13. Die Thüringer Chance

Sozialdemokratische Traditionen im „grünen Herzen“ Deutschlands

Was in Thüringen im politischen Herbst 2014 geschieht, wird irgendwann, wenn die Wogen des Für und Wider geglättet sind, historisch einzuordnen sein. Die Thüringer SPD ergreift die Initiative, um sich ihrer Wurzeln und Traditionen zu besinnen. In diesem deutschen Land fand 1869 in Eisenach die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Bebels und Liebknechts statt. In Gotha überwanden 1875 die 1963 gegründeten Lassalleaner und die Eisenacher mit dem berühmten Gothaer Programm die Spaltung der Arbeiterschaft. Nach dem Fall des „Sozialistengesetzes“, das die Sozialdemokraten über zehn Jahre in den Untergrund getrieben hatte, wurde die SPD auf dem Erfurter Parteitag 1891 (Rosa Luxemburg: „Wir sind wieder bei Marx.“) zur kämpfenden Arbeiterpartei, die viele Rechte für das Volk erstritt.

BildungsvereinStatuten des Arbeiterbildungsvereins, wie er bereits in den Fünfzigerjahren des 19. Jahrhunderts in Gotha existierte und zur Keimzelle für die Sozialdemokratie wurde. Unten eine Mitgliedskarte

Karte

Es war wiederum in Gotha, wo sich 1917 im Streit über die Kriegskredite und die Ablehnung des Krieges die linke Abspaltung der SPD als USPD (Unabhängige SPD) gründete, die maßgeblich mit ihrem Einfluss auf die Massen den Sturz des Kaiserreiches und die Gründung der Weimarer Republik herbeiführte. Bis 1922 hatte es gedauert, dass sich die USPD wieder mit der SPD vereinigte. Linksradikale Gruppierungen der USPD mit Liebknecht und Luxemburg hatten allerdings inzwischen die KPD gegründet und damit die Arbeiterschaft weiterhin gespalten. Hier lag einer der wesentlichen Gründe für das Erstarken der nationalsozialistischen Partei, zumal die KPD weiter die SPD als einen ihrer Hauptgegner betrachtete.

Eisenach

Aktuelle Berichterstattung über den Eisenacher Parteitag 1869 im „Eisenacher Tageblatt“

Mit der Zwangsvereinigung von KPD und SPD nach dem Zweiten Weltkrieg in Ostdeutschland war es die SPD, die unter der Diktatur einer ultralinken Parteihierarchie ihrer Traditionen beraubt wurde und gegen die Repressalien der sowjetischen Besatzer faktisch machtlos wurde. Mein Vater, der aus der SPD kam und zunächst auf dem so genannten Einigungsparteitag 1946 in Gotha für die Einheit der Arbeiterklasse stimmte, war später tief enttäuscht und hat sich seine Zustimmung nie verziehen. In seinen letzten Lebensjahren wurde er 1990 noch Ehrenvorsitzender der neugegründeten SPD-Ortsgruppe in seinem Dorf.

SPDDoku

In einem Gespräch, das ich in den Neunzigerjahren mit „SPD-Urgestein“ Egon Bahr führte, fragte ich nach der Aufnahme von SED-Mitgliedern in die SPD. Dazu sagte er: „Ich glaube, wir haben einen Fehler gemacht. Ich war – wie mein Freund Willy Brandt – der Auffassung, dass alle, die sich zum Programm bekennen, im Prinzip aufgenommen werden sollten, wo es natürlich der Einzelentscheidungen bedarf. Kurt Schumacher hat im Zusammenhang mit der Verschmelzung von SPD und KPD einmal vom Blutspender SPD gesprochen. Ich fordere das Blut zurück. Ich glaube, dass dies jedenfalls im Prinzip 1990 als Konsequenz daraus versäumt worden ist. Ich bin der Auffassung, dass jedes ehemalige Mitglied der SED, dass sich zum Programm bekennt – Schumacher hatte das seinerzeit sogar für die Waffen-SS gesagt – Mitglied der SPD werden können muss. Es liegt auch in der Toleranz und der Tradition der SPD.“

Ich sehe in der Politik der Thüringer SPD – wenn sie bei den Landtagswahlen auch etliche Prozente weniger als die Linke eingefahren hat – einen wesentlichen Schritt in Richtung einer neuerlicher Vereinigung aller linken Kräfte. Nachdem in der von dem ehemaligen westdeutschen Gewerkschaftsfunktionär Bodo Ramelow geführten Thüringer Linken die alte Ideologie einer SED keinen Raum mehr findet, reift die Zeit heran, dass sich die einst aus der SPD hervorgegangene Linke eines Tages wieder zur SPD, ihrer alten Heimstatt bekennen wird. Thüringen ist geradezu prädestiniert dafür, Wege für eine vereinte linke Volkspartei namens SPD in Deutschland zu ebnen, die für die Mehrheit wieder regierungsfähig sein wird.

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