Krenz´ größter Flop

 Hunderttausende DDR-Bürger besuchten seit dem Abend des 9. November 1989, einem Donnerstag, bis über das folgende Wochenende den Westen, um nachzuschauen, ob das mit dem faulenden Kapitalismus so ist, wie die SED immer behauptet hat. Die meisten kamen auch zurück, „abgehauen“ waren eh schon genug.

Am Jahresende 1989 hatte die Bevölkerung der DDR den bis dahin größten Tiefstand seiner Einwohnerzahl von 16.433.796 erreicht. Insgesamt erlebten die DDR seit ihrer Gründung rund 25 Millionen Menschen.

Angesichts der versehentlich etwas zu früh geöffneten Grenze und der großen Freude der Bürgerinnen und Bürger darüber, kehrte in der Chefetage des SED-Zentralkomitees, in der seit drei Wochen Egon Krenz residierte, Großmut ein. Das mit alten Kadern neu bestückte Politbüro der immer noch führenden SED wollte allen reumütig zurückkehrenden ehemaligen DDR-Bürgern künftig eine fürsorgliche Heimstatt sein.

Wie die aussehen sollte, hatte der neue Vorsitzende des Nationalen Verteidigungsrates, Egon Krenz, am 1. November in seinem Befehl 10/89 gefordert: „Die politisch-ideologische Arbeit ist darauf zu konzentrieren, bei allen Kommunisten feste politische Standpunkte herauszubilden und die kämpferische Haltung unserer Genossen auszuprägen mit dem Ziel, unsere Partei wieder in die politische und ideologische Offensive zu führen.“

Schon am Sonntag, dem 12. November, beschloss die DDR-Regierung mit dem Befehl 125/89 des Ministers für Nationale Verteidigung, den Millionen Republik-Flüchtlingen seit Anbeginn des Arbeiter-und-Bauern-Staates in Auffanglagern die nötigen Quartiere bereitzustellen. Lebensfremd wurde in dem Befehl festgestellt: „Die Wende zu einer revolutionären Erneuerung des Sozialismus in der DDR ist eingeleitet…“

WendeFlop6

Da man nicht so vermessen war anzunehmen, dass alle wiederkommen würden, hatte man sich zunächst auf Unterkünfte für 10.000 Menschen geeinigt. Dafür wurden Kasernen, Mehrzweckhallen, Schulen, Kinderferienlager und Lagerhallen ausgewählt. Beispielsweise in Erfurt für 1.000 Personen, in Mühlhausen für 240, in Bärenstein für 450 und in Kühlungsborn für 400 Personen.

Das Personal war ausgewählt, Betten aufgestellt, Wach- und Sicherheitskräfte vorbereitet, Verpflegung und medizinische Betreuung organisiert. Auch an das Taschengeld für die Rückkehrer war gedacht, weil die offenbar im Westen Hals über Kopf alles stehen und liegen lassen würden, um zurück in ihre lange vermisste DDR zu eilen.

Natürlich hatte man sich auch auf die kulturelle und politisch-ideologische Betreuung der reuigen Sünder vorbereitet und an die Betreuung der Scharen in- und ausländischer Journalisten gedacht, die in Wort und Bild weltweit über die Rückkehrerlawine berichten würden. 71 hohe Offiziere wurden am Montag bereits zu den Aufnahmelagern in Marsch gesetzt, wo sie alles weitere organisieren würden.

Alles klappte wie am Schnürchen. Die Sache hatte nur einen Haken: Kein Mensch kam! Die Aufnahmebereitschaft der Auffangquartiere für die Rückkehrer wurde am 17. November aufgehoben.

Das “Neue Deutschland” veröffentlichte am 14. November ein Interview mit dem Präsidium des DRK (nicht mit dem Präsidenten, sondern mit dem namenlosen Präsidium!), in dem die o.g. Vorbereitungen bestätigt wurden. Ein kleiner Ausschnitt:

DRK

(Übrigens: Könnte man heute nicht mit gleicher Leidenschaft und Intensität Quartiere für verfolgte Kriegsflüchtlinge zur Verfügung stellen? Die Aufgabe wäre zumindest real!)

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Tietelbild Geschichten

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