-Marx-Stadt, in dem es heißt: „Was mir Sorge macht, sind die oppositionellen Gruppen, die jetzt nach und nach kommen und meinen, sie wären die Schlausten. Nun trägt man sich mit den Gedanken, daß man das `Neue Forum´ zulassen will.“ Gerade das mache ihr Angst usw. Für die SED und das Innenministerium gab es allerdings keinen verständlichen Grund mehr, das „Neue Forum“ nicht zuzulassen, was dann am 9. November 1989 auch geschah.

Neues Forum2dpa-Meldung vom 7. November 1989

(Siehe auch: „Die Konterrevolution saß im SED-Politbüro“)

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Der letzte Versuch

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